01.05.2006

Mama muss wieder in den Kindergarten

Kommentar von Sabine Beppler-Spahl

Sabine Beppler-Spahl sieht Eltern als Erziehungsberechtigte und nicht als Erziehungsempfänger.

Spätestens seit PISA wird in diesem Land darüber geklagt, wie eng soziale Herkunft und Bildungserfolg miteinander verbunden sind. Manche machen das dreigliedrige Schulsystem und die frühe Einteilung der Kinder für dieses Phänomen verantwortlich. Doch vor einigen Wochen, als ich meinen Sohn zur Einschulungsuntersuchung brachte, durfte ich feststellen, dass die soziale Selektion im Bildungssystem schon sehr viel früher beginnt. Während er Malübungen zu absolvieren hatte, wurde mir ein Erhebungsbogen ausgehändigt, in dem nicht nur nach den Schulabschlüssen beider Eltern (zur Auswahl stand alles, von „Kein Hauptschulabschluss“ bis hin zu „Fach-/ Hochschulabschluss“), sondern auch nach deren Berufstätigkeit gefragt wurde. Erwerbslose Eltern sollten ihre Lage begründen und durften zwischen „Finde keine Arbeit“ und „Sonstige Gründe“ wählen. Gefragt wurde auch nach den Rauchgewohnheiten von Vater und Mutter sowie nach dem täglichen Fernsehkonsum des Sprösslings (wobei die Skala von „Gar nicht“ bis zu „Über drei Stunden“ reichte). Man muss nicht hoch gebildet sein, um zu erkennen, dass hier neben der Schulreife des Kindes auch der soziale Hintergrund der Familie überprüft werden sollte.
Der Fragebogen zur Einschulung ist nur eins von vielen Beispielen dafür, wie öffentliche Stellen versuchen, über Bildungsinstitutionen wie Schulen oder Kindergärten an die Eltern heranzutreten (und zwar möglichst früh, bevor den Kindern durch die vermeintlich falsche Herkunft ein allzu großer Schaden zugefügt werden kann).
Im November vergangenen Jahres stellte die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus einen Antrag unter dem Titel: „Alle Begabungen fördern – Ohne Eltern geht es nicht“. Gefordert wurde „ein Konzept zur Weiterentwicklung der Kitas zu Kinder- und Familienzentren“. Diese Zentren sollten „über die Betreuung, Erziehung und Bildung der Kinder hinaus weitere familienorientierte Angebote und Dienste wie Bildungs- und Beratungsangebote … integrieren“. [1] Ein besonderer Schwerpunkt läge dabei „auf der Einbeziehung der Eltern aus sozial benachteiligten bzw. bildungsfernen Schichten“.
 

„Früher sollten Kindergärten und Schulen unseren Nachwuchs – möglichst unabhängig von den Eltern – betreuen, fördern und bilden. Heute sehen sich die Institutionen dem Projekt der Erziehung – und zwar der Kinder und der Eltern –  verpflichtet.“



Natürlich hat es schon immer Rückkopplungen zwischen Kindergarten oder Schule und Elternhaus gegeben. Auch zu meiner Grundschulzeit machten sich die Lehrer ein Bild davon, aus welchen sozialen Schichten ihre Schützlinge stammten. Doch was früher eher auf informeller Ebene geschah, wird heute zunehmend formalisiert. Die Konsequenz ist, dass sich die Funktion von Schulen und Kindergärten stetig wandelt. Bestand ihre Kernaufgabe einst darin, unseren Nachwuchs – möglichst unabhängig von den Eltern – zu betreuen, zu fördern und zu bilden, sehen sich die Institutionen heute dem Projekt der Erziehung – und zwar der Kinder und der Eltern – verpflichtet. Bildung scheint hierbei nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen, und die Verantwortung für den schulischen Erfolg wird in die Familien zurückverlagert.


Soziale Integration statt Bildungsstandards
Schulen (und auch Kindergärten) hatten schon immer die Aufgabe, Kinder zu integrieren und zu sozialisieren. Ein Volksschullehrer etwa sollte Kinder aus ärmeren Schichten auch vor dem moralischen Abstieg schützen. Aus den ursprünglichen Bewahranstalten für den Nachwuchs der Fabrikarbeiterinnen wurden Kindergärten, die es armen Kindern ermöglichen sollten, all jene Fähigkeiten und Kenntnisse zu erwerben, die sie brauchten, um im Leben zu bestehen. Doch im Gegensatz zu heute wollte man damals einen Raum schaffen, der möglichst unabhängig vom Elternhaus dieser Kinder agierte. Die Frage, die die Pädagogen beschäftigte, war nicht so sehr, „Wie sieht es in den Familien aus?“, sondern vielmehr: „Wie können wir diesen Kindern eine Förderung zukommen lassen, die weit über das hinausgeht, was mit und in ihren Familien möglich wäre?“
 

