01.09.2000

Lernen fürs Leben oder Leben fürs Lernen?

Essay von Matthias Heitmann

Der Autor hat mehr “die Lust zum Wissen”, wie Goethe seine Farbenlehre einleitete, als auf “lebenslanges Lernen”, wie es die rot-grüne Regierung propagiert.

Dreimal im Leben muss man zukünftig einen neuen Beruf erlernen. Schon für den ehemaligen Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers (CDU) stand “Lebenslanges Lernen” als zentrale Grundvoraussetzung einer zukunftsorientierten und wettbewerbsfähigen Gesellschaft fest. Seit Antritt der rot-grünen Bundesregierung erfreut sich “Lebenslanges Lernen” noch größerer Popularität. Von allen Seiten werden Hoffnungen mit diesem Bildungsideal verknüpft. Für Bundeskanzler Gerhard Schröder gehört Bildung “zu den zentralen Zukunftsfragen”. “Nicht mehr Hunger und Armut” sind seiner Ansicht nach die Probleme unserer Gesellschaft, sondern “die Gefahr mangelnder Bildungschancen und fehlender Perspektiven für den Einzelnen” (Rede auf dem SPD-Bildungskongress, Januar 2000).Die Vision einer durch eine “neue Lehr- und Lernkultur” geprägten Gesellschaft, in der Wissen und Weiterbildung jedem einzelnen Mitglied, gleich welcher sozialen Stellung oder Herkunft, neue Chancen einräumt, klingt verheißungsvoll. Dennoch verwirrt die aktuelle Bildungsdiskussion. Die Forderung nach Bereitschaft zum lebenslangem Lernen und dem “Primat des Wissens” geht einher mit den altbekannten, wenig erquicklichen Debatten über den Bildungsstandort BRD über zu laxe und ineffiziente Hochschulbildung, zu lange Studienzeiten, die Einführung von Studiengebühren, schlechte Ausstattung von Schulen und Hochschulen sowie die mangelnde Bereitschaft von Unternehmen, ihre Mitarbeiter aus- und weiterzubilden. Dass die Protagonisten dieser Debatten dieselben sind, die auch dem lebenslangen Lernen das Wort reden, verblüfft – jedoch nur auf den ersten Blick; denn hinter dem progressiven Titel “Lebenslanges Lernen” verbirgt sich keineswegs die lang erhoffte Bildungsoffensive, sondern es wird eine Neudefinition des Bildungsbegriffs betrieben, die für wissenshungrige Individuen wenig Gutes verheißt.

Nicht mal Ausbildung statt Bildung

Wenn vom lebenslangen Lernen gesprochen wird, springt die enge Verknüpfung des Begriffes “Bildung” zur Arbeitswelt, zur beruflichen Qualifikation und zur wirtschaftlichen Verwertung ins Auge. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Prof. Dr. Klaus Landfried, sieht in der “besseren Verzahnung von Studium und Beruf” das Hauptanliegen moderner Bildungspolitik. Anlässlich der Jahresversammlung der HRK im Mai dieses Jahres definierte er als zentrale Aufgaben der Hochschulen:

