01.09.2006

Marsch durch die Institutionen

Analyse von Hans-Jörg Jacobsen

Beitrag über staatliche geförderte Esoterikforschung.

„Bio“ ist „in“ – selbst Discounter bieten mittlerweile „Bio-Produkte“ mit einem der vielen „Öko-Siegel“. Kaum ein Begriff wird seit Jahren so inflationär verwendet. Ob es um Nahrungsmittel („aus biologischem Anbau“), Kosmetika („biologisch – ohne Tierversuche“), um Häuser („biologische Bauweise“) oder ausgemachten esoterischen Unsinn geht („Bio-Energie“, die von polierten Steinen oder gesalbtem Wasser ausgeht): „Leben“ – nichts anderes bedeutet „bio“ – steckt heute offenbar in allem und jedem, was unters Volk gebracht werden soll. In Österreich gibt es längst auch „Bio-Hotels“, man kann „Bio-Sandalen“ kaufen, „Bio-Brot“, „Bio-Bier“, „Bio-Strom“ usw.

Bei Nahrungsmitteln mag der Gebrauch dieses Präfix zunächst noch einleuchten, denn Lebensmittel auf rein anorganischer Basis sind schwerlich vorstellbar. Aber was soll es mit einem Joghurt aus „Bio-Kulturen“ auf sich haben? Kann man Joghurt etwa auch mit „nicht-biologischen“ Quellen herstellen? Klar ist: die Präfixe „Öko“ und „Bio“ dienen heute in aller Regel Marketingzwecken. Es geht um Kaufkraftabschöpfung, indem Verbrauchern eine nostalgische Landwirtschaft mit glücklichen Kühen auf sonnigen Almen und schwerer bäuerlicher Handarbeit vorgespielt wird, die sich von modernen konventionellen Produktionsmethoden angeblich positiv abhebt.
Der Spiegel nannte die Technik, Handelsprodukte besonders öko- oder biologisch aussehen zu lassen, kürzlich „Greenwashing“ (Nr. 31/06). Amüsant wird es, wenn man sich in diesem Zusammenhang die „biologischen“ Inhaltsstoffe von Kosmetika anschaut. Hier warb ein Hersteller einer Hautcreme kürzlich mit dem Slogan „Angereichert mit der DNS aus der Tiefe des Zellkerns“, als sei irgendwo der ewige Jungbrunnen gefunden und angebaggert worden.


Was die Warenwelt angeht, lohnt es sich also, näher hinzuschauen und die wohlklingenden Slogans zu hinterzufragen. Diese Einstellung sollte auch an den Tag gelegt werden, wenn es um staatliche Hochschulen geht, die „biologische“ und „dynamische“ Lehre und Forschung betreiben. Ohne Zweifel liefern zahlreiche Lehrstühle wichtige Einblicke in die Methoden und Ergebnisse des ökologischen Landbaus. Liest man aber über die „Ziele und Tätigkeiten des Fachgebietes Biologisch-dynamische Landwirtschaft“ an der Universität Kassel am Standort Witzenhausen (www.wiz.uni-kassel.de), so stößt man auf folgendes Leitbild:


„Das Leitbild des Fachgebietes ist in dem folgenden Spruch von Rudolf Steiner wiedergegeben:
Suchet das wirklich praktische materielle Leben,
Aber suchet es so, dass es euch nicht betäubt über den Geist, der in ihm wirksam ist.
Suchet den Geist,
Aber suchet ihn nicht in übersinnlicher Wollust, aus übersinnlichem Egoismus,
Sondern suchet ihn,
Weil ihr ihn selbstlos im praktischen Leben, in der materiellen Welt anwenden wollt.
Wendet an den alten Grundsatz:
‚Geist ist niemals ohne Materie, Materie niemals ohne Geist in der Art, daß ihr sagt:
Wir wollen alles Materielle im Lichte des Geistes tun,
Und wir wollen das Licht des Geistes so suchen,
daß es uns Wärme entwickele für das praktische Tun.“
(R. Steiner 1969, Wahrspruchworte, Rudolf-Steiner-Verlag, Dornach, CH)“.



