01.03.1999

Kinderopfer: Phantasmen der Unschuld

Analyse von Katharina Rutschky

Moderne, säkularisierte Gesellschaften befriedigen ihre religiösen Bedürfnisse im Kinderkult, der sich um reale Kinder nicht schert. Er kreist wie je zuvor im christlichen Abendland um Phantasmen der Unschuld und der Asexualität sowie des Opfers beider im Kind. Dabei denkt das sogenannte Abendland gar nicht mehr christlich. Aber die religiöse Struktur bleibt erhalten und beeinflußt alles, was für Kinder unternommen wird.

Anfang August letzten Jahres kam es in einem Berliner Mietshaus zu einer Gasexplosion. Es gab sieben Tote, darunter den 13jährigen Sven; alle anderen Opfer waren erheblich älter, ja alt. Schon bei den Rettungsarbeiten konzentrierte sich das Interesse der Massenmedien und des versammelten Publikums auf den Jungen. Die anderen Hausbewohner, nach denen die Feuerwehr grub und buddelte, interessierten kaum. Suchgeräte schienen eine Weile noch Leben unter den Trümmern anzuzeigen. Die Berliner Menschheit hätte aufgeatmet, wenn das Kind lebend aus den Trümmern hätte geborgen werden können. Zutage gefördert wurden dann aber bloß ein Hund und eine Katze - als Säugetiere senden sie dieselben Signale wie ein Mensch.

Die Eltern des besagten Sven hatten außer Haus genächtigt. Noch nie, so beteuerten sie gegenüber den Massenmedien, hätten sie ihr Kind allein gelassen. Und nun, ausgerechnet bei diesem ersten Mal, passierte das Unglück. Bei der Totenfeier auf dem Friedhof hatten sie nichts dagegen, daß die Medien dabei waren. Die Beerdigung der anderen sechs Opfer interessierte niemanden: Der Rentner und seine Tochter, die 46jährige Zeitungsbotin, welche mit dem Druck auf den Lichtschalter am Morgen nichtsahnend die Explosion ausgelöst hatte, der mittelalte Angestellte - ihnen allen kommt außerhalb der Unfallstatistik keine Bedeutung zu.

Ein gerettetes Kind hätte die anderen Toten nicht vergessen gemacht, aber vielleicht erlöst vom Verdikt des sinnlosen Sterbens durch einen banalen Zufall. Der Sven, der überlebt hätte, wäre für einige Wochen so populär gewesen wie der tote nur einige Tage. Statt Blumen an der Unglücksstelle hätte ein flinker Sponsor ihm eine Ferienreise gestiftet; denn das Unglück ereignete sich mitten in den Schulferien, die Sven, das einzige Kind der sehr jungen Eltern, zu Hause verbringen mußte.

Religiöse Energie

An den Reaktionen auf das Unglück in Berlin wurde ein auch anderswo zu beobachtender Trend ersichtlich: Wenn ein Kind gerettet wird, wird mehr als ein Kind gerettet. Und wenn ein Kind ums Leben kommt, nur dann ist das Opfer mehr als ein toter Mensch. Wallfahrtsähnliche Szenen und altarhafte Aufbauten konnte man in den letzten Jahren besonders dann beobachten, wenn ein Kind einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen war. Es ist das kindliche Menschenopfer, das Pilger anzieht und große, aber unbestimmte Gemütswallungen auslöst.

Über die Ursachen hierfür herrscht Unklarheit. Gewöhnlich wird den bösen Massenmedien die Schuld an hysterischen Szenen gegeben, bei denen jede Rücksicht auf das wirkliche Opfer und seine Angehörigen verlorengeht. Doch das ist eine kurzsichtige Interpretation. Vielmehr führt die Opferfeier aufs Terrain einer unvernünftigen, vorkirchlichen Religiosität. Es scheint geradezu so, als ob Kinder immer mehr in den Mittelpunkt rücken und religiöse Energie binden, je weiter sich die Gesellschaft von den etablierten Kirchen entfernt. Gerade als Ausnahme erinnert das Opfer an das, was den Menschen am heiligsten, aber keineswegs völlig selbstverständlich ist: den Respekt vor dem Leben des anderen, den Verzicht auf Gewalt, den Schutz der Schwachen und die Bändigung der Sexualität. Der Umgang mit Sexualstraftaten in unserem Rechtssystem mißlingt, weil wir in der Tat, unbewußt, aber nicht einmal zu Unrecht, eine Attacke auf unser aller Religion vermuten. Doch das sei hier nur am Rande erwähnt.

