01.03.2003

Killerbienen in Kanada?

Analyse von Bernd Herrmann

Michael Moores Dokumentarfilm Bowling for Columbine zeigt Amerika, wie wir es eher nicht kennen. Antworten gibt der Film wenige, dafür stellt er umso bessere Fragen. Was ist los in Amerika? Von Bernd Herrmann

Der 11. September scheint das schwächelnde Selbstvertrauen der letzten Weltmacht zerdeppert zu haben. Außenpolitisch hört man noch große Worte, innenpolitisch jedoch zieht das immer weniger – in den USA fallen Bushs Sympathiewerte. Ein Krieg gegen den Irak wird sich auch deshalb kaum abwenden lassen. Der Versuch aber, durch energische Außenpolitik die Nation zu einen, muss scheitern. Die USA werden im Inneren auch durch einen Krieg nur kurz und oberflächlich nationale Einheit erreichen können. Das Schlamassel ist nicht die Außenpolitik, das Schlamassel ist hausgemacht.

Amerika wendet sich über ein Jahr nach dem 11. September wieder verstärkt seinen eigenen Problemen und Ängsten zu: Massenmördern, Elendsvierteln, sozialer Desintegration sowie einem maroden öffentlichen Gesundheits- und Schulsystem. Schon kurz nach Ende des Kalten Krieges wandte sich die inneramerikanische Debatte verstärkt nationalen Schauplätzen zu. Da der äußere Feind verschwunden war – der Systemfeind, der als solcher das System zusammengehalten hatte –, galt es, neue Aufgaben zu finden. Filme wie Dangerous Minds oder The Substitute zeigten einen Weg auf. In beiden Filmen hatte die Hauptfigur zuvor gegen die Kommunisten gekämpft (Michelle Pfeiffer als Ex-Marine, Tom Berenger als Ex-Söldner) und tritt nun den Dienst an der Heimatfront an. Beide werden Lehrer in Großstadtschulen und merken schnell, dass der Kampf gegen das innere Zerbrechen der USA viel härter, viel widersprüchlicher ist als der vormalige Kampf gegen äußere Agenten des Bösen. Wer innenpolitisch gut ist, wer böse, ist alles andere als klar.

„Amerikanische Werte gibt es heute nicht mehr, es gibt nur noch kulturelle, ethnische Insellösungen.”

Willkommen in der Welt von Bowling for Columbine. In seinem Dokumentarfilm beginnt Michael Moore mit dem Amoklauf zweier Schüler, die 1999 in der Columbine High School in Denvers Stadtteil Littleton zwölf Schüler und einen Lehrer erschossen und viele mehr verwundeten. Dieser Amoklauf ist für Moore Anlass zu untersuchen, was es im Speziellen mit Schusswaffen in den USA auf sich hat, und wie es um das Land generell bestellt ist.

Moore führt zahlreiche Interviews ganz unterschiedlicher Art. Einmal plaudert er, dann filmt er offizielle Statements, und hartnäckig treibt er Leute mit der Kamera in die Enge. Moores besondere Qualität liegt darin, dass er über ein ganzes Register von Tönen verfügt. Diese Interviews werden mit Material montiert, das teils dokumentarisch ist, teils aus Spielfilmen, Nachrichten oder der Werbung stammt. Dazwischen hagelt es Zahlen und Fakten. Die Mordrate in den USA ist verglichen mit Europa sehr hoch. Nimmt man die Zahl der Zwischenfälle mit Schusswaffen, so ist die Zahl sogar außergewöhnlich hoch. Moore will wissen, warum das so ist, hakt nach und beginnt zu vergleichen. Besonders interessant sind seine Recherchen im Nachbarland Kanada. Dort gibt es sehr viel weniger Morde als in den USA. Warum? Die anfängliche Annahme, es läge an der geringen Zahl verfügbarer Schusswaffen, ist schnell widerlegt – auch in Kanada gibt es davon genug, und sie sind (verglichen mit Europa) sehr leicht zu bekommen.