“Die Einbahnstraße Studium-Beruf muss durch lebenslanges Lernen abgelöst werden… Deshalb sollte nicht nur der Studienverlauf optimiert, sondern auch die Schulzeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre verkürzt werden. Die Hochschulen müssen ihrer Verpflichtung nachkommen, ihre Absolventen frühzeitig auf Bewerbung, Beruf und Selbständigkeit vorzubereiten. Dazu sollten immer mehr Career Services sowie Absolventen- und Existenzgründungstrainings geschaffen werden”[1].Gegen die Zielsetzung, Studierenden neben einem hochwertigen akademischen Studium auch Unterstützung beim Einsteig ins Berufsleben zuteil werden zu lassen, ist nichts einzuwenden. Auch ein größerer Praxisbezug der Schulbildung wäre nichts Schlechtes.
Jedoch sind diese vollmundigen Aussagen angesichts der Tatsache, dass nicht die Verbesserung der Bildungsqualität und ihres Umfangs, sondern die Bedürfnisse des “internationalen Arbeitsmarktes” und der Wirtschaft als Schubkraft dienen, mit Vorsicht zu genießen. Hinter der Ankündigung, das Selbstverständnis von Schulen und Hochschulen als “Schonräume der Wissensvermittlung” aufbrechen zu wollen, steht die Ansicht, Profilierung, Spezialisierung und ein Zuschneiden des Bildungsangebots auf die Bedürfnisse der nationalen wie regionalen Wirtschaft würde Institutionen wie Lernenden gut tun und ihre Zukunftschancen erhöhen. Das darf bezweifelt werden. Mit Sicherheit wird das Primat direkter ökonomischer Verwertung von Bildungsergebnissen zahlreichen akademischen Disziplinen den Todesstoß versetzen. Die eigentliche Aufgabe der Universität besteht gerade nicht darin, Studenten auf ihr berufliches Fortkommen vorzubereiten und ihnen Erfolg auf dem Arbeitsmarkt zu bescheren, wie Landfried heute betont, sondern in der akademischen Bildung und wissenschaftlichen Forschung zum Wohle der gesellschaftlichen Entwicklung sowie in der geistigen und intellektuellen Schulung ihrer Absolventen. Gerade die Abschottung der Hochschulen von den Einflüssen des Marktes sorgt dafür, dass Forschung und Lehre auf einem hohen Niveau stattfinden und nicht durch Kriterien der Wirtschaftlichkeit eingeengt werden. Der heutige Trend, die Hochschulbildung an den Markt zu koppeln und die “Einbahnstraße Beruf-Bildung” für den Gegenverkehr interessengeleiteter (Weiter-) Bildungsprogramme zu öffnen, bedeutet die Einengung des Bildungsbegriffes und die Entwertung der akademischen Bildung. Er zieht die “Verfachhochschulisierung” des Hochschulbetriebes nach sich, der eine Art “akademische Grundausbildung” gewährleisten soll, die nach betrieblichen Bedürfnissen durch Weiterbildungs- und Schulungszertifikate ergänzt wird.

Soft Skills

Es ließe sich einwenden, ein so reformiertes Bildungskonzept, das größeres Gewicht auf die Vermittlung professionellen Nutzwissens und auf betriebliche Weiterbildung legt, vergrößere die Chancen des Individuums, in der Arbeitswelt erfolgreich zu sein. Innerbetriebliche Weiterbildungen könnten weitere Aufstiegsmöglichkeiten eröffnen. In der Tat könnte eine hochwertige betriebliche Weiterbildungsmaßnahme dem einen oder anderen in seinem konkreten Arbeitsfeld mehr “bringen” als ein weiteres Jahr an der Hochschule.

“Interessant ist, dass die Bereitschaft der freien Wirtschaft, die eigenen Mitarbeiter weiterzubilden, rückläufig ist.”

Betrachtet man aber die Realität der in der freien Wirtschaft angebotenen Weiterbildungsprogramme, so fällt auf, dass sie mit einer fachlichen Zusatzqualifizierung oft nur wenig gemein haben. In verstärktem Maße stehen “soft skills” im Zentrum: Schulungen zu Stress- und Zeitmanagement, zur Steigerung sozialer Kompetenzen im Umgang miteinander, Diskussionsführungs- und Rhetorik-Seminare haben Zulauf. Beliebt sind diese Angebote, da sie Inhalte vermitteln, “die man auch im alltäglichen Leben braucht”. Das Problem hierbei ist, dass sie eben nicht fachlich qualifizieren, sondern Fähigkeiten trainieren, die eigentlich ein inhaltlich forderndes Studium oder eine anspruchsvolle berufliche Tätigkeit ohnehin befördert bzw. befördern sollte. Dass Studium und Arbeit dies scheinbar nicht leisten und es heute als Zusatzqualifikation gilt, mit Stress und Zeitdruck sinnvoll umgehen, konstruktiv diskutieren oder frei sprechen zu können, lässt tief blicken in die Wirklichkeit der deutschen “Wissensgesellschaft” – aber auch in die Wirklichkeit der Arbeitswelt. Mit universeller “Bildung” oder fachlicher Qualifizierung haben diese “Soft-Skill-Trainings” nur entfernt zu tun.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Bereitschaft der freien Wirtschaft, die eigenen Mitarbeiter weiterzubilden, sogar rückläufig ist. Vielfach werden fachfremde Hochschulabsolventen, die bereits berufliche Erfahrungen gesammelt haben, aufgrund ihres allgemein hohen Bildungsstandes sowie ihrer geistigen Flexibilität und Anpassungsfähigkeit bei der Neubesetzung von Stellen den eigenen Mitarbeitern vorgezogen. Eine Verengung der Hochschulbildung zu einer besseren Berufsausbildung liefe daher sogar den Bedürfnissen der Wirtschaft zuwider.