„Chancengleichheit wird nicht mehr als Folgeerscheinung einer guten Bildung, sondern als Bildungsziel per se betrachtet.“



Der Blick richtete sich auf die Qualität und die Ausgestaltung der Institutionen Schule und Kindergarten sowie auf deren Angebote und Inhalte. Wenn auch die Realität häufig nicht dem Ideal entsprach und Klassenunterschiede in der Bildungspolitik immer eine gewisse Rolle spielten, so existierte zumindest der Anspruch, allen Kindern im Rahmen der allgemeinen Schulpflicht ungeachtet ihrer Herkunft die gleichen Bildungsinhalte anzubieten. Gleiche Startchancen waren gleichbedeutend mit der Bereitstellung einer guten Bildung mit hohen Standards. Das Ideal der Chancengleichheit basierte auf der Einsicht, Bildung könne soziale Grenzen überwinden. Kindern aus ärmeren Familien sollte die Möglichkeit eröffnet werden, durch gute schulische Leistungen einen sozialen Aufstieg zu erringen. Vor diesem Hintergrund mochte es sogar als vorteilhaft gelten, wenn Lehrer unvoreingenommen und ohne entsprechende Aktenvermerke über das Elternhaus versuchten, das jeweilige Potenzial der Kinder zu wecken.
Problematisch wird es dann, wenn Chancengleichheit nicht mehr als Folgeerscheinung einer guten Bildung, sondern als Bildungsziel per se betrachtet wird. Wir haben viele Jahre des Experimentierens in Sachen Chancengleichheit hinter uns, in denen alles, von der formellen Gleichmacherei in Gesamtschulen bis hin zum Herunterschrauben der Ansprüche und Standards in der Schulbildung (damit möglichst viele einen höheren Schulabschluss erreichen) ausprobiert wurde. Was von diesen Maßnahmen zu halten ist, ist eine andere Diskussion. Sicher ist jedoch, dass soziale Herkunft nach wie vor der wichtigste Faktor für den Bildungserfolg in Deutschland zu sein scheint. Statt die Gründe im System zu suchen, wenden sich frustrierte Bildungspolitiker nun wieder den Familien zu: „Von Ihrem Engagement hängt es ab, wie erfolgreich Ihr Kind in der Schule sein wird“, wurde mir bei der Anmeldung meines Sohnes in der Grundschule mitgeteilt. In der Begründung für den besagten Antrag der Grünen-Fraktion in Berlin heißt es: „Im Zuge der Qualitätsdebatte nach PISA ist die Einsicht gewachsen, dass Bildung früh ansetzen muss und eine enge Zusammenarbeit von Eltern und Kitas und Schulen eine wichtige Voraussetzung für gelungene Bildungsprozesse darstellt.“ [2] Natürlich ist es richtig, dass Kinder, deren Eltern sich engagieren und mit ihnen zu Hause Lesen, Schreiben und Rechnen üben, in der Regel besser abschneiden als ihre Altergenossen. Die zunehmende Vermischung zwischen der Schule als Ort des Lernens und dem Elternhaus als Ort des Aufwachsens spiegelt sich nicht zuletzt in den Zahlen der Anbieter von Nachhilfe oder Lernsoftware wider, die zurzeit den Markt überfluten. Doch mit Chancengleichheit hat dies wahrlich nichts zu tun. Barbara Vinken, Autorin und Professorin für Französisch, schrieb jüngst in einem hervorragenden Artikel: „Erfolg und Misserfolg des Kindes hängen [in Deutschland, Anm. d. Red.] vom pädagogischen Einsatz der Eltern ab. So nimmt es wenig wunder, dass in keinem anderen europäischen Land Schulerfolg und soziale Herkunft so eng aneinander gekoppelt sind wie in Deutschland.“ Dies sei das vielleicht eindrucksvollste Ergebnis der PISA-Studie, so Vinken spöttisch, und weiter: „Was aber war die unmittelbare und vollkommen paradoxe Reaktion auf die PISA-Studie? Die Eltern wurden in die Schule bestellt, um sich einen pädagogischen Film anzusehen, der sie aufforderte, darauf zu achten, dass ihre Sprösslinge mehr lesen – was die Eltern, die da saßen, sowieso taten. Nicht die Schule, sondern das Elternhaus hatte versagt … Den Kindern, denen die Eltern nicht helfen, kann hierzulande sowieso niemand helfen.“ [3]