Moores Vermutungen für die Ursachen des hohen Maßes an Gewalt in den USA (und für die noch einmal sehr viel größere Angst, Opfer von Gewalttaten zu werden) gehen in drei Richtungen:

  • Die gewalttätige amerikanische Außenpolitik (wir sehen Dokumentarmaterial aus Rüstungsbetrieben, diversen Kriegen und Interventionen) führt zu einer Kultur der Gewalt, die durch die mit der Rüstungsindustrie verschwägerte Waffenlobby noch weiter verstärkt wird.
  • Der Zusammenbruch der amerikanischen Schwerindustrie und des Sozialsystems hat dazu geführt, dass viele Städte sich in (meist schwarze) Slums und Industriewüsten verwandelt haben, die in harschem Gegensatz stehen zu den hochgerüsteten, weißen Vorstadtsiedlungen.
  • Der tief sitzende Rassismus, vor allem gegen Schwarze, wird zwar politisch korrekt nicht mehr offen ausgedrückt; hinter der korrekten Fassade ist er aber umso virulenter und aggressiver geworden.

Am stimmigsten verbunden werden diese Vermutungen bei der filmischen Analyse amerikanischer Angstfantasien. So zeigt eine Sequenz, wie die USA seit Jahren von einer Panikwelle nach der anderen heimgesucht werden: einmal sind es gefährliche Süßigkeiten, dann bedrohliche Rolltreppen, dann wieder ist es Ebola oder der Straßenverkehr. Besonders eindrücklich ist die Sequenz über die Angst vor Killerbienen. Diese Bienenart, die ursprünglich aus Afrika kommt, breitet sich seit den 50er-Jahren in Südamerika aus. Seit etwa 20 Jahren wird in den USA immer wieder das Horrorszenario entworfen, mörderische, aggressive Bienen aus Afrika würden via Mexiko ins Land einfallen, die einheimischen, europäischen Bienenvölker vernichten, die Bevölkerung in unkontrollierbaren Schwärmen angreifen und zu Tode stechen.

Geschehen ist das nicht, aber die Furcht vor den Killerbienen bleibt – denn die Angst hat andere Gründe als Insekten. Es ist eine allegorische Angst, die mittelbar auf eine andere Angst verweist: die vor einer gewalttätigen, unzivilisierten, schwarzen Ghettobevölkerung, von der man glaubt, sie bedrohe das weiße Amerika, dessen europäische Werte, dessen Zivilisation. Ein sozialer Gegensatz wird hier bildlich ins Reich der Natur teleportiert: Wenn die Schwarzen nicht in den amerikanischen Traum zu integrieren sind, könnte die Ursache hierfür nicht vielleicht ihre andere, afrikanische Natur sein?

Moores Material belegt diese gnadenlose Logik detailliert. Es ist eine Logik, die heute, im Unterschied zum altbösen Rassismus, auch theoretisch vermittelt als „ethnische Differenz“ durchaus akzeptabel ist. In zahlreichen Fernsehausschnitten sehen wir, wie die Polizei Schwarze jagt und verhaftet. Gegenschnitt: Moore läuft durch South Central LA, angeblich das Zentrum des schwarzen amerikanischen Ganglands, eine Gegend, die man sich, geht man nach den Fernsehbildern, vorstellen muss wie eine Mischung aus Mad Max und Bladerunner. Tatsächlich sehen wir Moore durch eine gewöhnliche Wohngegend schlendern, eine Gegend, deren Hauptproblem scheinbar die Luftverschmutzung ist. Oder etwa doch nicht?

Polizeisirenen heulen auf, ein Haus wird umstellt. Moore versucht herauszufinden, was geschehen ist. Die Polizisten drucksen herum, gestehen dann ein: Falscher Alarm, Genaues weiß man nicht. Im Hintergrund spielen in einem Vorgarten zwei Anwohner Basketball, das Drama fällt aus. Die Fernsehteams, schon zahlreich vor Ort, sind entsprechend enttäuscht. Als Moore bei ihnen nachfragt, geben sie offen zu, dass die Story „Gewalt in South Central“ eine besonders gute Quote bringt. Auf Moores Nachfragen, ob diese einseitige Berichterstattung nicht die Realität verzerre, kommt als Antwort ein: „Nun, so ist die Welt, wir haben sie nicht gemacht.“

Die Angst des weißen Amerika vor „schwarzer Kriminalität“ steht in keinem Verhältnis zur Realität. Tod durch Erschießen ist in den Innenstadtghettos, bei jungen schwarzen Männern, die häufigste Todesursache. Weiße sind davon nicht betroffen. Gewaltdelikte gegen Schwarze werden vor allem von Schwarzen, solche gegen Weiße vor allem von Weißen verübt. Und speziell bei Serienmördern und Amokläufern, zwei anderen sehr amerikanischen Erscheinungen, fällt auf, dass die Täter fast immer weiß sind und häufig aus Suburbia kommen – siehe Columbine.

