14.08.2014

Machen wir das Beste aus unserem Planeten

Essay von Colin McInnes

Geoengineering könnte die Auswirkungen des Klimawandels lindern und sowohl Tundra als auch Wüsten verwandeln. Warum also fürchten sich Grüne davor? Der Autor zeigt Möglichkeiten auf und versucht, Ängste vor großen Lösungen abzubauen

Dass die Industrialisierung in einer Zeit relativ milden und gemäßigten Klimas begann, war kein Zufall. Man war in einer sehr günstigen Ausgangsposition, jedenfalls verglichen mit früheren klimatischen Naturkatastrophen von massiver Vergletscherung bis hin zu vulkanischen Wintern. Intensive Landwirtschaft ermöglichte schnelles Bevölkerungswachstum. Außerdem stieg der globale Wohlstand durch die Verwendung kohlenwasserstoffbasierter Energie bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum aufgrund technischer Innovationen. So funktioniert menschlicher Fortschritt.

Seit kurzem jedoch rückt die Sorge über den menschengemachten Klimawandel die Erkenntnis in den Mittelpunkt, dass das Klima nicht statisch ist. Die Erde ist ein dynamisches System. das weitverbreitete Bild von der Natur als ewigem Gleichgewicht stammt ausschließlich daher, dass wir die Vergangenheit anhand der sehr kurzen Periode der menschlichen Geschichte vermessen. Damit das Projekt Menschheit auch in ferner Zukunft noch Bestand hat, wird es somit unerlässlich sein, sowohl menschengemachte als auch langfristige natürliche Klimaschwankungen zu untersuchen. Die Besorgnis über den von Menschen verursachten Klimawandel forciert lediglich diese Einsicht.

„Der grüne Mainstream reagiert mit schreiender Entrüstung.“

Während das Hauptaugenmerk momentan darauf liegt, die Politik mit immer effektiveren Mitteln zur Reduzierung von Kohlendioxidemissionen auszustatten, denken einige bereits über ambitionierte Methoden nach. Eine davon ist das sogenannte Geoengineering: die aktive menschliche Manipulation des Klimasystems mit dem Ziel, den durch steigende Kohlendioxidemissionen beeinflussten Strahlungsantrieb [1] auszugleichen. Wie zu erwarten war, reagiert der grüne Mainstream mit schreiender Entrüstung. Wenn wir aber darauf bestehen, das globale Thermostat dauerhaft auf die Durchschnittstemperatur des 20. Jahrhunderts einzustellen, müssen wir eingreifen, und zwar ziemlich massiv. Mit der Forderung „Stoppt den Klimawandel“ unterstützen letztlich sogar die technophobsten Grünen implizit großangelegte, langfristige menschliche Eingriffe in den globalen Klimahaushalt.

Geoengineering: Keine neue Idee

Obwohl sie erst jetzt in den Massenmedien auftaucht, ist die Idee des Geoengineering nichts Neues. Während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1775–1783) beispielsweise schlug Benjamin Franklin angeblich vor, den Verlauf des Golfstroms zu verändern, um eine neue Eiszeit in Großbritannien auszulösen. Im Jahr 1912, ganz im Geiste des Optimismus der Jahrhundertwende, legte der renommierte amerikanische Ingenieur Carroll Riker ziemlich detaillierte Pläne für einen 200 Meilen langen Schiffsanlegesteg in Neufundland vor. Auch Riker regte eine Beeinflussung des Golfstroms an, diesmal jedoch mit dem Ziel, das Klima in den arktischen Teilen Europas zu verbessern. Schließlich wären da noch die erfindungsreichen Holländer, die seit Jahrhunderten großangelegte Eingriffe in ihre Umwelt vornehmen – und zwar so erfolgreich, dass 26 Prozent des Territoriums der heutigen Niederlande unterhalb des Meeresspiegels liegen.

