01.05.2006

Kick für die sieche Seele oder Tritt vors Schienbein?

Analyse von Matthias Heitmann

Deutschland will nicht nur eine Weltmeisterschaft aus-, sondern sich auch an ihr aufrichten. Das kann nicht funktionieren.

Ich bekenne: Ich komme aus Frankfurt, bin Eintrachtler durch und durch und beziehe meinen Strom von der Mainova AG. Als ich deren Kundenmagazin mainova kontakt an einem lausig kalten Februarmorgen dieses Jahres im Briefkasten vorfand, war ich eigentlich auf eine flammende Tirade zur Verteidigung der Energiepreise eingestellt, die kurz zuvor noch heftige öffentliche Diskussionen ausgelöst hatten. Doch stattdessen hatten sich die Unternehmenskommunikatoren dazu entschieden, von den 24 Heftseiten fast die Hälfte mit Artikeln über Fußball zu füllen und zudem im „Editorial“ zu verkünden, dass man ab sofort die „Keine-Werbung-bitte!“-Schilder an Briefkästen ignorieren und die Zeitung flächendeckend an alle Kunden verteilen werde. Letzteres mag mancher für eine Frechheit halten; viel mehr in Rage brachte mich aber die Erkenntnis, dass Fußball offensichtlich inzwischen zu einem Thema geworden ist, mit dem man meint, alles, aber auch wirklich alles, behängen, beschönigen, mit Inhalt zu füllen, verkaufen oder auch übertünchen zu können.

„Ein Befreiungsschlag soll durchs Land gehen.“

Die Mainova tat nichts Außergewöhnliches. Die gesamte Öffentlichkeit – und mit ihr Wirtschaft und Politik – scheint sich an den WM-Zug zu klammern, um auf diesem Wege ein Gefühl von Aufregung, Bewegung, Dynamik oder einfach nur ein bisschen Fahrtwind zu erhaschen. Selbst die frisch gewählte Kanzlerin Angela Merkel, von der man sich eigentlich hätte erhoffen können, dass ihr die von Gerhard Schröder noch recht authentisch vermittelte Nähe zwischen Politik und Fußball nicht mehr ganz so selbstverständlich über die Lippen geht, übernahm gleich in ihrer ersten Adresse an die Nation den Fußballduktus und hielt sich mehrere Minuten lang bei der nationalen Bedeutung der Weltmeisterschaft auf, wohl in der Hoffnung, hierdurch den Personalwechsel so unbemerkt wie möglich vollziehen zu können. Hoffnung sollten wir alle aus dem nun kurz bevorstehenden Großereignis ziehen: Zehntausende Arbeitslose sollten auf neue Jobs, Unternehmen auf rasante Umsatzsteigerungen, Geldanleger auf Gewinne aus WM-Finanzprodukten, das Bruttoinlandsprodukt auf ein halbprozentiges Wachstum, die Umwelt auf ein klimaneutrales Turnier und die ganze Nation auf einen Entwicklungsschub hoffen. Ein Befreiungsschlag soll durchs Land gehen und die gedrückte Stimmung vertreiben, die auf ihm lastete. Und damit dieser auch gelingen möge, wurde in nahezu allen Bereichen des Lebens und nicht selten auch überaus krampfhaft ein Fußballbezug hergestellt und auf Fußballterminologie zurückgegriffen.