Es ist lohnenswert, sich mit der esoterischen Lehre Steiners (der Anthroposophie) näher zu befassen (wie Novo dies schon wiederholt getan hat). Doch auch ohne tiefschürfende Kenntnis dieser wissenschaftsfeindlichen Ideologie kann man sich nur verwundert die Augen reiben, wenn man sich die Witzenhausener „Forschungsprojekte“ anschaut. So behandelt eines die „Mondrhythmen im Pflanzenwachstum“, ein anderes „die pflanzenbauliche Wirksamkeit von Baldrianextrakt“. Ingesamt soll „die innere Qualität von biologisch-dynamischen Lebensmitteln durch die Forschung besser verstanden und weiter verbessert werden“. Eine Doktorandin des Fachgebietes beschäftigt sich zu diesem Zweck mit „Bildekräfteforschung (auch Lebens- oder Ätherkräfte genannt) mit übersinnlichen Methoden nach Dorian Schmidt“. Über Schmidt, einen Anhänger der Steinerschen Lehre, erfährt man in einem Essay zum Thema „Biogas“ in einer anthroposophischen Hauspostille (Lebendige Erde, 4/06), er habe „mit übersinnlichen Erkenntnismethoden“ gezeigt, „dass die astralischen Kräfte des Rindermistes bei der Vergärung aus dem Mist herausgetrieben werden“. Zur „biologisch-dynamischen Landwirtschaft“ nach Steiner zählt auch das Vergraben von Kuhhörnern mit Dünger im Acker – bei Vollmond versteht sich.


Zur Themenstellung der Fachgebietes der Uni Kassel heißt es: „Die tägliche landwirtschaftliche Praxis soll sich mit demjenigen verbinden, was für unsere normalen fünf Sinne verborgen ist. Dieses Unsichtbare kann man aber kennen lernen und erforschen. Um diesem Grundsatz von Rudolf Steiner gerecht zu werden …“
Es entsteht der Eindruck, als ob man in Witzenhausen vor allem der kritiklosen Anbetung eines durchgedrehten Säulenheiligen nachgeht. Man könnte dies auch als Angriff auf die abendländische Tradition von Wissenschaft und Forschung werten, denn eine vorurteilsfrei arbeitende Wissenschaft ist mit der Anthroposophie nicht in Einklang zu bringen. Die Lehrangebote in Witzenhausen verflüchtigen die letzten Zweifel ob der Ausrichtung des Fachgebietes:

 

  • Goetheanistische Forschung und Erfahrungswissenschaften.
  • Biologisch-dynamische Landwirtschaft und biologisch-dynamisches Tiermanagement.
  • Aufbau eines Lehrangebotes der biologisch-dynamischen Zucht von Pflanzen und Tieren in Zusammenarbeit mit praktischen Züchtern.
  • Planung und Beginn von Dissertationen zu den Themen
  • Fördern, Unterstützung und Begleitung neuer Forschungsthemen wie z.B.: Die Nutzung der Selbstmedikation bei landwirtschaftlichen Nutzieren und Tierzucht unter biologisch-dynamischen Gesichtspunkten




Wohlgemerkt: Niemand sollte infrage stellen, dass man in einer freiheitlichen Gesellschaft solche Forschungsziele formulieren darf. Untergeordnet sei für einen Moment auch, was man von derlei Aktivitäten hält. Fragwürdig ist jedoch, ob es sich staatliche Hochschulen leisten sollten, derart voraufklärerisches Treiben in Anlehnung an eine sektiererische Ideologie unkommentiert geschehen zu lassen. Oder will man demnächst auch den „Raelianern“ einen Lehrstuhl für Reproduktionsklonen und den „Kreationisten“ ein Institut zum „Intelligent Design“ eröffnen?