17.11.2014

Klimapolitik: Kreative Regierungsstatistiken

Analyse von Fred F. Mueller

Die unrealistischen Klimaziele der Regierung sind nicht zu halten und beruhen auf „kreativen“ statistischen Prognosen. Um sie zu erreichen müsste die Wirtschaft mit unsinnigen Regularien weiter geschwächt werden. Es drohen Wohlstandsverluste, wie Fred F. Mueller zeigt

Im Rahmen der Vorbereitungen auf den „Weltklimagipfel“ im November/ Dezember 2015 in Paris hat die EU Handlungsbereitschaft demonstriert. Auf diesem Gipfel soll nach langer Verzögerung der Nachfolger des Kyoto-Protokolls beschlossen werden, um den Kampf gegen den Klimawandel entscheidend voranzubringen. Auf Drängen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wurden dabei für die künftige Klimapolitik der EU ehrgeizige Ziele zur Reduktion des „Klimagases“ CO2 beschlossen Um 40 Prozent im Vergleich zu 1990, so die mutigen EU-Granden, soll der CO2-Ausstoss der EU bis 2030 sinken. Für Deutschland soll dies schon 2020 der Fall sein [1]. Dabei zweifelt nun offenbar selbst die Regierung an ihren Zielen. Im aktuellen Spiegel wird Vizekanzler Sigmar Gabriel mit folgenden Worten ziert: „Ist doch klar, dass das Ziel nicht zu halten ist“. [2] Wie kam es zu dieser Zielsetzung, und wie realistisch erscheint die Durchsetzung? Zeit für einen Realitätstest.

Das Interessante an der deutschen Klimapolitik ist die Tatsache, dass man hier besonders schön die altbekannte Tatsache vorgeführt bekommt, dass man keiner Statistik trauen sollte, die man nicht selbst gefälscht hat. Statt von Fälschung spricht man in maßgeblichen Kreisen heute allerdings lieber vornehm von „kreativem Umgang“.

Betrachtet man die Auftragung der CO2-Emissionen für Deutschland im Zeitraum ab 1990 in Abbildung 1, so zeigt sich ein erkennbar nach unten verlaufender Trend. Besonders hilfreich war vor allem in den Anfangsjahren, dass man die weltweit einmalige Gelegenheit hatte, die geradezu grotesk energie-ineffiziente Infrastruktur der ehemaligen DDR abzuwickeln. Die DDR hatte pro Kopf der Bevölkerung einen wesentlich höheren Energieverbrauch als der Westen. Es gibt u.a. Berichte über Wohnhäuser, wo man die Temperatur im Winter dadurch regelte, indem man die Fenster mal mehr und mal weniger öffnete, weil die Heizung kein Ventil hatte. So war es leicht, spektakuläre Einsparungen zu erzielen. Allerdings gibt es auch Jahre, in denen es zu einem erneuten Anstieg kam.



Abbildung 1: Für die letzten 24 Jahre weisen die jährlichen CO2-Emissionen in Deutschland eine erkennbar rückläufige Tendenz auf.

Traumhafte Klimaziele

Erklärtes Ziel der aktuellen Bundesregierung ist eine Reduktion dieser „Treibhausgas“-Emissionen um 40 Prozent bis zum Jahre 2020 [3]. Die Frage ist allerdings, wieweit dieses Ziel realistisch erreichbar sein dürfte. Üblicherweise untersucht man dazu den bisherigen Verlauf mithilfe statistischer Verfahren. Dazu analysiert man die Messwerte daraufhin, ob ihr Verlauf durch eine mathematische Funktion beschrieben werden kann. Mit der dann gefundenen Gleichung rechnet man dann die in der Zukunft zu erwartenden Werte aus, um festzustellen, ob sich die gewünschte Abnahme bis zum entsprechenden Zeitpunkt einstellen dürfte. Falls ja, wäre alles im grünen Bereich. Anderenfalls wird man seitens der Politik entsprechende Zwänge (Pardon, gemeint sind natürlich Anreize) einsetzen müssen.