Zumindest hinsichtlich der Stimmung schien das alles mehr oder weniger gut zu funktionieren, bis dann eines Tages die deutsche Nationalmannschaft gegen Italien eine nicht unerwartete, aber dennoch deftige Freundschaftsspielniederlage ein- und Jürgen Klinsmann direkt im Anschluss heim zu seiner Familie nach Kalifornien fuhr. Der WM-Zug, in dem das Land es sich bequem gemacht hatte, geriet ins Stocken und entpuppte sich als Achterbahn. Genauso verzweifelt, wie bis dahin versucht wurde, den letztjährigen Auftritt der Nationalkicker beim FIFA-Confederations-Cup (trotz wiederum – und wie seit nunmehr zehn Jahren schon – keines Turnier-Pflichtspielsieges gegen einen „Großen“) zur gelungenen WM-Generalprobe zu stilisieren, genauso abgrundtief fiel der auf die „italienischen Wochen“ folgende Meinungsumschwung aus. Nun ging tatsächlich ein Ruck durchs Land, oder besser, durch Mark und Bein: All die mühsam aufgebaute Euphorie und der erhoffte Aufschwung standen blitzartig auf der Kippe und auch die Realitäten auf dem Kopf. Der bis dato so beliebte wie unerfahrene Bundestrainer Jürgen Klinsmann wurde über Nacht zum Buhmann und – ähnlich den angeblich plötzlich mangelbehafteten hochmodernen Fußballarenen – zum Sicherheitsrisiko für die deutsche Kehrtwende erklärt. Daran konnte auch Innenminister Wolfgang Schäuble mit seiner Forderung, Bundeswehr, Grenzkontrolleure und Awacs-Flugzeuge zur Absicherung des Turniers in Stellung zu bringen, nichts ändern.

Hektische Betriebsamkeit folgte. Parlamentarische Hinterbänkler aus CDU, SPD und FDP forderten, Klinsmann solle vor den Bundestags-Sportausschuss zitiert werden, um darzulegen, wie er die WM, dem Bund ein „nationales Anliegen“, zu einem guten Ende zu führen gedenke. [1] Selbst Oliver Bierhoff, Teammanager der Nationalmannschaft, forderte angesichts der Lage von den Bundesligatrainern „Patriotismus“ in Form von mehr Einsatzzeiten für deutsche Nationalspieler ein, versah diesen Appell allerdings mit der Einschränkung, dies könne nur erwartet werden, wenn die Klubs „ihre Ziele bereits realisiert“ hätten. [2] Ein Schwarzmaler, wer diese bemerkenswerte Aussage so deutet, als seien mit Nationalspielern nicht einmal mehr Ziele im nationalen Wettbewerb zu erreichen. Aber die Tatsache, dass sich auch FIFA-Chef Sepp Blatter 100 Tage vor Beginn des Turniers genötigt sah, in einem Interview mit der Bild von den Deutschen mehr „WM-Euphorie“ einzufordern, musste bedenklich stimmen. Drei Wochen später galt das Tal der Tränen aber bereits wieder als durchschritten. Nach einer trost- und torlosen ersten Halbzeit rangen die mit Unmut überhäuften Klinsmänner eine ab der 70. Minute zerbröselnde B-Elf der Vereinigten Staaten mit vier zu eins nieder. „Nationalmannschaft rehabilitiert“, war tags darauf in den Zeitungen zu lesen. Wer das Spiel gesehen hatte, musste sich fragen, ob die Krise, die noch nach der Niederlage gegen Italien heraufbeschworen wurde, wirklich so grundlegend gewesen sein konnte, wenn ein mühsam erkämpfter Arbeitssieg gegen „USA II“ ausreichte, um die Wogen wieder zu glätten. Doch selbst diese Beruhigung war nur von kurzer Dauer, denn schon bald erschütterten vermeintliche Wettskandale und Krisen erneut die labile Fußballnation in ihren Grundfesten und kratzten am frisch aufgezogenen Lack der Vorfreude.

Woher rühren diese starken und rational nur schwer nachvollziehbaren Stimmungsschwankungen? Der an Fußball und der Weltmeisterschaft nicht sonderlich interessierte Leser mag – sofern er bis zu dieser Zeile überhaupt tapfer durchgehalten hat – den Standpunkt vertreten, die maßlos übertriebene Aufregung und auch die Überhöhung des anstehenden Turniers seien logische Folgen des „Medien-Hypes“ sowie der ausufernden Kommerzialisierung des Fußballs. Auch die Tatsache, dass Politiker im Scheinwerferlicht des Sportfernsehens nach Wärme suchen, derer sie mangels anderweitigen direkten Kontakts mit den Bürgern händeringend bedürfen, ist alles andere als neu. Ganz Unrecht mag er damit auch nicht haben, wenngleich dies allein sie noch nicht erklärt. Dennoch: Die „Hysterisierung“ des Fußballs hat mittlerweile eine Dimension erreicht, die ihr eine neue Qualität verleiht. Woran liegt das?

