08.05.2014

Kulturkampf: Der Narzissmus der kleinen Differenzen

Essay von Frank Furedi

Wenn das Private politisch wird, wachsen Konflikte über Lebensstile und kulturelle Gräben entstehen. Gesellschaftliche Spannungen sind die Folge, analysiert der Soziologe Frank Furedi. Dabei sind die heutigen Kulturkämpfe schwerer zu überbrücken als klassische Verteilungskämpfe

Im Februar stimmten die Schweizer Wähler in einer Volksabstimmung mehrheitlich für die Einführung von Quoten für den Zuzug von Einwanderern aus EU-Ländern. Zu dieser Zeit fanden auch Massendemonstrationen in Frankreich statt, bei denen zur Verteidigung der traditionellen Familie aufgerufen und Kritik am Schulsystem geübt wurde, das die Kinder mit “Geschlechtergleichmacherei” indoktrinieren wolle. Zeitgleich demonstrierten Tausende in Madrid gegen neue strenge Anti-Abtreibungsgesetze der spanischen Regierung. In Norwegen und anderen Teilen Skandinaviens erlebten wir einen kulturellen Kreuzzug gegen die Beschneidung von Jungs. Währenddessen geriet Russland wegen der dortigen Diskriminierung homosexueller Menschen in den Fokus internationaler Proteste.

Kultur als Ausgangspunkt

Dies alles legt nahe, dass Dispute über Werte, Lifestyles und die Frage nach der größten „kulturellen Bedrohung“ zurzeit das öffentliche Leben dominieren. Das politische Vokabular, dessen sich westliche Gesellschaften während des 19. und in großen Teilen des 20. Jahrhunderts bedienten, hat ausgedient und wurde durch kulturbezogene Begrifflichkeiten ersetzt. Sogar Diskussionen, die einst in der Sprache des Klassenkampfes, der sozialen Gerechtigkeit oder der Ideologie geführt wurden, flammen heute nur dann wieder auf, wenn sie sich der Terminologie der Kultur bedienen. Die britische Linke etwa attackiert das „Old Boys Network“ der Reichen, den in Oxford ansässigen Bullingdon Club, oder die „Kultur der Vetternwirtschaft“ der Eton-Absolventen, während die anderen, auf der rechten Seite, das „Anspruchsdenken“ oder die „Abhängigkeitskultur“ der weniger gut Begüterten kritisieren. Abneigung gegenüber der Polizei äußerst sich häufig in Angriffen auf ihren „Korpsgeist“.

So beschuldigte der Leiter des britischen Qualitätsausschusses für das Gesundheitswesen den National Health Service (NHS) einer Kultur, „die nicht zuhört“. Die BBC wurde für ihre „Geheimhaltungskultur“ verurteilt, die die Taten von Kinderschändern wie dem ehemaligen Top-of-the-Pops-Moderator Jimmy Savile angeblich erst ermöglichte. Zur Zeit scheint jede Institution einem internen Kulturkampf (engl. Culture War) ausgesetzt zu sein. In der Konservativen Partei des Vereinigten Königreichs soll aktuell ein solcher ausgebrochen sein, weil ältere Mitglieder und organisierte christliche Gruppen die Erosion ihrer traditionell-konservativen Werte fürchten. Währenddessen erleben wir in der in der liberaldemokratischen Partei von Vizepremier Nick Clegg eine Diskussion über die dort nach Angaben einer Informantin vorherrschenden „sexistischen Kultur“.

Einerseits kann der selbstverständliche Gebrauch der Phrase „Kultur von …“ zur Verurteilung eines Verhaltens einfach als Ausdruck einer etwas dünkelhaften Anwendung moderner politischen Rhetorik verstanden werden. Jedoch verrät uns die Alltagssprache auch immer etwas darüber, wie Menschen ihren Erfahrungen eine Bedeutung verleihen. Die leichtfertige Verwendung des Kulturbegriffes in so vielen Lebens- und Politikbereichen ist kein bloßer Ausdruck nachlässigen Denkens, sondern spiegelt die aktuell starke Tendenz wider, Lifestyle und individuelles Verhalten bis ins kleinste Detail zu politisieren.