Individuelle Verantwortung

Das eigentlich Neue an der Diskussion über “Lebenslanges Lernen” ist die Betonung der individuellen Verantwortlichkeit des Einzelnen. Bei Gerhard Schröder klingt das so: “Wer in Zukunft auf dem Arbeitsmarkt mithalten will, muss sein Wissen immer wieder überprüfen und den sich verändernden Bedingungen anpassen.”
Eine Gruppe von Wissenschaftlern der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP) formulierte das Anforderungsprofil eines heutigen Arbeitnehmers ähnlich: “Wer heute auf dem Arbeitsmarkt bestehen will, muss seine Biographie ständig neu- und weiterschreiben. Bildung wird heute zur ersten Bürgerpflicht.”[2]
An diesen Aussagen wird deutlich, dass “Lebenslanges Lernen” keine den Menschen freistehende Option, sondern eine Bedingung für gesellschaftliches Fortkommen darstellt. Die Diskussion über Arbeitslosigkeit erhält hierdurch ein neues Vorzeichen: Wurde in der Vergangenheit Massenarbeitslosigkeit als soziales Problem und als Unvermögen von Staat und Wirtschaft thematisiert, Menschen einen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen, wird mit dem Konzept des Lebenslangen Lernens als “erste Bürgerpflicht” der Spieß umgedreht: Jeder Einzelne muss seine “Beschäftigungsfähigkeit” entwickeln. Folgt er diesem Primat nicht, hat er seine Erwerbslosigkeit selbst zu verantworten. Kurz gesagt: Wer arbeitslos ist, hat nichts gegen seine “Beschäftigungsunfähigkeit” unternommen und ist somit selber schuld.
Dieser Umkehrschluss suggeriert, dass Massenarbeitslosigkeit auf mangelnde oder falsche Ausbildung großer Teile der Bevölkerung zurückzuführen und somit individuell verschuldet ist.

“Bildung wird heute zur ersten Bürgerpflicht.”

Dass dieser Ansatz die Realität auf den Kopf stellt, verdeutlicht das Beispiel des viel diskutierten Informatiker-Mangels und die Einführung der so genannten “Green Card”: Das Fehlen von Know-how im IT-Bereich hat nichts mit einer von der Bevölkerung selbstverursachten “Beschäftigungsunfähigkeit” zu tun. Das Problem ist auch nicht durch individuelle Weiterbildungsstrategien oder Computerkurse zu lösen. Für Politik und Wirtschaft ergibt sich jedoch ein bequemes Argument: Arbeitslosigkeit als Folge mangelnder Bildung wird zur Privatsache; lebenslanges Lernen hingegen wird zur Maßgabe, der sich niemand zu entziehen hat, der “überleben” will.
Auch Prof. Dr. Rainer Brödel von der Bildungswissenschaftlichen Hochschule Flensburg betont die steigende Bedeutung des lebenslangen Lernens als “sozialpolitisches Regulierungsinstrument”:

“Sollten einst bloß ‘Probleme der Passung von Bildung und Berufstätigkeit’ ... entschärft werden, so geht es heute verstärkt um das dringende Kompensationsbemühen, die psychosoziale Verelendung größerer arbeitsloser Bevölkerungsteile aufzuhalten und diese im Zustand der ‘Beschäftigungsfähigkeit’ zu halten.”[3]Dass dadurch der Druck auf Arbeitsplatzbesitzer wie -suchende enorm verstärkt wird, liegt auf der Hand: Die Ausbildung von gestern zählt nicht mehr und ist schon gar nicht eine Garantie für einen gesicherten Lebensstandard von morgen. Hierdurch wird die ursprüngliche Bedeutung von Bildung bzw. Ausbildung degradiert – da sie niemals endet, verkommt sie zu einer bloßen Variablen augenblicklicher ökonomischer Rahmenbedingungen.

Therapie und Erziehung

Bei der Diskussion über Bildung und Ausbildung werden beide Begriffe mit neuen Inhalten gefüllt. Bundeskanzler Schröder unterstrich auf dem SPD-Bildungskongress, “Inklusion [sei] das leitende Prinzip der Sozialdemokraten”. Die auf dem Kongress vorgestellte “Bildungsinitiative der SPD” stellt die Vermittlung sozialer ethischer Werte in den Vordergrund: Es gelte, “personelle Kompetenzen, die Selbstbewusstein, Identität und Moral vermitteln und Kreativität und Innovationsfähigkeit entfalten, soziale Kompetenzen wie Eigenverantwortung, Gemeinschaftsfähigkeit, Verantwortung für nachhaltige Entwicklung” der Menschen zu stärken. Auch das Modellversuchsprogramm der Bund-Länder-Kommission unter dem Titel “Lebenslanges Lernen” stellt ethisch-moralische Zielsetzungen ins Zentrum:

