15.08.2017

Linker Reinheitskult

Kommentar von Kolja Zydatiss

Titelbild

Foto: mw238 via Flickr / CC BY-SA 2.0

Die Angst, vom Kapitalismus vergiftet zu werden, ist das Gegenteil von progressiv.

Im Satirefilm „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1964) spielt der geisteskranke Jack D. Ripper eine Hauptrolle. Der US-Air-Force-General ist von der Wahnvorstellung getrieben, dass die Russen die Fluoridierung des Trinkwassers nutzen, um die „kostbaren Körpersäfte“ der Amerikaner zu zersetzen. Er kapert eine Luftwaffenbasis und befiehlt einen Atomschlag gegen die Sowjetunion, der den Dritten Weltkrieg auslöst.

An General Ripper und seine Körpersäfte musste ich bei den gesellschaftlichen Debatten der letzten Wochen oft denken. Anscheinend sind auch unsere Körper einem nie endenden Strom verunreinigender, gefährlicher Substanzen ausgesetzt. Zuerst ging es um Schadstoffe (vor allem Stickoxid) durch den Autoverkehr, denen zehntausende Tote zugeschrieben wurden. Zu diesem Schrecken gesellen sich seit einigen Tagen sogenannte „Gifteier“, die mit dem Insektizid Fipronil verunreinigt sind.

„Bevor wir in Angst und Entrüstung verfallen, sollten wir im Blick behalten, dass die Luft in Deutschland noch nie so sauber wie heute war.“

Wie viele medial und politisch ausgeschlachtete Umwelt- und Lebensmittel-Skandale entpuppen sich auch diese bei genauerem Hinsehen als Papiertiger. Selbstverständlich ist es nicht richtig, wenn Autohersteller Schadstoffmessungen manipulieren, und natürlich sollte dies rechtliche Konsequenzen haben. Bevor wir in Angst und Entrüstung verfallen, sollten wir jedoch im Blick behalten, dass die Luft in Deutschland noch nie so sauber wie heute war. Gerade die im Mittelpunkt des „Dieselskandals“ stehenden Stickoxidwerte gehen seit Jahren zurück (seit 1990 um mehr als die Hälfte). Ähnlich überzogen ist die Hysterie um die verunreinigten Eier. Durch die mediale Aufregung wurde an den Rand gedrängt, dass Erwachsene 7 und Kleinkinder 1,7 der am stärksten belasteten Eier an einem Tag essen müssten, damit überhaupt die Möglichkeit einer gesundheitlichen Gefährdung besteht.

Viele der Journalisten und Politiker, die sich an diesen jüngsten, vermeintlich unsäglichen, Verbrechen „der Industrie“ abarbeiten, würden sich zweifellos als „links“ bezeichnen. Mit dem ursprünglichen Anspruch der politischen Linken haben ihre Überreaktionen jedoch nichts mehr zu tun. Früher wollten Linke den wissenschaftlich-technischen Fortschritt nutzen, um eine immer wohlhabendere, komfortablere und humanere Welt zu schaffen. Heute tragen sie zu einem allgemeinen kulturpessimistischen Klima bei, das das Leben in der industriellen Moderne als Abfolge lebensbedrohlicher Gefahren zeichnet und nicht als etwas, das man wertschätzt und verbessern will. Zudem kollidiert ihre Mobilisierung gegen „industrielle“ (d.h. vor allem bezahlbare) Lebensmittel und Automobilindustrie ganz konkret mit den ökonomischen Interessen von Millionen „einfachen“ Menschen.

Rechtliche Grenzwerte werden immer strenger und gleichzeitig die Messmethoden immer besser, sodass immer geringere Schadstoffmengen aufgespürt werden können. Dass die vor diesem Hintergrund konstruierten Schreckensmeldungen eine derart große Wirkung entfalten können, liegt auch an dem fruchtbaren kulturellen Boden, auf den sie fallen. Vor allem das links-grüne Bürgertum beschäftigt sich gerne mit Gesundheits- und Ernährungstrends wie Clean Eating, Veganismus oder Hausgeburten, in denen sich ein übertriebenes Streben nach körperlicher Reinheit und „Natürlichkeit“ ausdrückt.

„Die aktuelle Lifestyle- und Reinheitsfixierung ist im Kern unpolitisch.“

Natürlich ist Interesse an hohen Hygienestandards und Gesundheit nicht per se schlecht. Die historische Linke kritisierte die schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen der Massen und setzte sich für Arbeitsschutz, Gesundheitsversorgung, sauberes Wasser und menschenwürdige Wohnverhältnisse ein. Die aktuelle Lifestyle- und Reinheitsfixierung ist jedoch im Kern unpolitisch und wenig vorwärtsgewandt. Erstens dient die obsessive Beschäftigung mit der „richtigen“ Ernährung, Kleidung und Fortbewegung als Distinktionsmittel, mit dem man sich von „niederen“ Schichten abgrenzt. Zweitens hat sie ambitionierte politische Programme zur Verbesserung der Gesellschaft ersetzt.

Politische Visionen sind allerdings so notwendig wie eh und je. Unsere Wirtschaftsordnung bleibt krisenanfällig. Selbst im reichen Deutschland sind Millionen Menschen arbeitslos oder in prekären, unterbezahlten Tätigkeiten angestellt. Der Lebensstandard vieler normal arbeitender Menschen stagniert seit Jahrzehnten. Eine Linke, für die der Kapitalismus in erster Linie etwas ist, das unsere Körpersäfte vergiftet, muss nicht unbedingt, wie General Ripper, den Verstand verlieren. Antworten auf die wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit wird sie aber auch nicht finden.