„Heutzutage drücken sich Interessenkonflikte meist in der Auseinandersetzung mit Normen und Werten, und im Kampf um kulturelle Autorität aus.“

Heutzutage drücken sich Interessenkonflikte meist in der Auseinandersetzung mit Normen und Werten, und im Kampf um kulturelle Autorität aus. Und wenn die Kultur in diesem Maße politisiert wird, zerrt sie tendenziell die privaten Dimensionen des Alltagslebens in die Öffentlichkeit. Das geht so weit, dass alles – wie man sich kleidet, mit wem man schläft, was man isst und konsumiert, wie man sein Kind erzieht und ernährt und was man liest ­– oftmals als politisches Statement zu Schau getragen und auch so aufgefasst wird. Was Freud in einem anderen Kontext den „Narzissmus der kleinen Differenzen“ nannte, ist in der westlichen Gesellschaft heute allgegenwärtig.

Natürlich haben Debatten über unterschiedliche kulturelle Werte eine lange Geschichte. Allerdings führte während der 1950er-Jahre eine weitreichende Auflösung des vorherrschenden politischen Konsenses in westlichen Gesellschaften zu einer Situation, in der Diskussionen über Werte, Lifestyles und Privatleben stärker ins Scheinwerferlicht der Politik rückten. Konflikte, die bisher in der Sprache der Politik ausgefochten wurden, verlagerten sich in diese Bereiche. Dabei ging es um widerstreitende Ansprüche auf moralische Autorität, die sich anfänglich in Form eines polarisierenden Streits zwischen traditionellen und modernen Werten ausdrückten. In den 1960er-Jahren nahm diese Polarisierung zu und gewann durch die wachsende Gegenkultur und die Rückschläge des traditionalistisch-konservativen Lagers an Kontur.

Wertekonflikte

In den Sechzigern wurde der „vorpolitische“ Bereich des Privatlebens zum Hauptkampfplatz. Doch während der 1970er-Jahre griffen die Kontroversen von Familienwerten, Sexualität und zwischenmenschlichen Beziehungen auf weitere Themen über, vom Konsum bis zur Umwelt. Die Politisierung dieser Werte verstärkte den ohnehin um sie tobenden Konflikt noch weiter. Da sich diese Konflikte um Grundprinzipien des persönlichen Denkens und Handelns drehen, berühren sie Menschen gefühlsmäßig auf eine Art und Weise, wie es andere, traditionellere politische Konflikte nicht mehr vermögen. Wie Francis Fukuyama bemerkte, sind „Wertkonflikte potentiell viel tödlicher als Besitz- oder Wohlstandskonflikte“. Über die Aufteilung materieller Ressourcen oder politischer Ämter kann man nämlich immer zu einem vernünftigen Kompromiss gelangen. Werte jedoch stehen ganz grundlegend für die Identität und die Überzeugungen eines Menschen, weshalb deren Nichtanerkennung die Einzelnen beleidigen oder gar in eine existenzielle Krise stürzen kann. Konflikte über Religion, Werte oder gegensätzliche Moralvorstellungen enden nur sehr selten in einem Kompromiss.

Eine der ersten wichtigen Studien, die auf eine kulturelle Neuordnung des öffentlichen Lebens in den Vereinigten Staaten und somit auf den Ausgangspunkt der heutigen Kulturkämpfe verwies, war Gabriel Kolkos Buch The Politics of War aus dem Jahre 1968. Demnach ging es bei der Neuordnung der öffentlichen Kultur Amerikas um die Verschiebung von Loyalitäten zu verschiedenen Quellen moralischer Autorität. In seiner Sicht äußerten sich diese gegensätzlichen Anschauungen in der „Institutionalisierung und Politisierung zweier fundamental verschiedener Kultursysteme“. Er hob außerdem hervor, dass der Hauptaustragungsort dieses Konfliktes nun im vorpolitischen Gebiet des Privatlebens liege und mahnte, dass er nicht durch übliche Kompromissformeln lösbar sei, weil „jede Seite dieser kulturellen Spaltung mit einem anderen Begriff des Heiligen arbeitet […] und die bloße Existenz des einen auf eine gewisse Art die Entweihung des anderen bedeutet“.

„Amerika war die erste westliche Gesellschaft, in der kulturelle Konflikte das öffentliche und politische Leben beherrschten.“

Amerika war die erste westliche Gesellschaft, in der kulturelle Konflikte das öffentliche und politische Leben beherrschten. Aber schon in den 1970er-Jahren wurde offensichtlich, dass Kulturkonflikte auch in anderen Gesellschaften eine zunehmend wichtigere Rolle spielen würden. Auch in Großbritannien schwelten unter der Oberfläche permanente Spannungen zwischen Modernisierern und Traditionalisten. So thematisiert etwa Samuel Beers Studie über diese Spannungen, Britain against Itself, den Rückgang der Bürgerkultur und der Rücksichtnahme.

