04.12.2012

Kindesmissbrauch: Empört Euch bitte nicht so sehr!

Von Sabine Beppler-Spahl

Aktuell wird viel über einen möglichen Fall von Kindesmissbrauch an der Berliner Charité geredet. Für Sabine Beppler-Spahl fördert die alarmistische Diskussion eine Atmosphäre gesellschaftlichen Misstrauens. Auch der Kinder zuliebe sollten wir wieder rationaler mit dem Thema Missbrauch umgehen

„Völlig unklar“ sei der Fall des mutmaßlichen Missbrauchs einer 16 jährigen Patientin in der Kindernotaufnahme der Charité (Berlin), heißt es plötzlich, Ende November, von Seiten der Staatsanwaltschaft. Das überrascht, denn in den Tagen zuvor bombardierte uns die Presse mit recht eindeutigen Meldungen: „Krankenpfleger soll 16 jährige Patientin vergewaltigt haben“ (FAZ.net vom 21.11.2012), „Kinderpfleger vergewaltigt 16-Jährige“ (Focus online, 21.11.2012), „16 jährige missbraucht – Pfleger fiel schon öfter auf (Hamburger Abendblatt, 21.11.2012), Vertuschen und abwiegeln an der Charité (Berliner Zeitung, 22.11.12) waren nur einige der zahlreichen Schlagzeilen.

Nun aber hören wir, dass hier viel Wirbel gemacht wurde, obwohl es bis dato nicht einmal eine Anklage gab. Zudem soll das mutmaßliche Opfer unauffindbar sein: „Charité – Wo ist das Opfer?“, heißt es in der FAZ vom 28.11.2012. [1] Im gleichen Artikel erfahren wir, dass es selbst mit der vermeintlichen „Vorgeschichte“ des Pflegers nicht allzu weit her war.

Kann es sein - ja darf es sein - dass bei einem solch sensiblen Thema wie dem Kindesmissbrauch wieder einmal jede Hemmschwelle der Vorsicht und Rücksichtnahme über Bord geworfen wurde? Wenn aus Spekulationen, Erzählungen Dritter und der defensiven Stellungnahmen einer Krankenhausleitung kurzerhand, ohne Zögern, eine große Missbrauchsstory gestrickt wird, dann ist etwas faul. Dabei müsste es hinlänglich bekannt sein, wie viel Schaden vorschnelle Urteile und Alarmismus in Sachen Kindesmissbrauch anrichten können. Hierzu zählen eine vollkommen übertriebene Risikowahrnehmung und eine Misstrauenskultur, die immer mehr Bereiche umfasst und das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern potentiell schwer belastet.

Ein Vorwurf, dem sich die Klinikleitung der Charité von Anfang an ausgesetzt sah, war, den Fall viel zu spät bekanntgegeben zu haben. Erst nach einer Woche, so ist zu lesen, habe sie über den Vorfall berichtet.

Wenn man jedoch die Dutzenden von Artikel liest, scheint es eher, dass viel zu früh informiert wurde, denn die alarmierten Journalisten standen offenbar vor der Schwierigkeit, aus einem Fall etwas Öffentlichkeitswirksames zu machen, über den es praktisch keine Informationen gab. Keine Anzeige, keine Aussage des Opfers, keine Informationen zum vermeintlichen Tathergang. Das einzige, was sie so liefern konnten, war öffentliche Erregung. Hätten nicht sowohl der Schutz des langjährigen Mitarbeiters sowie der des Mädchens mehr Diskretion erfordert?

