19.08.2010

Lehren aus der BP-Ölkrise: Don’t panic!

Von Rob Lyons

Wenn uns die Ölverschmutzung im Golf von Mexiko eines gelehrt hat, dann, dass es gut ist, Ruhe zu bewahren.

Der Höhepunkt der BP-Ölkrise im Golf von Mexiko ist überstanden. Der Unfall auf der Ölplattform Deepwater Horizon war schlimm genug: Elf Arbeiter sind ums Leben gekommen, und es wird noch etliche Milliarden US-Dollar und sehr viel Zeit kosten, um die Schäden, die das auslaufende Öl angerichtet hat, gänzlich zu beseitigen. Dennoch handelt es sich hierbei nicht um die „schlimmste Umweltkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten”, wie es US-Präsident Barack Obama formuliert hatte.


Was uns die Ölkrise einmal mehr eindrucksvoll vor Augen geführt hat, ist, dass die moderne Gesellschaft dazu tendiert, immer das Schlimmste zu befürchten. Schon kurz nach dem Unfall wurde uns eingeredet, die Strände der US-Küste seien mit Rohöl zugekleistert, die Fischindustrie über Jahre ruiniert und die Tourismusindustrie komplett zerstört worden.


Tatsächlich schoss das Öl aus einem geborstenen Rohr, das sich 50 Meilen vor der amerikanischen Küste in großer Tiefe befindet. Das Zusammenwirken von natürlicher Verteilung, Verdunstung und bakterieller Zersetzung sorgte dafür, dass der größte Teil des ausgelaufenen Öls niemals die Küste erreichte. Außerdem wurde durch den Einsatz von Ölsperren, Abschöpfschiffen und chemischer Dispergierung erreicht, dass nur ein kleiner Teil des ausgetreten Öls tatsächlich an Land geschwemmt wurde.


Ebenso wenig ist das von vielen Experten vorausgesehen Massensterben unter den im Golf lebenden Tierarten eingetreten. In einem Artikel des „Time Magazine“ wurde kürzlich berichtet, dass bislang „fast 3,000 tote Vögel eingesammelt wurden… aber weniger als die Hälfte waren ölverschmiert; einige mögen durch den Verzehr ölverseuchter Nahrungsmittel verendet sein, doch einige schienen eines natürlichen Todes gestorben zu sein”. Die Zahl der offensichtlich durch die Ölverschmutzung verendeten Tiere liegt bei einem Hundertstel der Zahlen der Katastrophe von 1989, als die Exxon Valdez vor dem Prince William Sound havarierte. Die Anzahl der tot aufgefundenen Delphine war ebenfalls sehr gering: Ganze drei Tiere wurden tot und ölverschmiert aufgefunden.


Es ist nicht nur so, dass die Zahl der Todesopfer unter unseren gefiederten Freunden geringer ist als bei früheren Ölkatastrophen ist – sie ist sogar geringer als die Anzahl der Vögel, die Windturbinen zum Opfer fallen. In einer kürzlich veröffentlichten Studie wurde festgestellt, dass auf Windfarmen in nur einem Teil des US-Staates Washington 7.000 Vögel und 3.000 Fledermäuse pro Jahr getötet werden.


Leider verlieren die Menschen aber nicht nur bei Ölkatastrophen die Nerven. So wurde uns in jüngerer Zeit u.a. von der World Health Organisation eingeredet, dass „die gesamte Menschheit von der Schweinegrippe bedroht sei“, und in Europa wurde der Luftraum für knapp eine Woche gesperrt, weil ein kleiner Vulkan auf Island Asche spuckte.


Die Kehrseite derartig übertriebener Reaktionen und eine wichtige Lektion aus der Ölktatastrophe ist, dass wir dazu neigen, die Belastbarkeit sowohl der Menschheit als auch der Natur permanent zu unterschätzen. So wurde BP und den US-Behörden vorgeworfen, zu langsam auf die Katastrophe reagiert zu haben. Auch die vielen fehlgeschlagenen Versuche, das Leck zu stopfen, wurden bemängelt. Dabei konnte von Trägheit keine Rede sein: Enorme Ressourcen und technologische Innovationen wurden mobilisiert, um das Leck zu versiegeln und das Restöl aufzusaugen. In einem Artikel im britischen „Daily Telegraph“ hieß es:„Die warme Meerestemperatur und die ölverzehrenden Bakterien haben den Ölteppich dermaßen abgebaut, dass ein Flugzeug voller Journalisten eine Stunde lang über dem Golf herumkurven musste, bis der Pilot endlich einen Ölfleck fand.”


Eine weitere Lehre aus der BP-Ölkrise lautet: Katastrophe ist nicht gleich Katastrophe. Vor ein paar Jahrzehnten hätte eine Dürreperiode unweigerlich zu einer Hungersnot geführt. Heute, wo wir über einen hoch entwickelten, globalisierten Nahrungsmittelmarkt sowie guten Kommunikations- und Transportmöglichkeiten verfügen, muss eine örtliche Nahrungsmittelknappheit nicht unweigerlich zum Tod von Millionen Menschen führen. Ähnlich steht es um die desaströsen Überflutungen in Pakistan, die in einem weiter entwickelten Land deutlich weniger Menschenleben gekostet hätte. Bei der Ölverschmutzung im Golf von Mexiko sind 11 Menschen gestorben. Dies kommt einem schlimmen Unfall gleich, nicht aber einer Katastrophe.


Dies führt uns zu noch einer Lehre: Die Reaktion auf eine Krise kann schlimmere Auswirkungen haben als die Krise selbst. Während die Fischereibetriebe in Louisiana von BP in die Ölsäuberungsaktion miteinbezogen wurden, um ihren wirtschaftlichen Schaden etwas auszugleichen, wurde die Tourismusbranche sehr schwer getroffen. Während der Krise beschwerte sich der Gouverneur von Mississippi darüber, „dass die Branche am Boden liegt, da alle dem Eindruck erlegen sind, dass unser ganze Küste knietief im Öl versunken sei“. Dies ermunterte dann sogar die First Lady Michelle Obama dazu, sich auf den Stränden filmen zu lassen, um der Welt zu beweisen, dass diese sauber, sicher und offen seien – nachdem die Regierung ihres Gatten wochenlang die Ausmaße des Unglücks betont hatte.


Der Umgang mit der Krise im Golf von Mexiko reiht sich nahtlos ein in die Reihe weiterer Überreaktionen. Als 2003 die bislang unbekannte Atemwegskrankheit Sars in Süd-Ost-Asien und Kanada auftauchte, verursachte die Panik allein in Asien Kosten in Milliardenhöhe, obwohl weniger als 1000 Menschen der Krankheit zum Opfer fielen. Bekanntere Atemwegserkrankungen wie Tuberkulose und Lungenentzündung töten wesentlich mehr Menschen, ohne dass hiervor überhaupt Notiz genommen wird. Manchmal ist das moderne Motto „Vorsicht ist besser als Nachsicht“ eine teure und fehlgeleitete Idee.


All diese Erfahrungen sollten es uns ermöglichen, angemessener auf Probleme zu reagieren. Aufgrund der Ausmaße der Ängste und Überreaktionen, zu denen die moderne Gesellschaft tendiert, müssen sämtliche Weltuntergangsszenarien, insbesondere dann, wenn sie als wissenschaftliche Tatsache dargestellt werden, hinterfragt werden. Wenn uns die Ölverschmutzung im Golf von Mexiko eines gelehrt hat, dann, dass es gut ist, Ruhe zu bewahren.