01.03.2002

„Kinder überzubehüten kann ihrer Gesundheit schaden“

Interview mit Frank Furedi

Frank Furedi im Gespräch über sein neues Buch Die Elternparanoia.

NovoArgumente:In Ihrem Buch kritisieren Sie die moderne „Erzieherindustrie“, die sich in Familien breit macht. Der Buchtitel Die Elternparanoia kann auch so verstanden werden, dass Sie paranoide Eltern als Problem betrachten. Ist das so?

Frank Furedi: Nein, mein Buch dreht sich nicht um paranoide Eltern. Es handelt von einer Kultur, die Eltern dazu zwingt, ständig überzureagieren und ihr eigenes Leben nur noch am vermeintlichen Wohl ihrer Sprösslinge auszutarieren. Ein wesentlicher Aspekt dieser Kultur ist die Sorge, die eigenen Kinder seien permanent in Gefahr. Im Schatten dieser Ängste ist eine ganze Armee von Experten herangewachsen, deren Aufgabe zu sein scheint, Eltern schlaflose Nächte zu bescheren. Ständig erinnern sie uns daran, wie hilf- und wehrlos Kinder sind. Dabei sollten wir uns lieber ins Gedächtnis rufen, wie widerstands- und anpassungsfähig Kinder sind und wie gut sie auch schmerzhafte Erlebnisse wegstecken können. Kinder erlitten schon immer kleinere und größere Unfälle. So wird es auch bleiben. Die Kleinen müssen lernen, Risiken einzuschätzen und selbstständige Entscheidungen zu treffen. Wenn Eltern versuchen, ihrem Nachwuchs immer und überall eine risikofreie Umgebung zu bieten, wird es gefährlich. Kinder permanent zu beaufsichtigen, sie überzubehüten, kann ihrer Gesundheit schaden. Unter dieser Kultur der Sicherheitsparanoia leidet heute wahrscheinlich die Entwicklung der kindlichen Potenziale am meisten.

Was verstehen Sie unter „kindlichem Potenzial“ – dass Kinder tapfer sind und nach einem Sturz nicht mehr weinen?

Darum geht es nicht. Kinder haben zum Beispiel das Potenzial, ihre eigene Vorstellungskraft und ihr Selbstgefühl zu entwickeln, indem sie ungestört mit Gleichaltrigen interagieren. Sie haben auch das Potenzial, ein gesundes Maß an Selbstzufriedenheit und Unabhängigkeit zu entwickeln. Solche Fähigkeiten sind sehr wichtig, um die vielfältigen Herausforderungen des Lebens meistern zu können. Diese Entwicklungsmöglichkeiten werden eingeschränkt, wenn Eltern ständig mit Argusaugen über ihre Kinder wachen.

In ganz Europa fokussieren elterliche Ängste seit einigen Jahren auf das Thema Kindesmissbrauch. Ist das in Ihren Augen auch eine Überreaktion?

Verantwortungsvolle Eltern werden sich immer darum bemühen, ihre Kinder vor Leid und Schmerz zu bewahren. Das ist gut und richtig. Aber es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen verantwortungsvollem und obsessivem Handeln. Wenn es so weit geht, dass Eltern permanent das Gefühl haben, fremde Erwachsene seien per se eine Bedrohung für ihre Kinder, dann haben wir es nicht mit Verantwortungsempfinden, sondern mit Paranoia zu tun. Eine solche Kultur der Angst und des Misstrauens ist in England bereits verankert. Und soweit ich es beobachten kann, deutet die Entwicklung auf dem europäischen Kontinent in die gleiche Richtung. Es ist paradox: Das Bild des Straftäters, der sich an Kindern vergreift, wird immer mehr zur gesellschaftlichen Norm in Europa. Wenn wir anfangen, in jedem Erwachsenen einen potenziellen Kinderschänder zu sehen, dann betrachten wir die Welt letztlich mit den Augen eines Pädophilen.

Wie hat sich die elterliche Kindererziehung in dieser Kultur der Angst verändert?

Zunächst einmal müssen wir sehen, dass es sich um ein neues Phänomen dreht. Darin kommt ein grundlegend verändertes Verständnis von Kindererziehung zum Ausdruck. Früher sprach man von einer guten Erziehung, wenn Eltern ihren Nachwuchs gesund ernährten, wenn sie sich darum bemühten, Kinder in ihrer motorischen oder geistigen Entwicklung anzuregen und sie zu fördern und wenn sie dafür sorgten, dass sie mit ihrer Umwelt gut zu Rande kamen – dass sie also sozialisiert wurden. Heute bedeutet „gute Erziehung“ vor allem, die verschiedensten Aktivitäten von Kindern zu überwachen. Das geht so weit, dass in Kindergärten Videokameras installiert werden, um Eltern jederzeit zu ermöglichen, den eigenen Nachwuchs zu beobachten. Die Erziehungsexperten, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, raten Eltern unaufhörlich, immer und überall wachsam zu sein. Mütter, die ihre Kinder heute ohne Aufsicht „auf die Straße“ oder auf den Spielplatz schicken oder ihnen gestatten, allein zur Schule zu gehen – so wie es früher Usus war – ernten heute nicht selten schräge Blicke.