Klarheit verschafft hier ein Vergleich zur letzten Weltmeisterschaft auf deutschem Boden im Jahre 1974 und zu der damaligen Stimmung, die durchs Land schwappte. Einer der interessantesten Unterschiede betrifft die politische und gesellschaftliche Relevanz des damaligen Turniers. „Ebenso unterkühlt wie die Fangemeinde nahmen die Volksvertreter den Titelgewinn als pure Selbstverständlichkeit hin“, schreiben Ludger Schulze und Thomas Kistner in ihrem Buch Die Spielmacher. [3] Helmut Schmidt, wenige Monate zuvor ins Kanzleramt befördert, war nicht nur ein ausdrücklicher Nicht-Fußballfan; ganz offensichtlich erschien ihm auch die schon damals nicht unerhebliche Wärme der Scheinwerfer als nicht wichtig genug, um über den eigenen Schatten zu springen und sich in den Fußballtaumel zu begeben. Die Begeisterung war aber auch insgesamt nicht so groß. Das 74er-Turnier ging als ein über weite Strecken emotionsarmes in die Geschichte ein und nahm erst an Fahrt auf, als die deutsche Mannschaft dies auch tat. In Karl-Heinz Hubas Fußball-Weltgeschichte wird die damalige Stimmung wie folgt beschrieben: „Es war eine Weltmeisterschaft, die vom Millionen-Publikum am Anfang nur aus großer Distanz genossen wurde. Keineswegs ‚wie ein Mann‘ standen die Bundesdeutschen hinter ihrem Team, und der Jubel für ihre eigene und die anderen Mannschaften hielt sich in Grenzen.“ [4] Dies, obwohl auch schon damals die Kommerzialisierung alle Rekorde brach und die WM-Maskottchen nicht nur auf nahezu jedem öffentlich sichtbaren Gegenstand, sondern auch auf Damenunterwäsche zu bestaunen waren – wenngleich das damalige Ausmaß der Kommerzialisierung nicht mit dem heutigen zu vergleichen ist (siehe hierzu den Artikel von Stefan Chatrath in diesem Heft).

Mit Sicherheit waren die noch sehr frischen Erinnerungen an das Attentat auf die israelische Mannschaft während der Olympischen Spiele von 1972 in München ein Grund für den gedämpften Enthusiasmus. Entscheidender waren jedoch die gesamtgesellschaftlichen Umstände, in denen das Turnier stattfand. Zwar war auch 1974 die wirtschaftliche Lage in Deutschland nicht gerade berauschend. Die Weltwirtschaft befand sich nach der Ölkrise von 1973 in einer Rezession, und das deutsche „Vollbeschäftigungs-Paradies“ sah sich erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg mit dem Phänomen wachsender Arbeitslosigkeit konfrontiert (von 1973 bis 1975 vervierfachte sich die Zahl der Arbeitslosen in der Bundesrepublik von 273.000 auf über 1 Mio.; die Quote stieg von 1,2 auf 4,7 Prozent). Dennoch galten der Fußball und die Weltmeisterschaft nicht als „Ausweg“ oder als notwendiger Katalysator für gesellschaftliche und wirtschaftliche Problemlösungen. Die Krisenerfahrung war zwar für viele Menschen einschneidend, führte aber aufgrund der noch deutlich stärkeren Relevanz von Politik, politischen Programmen und wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Visionen nicht zu einer so perspektivlosen Stimmung, wie sie heute vorherrscht. Der Glaube an Fortschritt und Wachstum war noch sehr viel flächendeckender vorhanden, als dies heute der Fall ist. Während dieser Tage die Fußball-WM als Lokomotive für den gesamtgesellschaftlichen Aufschwung herbeigesehnt und ihre Rolle dementsprechend überhöht wird, galt die WM 1974 den Menschen bestenfalls als angenehme Abwechslung in einem regnerischen Sommer. Auch die Politik war damals noch wesentlich visionärer und mit weitaus mehr Tiefgang und Orientierungskraft ausgestattet, als man dies heute behaupten kann. Politiker vertrauten noch stärker darauf, die Menschen über politische Weichenstellungen und Konzepte erreichen zu können. Man musste sich dazu nicht als Fußballfan präsentieren. Oder, wie Ludger Schulze und Thomas Kistner es plastisch auf den Punkt bringen: „Deutschland benötigte in jenen Jahren keinen Fußballtriumph, um sich selbst zu finden, die Industrienation gehörte zu den Lokomotiven der Weltökonomie.“ [5]