In der Literatur zu den Kulturkämpfen wird grundsätzlich angenommen, dass der Schlüsselkonflikt sich zwischen orthodoxen und progressiven Moralvorstellungen abspielt. Konflikte über moralischen Fragen dominieren den Kulturkampf – besonders in den USA. Dabei sind die heutigen Konflikte keineswegs auf Streitfragen über Familie, Sex, Abtreibung oder die Rolle der Religion beschränkt. Dies sind Schlüsselprobleme für Sozialkonservative ebenso wie für Bewegungen, die sich gegen den Einfluss traditioneller Werte in der Privatsphäre richten. Die allgemeinere kulturelle Kritik des Kapitalismus konzentriert sich aber auf Themen, die über die private oder vorpolitische Sphäre hinausgehen: Sie nimmt den Konsumismus, den Materialismus, den Arbeitsethos und den technokratischen Ethos sowie unzählige aufklärerische Werte wie individuelle Selbstbestimmung, Vernunftorientierung und Fortschritt ins Visier.

Die Politisierung der Kultur ist eng mit dem Niedergang der Ideologie, des Wettstreits ideologischer Alternativen, verbunden. In den frühen 1980er-Jahren, und spätestens am Ende des Kalten Krieges (in den späten 1980er- bzw. frühen 1990er Jahren), wurde offensichtlich, dass die emotionalen Energien, die einst in politische Ideale gesteckt worden waren, zunehmend in moralische und kulturelle Aspekte umgeleitet wurden. Wie der bekannte amerikanische Historiker und Sozialkritiker Christopher Lasch zu dieser Zeit betonte:
 

„Altbekannte Unterschiede zwischen Links und Rechts, Liberalismus und Konservatismus, revolutionärer und reformistischer Politik, Progressiven und Reaktionären, zerbröseln angesichts neuer Fragen von Technologie, Konsum, Frauenrechten, Umweltzerstörung, atomarer Aufrüstung. Auf diese Fragen hat niemand eine fertige Antwort. Neue Probleme führen zu neuen politischen Gemengelagen. Das gilt auch für die wachsende Bedeutung der kulturellen Themen.


Seit den 1980er-Jahren haben sich die von Lasch ermittelten Tendenzen intensiviert und aktuelle Themen wie Multikulturalismus, Immigration, Sexualität und Lifestylefragen beherrschen die öffentliche Debatte.

„Der Ausspruch ‚Das Private ist politisch‘ kennzeichnet eine wichtige Verlagerung zu neuartigen Konfliktformen über die Werte in der Privatsphäre.“

Durch die Politisierung der Kultur äußern sich Konflikte auf eine Art, die ihre Lösung erschwert. Kulturelle Normen und Werte definieren Gruppen, ihre Lebensart und die Identität ihrer Mitglieder. Solche Werte haben Menschen verinnerlicht, sie definieren, wer wir sind. Konflikte über Familie, Sexualität und die Führung intimer Beziehungen verleihen dem öffentlichen und politischen Leben einen stark persönlichen Charakter. Der Ausspruch „Das Private ist politisch“ kennzeichnet eine wichtige Verlagerung zu neuartigen Konfliktformen über die Werte in der Privatsphäre. Die Streitigkeiten im privaten und vorpolitischen Raum ähneln politischen Konflikten in der Gesamtgesellschaft an einem wichtigen Punkt. In beiden Bereichen schafft fehlender Konsenses über grundlegende Normen und Werte die Grundlage tiefer Spaltungen.