Ein Herz für Kinder

Kindern kommt heute in der zwischen Bevormundung, Sozialpolitik und Religion zunehmend gespannten Atmosphäre eine neue Bedeutung zu. Der 13jährige Berliner Schuljunge Sven - ich zögere, es zu Papier zu bringen - kann froh sein, daß er tot ist. Ebenso seine Eltern und wir alle, die an den Rettungsarbeiten Anteil genommen, Blumen abgelegt oder zumindest in den Zeitungen die Begebenheiten bewegt verfolgt haben. Schon wegen der Auseinandersetzung mit den Versicherungen der toten Hausbewohner und ihren Erben (auch der Hausbesitzer will entschädigt werden) kam es zu scharfen polizeilichen Ermittlungen. Natürlich hatten auch die städtischen Gaswerke ein großes Interesse daran, ihren Ruf wieder aufzupolieren.

  Einige Wochen nach der Gasexplosion sprach alles dafür, daß wir in Sven den Täter beziehungsweise den Auslöser der Katastrophe zu sehen haben, dem, außer ihm, sechs weitere Menschen zum Opfer fielen. Es sieht so aus, als habe der Junge einen Prüfstutzen der Gasleitung im Keller manipuliert, etwa eine halbe Stunde vor der Explosion.

Erst als diese Information ans Tageslicht kam, änderte sich das Bild. Nun plötzlich erfuhren wir Einzelheiten über Sven, und wir konnten auch versuchen, uns die Eltern vorzustellen, die ihn in jener verhängnisvollen Nacht allein gelassen hatten. Sven war alles andere als ein Musterknabe. Dauernd hat er etwas angestellt: er hat gekokelt, Autoreifen zerstochen, Kot in die Briefkästen geschmiert, mit einem Luftgewehr aus dem Fenster geschossen und Nachbarn zu Tode erschreckt. Das waren keine Pubertätssymptome; bei dieser Massierung von Untaten kann auch von Lausbubenstreichen wohl nicht mehr die Rede sein, zumal er sie allein verübt hat.

Die Eltern, gerade dreißig und, wie man so sagt, einfache Leute, waren überfordert. Kein Lehrer, kein Schulpsychologe oder Kinderarzt, auch kein Nachbar konnte oder wollte ihnen raten. Mitten in Berlin, das über ein ausgezeichnetes Netz von Hilfseinrichtungen für schwierige Kinder und Familienverhältnisse verfügt, wurde nach einer langen Anlaufzeit ein Schuljunge zum Mörder und Selbstmörder. Er hat nicht gehungert und gefroren; die Eltern haben ihn nicht mißhandelt; er wurde nicht als Kinderarbeiter ausgebeutet; er durfte zur Schule gehen, und seine Eltern hatten ihm Hund und Katze geschenkt.

Die Kehrseite der Medaille

Ein weiteres Beispiel macht ebenso deutlich wie der Fall Sven, daß Sachlichkeit rasch abgelegt wird, sobald Kinder im Spiel sind. In Düsseldorf wurde vor wenigen Monaten ein Hochstapler verurteilt. Unter falschem Namen, mit erschwindelten Titeln und dito Geldern gründete ein Dr. Jung 1994 eine Initiative mit dem Namen “Kinder sind tabu”. Sie wollte sich dem Ziel verschreiben, endlich den massenhaften, aber auch 1994 immer noch angeblich sträflich vernachlässigten sexuellen Mißbrauch von Kindern zu bekämpfen. Angeregt zu diesem Unternehmen wurde Dr. Jung alias Willi Luchs durch Ex-Außenminister Klaus Kinkel, der auch gleich die Schirmherrschaft übernahm. Schnell gewonnen wurden andere Prominente, so die ARD-Moderatorin Sabine Christiansen - die bei der UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, als Botschafterin tätig ist - und auch Max Schautzer, der Fernsehstar.

Niemand hat es ausgeschlachtet, daß der frühere Außenminister der Bundesrepublik Deutschland einem Hochstapler zum Opfer fiel. Auch die UNICEF hat es Sabine Christiansen nicht verübelt, daß sie bei einem Schwindelunternehmen mitgemacht hat. Den Grund für diese Zurückhaltung vermute ich in unser aller recht blinden Begeisterung für die Kinderrettung. Der hohe Zweck heiligt die Mittel - da ging es nicht an, Kinkel wegen Dummheit zu tadeln und Schlüsse auf seine Fähigkeit zur Amtsführung zu ziehen. Seine und natürlich auch die moralische Integrität von Sabine Christiansen e tutti quanti standen ohnehin nicht zur Debatte, denn allem Anschein nach gilt: Wer sich, wo auch immer, mit wem auch immer und wie auch immer für Kinder einsetzt, noch dazu für solche, die sexuell mißbraucht worden sind, ist über jede Kritik erhaben, mögen da auch Millionen verschleudert worden sein.