“Wenn wir anfangen, in jedem Erwachsenen einen potenziellen Kinderschänder zu sehen, dann betrachten wir die Welt letztlich mit den Augen eines Pädophilen”

Glauben Sie nicht, dass Kindererziehung schwieriger geworden ist und dass wir deshalb heute auch mehr Rat von Experten benötigen?

Ich möchte gar nicht abstreiten, dass die Kindererziehung wahrscheinlich komplizierter geworden ist. Aber man kann nicht von Beratern oder aus Büchern lernen, wie man Kinder großzieht. Diese Fähigkeit entwickeln wir nur durch die eigenverantwortliche Interaktion mit unserem Nachwuchs. Gewisse Dinge kann man nachlesen oder von den eigenen Eltern, Geschwistern oder Freunden erfragen: Auf was sollte ich bei der Körperpflege achten? Was kann ich tun, wenn das Kind Bauchweh hat? Aber das richtige Händchen für das Großziehen der Kinder kann man nicht per Nachhilfe lehren. Die Beraterindustrie, die bei jedem Wehwehchen sofort zur Stelle ist und auch jede neue Bewegung des Kindes zu interpretieren weiß, macht das Großziehen von Kindern viel komplizierter. Die zahllosen Ratgeber offerieren keine Lösungen, sie sind Teil des Problems.

Das scheint mit der Wirklichkeit nicht in Einklang zu stehen. Es sind Eltern, die den Rat von Experten suchen, nicht umgekehrt Experten, die sich ihnen aufdrängen.

Sicher, viele Paare holen sich fachmännischen Rat ein. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber es wäre falsch zu glauben, die Erziehungsexperten seien nur passive Beobachter, die auf einen Anruf warten. Sie und entsprechende Institutionen sind sehr aktiv daran beteiligt, eine Angstkultur unter Eltern zu verbreiten. Seit Jahren gibt es Anzeigenkampagnen und Plakataktionen, mit denen Eltern ständig ermahnt werden, ihren Nachwuchs nicht aus dem Auge zu lassen und auf blaue Flecken zu achten oder einfach mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Es gibt unzählige Ratgeber, in denen Eltern mit immer neuen Problemen bombardiert werden und in denen sie Kapitel für Kapitel Ratschläge zur „richtigen“ Kindererziehung mit auf den Weg bekommen. Mittlerweile wird auch von politischer Seite zum Teil erheblicher Druck auf Eltern ausgeübt, bei familiären Fragen unbedingt fachmännische Beratung in Anspruch zu nehmen. Es gibt also eine dynamische Wechselwirkung zwischen dem Beraterangebot und der Nachfrage von Seiten der Eltern. Im Endeffekt bleibt aber das Selbstbewusstsein von Müttern und Vätern auf der Strecke, weil ihnen Kindererziehung permanent als Risikovermeidung verkauft wird. Viele sind zutiefst verunsichert und zweifeln an ihrer Fähigkeit, für den eigenen Nachwuchs gut zu sorgen. Einige, die ich durch den Kindergarten und die Schule meines eigenen Sohnes kennen lernte, sind immer von Selbstzweifeln geplagt und fragen sich, ob sie alles richtig gemacht haben. Sie sind in meinen Augen paranoid. An dieser Stelle benutze ich bewusst den Begriff paranoid – im Gegensatz zu fürsorglich oder ängstlich. Es gibt nämlich einen bedeutenden Unterschied zwischen den alltäglichen Sorgen um den eigenen Nachwuchs – Gefühle, die seit jeher zum Elterndasein gehören – und de Überreaktionen und Verunsicherungen vieler Paare. Kinder können heute, zumindest in unseren Breitengraden, in einer Welt aufwachsen, die für sie so sicher ist wie nie zuvor. Dennoch zerbrechen sich die Erwachsenen unentwegt den Kopf nicht nur wegen zwei oder drei Problemen, die es zu meistern gilt. Sie martern sich ständig wegen etlicher immer neuer Unsicherheitsfaktoren im Leben ihrer Kinder. Und die modernen Erziehungsexperten sorgen ständig dafür, dass all diese Unsicherheitsfaktoren nicht vergessen werden. Das führt auch dazu, dass Eltern immer mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Einige Pädagogen sprechen zu Recht von einem wachsenden Problem der Überbehütung. Aber um es noch einmal anders zu formulieren: Das Wort Paranoia benutze ich nicht zur Beschreibung eines psychologischen, sondern eines kulturellen Zustands.