Dass viele Beobachter die Dynamik des Kulturkampfes nur schwer erfassen können, liegt zum Teil darin begründet, dass dieser Konflikt selten offen zu Tage tritt. Unzählige Studien beharren darauf, dass das Gerede über die kulturelle Polarisierung übertrieben sei; einige leugnen das Bestehen eines Kulturkampfes sogar ganz. Konservativen Angriffen auf die politische Korrektheit wird etwa von der Gegenseite mit der wütenden Leugnung der Existenz derselben begegnet. Rückwärtsgewandte Fundamentalisten versuchen so ihre eigenen Vorurteile zu rechtfertigen und neue Arten des Denkens und Sprechens zu attackieren, heißt es. Die neue Politisierung von Kultur bekennt sich selten zu dem, was sie ist. Sie kann ihren Anspruch, die moralische Autorität zu monopolisieren, nicht offen eingestehen. Obwohl die Befürworter der Lifestyle- und Identitätspolitik immer von sich behaupten, tolerant, inklusiv und pluralistisch zu sein, können sie in Wahrheit die moralische Legitimität der Anliegen ihrer Kontrahenten nicht anerkennen. Deshalb bedienen sich in den Vereinigten Staaten, in denen der Kulturkampf am stärksten tobt, die verschiedenen Seiten einer so maßlosen und aufgeregten Sprache.

Obamas „Bittergate“

Eine der einprägsamsten Momente dieser Politisierung des Lebensstils ereignete sich im April 2008, als Barack Obama während des Präsidentschaftswahlkampfes seine ‚Bittergate‘-Rede hielt. Bei einer Spendenwerbeveranstaltung in San Francisco sprach Obama über seine Probleme, bei den Vorwahlen in Pennsylvania Stimmen aus der weißen Arbeiterschaft für sich zu gewinnen: „Kein Wunder, dass sie verbittert sind, denn sie klammern sich an Waffen oder an Religion oder an ihre Abneigung gegenüber Menschen, die nicht wie sie sind, oder an ihre Ablehnung von Einwanderern oder des Freihandels, um damit ihre Frustration zu erklären.“ Diese hemdsärmelige und vielsagende Herabsetzung der Kleinstadtbevölkerung war beredtes Zeugnis der kulturellen Bruchlinie, die Amerika heutzutage teilt. Obama ist blau (Demokrat und ‚liberal‘), sie sind rot (Republikaner und traditionalistisch); er ist aufgeklärt, sie sind verbittert.

Obamas herablassende Beschreibung der Kleinstadtbevölkerung aus dem deindustrialisierten sogenannten Rostgürtel im Nordosten der USA (engl. Rust Belt) unterstreicht die Auffassungen, diese würden ein anderes moralisches Universum bewohnen als das „aufgeklärte Amerika“. Unterschiede im Lebensstil sind mittlerweile derart politisiert, dass Essgewohnheiten, Erziehungsstile, religiöse Überzeugung usw. allesamt einen scharfen und spaltenden moralischen Charakter angenommen haben. Normalerweise hat diese Unterteilung der Gesellschaft entlang der Lebensstile kaum einen spaltenden Effekt; wenn sie jedoch politisiert wird, wie in den vergangenen 30 Jahren und darüber hinaus, wird sie zu einem potenziellen Konfliktherd, einem Kernstück der Wertekrise im 21. Jahrhundert.

„Es gibt keine progressiven Anliegen, die durch das Medium Kultur vorangebracht werden.“

Soziologisch betrachtet können Obamas Bittergate-Bemerkungen als ein Beispiel dafür gelten, was Max Weber die „Stilisierung des Lebens“ nennt. Durch die Übernahme von Stilen heben sich die Menschen von anderen ab, bekräftigen ihren Status und ziehen eine moralischen Linie zwischen ihrem eigenem Lebensstil und dem ihrer Mitmenschen. In seinem maßgebenden soziologischen Essay Die feinen Unterschiede bemerkt Pierre Bourdieu: „Die ästhetische Intoleranz kann durchaus gewalttätig werden“. Er erklärt, dass „die Abneigung gegenüber verschiedenen Lebensweisen womöglich eine der stärksten Barrieren zwischen den Klassen darstellt“. Grabenkämpfe über die „Kunst zu leben“ ziehen Grenzen zwischen denjenigen Verhaltensweisen und Einstellungen, die als legitim erachtet werden, und jenen, die als moralisch verwerflich gelten sollen.

Heutzutage fördern die Politisierung der Kultur und Debatten über die „Kunst zu leben“ intolerante, kleinliche und selbstsüchtige Einstellungen gegenüber dem öffentlichen Leben. Es gibt keine progressiven Anliegen, die durch das Medium Kultur vorangebracht werden. Jene, die sich selbst als aufgeklärt und inklusiv verstehen, sind kein bisschen weniger mitverantwortlich für ein Klima der Intoleranz als ihre Gegenspieler. Die aktuellen Kulturkämpfe sind eine schlechte Sache, weil sie bei allen Beteiligten Engstirnigkeit und Beschränktheit fördern.