18.02.2015

Kopenhagen: Das brutale Gesicht moderner Zensur

Kommentar von Brendan O’Neill

Erst Charlie Hebdo, nun das Attentat von Kopenhagen. Jetzt ist schon die Teilnahme an einer öffentlichen Debatte über die Meinungsfreiheit gefährlich. Dabei haben nicht nur Islamisten ein Problem mit „inkorrekten“ Meinungen. Wir leisten Widerstand, meint Brendan O’Neill

Ein weiterer Monat, ein weiterer tödlicher Angriff auf jene, die an das Recht auf Meinungsfreiheit glauben und es praktizieren. Die Schüsse auf eine Diskussionsrunde über Meinungsfreiheit in einem Café in Kopenhagen mögen weniger blutig gewesen sein als das Charlie-Hebdo-Massaker im Januar: Ein Mann wurde im Café erschossen. Im Anschluss griff der Attentäter eine Synagoge an und ermordete dort einen Wachmann. Das wahrscheinliche Ziel des ersten Anschlags – der schwedische Mohammed-Karikaturist Lars Vilks – überlebte. Die Absicht war allerdings scheinbar dieselbe wie in Paris: Die Bestrafung der Blasphemiker, der Provokateure. Jener, die nicht gehorsam vor dem Altar der politischen Korrektheit niederknien, sondern Unangenehmes in Worte oder Bilder fassen oder die das Recht anderer darauf verteidigen. Im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, mehrere Jahrhunderte nach den düsteren Tagen, in denen Hinrichtungen aufgrund von „gefährlichen“ oder nur unliebsamen Ideen an der Tagesordnung waren, scheint die Tötung der sich frei Äußernden wieder den Kontinent heimzusuchen.

An dem Angriff in Kopenhagen ist besonders verstörend, dass hier nicht nur den Islam verspottende Karikaturisten getötet werden sollten – an sich schon abscheulich genug – sondern auch normale, engagierte Bürger, die gekommen waren, um über den Wert der Meinungsfreiheit zu diskutieren. Die Teilnehmer der Runde, in der nicht nur Vilks, sondern auch der französische Botschafter in Dänemark über die Lage nach Charlie Hebdo sprechen sollte, fanden sich in einem Kugelhagel wieder. Und das nur, weil sie einer Debatte über „Islam, Blasphemie und freie Meinungsäußerung“ beiwohnten. Da sollte jedem, der an öffentlichen Debatten, an Rede- und Gedankenfreiheit interessiert ist, ein kalter Schauer über den Rücken laufen. Denn jetzt sind auch diejenigen, die kein sonderliches Interesse daran haben, Mohammed-Karikaturen zu zeichnen, und sich lediglich für die absolute Freiheit anderer, dies zu tun, aussprechen oder darüber debattieren möchten, potenzielle Opfer.  Jetzt, so scheint es, wird nicht nur die Ausübung des Rechts auf freie Meinungsäußerung bestraft; es genügt bereits, darüber nachzudenken.

„Zensur wird auch in Europa immer öfter praktiziert und akzeptiert“

Kurz nach dem islamistischen Massaker in Frankreich wird das Kopenhagener Attentat vielen wie ein weiterer Beweis für die Infektion Europas durch eine fremdartige, freiheitsfeindliche Macht erscheinen. Diese Macht bringt die eigentlich doch so ferne Intoleranz des Hardcore-Islamismus auf unseren Kontinent, der bis vor kurzem noch ziemlich aufgeklärt und liberal war. Wenn hinter dem Anschlag eine islamistische Organisation steckt, müssen entsprechende Verbindungen schnell und mit Sorgfalt untersucht werden. Es wäre jedoch ein Fehler, die Attentäter, wer auch immer sie sind, als etwas zu betrachten, das dem modernen Europa vollkommen fremd ist. Die traurige Wahrheit lautet, dass auf ihrem, unserem Kontinent, Zensur und Unterdrückung jener, die von irgendeiner Gruppe als beleidigend empfunden werden, immer öfter praktiziert und akzeptiert werden. Tatsächlich kann der Anschlag, vermutlich mit dem Ziel, eine Diskussion über Meinungsfreiheit zu verhindern, als eine blutige, mörderische Version moderner Zensur aufgefasst werden; dem Trend, Seminarräume in Unis, Sendezeit oder Platz in Kunstgalerien jenen vorzuenthalten, die ideologisch, politisch, sittlich und sprachlich nichts in Bild passen. Zivilisierte Zensoren nutzen gesellschaftlichen und medialen Druck oder Twittermobs, um Menschen von Podien oder aus dem Radio zu entfernen, während die Attentäter zur Waffe griffen.

Tatsächlich wurde Ende letzten Jahres in einer Kunstgalerie in Kopenhagen eine Ausstellung abgesagt, weil Aktivisten sie als „rassistisch“ bezeichnet hatten. In den vergangenen Monaten wiederfuhr Kunstaustellungen in London und Debatten in Oxford und Cambridge ein ähnliches Schicksal. „Hetzer“ wurden festgenommen und in einigen Fällen in verschiedenen Teilen Europas inhaftiert, „sexistische“ Fernsehsendungen oder Zeitungsartikel wurden zurückgezogen und aus der Öffentlichkeit entfernt. Auffällig ist auch, wie schnell die „Je suis Charlie“-Bewegung endete und durch ein Raunen, die Karikaturisten wären ja irgendwie selbst schuld, ersetzt wurde, das auf dem gesamten Kontinent zu hören war.

In Frankreich selbst wurden in den Wochen seit dem Angriff auf Charlie Hebdo Anhänger rechtsextremer Ideologien für verbale Verbrechen („Volksverhetzung“) verhaftet. Drei Menschen mussten wegen „homophober Tweets“ Bußgelder zahlen. Die Meinungsfreiheit unterdrücken – dafür benötigt Europa keine Hilfe von außen; seit Jahren wird sie eingeschränkt, von innen, durch Gesetze, Politiker, Studenten, Aktivisten und, ja, von Islamisten. Das Attentat in Kopenhagen fand nicht in einem Vakuum statt – sondern an einem Ort und zu einer Zeit, in der freie Meinungsäußerung zu einer verhandelbaren Ware verkommen ist. Provokation oder Beleidigung kommen einer moralischen Sünde gleich. Mehr und mehr Menschen meinen, sie hätten das Recht, alle zum Schweigen zu bringen, die ihnen missfallen.

Das muss aufhören. Der Argwohn gegenüber der Meinungsfreiheit, die Entschuldigungen, wenn sich mal wieder jemand beleidigt fühlt, die Lust an der Unterdrückung und Zensur aller, die es wagen, uns zu ärgern oder stören …all das muss aufhören. Denn es zerstört die offene und ehrliche Debatte und bestärkt immer größere Teile der Gesellschaft darin, anderen beleidigt den Mund zu verbieten und Konsequenzen anzudrohen. Oder sie mit Gewalt zum Schweigen zu bringen, wie in Paris und Kopenhagen. Wie sollten wir auf diesen gewaltsamen Angriff auf eine Debatte über die Meinungsfreiheit reagieren? Indem wir mehr darüber reden, an mehr Orten, öfter, mit mehr Menschen, mit so vielen wie möglich. Spiked weiß, auf welcher Seite der Debatte wir stehen werden: Auf der Seite der bedingungslosen Meinungsfreiheit. Selbst Blasphemiker – ob gegen die alte Religion des Islams oder gegen die neuere säkulare Religion der politischen Korrektheit und des Beleidigung-Vermeidens – müssen frei sein, zu denken, sagen, schreiben, zeichnen und verspotten, was auch immer sie wollen.