“Nicht zuletzt erfordern kulturelle Vielfalt, Rechtsradikalismus und Umweltprobleme neue gesellschaftliche Konzepte, bei denen Bildung und Qualifizierung helfen und den sozialen Zusammenhalt in der Demokratie stärken können… Nur lebenslanges kompetenzentwickelndes Lernen befähigt den Menschen, ... ein eigenständiges Leben zu führen, die Gesellschaft mitzugestalten…”[4].Insbesondere auf die individuellen Bedürfnisse der “Lernenden” soll geachtet werden: Zu einer intensiven Lernberatung gehören eine “stärkere Konzentration auf Lebenshilfe, insbesondere auf Hilfe zum Lebens- und Selbstverständnis” und auf die “Potenziale zur Selbstbehauptung der Person” sowie die “Reflexion des alltäglichen Erfahrungslernens und Deutungsmusterlernens in allen Lebens-, Arbeits- und Medienzusammenhängen”.
Die politische Strategie “Inklusion durch Bildung” verfolgt demnach nicht das Ziel, den Menschen durch hoch qualifizierte fachliche Ausbildung größere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu eröffnen, sondern es geht um therapie-ähnliche Schulungsprogramme zur ethischen Integration der Gesellschaft. “Bildung” soll dem Traditionsverlust der modernen Gesellschaft und ihrer Fragmentierung auf rein ideeller Ebene entgegenwirken. Desillusionierte und perspektivlose Menschen sollen dazu ermuntert werden, mit ihren Problemen besser “umzugehen”. Auch hieran zeigt sich, dass in Regierungs- und Bildungskreisen offenbar davon ausgegangen wird, dass in erster Linie Folgen persönlicher Unzulänglichkeiten mit Lebensberatung und Therapierung auszumerzen sind. Immer wieder wird betont, in der Bevölkerung müsse die “Bereitschaft zum Lebenslangen Lernen” gestärkt werden, so, als sei eine Mehrheit nicht nur “beschäftigungsunfähig”, sondern zudem noch bildungsunwillig.

“Lernen ist nur eine Voraussetzung für Bildung.”

Solche Haltungen gegenüber der Bevölkerung sind überheblich und abwertend. Die “Lernenden” sollen von Anbeginn an – unterschiedslos vom Vorschul- bis ins Rentenalter – in einen fortdauernden Lernmechanismus integriert, zur Eigenverantwortlichkeit erzogen und zum sozialverträglichen Leben angeleitet werden.
Auch Brödel warnte vor dem moralisierenden und bevormundenden Charakter des so verstandenen “Lebenslangen Lernens”: Er erinnerte daran, dass mit dem Begriff des lebenslangem Lernen ursprünglich “die Einlösung emanzipatorischer Ansprüche” verbunden wurde. Diese Hoffnung habe sich “heute für Erwachsene teilweise in einen Leistungsanspruch verkehrt, weiterlernen zu müssen”. Daraus ergäbe sich “die Gefahr einer neuen Unmündigkeit”[5].Drastischer formulierte es Prof. Dr. Hartmut Griese, der das Bildungskonzept kurzerhand in “lebenslängliches Lernen” umtaufte. Er wies darauf hin, dass “Lernen nur eine Voraussetzung für Bildung ist. Indem gegenwärtig jedoch überwiegend nur vom lebenslangen oder lebensbegleitenden Lernen gesprochen wird, gelangt der fortwährend Lernende nicht mehr zur eigentlichen Bildung.”[6]
Der Bildungsexperte Ekkehard Nuissl kommentierte schon 1996 in der Zeitschrift des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) unter dem Titel “Vom Ende der Freiwilligkeit” die Bedeutung von Bildung und Weiterbildung im aktuellen Kontext der “Lerngesellschaft”:

“Aufklärung war gedacht als Weg des Menschen aus der Unmündigkeit. Bildung hat hier eine utopische Aufgabe. Die kognitive Gesellschaft ist ein operationalisierter Standortfaktor, ein Weg des Menschen in die Unmündigkeit.”[7]

Mit der offenen, sich ständig weiterentwickelnden und “lebenslang lernenden” Gesellschaft ist es also nicht weit her. Hinter den schönen Worten verbirgt sich eine in Politiker- und Bildungskreisen verbreitete Sichtweise der Gesellschaft, die aus lebenslang lern- und therapiebedürftigen Modernisierungsopfern besteht und der professionellen Führung bedarf.