Einer der ersten ernsthaften Vordenker des Geoengineerings war der sowjetische Forscher Michail Budyko, der zu den Gründern der modernen Klimawissenschaften zählt. In der Sowjetunion war man an seinen Ideen sehr interessiert. Die marxistische Philosophie stellte den politischen Kontext für solch radikal-großangelegtes Denken bereit und viele begrüßten die Aussicht auf eine durch Menschenhand erwärmte Welt enthusiastisch: Es wurde bereits von einem ergrünenden Sibirien geträumt.

Der Königsweg aus dem Klimadilemma?

Je mehr sich die Erkenntnis durchsetzt, dass sich die Kohlendioxidemissionen wahrscheinlich in absehbarer Zeit nicht reduzieren lassen, desto mehr Aufmerksamkeit erhalten moderne Formen des Geoengineerings. Die Entwicklungsländer sind dabei, sich selbst aus der Armut herauszuarbeiten und die dazu benötigte Energie liefern fossile Brennstoffe. Das bedeutet, dass die weltweiten Kohlendioxidemissionen sehr wahrscheinlich weiter steigen werden, jedenfalls bis in absehbare Zukunft. Wie besorgt wir darüber sein sollten, hängt von Schätzungen der Klimasensitivität [2] ab; diese deuten momentan auf einen Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um zwei bis drei Grad Celsius im Falle einer Verdoppelung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre hin. Für einige ist Forschung im Bereich des Geoengineering daher eine pragmatische Absicherung entweder gegen hohe Klimasensitivität oder gegen einen andauernden, langfristigen Anstieg der CO2-Emissionen.

„Sofort flammt das Gerede von menschlicher Hybris wieder auf.“

Der naive Optimismus der Sowjet-Ära ist lange vorbei und so beherrschen die Pessimisten heute das Feld, noch bevor ernsthafte Forschung über modernes Geoengineering überhaupt richtig begonnen hat. Bereits 1996 behauptete der Umweltanwalt Dale Jamieson: „Selbst im Erfolgsfall [würde [Geoengineering] immer noch die arrogante Sichtweise bestärken, dass der Mensch die Natur beherrschen sollte.“

Kürzlich hielt der Ethiker Clive Hamilton potentiellen zukünftigen Geo-Ingenieuren eine Moralpredigt für ihren „Glauben an die menschliche Fähigkeit, Gefahren zu überwinden und die Umwelt im Griff zu haben.“ Angesichts unseres lückenhaften Wissens über das globale Klimasystem schlägt heute niemand ernsthaft vor, in absehbarer Zeit großangelegte Geoengineering-Projekte zu beginnen. Aber es ist bemerkenswert, dass sofort das Gerede von menschlicher Hybris wieder aufflammt, obwohl noch gar nichts richtig begonnen hat.

Anwendungsmöglichkeiten

Legen wir die Ängste der Ethiker einmal beiseite. In seiner konkreten Umsetzung gibt es beim Geoengineering keineswegs nur „ganz oder gar nicht“. Denkbar wäre etwa ein Reihe abgestufter Eingriffsmöglichkeiten, die in ihrer Intensität an unser Wissen über die Klimasensitivität angepasst werden. Am unteren Ende der Skale stünde der totale Verzicht auf Eingriffe (sollte sich die Klimasensitivität als moderat herausstellen oder die Umstellung auf Technologien mit geringem CO2-Ausstoß zügig voranschreiten), am oberen Ende hingegen ambitionierte Maßnahmen für den Fall einer hohen Klimasensitivität und von unvermindert hohem Kohlendioxidausstoß.

Langfristig könnte Geoengineering viel mehr sein als nur ein Instrument zur Absicherung gegen hohe Klimasensitivität oder weiter steigende Kohlendioxidemissionen; die potentiellen Anwendungsmöglichkeiten gehen weit darüber hinaus. Die Erkenntnis, dass sich menschliche Aktivitäten auf eine ganze Reihe komplexer terrestrischer Prozesse auswirken, darunter den Kohlenstoffkreislauf, kann als Aufruf zu mehr Forschung verstanden werden: entweder, um diese Auswirkungen abzumildern, oder um sie zum Wohle der Menschheit zu steuern.