“Die zahllosen Erziehungsratgeber offerieren keine Lösungen, sie sind Teil des Problems”

Sie schreiben in Ihrem Buch, das Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern sei „qualitativer“ Natur und könne unmöglich durch Expertenrat ersetzt werden. Disqualifizieren Sie damit nicht die Arbeit von Erziehern und Lehrern?

Das ist nicht meine Absicht. Erzieher und Lehrer spielen eine sehr wichtige Rolle im Prozess des Heranwachsens. Es bleibt zu hoffen, dass auch sie qualitative Beziehungen zu Kindern entwickeln können, um auf ihre individuellen Bedürfnisse eingehen zu können. Erzieher und Lehrer tragen zu bestimmten Aspekten der Kindentwicklung bei. Aber der Tiefgang dieser Beziehungen ist begrenzt. Man kann sie nicht mit den Bindungen in einer Familie gleichsetzen. Eltern tragen die volle Verantwortung für alles, was mit dem Heranwachsen zu tun hat. Eine gesunde Eltern-Kind-Beziehung ist sehr dynamisch, beide Seiten entwickeln sich kontinuierlich.

Sie kritisieren in Die Elternparanoia, dass Eltern ihrem Nachwuchs außergewöhnliche Namen geben oder klassische Musik vorspielen. Sie behaupten, Eltern würden damit ihre eigenen Probleme Kindern überstülpen. Ist das nicht überzogen?

Mir geht es darum, Eltern ins Gedächtnis zu rufen, dass sie heute mehr denn je ihre persönlichen Lebenseinstellungen in die Welt der Kinder übertragen. Das Abspielen von gemächlicher klassischer Musik in einer Welt, die von Erwachsenen als chaotisch empfunden wird, oder die Wahl eines besonderen Namens, mit denen sie eine besondere zeitgemäße Bedeutung verbinden, habe ich als Metaphern dafür genutzt. Ich bin der Meinung, es ist besser, die Erlebenswelt von Kindern von den Eindrücken, die uns Erwachsene im Alltag beschäftigen, weitgehend abzuschirmen. Geschieht das nicht und werden Kinder stattdessen mit Erwachsenenproblemen überfrachtet, können sie in ihrer Entwicklung gehemmt werden. Pädagogen sprechen bereits von „kopflastigen“ Kleinkindern, die ständig über Dinge grübeln, die sie noch gar nicht erfassen können: Umweltschutz- und Ernährungsfragen zum Beispiel. Außerdem erleichtert die Distanz die Erziehung..

“Es ist besser, die Erlebenswelt von Kindern von den Eindrücken, die uns Erwachsene im Alltag beschäftigen, weitgehend abzuschirmen”

Was ist Ihr Lösungsvorschlag zur Überwindung der gegenwärtigen „Elternkrise“?

Mein Ziel ist es, Eltern dabei zu helfen, die gesellschaftlichen Wurzeln ihrer Zweifel zu verstehen und ihr Vertrauen in die eigene Urteilskraft zu stärken – auch wenn es bedeutet, den Rat von Experten, der oft ganz anders lautet, abzuschlagen. Wer sich nur auf Experten verlässt, verliert das Selbstvertrauen, eine gute Mutter oder ein guter Vater zu sein. Das Gefühl, wir alle bräuchten professionelle Hilfe beim Großziehen von Kindern, wird durch die ständigen Expertentipps immer mehr bestärkt. Zu guter Letzt verhalten sich Eltern selbst wie Kinder, weil sie ihren Nachwuchs wie eine vom Aussterben bedrohte Spezies behandeln.

Sollten Eltern also einfach wieder mit ihrem Nachwuchs allein gelassen werden?

Natürlich nicht. Man kann von Eltern nicht verlangen, dass sie sich rund um die Uhr um ihre Kleinen kümmern. Wenn die Kinderfürsorge nur auf den Schultern der Eltern ruht, fühlen sie sich isoliert. Sie können sich nicht mehr austauschen und schwerlich einschätzen, ob ihre eigenen Instinkte richtig sind. Das kann auf die Dauer sehr belasten. Die Ironie der Geschichte ist, dass sie gerade dann zum Sorgentelefon greifen und um Rat fragen. Diese Isolation ist also ein Kern des Problems. Die Verantwortung für das Großziehen von Kindern sollte deshalb wieder mehr von allen Erwachsenen kollektiv wahrgenommen werden. Das ist übrigens alles andere als eine neue Idee. In sämtlichen Kulturkreisen haben sich seit Menschengedenken Eltern darauf verlassen, dass andere Erwachsene – vor allem auch Fremde – zu Hilfe eilen, wenn die eigenen Kinder in eine Notlage geraten. Das war und ist in einigen Kulturkreisen noch heute die Norm, bei uns ist das längst nicht mehr so.