Allerdings gibt es zahlreiche unterschiedliche statistische Auswerteverfahren, so dass man bei ihrer Auswahl und ihrem Einsatz, wie bereits erwähnt, eine gewisse „Kreativität“ ausleben kann. Versuchen wir also zunächst herauszufinden, welcher dieser Methoden sich die Politik vermutlich bedient hat, um zur Festlegung des 40 Prozent-Ziels bis zum Jahre 2020 zu kommen. Folgt man der Logik der allseits bekannten Zunft der Milchmädchen, die deutschen Politikern bei allem, was höhere Mathematik angeht, häufig als Vorbild zu dienen scheinen, so vermeidet man am besten allzu aufwendige Rechenverfahren. Am einfachsten ist es, zwei geeignet erscheinende Messdaten herauszugreifen: Einmal als Ausgangspunkt das Jahr 1990 und einmal einen Wert so ungefähr gegen Ende der Messreihe hin, der so liegt, dass eine durch beide Punkte gezogene gerade Linie im Jahre 2020 beim gewünschten Zahlenwert endet. Und siehe da, es geht: Die Erreichung des heute gültigen 40 Prozent-Ziels erscheint zwanglos möglich, wenn man lediglich die Werte der Jahre 1990 und 2009 durch eine gerade Linie verbindet und diese anschließend bis 2020 verlängert.



Abbildung 2: Eine Trendlinie auf der alleinigen Grundlage der Werte von 1990 und 2009 lässt das 40 Prozent-Ziel durchaus realistisch erscheinen.


Soweit, so gut. Allerdings stimmt dieser Trend aufgrund der dummerweise äußerst unflexiblen Gesetze der Mathematik nur, solange man die übrigen Werte der Reihe aus der Betrachtung herauslässt. Eine saubere Trendauswertung sollte jedoch alle in einer solchen Zeitreihe enthaltenen Werte berücksichtigen.



Abbildung 3: Lineare Trendermittlung für die CO2-Emissionen 1990-2013 mit Projektion bis 2030. Für das Jahr 2020 wird das 40 Prozent-Ziel jetzt deutlich verfehlt.

Böse Realität

Berücksichtigt man also für die Berechnung eines linearen Trends alle Werte der Jahre von 1990 bis 2013, so erhält man eine Abnahmerate von 0,81 Prozent pro Jahr. Bis 2020 erhielte man so eine Verringerung der Emissionen um 24,3 Prozent, während der Wert für 2030 bei 32,4 Prozent läge. Für eine politische Führung, die gerne als weltweites Vorbild in Sachen Klimaschutz wahrgenommen werden möchte, ist das keinesfalls ausreichend.

Zudem zeigt sich bei genauer Betrachtung der Werte in Abb. 3 eine ärgerliche Unstimmigkeit: Im Verlauf der letzten fünf Jahre stiegen die CO2-Emissionen recht deutlich wieder an. Dies könnte auf einen Bruch bzw. eine Umkehr des bisherigen Trendverlaufs hindeuten. Um dies genauer zu erkennen, kann man für den gesamten Datenpark den gleitenden Durchschnitt ermitteln und als Kurve darstellen. Dies ist eine leicht zu handhabende Methode, mit deren Hilfe sich schnell erkennen lässt, ob im Verlauf einer Wertereihe Trendänderungen auftreten, wie eine entsprechende Darstellung zeigt.



Abbildung 4: Der gleitende Durchschnitt macht Trendwechsel besser erkennbar.


Tatsächlich erkennt man bei Anwendung dieser Methode deutlich einen Trendwechsel im Zeitraum ab 2009. Für die Analyse der Zeitreihe sollte man daher besser eine Polynomfunktion wählen. Als sinnvollster Ansatz wurde ein Polynom zweiter Ordnung (Abbildung 5) gewählt, weil dieses von verschiedenen vertretbaren Ansätzen das beste Bestimmtheitsmaß aufweist.



Abbildung 5: Verwendet man für die Analyse der Zeitreihe einen Polynomansatz zweiter Ordnung, so sinkt der CO2-Ausstoß nicht unter 800 Millionen Tonnen jährlich und es kommt ab etwa 2025 sogar zu einem erneuten Anstieg.


Als Fazit ergibt sich, dass der bisherige Verlauf der Reduktion des deutschen CO2-Ausstoßes im Zeitraum seit 1990 bei korrekter Handhabung der üblichen statistischen Verfahren die Regierungsziele nicht bestätigt. Den deutschen Umwelt- und Klimapolitikern bleiben daher nur zwei gleichermaßen unangenehme Alternativen: Entweder sie geben zu, dass die angestrebten „Klimaschutzziele“ unrealistisch und daher nicht zu erreichen sind, oder sie ergreifen einschneidende Maßnahmen für eine verstärkte Einschränkung des Energieverbrauchs. Letzteres dürfte jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes haben.