Zudem impliziert die Empörung über die vermeintlich zu späte Information der Presse, es gäbe Anlass für die dringende Aufklärung der Bevölkerung. Was für ein Anlass sollte das sein? Der Grund zur Annahme, man dürfe sich nicht mehr in die Charité trauen und Eltern müssten um ihre Kinder fürchten? Leider lässt die Reaktion der Klinik vermuten, dass auch sie diese Interpretation befördern will. Offenbar um zu zeigen, dass etwas unternommen wird, richtete sie schnell eine Hotline ein, in der besorgte Eltern und Patienten mit Psychologen reden konnten. Worüber? Über die akute Gefahr, die von dem suspendierten Tatverdächtigen ausgeht? Oder darüber, dass die Tat, über die nichts bekannt ist, nur die Spitze des Eisbergs ist, über den noch weniger bekannt ist? Zudem wurde ein Expertengremium einberufen, um nach Ursachen zu forschen. Ursachen wofür? Den Fall vom 14. November? Oder den unzähligen unter der Wasseroberfläche? Charité-Chef Karl Max Einhäupl lässt sich dazu in einer Pressemitteilung der Klinik vom 22.11. mit den Worten zitieren, es gehe „um die Frage, welche Strukturen innerhalb der Charité solche entsetzlichen Vorgänge begünstigt bzw. erst möglich gemacht haben.“ Die Botschaft ist klar.

Der Staatsanwaltschaft ist zugute zu halten, dass sie zur Zurückhaltung mahnt. Hinter dem Vorwurf, die Charité-Leitung habe nicht rechtzeitig informiert, verbirgt sich aber mehr als nur eine vorschnelle Presse. Vielmehr entspricht er der leider weit verbreiteten Maxime, dass jeder Verdacht auf Missbrauch ernst genommen und möglichst schnell den Behörden mitgeteilt werden muss – auch wenn die Beweise für eine Anklage nicht ausreichen oder sehr dürftig sind. In den Augen derer, die so denken, stellt nur der unerkannte Missbrauch ein Problem dar, nicht jedoch die mögliche Falschbeschuldigung, die daraus entstehen kann. Wenn aber, wie manche zu meinen glauben, das Opfer immer recht hat, welchen Schutz gibt es dann noch für den unschuldigen Erwachsenen, der bösartigen Unterstellungen ausgesetzt ist? Wenn wirklich jeder vage Verdachtsfall öffentlich gemacht werden müsste, dann hätten wir schnell eine Situation, in der wir kaum noch zwischen Gerüchten und Tatsachen unterscheiden könnten.

Insofern war es richtig, dass die Rechtsabteilung der Charité zunächst die Klärung der Vorfälle abwarten wollte, bevor sie Strafanzeige erstattete. Die Klinik beschäftigt rund 13.000 Mitarbeiter. Einige, wenige davon sind mir persönlich bekannt. Keiner von meinen Bekannten will (und kann) sich ein Urteil darüber erlauben, was in den drei Minuten, in denen der beschuldigte Pfleger mit dem Mädchen alleine gewesen sein soll, passiert ist. Sie kennen den Pfleger nicht einmal. Allen aber ist bewusst, welche Folgen die Behauptung, ein Kind oder eine Jugendliche falsch berührt zu haben auch für sie hätte: „In einem Job, in dem man den Patienten täglich die Hose ausziehen muss, ist man immer gefährdet“, sagt eine Krankenschwester. Sie glaubt, dass eine Beschuldigung extrem belastend sein muss. Selbst wenn man glaubhaft machen könnte, dass nichts an den Vorwürfen dran sei, „das Stigma bleibt immer an einem hängen.“ Im Hamburger Abendblatt lesen wir am 22.11. dazu lapidar: „Laut Einhäupl sind inzwischen einige Mitarbeiter gebeten, sich um das Wohl das Pflegers zu kümmern, damit dieser sich nichts antue.“

Diejenigen, die meinen, dass Unschuldige nichts zu befürchten hätten, sollten an den größten Missbrauchsprozess der Bundesrepublik erinnert werden. Auch damals zeigte sich, dass die Art der öffentlichen Thematisierung und der von manchen Lobbygruppen betriebene Eifer die Grundlagen der Rationalität längst verlassen hatten. So fanden zwischen 1993 und 1997 Strafprozesse, die sogenannten Wormser Prozesse vor dem Landgericht Mainz statt, bei denen 25 Personen, die meisten von ihnen Familienväter, des massenhaften Kindesmissbrauchs angeklagt waren. Die Prozesse endeten mit dem Freispruch aller Beschuldigten. Doch die Folgen für die Betroffenen waren verheerend: Im Zuge der Prozesse wurden Kinder in Heime gesteckt, Ehen geschieden und Berufe zerstört.