“Eltern verhalten sich wie Kinder, wenn sie ihren Nachwuchs wie eine vom Aussterben bedrohte Spezies behandeln”

Das Schwinden der Kooperation zwischen Erwachsenen bezeichnen Sie als den Hauptgrund für die Dominanz der Angstkultur. Wie ist das zu verstehen?

Das bedeutet zunächst einmal, dass man nicht Eltern dafür verantwortlich machen kann, wenn sie es als immer riskanteres Unterfangen ansehen, Kinder großzuziehen. Daraus lässt sich auch folgern, dass es viel zu kurz gegriffen ist, wenn man auf die Medien als Hauptverantwortliche für die vorherrschende Angstkultur deutet. Das Problem wird erst deutlich, wenn man den Zerfall der Erwachsenen-Solidarität betrachtet. Erwachsensein heißt nicht nur, volljährig zu sein. Vielmehr sollte dazu auch ein gewisses Maß an Verantwortungsbewusstsein gegenüber Kindern zählen – dass man die Notwendigkeit sieht, sich fürsorglich und vorbildhaft gegenüber nachkommenden Generationen zu verhalten. Vielen Erwachsenen scheint dieses Bewusstsein verloren gegangen zu sein. Sie bleiben nicht stehen, wenn sie Kinder in einer Konfliktsituation sehen. Sie rügen Kinder auch dann nicht, wenn sie sich arg danebenbenehmen – selbst ein harmloses „Das gehört sich aber nicht!“ kommt nicht über ihre Lippen. Sie zeigen auch wenig Interesse, Kinder zu inspirieren, zu erziehen oder einmal spontan Eltern auszuhelfen – zum Beispiel kurz nach den Kleinen zu schauen, während die Mutter oder der Vater etwas erledigen muss. Diese Distanzierung hat schließlich zur Folge, dass Eltern andere Erwachsene weniger als vertrauenswürdig, sondern als potenziell suspekt und gefährlich empfinden. Das färbt natürlich auch auf die Kinder ab. Hieraus erwachsen die Probleme, mit denen ich mich in Die Elternparanoia auseinandersetze.

Ihr Buch ist letztes Jahr in Großbritannien erschienen und hat dort einen Pädagogenstreit ausgelöst. Welche Gegenargumente gab es?

Zu meiner Analyse haben sich Kritiker nicht geäußert. Sie haben vom Inhalt her nicht viel mehr gesagt als „Was ist schlecht daran, wenn Leute Bücher lesen und Experten um Rat fragen?“ – obwohl ich stattdessen moniere, dass Eltern im gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima kaum mehr eine Chance gelassen wird, sich auf die eigenen Instinkte zu verlassen. Andere haben erwidert, ich sei ja selbst auch ein „Experte“ und sollte daher, meiner eigenen Logik folgend, besser ruhig sein. Wer aber nicht den Unterschied begreift zwischen dem Versuch, ein Problem zu erklären, und einem Ratgeberbuch für Eltern, der hat wohl ein gravierendes konzeptionelles Problem. Mir scheint, als wollten einige Leute mein Buch nicht verstehen. Ich möchte niemandem Ratschläge geben. Vielmehr möchte ich entschlüsseln, warum heute viele Eltern in einer bestimmten Art und Weise reagieren. Erst wenn das klar ist, können wir etwas an unserem Verhalten ändern – jeder, wie er es für richtig hält.

Wie haben „normale Eltern“ auf Die Elternparanoia reagiert?

Britische Eltern haben das Buch in der Regel sehr positiv aufgenommen; auf die Reaktionen in Deutschland, Belgien und den Niederlanden, wo das Buch jetzt auch erschienen ist, bin ich sehr gespannt. Der bisherige Zuspruch liegt sicher auch daran, dass ich Eltern nicht das Gefühl gebe, sie müssten sich um noch mehr Aspekte bei der Kindererziehung Sorgen machen. Viele Eltern haben mir außerdem mitgeteilt, ich hätte auf den Punkt gebracht, was sie insgeheim spürten. Es scheint viele Mütter und Väter zu geben, die ahnen, dass sie wegen der vermeintlichen Risiken, denen ihre Kinder ausgesetzt sind, leicht überreagieren und ihren Nachwuchs deshalb zu sehr behüten. Ich hoffe, mein Buch hilft dabei, sich das Familienleben wieder etwas leichter zu machen..

Vielen Dank für das Gespräch.