Tatsächlich wurde in Anbetracht des menschlichen Einflusses auf die Umwelt die Einführung sogenannter „planetarer Grenzen“ vorgeschlagen. Die Idee wurde populär durch Mark Lynas’ Buch The God Species (dt. etwa Die göttliche Spezies). Die planetaren Grenzen können als Beschränkung zukünftiger menschlicher Entwicklung interpretiert werden. Wir sollten uns jedoch daran erinnern, dass in der Vergangenheit der Erfolg menschlicher Technik und Innovationskraft gerade im Überschreiten von Grenzen bestand. Um auf das Beispiel der Niederlande zurückzukommen: Das Poldersystem, ein Beispiel großangelegten Geoengineerings, ermöglichte dem kleinen Land ein Bruttoinlandsprodukt von 50.000 Dollar pro Kopf, obwohl große Teile seiner Fläche unterhalb des Meeresspiegels liegen.

Kühne Ideen für die ferne Zukunft

Es bleibt also abzuwarten, ob Geoengineering tatsächlich notwendig sein wird, um die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels zu lindern. Allein das Nachdenken darüber ist jedoch bereits ein erster Schritt in Richtung eines „Geoengineerings der Erdsysteme“, kühne Unternehmungen, um terrestrische Prozesse so zu steuern, dass die Menschheit davon profitiert. Denkbar wären etwa „grüne Wüsten“, geschaffen durch gezielte Beeinflussung der feinen Balance zwischen Trockenheit und Feuchtigkeit in vielen Wüstengebieten.

Modernes Geoengineering kann somit als gedanklicher Ausgangspunkt dienen für langfristige Vorhaben in der Tradition erfolgreicher technischer Innovationen der Vergangenheit. Diese Vorhaben müssen sich nicht auf den Bereich Klimawandel beschränken. Vielmehr kann mit Hilfe von Geoengineering eine ganze Reihe zukünftiger globaler Herausforderungen angegangen werden.

„Der Mars soll durch Terraforming Schritt für Schritt bewohnbar gemacht werden.“

Ein paar Schritte weiter gedacht könnten kleinere Justierungen am Erdklima die Wissenschaftler sogar zu noch größer angelegten Projekten inspirieren. Der Begriff „Terraforming“ bezeichnet zusammenfassend eine Vielzahl von Maßnahmen, die zum Ziel haben, den Mars durch aktive Beeinflussung seiner Atmosphäre und seines Klimas Schritt für Schritt für Menschen bewohnbar zu machen. Die Idee, seit langer Zeit in der Science-Fiction-Literatur präsent, klingt zwar zunächst haarsträubend. Ein Artikel im renommierten Journal Nature im Jahr 1991 hat sie jedoch ein Stück weit aus der Welt der Science Fiction in die der ernsthaften Wissenschaft gerückt.

Wenn unser Verständnis der globalen Klimadynamik sich weiterhin verbessert, entscheiden wir uns vielleicht im Laufe des Jahrhunderts, an ein paar kleinen Stellschrauben zu drehen, um die Auswirkungen des Klimawandels zu reduzieren. Diese kleinen Eingriffe könnten dann als Basis dienen für wahrlich beeindruckende Vorhaben in ferner Zukunft – seien es grüne Wüsten, ein grüner Mars oder tatsächlich der vollständige Schutz vor massiven klimabedingten Naturkatastrophen, wie sie den Planeten stets heimgesucht haben, lange schon bevor die Menschen auch nur den geringsten Einfluss auf ihre Umwelt nehmen konnten.

Klimawandel und Geoengineering sind zwei Seiten derselben Medaille. Die unterschiedlichen Reaktionen auf sie zeigen deutlich zwei konkurrierende Zukunftsentwürfe auf. Wir können bis in alle Ewigkeit innerhalb der planetaren Grenzen existieren, die die Natur uns setzt, oder wir können diese Grenzen überschreiten und dadurch unsere Blütezeit bis weit in die ferne Zukunft ausdehnen. Wir haben nichts zu verlieren, wenn wir Geoengineering weiterhin erforschen und auch in der Praxis testen – nur unsere eigene Angst vor einer offenen Zukunft.