Traurigerweise befördern die Maßnahmen, die jetzt zum Schutz vor Missbrauch in dem ohnehin überlasteten Krankenhausbetrieb eingesetzt werden, weiteres Misstrauen. Da ist zum einen die hastig eingeführte Vorschrift, dass alle Mitarbeiter, die in Kontakt mit Kindern oder psychisch Kranken stehen, ein erweitertes Führungszeugnis einreichen müssen. Das betrifft an die Tausend Pfleger und Ärzte, auch wenn diese schon seit Jahren im Krankenhaus arbeiten. Ganz abgesehen davon, dass Führungszeugnisse keinen Schutz vor Missbrauch darstellen, sollten wir uns fragen, ob tatsächlich die gesamte Belegschaft besser kontrolliert werden muss, wegen eines Einzelfalls. Die Krankenpfleger, mit denen ich spreche, haben recht, wenn sie den Generalverdacht beklagen, unter den sie dadurch gestellt werden: „Die Arbeit wird immer härter und jetzt wird sie noch schwerer werden“, sagt eine von ihnen. Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn die Misstrauenskultur so weit getrieben wird, dass Pfleger überhaupt nicht mehr mit Patientinnen allein sein dürfen. Wie uns der gesundheitspolitische Sprecher der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus, Wolfgang Albers, mitteilt, gelte ohnehin das Prinzip, dass bei männlichen Pflegern immer eine dritte Person im Raum sein sollte. Gegen dieses “ungeschriebene Gesetz” sei in der Charité-Rettungsstelle offensichtlich verstoßen worden, wird Albers in der Berliner Morgenpost vom 23.11. zitiert.

Bleibt zu hoffen, dass die Kinderschutzverbände, die als Teil des Expertenteams zur „Missbrauchsprävention“ von der Krankenhausleitung angeheuert wurden, der Versuchung widerstehen, die eigene Arbeit durch diesen Vorfall aufzuwerten. Das ist aber kaum zu erwarten, denn sie tendieren seit Jahren dazu, das Problem endlos zu übertreiben. Allzu oft wird der Begriff des Missbrauchs inflationär angewandt, was nur zur Folge haben kann, dass die seltenen, aber wirklich schlimmen Fälle relativiert werden. Immer dann, wenn ein Fall auftritt, wird zudem gleich vermutet, dies sei nur die berühmte Spitze des Eisbergs: „Wie viele Missbrauchsopfer gibt es noch, Herr Klinik-Chef?“ titelt die Bildzeitung entsprechend. [2]

Besser wäre es, wenn wir versuchten, die Atmosphäre des Misstrauens zu durchbrechen. Wenn sich Erwachsene gegenseitig verdächtigen, geschieht dies auf Kosten unserer Kinder. Es kann nur zu Paranoia führen, wenn uns eingebläut wird, ständig und überall auf der Hut vor Missbrauch sein zu müssen. Immer neue bürokratische Regeln zum vermeintlichen Schutz unserer Kinder bestärken ein Gefühl der Paranoia. Für die Sozialisierung und Gesundheit unserer Kinder ist es unerlässlich, dass wir anderen Erwachsenen, ob Krankenpfleger, Sporttrainer, Lehrer, Erzieher oder sonst wem vertrauen. Wir können das auch tun, weil wir wissen, dass sich nicht hinter jedem Baum ein böser Mann verbirgt. Lasst uns deshalb alle bitte mit Kindesmissbrauch wieder etwas rationaler umgehen!