„Wie stünde es um unsere Zukunft, wenn sich die FIFA dazu entschieden hätte, die WM 2006 nach Südafrika zu vergeben?“

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 hingegen wird tatsächlich als ein Ereignis angegangen, über das wir „zu uns selbst finden“, uns an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen und neu erfinden sollen. Dass die Bahn die WM zum Anlass nimmt, 10.000 Mitarbeiter in Seminaren in Sachen Service- und Kundenorientierung zu trainieren und zu „Service-Botschaftern“ auszubilden, mag man als notwendig begrüßen. [6] Die Fixierung auf die WM ist allerdings befremdlich, suggeriert sie doch, als seien Service-Verbesserungen nur deswegen sinnvoll und notwendig. Kampagnen wie „Land der Ideen“, „Du bist Deutschland!“ sowie zahlreiche weitere staatliche Initiativen – fast jedes Ministerium fährt seine eigene WM-Kampagne (siehe Infokasten) – sollen der Gesellschaft Zuversicht, Sinn, Orientierung und Optimismus zurückgeben, die sie aus dem Alltag und der ihr prognostizierten Zukunft nicht zu ziehen imstande ist. Die Art und Weise, in der das Sportereignis zu einem Katalysator für einen neuen Aufbruch stilisiert wird, ist bezeichnend für den gegenwärtigen geistigen, politischen und wirtschaftlichen Stillstand. Es scheint, als müsste die Zeit, in der „Die Welt zu Gast bei Freunden“ ist – so lautet das Motto der WM –, zur Lösung beinahe aller Probleme genutzt werden, da sich sonst das Veränderungen ermöglichende Zeitfenster schließe. Man fühlt sich beinahe an ein mittelalterliches Dorf erinnert, das sich wochenlang herausputzt und eine grundlegende Verbesserung seiner Situation erhofft, nur, weil der König an einem Tag kurz hindurchreitet. Ganz ähnlich sieht die Lage heute aus: Deutschland putzt sich heraus, denn „König Fußball“ ist zu Gast. Die – zugegebenermaßen bissige – Frage sei gestattet: Wie stünde es um unsere Zukunft, wenn sich die FIFA dazu entschieden hätte, die WM 2006 nach Südafrika zu vergeben? Oder, um dem Konjunktiv zu entfliehen: Was geschieht eigentlich, wenn das Event, auf das alles hinausläuft und hinarbeitet, vorüber ist? Gibt es Perspektiven für die Zeit „danach“, oder sollen wir ab dem 10. Juli 2006 in Erinnerungen schwelgen?