Deutschland gegen den Rest der Welt

Wenn man sich von der deutschen „heilen Klimaschutz-Welt“ abwendet und die weltweite Entwicklung der letzten 24 Jahre in Sachen CO2-Ausstoß und Klimapolitik genauer ansieht, bekommt man den Eindruck, dass sich Deutschland diesbezüglich mehr und mehr ins Abseits manövriert Deutschland hat in den letzten 24 Jahren weit mehr als eine halbe Billion Euro in das Bemühen investiert, seinen CO2-Ausstoß um etwa 200 bis 220 Millionen Tonnen jährlich zu senken. Doch was bedeutet das im Vergleich mit der Wirklichkeit auf dem Rest des Planeten?

Abbildung 6 zeigt, wie sich der weltweite menschengemachte CO2-Ausstoß seit Beginn der Industrialisierung im 18./19. Jahrhundert verstärkt hat. Die Kurve lässt erkennen, wie sehr die Entwicklung unserer heutigen technischen Zivilisation mit der Möglichkeit der Nutzung von zusätzlichen, nicht-natürlichen Energieressourcen verknüpft ist. Mitte des 18. Jahrhunderts war der Mensch noch auf Holz, eigene Muskelkraft, Zugtiere und ein wenig Wind- und Wassermühlentechnik angewiesen. Ohne Motoren, Heizöl und Elektrizität könnte unser Planet schwerlich mehr als eine Milliarde Menschen ernähren, und selbst deren Lebensstandard wäre kümmerlich: Kalte Wohnungen, harte körperliche Arbeit, Mangelernährung, Seuchen, früher Tod im Kindbett, Zähne ziehen ohne Betäubung etc.



Abbildung 6: Die Entwicklung unserer heutigen technischen Zivilisation war nur durch Nutzbarmachung zusätzlicher Energieressourcen möglich. [4]


Grundlage der Selbstverpflichtung Deutschlands und auch der EU ist das als Kyoto-Protokoll bezeichnete Abkommen, das mit diversen Nachbesserungen eine Reduktion der Treibhausgasemissionen bis 2020 um bis zu 40 Prozent vorsieht. Seit seiner Verabschiedung hat die Welt allerdings nicht stillgestanden. Der rote Teil der Grafik in Abb. 6 zeigt, dass der mit der Industrialisierung begonnene Trend zu verstärkter Nutzung fossiler Ressourcen auch nach 1990 völlig ungebrochen anhielt. Von 1990 bis 2012 stieg der weltweite CO2-Ausstoß um rund 13 Milliarden Tonnen pro Jahr auf inzwischen knapp 35,5 Milliarden Tonnen pro Jahr an [USDE]. [5] Das entspricht einer Zunahme von fast 58 Prozent. Die von Deutschland erzielten Einsparungen machen lediglich etwa 0,5 Prozent dessen aus, was die gesamte Menschheit inzwischen an CO2 produziert.

Kosten der Selbsttäuschung

Für die Utopie, quasi im Alleingang gegen alle anderen die Welt vor dem „Klimawandel“ retten zu müssen, zahlt Deutschland einen hohen und immer weiter steigenden Preis. Dieser drückt sich nicht nur in den Hunderten von Milliarden Euro aus, die hierzulande in untaugliche Systeme zu Erzeugung „erneuerbarer“ Energie investiert werden, sondern auch darin, dass das Land in der Rangliste moderner Industrienationen stetig immer weiter nach unten rutscht. Besonders deutlich wird das am Beispiel von Grundstoffindustrien wie beispielsweise der Stahlerzeugung.



Abbildung 7: Während Deutschlands Stahlproduktion mit ca. 44-45 Millionen Tonnen pro Jahr seit 1990 praktisch stagniert, ist sie weltweit um 109 Prozent auf inzwischen 1607 Millionen Tonnen Jahr angestiegen [6].