Das Gefühl der amerikanischen weißen Mehrheit, bedroht zu sein von einer „Underclass“ (lies: von armen Schwarzen), hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Dennoch werden Schusswaffen zur Selbstverteidigung in großen Stückzahlen verkauft und häufig auch eingesetzt (allerdings nur sehr selten gegen tatsächliche Angreifer). Der Film Falling Down spielt diese widersinnige Logik konsequent durch. Michael Douglas’ Amoklauf ist der eines arbeitslos gewordenen Angestellten der Rüstungsindustrie – eine weitere Parallele zu Moores Film –, der nun, da er nicht mehr mitwirken darf an der Verteidigung gegen den äußeren Feind, sich mit der Tatsache konfrontiert sieht, dass Amerika, dass sein Privatleben ein Schlachtfeld ist. Die Ehe gescheitert, der Straßenverkehr ein Kampf jeder gegen jeden, im Alltag sind die Umgangsformen perdu gegangen; es herrscht ein Hauen und Stechen. Douglas’ Figur schlägt mit äußerster Brutalität zurück.

„Viele Waffen sind an sich kein Problem. Ein Gemeinwesen ohne Gemeinsamkeit ist ein Problem.”

Die USA sind ein im Inneren tief zerrissenes Land. Der Kalte Krieg und die Hochkonjunktur konnten viele Gegensätze lange Zeit teilweise kitten. Heute greifen solche Muster nicht mehr – oder nur für kurze Momente, wie nach dem 11. September, als sich die Nation um die Flagge scharte. Die „Rassenfrage“ ist nach wie vor völlig ungeklärt. Das Sozial- und Schulsystem funktioniert in Inseln, in Gegenghettos, die immer mehr Festungen gleichen, gut, steht sonst aber, existiert es überhaupt, am Rande des Kollaps.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch die amerikanische Außenpolitik besser begreifen. Einerseits tritt sie sehr forsch auf, nicht unähnlich den weißen Waffenbesitzern in Moores Film, andererseits ist sie tief verunsichert.

Amerikanische Werte gibt es heute nicht mehr, es gibt nur noch kulturelle, ethnische Insellösungen. In den letzten drei Jahrzehnten hat die inneramerikanische Debatte gezeigt, dass alle Werte, die einst die Nation einten, zerborsten sind – sei es der Glaube an den technischen Fortschritt, der an die USA als „home of the brave“, als „melting pot“ oder als Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der amerikanischen Außenpolitik fehlt entsprechend nach Innen und Außen jede Vision, jede klare Ausrichtung. Sie ist dadurch unberechenbar und erheblich gefährlicher geworden als früher.

Waffen an sich sind weder gut noch böse. Wie die USA ihre Waffen einsetzen werden – unilateral, multilateral oder kolateral –, ist völlig ungewiss. Die letzten drei Präsidenten traten, analog zu Michel Pfeiffer in Dangerous Minds, mit einem innenpolitischen Reformprogramm an: America first. Alle drei Präsidenten, Bush, Clinton und Bush jr., konnten dieses Programm nicht einlösen, die Widersprüche waren zu groß. In der Folge agierten sie vor allem außenpolitisch.

Die amerikanische Krankheit, die Begeisterung für Schusswaffen, ist kein Grund, sich europäisch, der eigenen Zivilisiertheit gewiss, überlegen zu fühlen. Dass Europa außenpolitisch gleichermaßen barbarisch und rücksichtslos vorgehen kann, hat es nicht nur in der Vergangenheit gezeigt. Häme am Schlamassel der USA ist fehl am Platz. Und viele Waffen sind an sich auch kein Problem. Ein Gemeinwesen ohne Gemeinsamkeit ist ein Problem. Ein pro-amerikanisches Europa oder Deutschland ist nicht besser oder schlechter als ein anti-amerikanisches. Und von Amerika können wir immer noch lernen. Wo ist der deutsche Michael Moore?