Irrealer Kinderkult

Der Kinderkult schert sich nicht um reale Kinder. Je weniger die Leute in ihrem Alltag mit Kindern zu tun haben (und das ist der Großteil der Bevölkerung), desto sentimentaler werden sie. Ihr Entsetzen und ihr Mitleid werden grenzenlos, weil sie sich, wie eine nordamerikanische Therapieschule lehrt, eben nicht mit wirklichen Kindern, sondern mit dem Kind in sich beschäftigen. Das ist das verkannte, womöglich noch geschlagene Wesen, das sie einmal waren, und das ist der Unschuldsengel, den sie tief drinnen immer noch beherbergen. Das wahre Kind ist nie das nächste Kind, das man sehen und hören kann, mit all seinen Widersprüchen - das wahre Kind ist das wahre Selbst, von dem man träumt.

Einen deutlichen Hinweis hierauf gab es, als kürzlich Berlin - als neunter deutscher Stadt - die UNICEF-Partnerschaft übertragen wurde. Es stellte sich heraus, daß 1996 München in derselben Rolle 4,5 Millionen Mark Spendengelder zusammengebracht hatte. In Magdeburg waren es 1997 nur 830.000 Mark. Düsseldorf sollte es, den Halbzeitergebnissen zufolge, bis Ende 1998 auch noch auf 900.000 Mark bringen. Über das Abschneiden Berlins wurde gemutmaßt. Interessanter ist aber eigentlich die Frage, warum München so exorbitant aus der Reihe fällt mit dem Spendenaufkommen. Ich behaupte: München hat ein großes Herz für Kinder, weil es die Stadt der Singles ist, die teils gut verdienen, teils häufig über ihrer Kindheit brüten.

Angstmache mit Kindergewalt

In München wollte man aber auch ein Exempel statuieren. Wegen zahlloser Straftaten wurde ein 14jähriger Junge türkischer Herkunft, jedoch nicht in der Türkei geboren, aus Deutschland ausgewiesen. Seine Eltern lebten und arbeiteten seit dreißig Jahren in der bayerischen Hauptstadt. Die lange Liste der Straftaten des Jungen konnte man schwer beurteilen, weil einer, der noch nicht strafmündig ist, natürlich auch nicht Objekt sorgfältiger polizeilicher oder richterlicher Ermittlungen sein kann.

  An dieser Abschiebung zeigte sich die Kehrseite der Medaille, auf der vorn groß die Kinderliebe für die mißbrauchten und mißhandelten Kinder in aller Welt steht. Auf dieser Kehrseite der Medaille ist von der Gewalt die Rede - der Gewalt, welche Kinder gegen ihresgleichen beispielsweise auf dem Schulweg ausüben. Andere Leute, die Kinder nicht kennen, versuchen, uns mit der zunehmenden Kriminalität von Kindern zu erschrecken. Manche plädieren, um der Flut Herr zu werden, für eine Senkung des Alters, von dem ab ein Mensch für seine Taten zur Verantwortung gezogen werden kann. Manche plädieren auch dafür, Eltern zur Rechenschaft zu ziehen, die ihre Erziehungsaufgaben vernachlässigen.

Erneut zeigt sich: Wer hier und heute über Kinder redet, redet nicht über Kinder, sondern über eine Phantasie. Die Leute, die nicht flüssig von ihrer unglücklichen oder doch mißglückten Kindheit parlieren können, sind sehr selten. Welches Unrecht ist ihnen geschehen - was hätte aus ihnen werden können, wenn nicht Mama und Papa alles falsch gemacht hätten. Das Selbstmitleid paßt gut zur ewigen Erschütterung, weshalb die Nachgeborenen, eigene oder fremde, so undankbar sind. Warum sind sie nicht friedlich und ökologisch unbedenklich, sondern prügeln sich mit anderen und essen bevorzugt Hamburger? Es sind eben Kinder.

Wenn es so einfach wäre: Mit Kindern betreten wir das Terrain der Religion, nicht das der Sozialpolitik oder der humanitären Hilfe. Kinder provozieren uns als Opfer zur Mildtätigkeit und als Täter zum Durchgreifen. Es gehört beides zusammen: Hier schmelzen wir vor Mitleid hin und spenden gern, da sind wir empört, weil unser Wohlwollen nicht honoriert wird. Es wäre statt dessen angesagt, über Kinder und Kinderpolitik in völliger Nüchternheit zu verhandeln.