01.11.2001

Kinder per Mausklick auf den Fußballplatz locken

Kommentar von Stefan Chatrath

Stefan Chatrath über Nachwuchskonzepte im daniederliegenden deutschen Fußball.

„Klinsi“ ist wieder da! „Endlich“, mag der Eine denken, „Oh Gott“ der Andere. Aber keine Sorge: Klinsmanns Ziel ist es nicht, die Torflaute der Nationalmannschaft zu beheben. Zumindest nicht kurzfristig. Der ehemalige deutsche Top-Stürmer soll der Stiftung Fußballforschung, kurz fußballD21 (fD21), und damit dem deutschen Kickernachwuchs auf die Sprünge helfen. Ziel der Stiftung ist es, Kindern und Jugendlichen den Spaß am Fußball neu zu vermitteln. Das erste Projekt läuft seit dem 6. September 2001 an: Auf der Webpage www.fussballd21.de können Kids alles über Fußball erfahren. Das Angebot ist breit gefächert: Es reicht von der Darstellung neuester Trainingsmethoden über Starinformationen bis hin zu Ernährungstipps.

Am stärksten ist der fD21-Internetauftritt dann, wenn es um die konkrete Aufbereitung und Vermittlung von Trainingsformen geht. Unter der Rubrik Star-Tipps verraten prominente und ehemalige Spieler wie Andreas Köpcke und Krassimir Balakov ihre Tricks. Der Bulgare zum Beispiel versucht anhand detaillierter Übungen, den Kids die Kunst des Freistoßschießens beizubringen. Andreas Köpcke hingegen möchte aus Kindern und Jugendlichen „eine Torwand machen.“ In der Rubrik Bolzplatz werden den Kids von Stefan Kuntz allerlei Spielideen vorgeschlagen, die diese dann zu zweit oder zu mehreren „auf der Wiese“ verwirklichen können.

Die Idee vom Straßenfußballer, der sich spielerisch zum Star entwickelt, ist heute nicht viel mehr als ein Wunschgedanke.

„Wir wollen die Kids nicht an ihre Computer fesseln, sondern sie von den Bildschirmen abholen“, so Jürgen Klinsmann. Nicht von ungefähr lautet der Slogan von fD21 denn auch: „Raus und spielen.“ Ob der Versuch, die Kids per Mausklick auf den Fußballplatz zu locken, gelingt, bleibt abzuwarten. Seit geraumer Zeit schon klagt der Deutsche Fußballbund, mit gut sechs Millionen Mitgliedern der Welt stärkster Fußballverband, über schwindendes Interesse vor allem der 14- bis 18-jährigen Nachwuchskicker. In den letzten 15 Jahren musste ein Rückgang um 20 Prozent auf nunmehr 490.000 Vereinsmitglieder verzeichnet werden. Auch wenn der Trend mittlerweile rückläufig ist, es scheint so, als ob das Vereinsprinzip sich unter Jugendlichen immer weniger durchsetzen kann. Der „wilde“ Freizeitfußball aber boomt, und dies „in einer Art und Weise, die an die alten Zeiten erinnert, als die Straßenkicker noch in jedem Hinterhof einem ballähnlichen Gegenstand hinterherjagten“ (Christoph Bausenwein: Geheimnis Fußball). Der Trend – weg vom Verein, hin zum „freien Kick“ – findet alljährlich seinen Höhepunkt im Spätsommer, in dem zahlreiche Freizeitturniere ausgetragen werden („Street-Soccer-Cup“, „DFB-Adidas-Cup“ u.a.).

Der „freie Kick“ ist schön und gut. Das Problem dabei ist jedoch, dass die Anforderungen an die heutigen professionellen Spieler so hoch sind, dass eine systematische Ausbildung der Nachwuchsfußballer von Beginn an essentiell ist. Die Schulung muss heutzutage immer früher und intensiver betrieben werden, denn andernfalls ist ein Vorstoß in die Leistungsspitze kaum noch möglich. „Die Idee vom Straßenfußballer, der sich spielerisch zum Star entwickelt, ist heute nicht viel mehr als ein Wunschgedanke“, so eine einschlägige Studie (Heinz-Herbert Kreh / Bernd Barutta: „Auf der Suche nach Talenten“, 100 Jahre DFB). Aus dieser Perspektive ist der fD21-Internetauftritt gut gemeint, weil Kindern und Jugendlichen – trotz der angesprochenen Vereinsmüdigkeit – eine gezielte Verbesserung ihrer fußballerischen Fähigkeiten ermöglicht werden soll.

Ist der Nachwuchsmangel ein Ernährungsproblem?

Dennoch überzeugt das fD21-Projekt im World-Wide-Web nicht. Immer dann, wenn versucht wird, „die geistige und körperliche Entwicklung“ von Kindern und Jugendlichen über die Vermittlung von Trainingsmethoden hinaus „zu fördern“, misslingt der Internetauftritt und ist bisweilen sogar als ärgerlich zu bezeichnen. So fragt man sich, warum ein eigenständiges Ernährungsprogramm in das Internet-Portal integriert wurde. Ist der Nachwuchsmangel ein Ernährungsproblem? Das Thema „gesunde Ernährung“ ist gewiss für angehende und aktuelle Profis von außerordentlicher Wichtigkeit. Für Kids aber, die von fD21 angesprochen werden sollen, ist die besondere Bedeutung der „Ernährung“ nicht nachvollziehbar: Bei den Jüngsten sollten vor allem spielerische Elemente im Vordergrund des Trainings stehen. Später, zwischen dem 9. und 13. Lebensjahr, rückt dann die Schulung der individuellen technischen Fähigkeiten in den Mittelpunkt. In diesen Jahren werden die größten Fortschritte gemacht. Hier zeigt sich, wer – unabhängig von „richtiger Ernährung“ – in Zukunft einmal als gut geschulter Fußballer in einer höheren Spielklasse bestehen kann.

Die Idee, dem Thema „Ernährung“ ein besonderes Gewicht im fD21-Projekt zukommen zu lassen, hat nicht viel mit der Realität eines jungen aufstrebenden Nachwuchskickers zu tun. Es ist vielmehr die Gesundheits- und Ernährungsobsession unserer Gesellschaft, die dazu führt, dass mittlerweile schon den Jüngsten unter uns suggeriert wird, die „richtige Ernährung“ sei ein ganz besonders wichtiger Baustein für das persönliche (Fußballer-)Glück. Es wäre zu wünschen, dass sich die Stiftung Fußballforschung in Zukunft vor allem auf ihre Stärken konzentriert. Und die liegen nicht im Bereich „Ernährung“.