Kinder- und Elternerziehung
Das Beispiel der Eltern, die in die Schule zitiert werden, um zu lernen, wie und was sie ihren Kindern vorlesen sollen, verdeutlicht das sich wandelnde Selbstverständnis unserer Lehrinstitutionen: Nicht die Bildung der Kinder, sondern die Erziehung der Eltern wird als neue Kernaufgabe angesehen. Während die Schularbeiten nach Hause verlagert werden, schickt man die Eltern zurück auf die Schulbank oder gar in den Kindergarten. Ganz diesem Denkschema folgend schreibt die Fraktion Bündnis90/Die Grünen: „Eltern brauchen …Orte, wo sie sich informieren und auf das Wissen von Expertinnen und Experten zurückgreifen können.“ Der Fraktion schwebt eine Art „Kompetenzzentrum für Eltern“ vor: „So können kindliche Entwicklungs- und Bildungsprozesse, die Entwicklung von Elternkompetenz und die aktive Beteiligung von Eltern und bürgerschaftlich engagierten Menschen gezielt gefördert werden.“
Auch von einem signifikant wachsenden Bedarf an „Erziehungsberatung“ und von „Elternkursen“ ist die Rede. Der Vorschlag erinnert in eindrucksvoller Weise daran, wie die Politik Eltern in unserer Gesellschaft einschätzt: nicht wie verantwortungsbewusste Erwachsene, denen der richtigen Umgang mit ihren Kindern durchaus zuzutrauen ist, sondern wie große Kinder, die man am besten noch einmal, gemeinsam mit ihrem Nachwuchs, ins Klassenzimmer schickt. Barbara Vinken führt solche Ansätze auf die deutsche pädagogische Tradition zurück. Sie schreibt: „Wenn jetzt gefordert wird, die Eltern müssten, notfalls mit sanftem Druck, in Elternkursen zu besseren Eltern erzogen werden, oder wenn sie freiwillig die Notwendigkeit verspüren, sich pädagogischer Hilfe zu versichern, steht das ganz in dieser Tradition, die Kindererziehung und Elternerziehung unter pädagogischer Fuchtel immer als ein Doppelprojekt sah.“ [4]
Gegen die These einer speziell deutschen Tradition spricht jedoch, dass es auch in anderen Ländern, vornehmlich in England und den USA, ähnliche Ansätze gibt. Das Vorbild für Bündnisgrüne sind die englischen „Early Excellence Centres“, die neben der Betreuung und Förderung der Kinder auch zahlreiche Angebote für Eltern bereithalten. Auffällig ist, mit welcher Hartnäckigkeit Politiker jeglicher Couleur diese Art von Elternarbeit zurzeit vorantreiben. Es ist geradezu modern geworden, neue Kampagnen aller Art zu erfinden, um Eltern an ihre Pflichten zu erinnern und zur Vernunft zu bringen. „Der Medienkonsum von Kindern hat einen entscheidenden Einfluß auf ihre Leistungen in der Schule“, war vor kurzem in einer Tageszeitung zu lesen. Diese tiefgründige Einsicht sei das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Familienministerin Ursula von der Leyen reagierte auf die Studie ebenso prompt wie vorhersehbar: Die Verantwortung läge bei den Eltern, gab sie bekannt. Eltern sollten ihren Kindern erklären können, warum es nicht gut sei, stundenlang vor dem Fernseher oder dem PC zu hocken. Deshalb würde sie ihnen beim Erlangen von Medienkompetenz helfen – zum Beispiel mit der Initiative „Schau hin!“, die Eltern darüber informiere, welche Fernsehsendungen für welche Altersstufen empfehlenswert seien.
Die Grünen träumen von einer „neuen Beziehung zwischen pädagogischem Personal und Eltern“ (einer so genannten „Bildungs- und Erziehungspartnerschaft“), während das Familienministerium zur Aufhebung von erzieherischen Missständen eine Kampagne nach der anderen startet. Politiker versuchen, mit Initiativen dieser Art über Kinder, Kindergärten und Schulen Beziehungen zu den Eltern aufzubauen. In ihrer Fantasie sehen sie Väter und Mütter, die nach der erfolgreichen Absolvierung eines Elternerziehungskurses ihre Kinder nicht mehr wie früher vor dem Fernseher deponieren, sondern ihnen zu Hause pädagogisch wertvolle Bücher vorlesen. Diese Konvertiten tauschen sich mit anderen Eltern aus und studieren eifrig staatlich finanzierte Broschüren, die ihnen zeigen, welches Benehmen und welche Werte die Gesellschaft offiziell für gut befindet (mit kleinen Variationen, je nach Parteiorientierung: von Multikulti bis hin zu Kriminalitätsbewusstsein).
Bezeichnen Sie mich als altmodisch, aber ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der die wirklich sozial Schwachen angemessen unterstützt werden (z.B. durch Familienhelfer), Kindergärten, in denen meine Kinder liebevoll betreut werden, während ich meiner beruflichen Tätigkeit nachgehe, und Schulen, bei denen es um Lehrinhalte und um Bildungsstandards für alle geht.