Damit hat sich der Anteil Deutschlands an der Welt-Stahlproduktion innerhalb der letzten 24 Jahre mehr als halbiert. Mit nur noch knapp drei Prozent rutscht das Land industriepolitisch inzwischen selbst in der zweiten Liga schon in Richtung Abstiegsränge. Ähnliche Entwicklungen sind auch in anderen wichtigen Industriesektoren wie Aluminium, Zement sowie der Chemie zu beobachten. Einer Meldung zufolge hat die chemische Industrie– und das ist Deutschlands drittgrößter Industriesektor nach Auto- und Maschinenbau – seit 2011 ihre Produktion bzw. ihre Investitionen in Deutschland nicht erhöht. [7] Und der gleichen Quelle zufolge erwägt laut einer Umfrage der deutschen Industrie- und Handelskammer fast ein Viertel aller Unternehmen der Schwerindustrie, ihre Produktion in Deutschland zu verringern. Was viele Mitbürger zudem nicht wissen: Deutschland kauft heute energieintensiv erzeugte Metalle und Chemikalien in viel größerem Umfang ein als früher. Auf gut Deutsch gesagt: Wir lassen andere Länder die CO2-intensiven Produkte erzeugen, die wir selbst nicht mehr herstellen wollen, kaufen diese dann ein und brüsten uns vor der Öffentlichkeit dann als die ganz tollen CO2-Einsparer.

Aus Angst vor einem Klimawandel, an dessen Existenz neben immer mehr Wissenschaftlern auch wachsende Anteile der Bevölkerung deutliche Zweifel anmelden, hat sich das Land einer ruinösen „Klimarettungspolitik“ verschrieben. An die Erreichbarkeit der lauthals verkündeten „Klimaziele“ durch Reduktion unseres CO2-Ausstoßes können höchstens noch Milchmädchen glauben. Der Rest der Welt sieht Deutschland bei seinem Kurs ins industriepolitische Abseits mit einem mokanten Lächeln auf den Lippen zu und wahrt zugleich seine wirtschaftlichen Interessen. Getreu dem Spruch Sigmar Gabriels: „Für die meisten anderen Länder in Europa sind wir sowieso Bekloppte“. [8] Dazu passt, dass die USA und China sich soeben auf „Klimaziele“ geeinigt haben: USA minus 26-28 Prozent bis 2025, China will bis 2030 seine Emissionen weiter steigern und erst ab 2030 deckeln.

Weitere unsinnige Belastungen für die Industrie

Natürlich ist auch der Politik klar, dass Deutschland seine vollmundig proklamierten Ziele wohl kaum erreichen wird. Doch statt die Ziele zu ändern, übt man lieber in bewährter Manier Druck auf die Industrie aus. Einer Mitteilung im Spiegel Online zufolge hat das Kabinett in der vergangenen Woche beschlossen, dass gut 50.000 Firmen in der Bundesrepublik alle vier Jahre sogenannte Energie-Audits durchführen sollen, eine Art Buchprüfung für Energieeffizienz. [9] Interessierte Kreise aus „der Wissenschaft“, die sich offensichtlich lukrative Aufträge seitens der unter Druck gesetzten Unternehmen erhoffen, bemängeln der gleichen Meldung zufolge, dass die Maßnahmen zu unverbindlich seien. Sie hoffen auf ein weiteres Bündel von Maßnahmen „für einen effizienteren Energieeinsatz“, das das Bundeskabinett am 3. Dezember beschließen will. Der „Nationale Aktionsplan für Energieeffizienz“, kurz Nape, und soll ebenfalls helfen, das „Klimaziel“ zu erreichen. Dabei geht es um ganze 23 Millionen Tonnen CO2 im Jahr, wofür die Firmen 15 Milliarden Euro investieren sollen.

Abgesehen von dem bürokratischen Aufwand, wenn 50.000 Firmen gezwungen werden, jeweils etliche Mitarbeiterstunden auf das Studium dieser neuen bürokratischen Monstrosität zu verschwenden, ist schon die Tatsache entlarvend, dass man seitens des beteiligten Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung glaubt, den Unternehmen vorrechnen zu müssen, wie lohnend die entsprechenden Investitionen doch seien. Diese Bürokraten-„Wissenschaftler“ in ihren Elfenbeintürmen haben anscheinend nicht die geringste Vorstellung davon, in welchem Umfang sich jeder Gewerbebetrieb tagein, tagaus mit der Möglichkeit beschäftigt, Kosten zu senken, wo immer es nur geht. Diesen Leuten braucht man ihren Job nicht zu erklären, sie wissen selbst ganz genau, wann sich eine Investition rechnet und wann eben nicht. Denn diejenigen, die es nicht können, werden vom Wettbewerb eher früher als später aussortiert.