Noch eine ganz andere grundlegende Frage gilt es zu erörtern: Kann ein Großereignis wie eine Fußball-Weltmeisterschaft überhaupt die politische wie wirtschaftliche Situation eines Landes nachhaltig verbessern? Einige Zahlen und Fakten deuten zunächst darauf hin. So konnte sich Südkorea im Zuge der gemeinschaftlich mit Japan ausgerichteten Weltmeisterschaft von 2002 über direkte wirtschaftliche Wachstumseffekte von mehr als 3,4 Mrd. Euro freuen. Für Deutschland werden Effekte in einer ähnlichen Größenordnung erwartet. Der Unterschied zwischen beiden Ländern ist jedoch, dass Südkorea insgesamt ein sich äußerst dynamisch entwickelndes Land ist und auch in den Jahren vor und nach dem Turnier Wirtschaftswachstumsraten zwischen 3 und 4,5 Prozent realisieren konnte – Zahlen, von denen Deutschland nur träumen kann. Während also die WM 2002 der ohnehin dynamischen südkoreanischen Wirtschaft lediglich zusätzliche Impulse bescherte, erhoffen sich deutsche Politiker, dass der Aufschwung durch die WM 2006 überhaupt erst richtig in Gang kommen möge – eine Hoffnung, für die es wenig Anlass gibt.

„Klinsmann & Co. können keinen Aufschwung auslösen. Weder die ökonomischen, noch die gesellschaftlichen und politischen Vorzeichen sprechen dafür.“

Auch für einen gesellschaftlichen Stimmungsumschwung im Land kann die FIFA keine Gewähr übernehmen. Der WM-Sieg 1974 löste jedenfalls keinen Klimawechsel aus. Die Begeisterung über den neuerlichen WM-Erfolg von 1990 war flankiert von weitaus größeren politischen Veränderungen: die Wiedervereinigung stand vor der Tür. Der Jubel passte ins Bild und mobilisierte nicht nur bei Franz Beckenbauer, der „auf Jahre“ fußballdeutsche Unbesiegbarkeit voraussagte, (sport-)patriotischen Größenwahn. Und selbst das viel zitierte „Wunder von Bern“ aus dem Jahre 1954 liefert keinen Grund zur Hoffnung auf eine Neuauflage im Jahr 2006. In der Tat hatte der überraschende Sieg der deutschen Mannschaft im damaligen WM-Finale gegen Ungarn eine hohe gesellschaftliche Bedeutung. Die Gründe hierfür lagen aber erneut „neben dem Platz“: Neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges konnte die noch junge Bundesrepublik durch den Sieg im Finale von Bern erstmals auf internationaler Bühne positive Schlagzeilen liefern. Zudem fiel diese sportliche Sensation in die Zeit des „Wirtschaftswunders“, in der sich die deutsche Gesellschaft nach Jahren der Armut dynamisch entwickelte, die Menschen wieder mit Optimismus in die Zukunft schauten und die Hoffnung auf Verbesserungen durchaus berechtigt war. In diesem Klima wurden Fritz Walter & Co. – ohne das Zutun der Politik, die in Bern überhaupt nicht vertreten war – tatsächlich zu Symbolen des Aufbruchs; ausgelöst haben sie ihn hingegen nicht. Auch Klinsmann & Co. wird dies, unabhängig von ihrem Abschneiden bei der Weltmeisterschaft, nicht gelingen. Weder die ökonomischen, noch die gesellschaftlichen und politischen Vorzeichen sprechen dafür. Auch die starken Stimmungsschwankungen im Vorfeld der WM deuten darauf hin, dass die Basis für den so sehnlich erhofften Umschwung sogar zu schmal ist, um eine eigentlich bedeutungslose Testspielniederlage ohne Krisengeheul zu verkraften.

Die Überfrachtung der Weltmeisterschaft mit Hoffnungen und Erwartungen, die nichts mit Fußball zu tun haben, sorgt inzwischen selbst für immer mehr Gegenreaktionen. Die Vorfreude auf das Turnier ist zwar auch weiterhin groß – das ist auch gut so! –, aber die mediale Omnipräsenz des Fußballs raubt sogar eingefleischten Fußballfans zuweilen die Nerven. Unabhängig von persönlichen Vorlieben ist diese Überhöhung überaus problematisch: einerseits für die Gesellschaft, die an ein Event überzogene und unerfüllbare Erwartungen knüpft und im Anschluss ohne Perspektiven dasteht; andererseits aber auch für den Fußball, der mit immer mehr sozialen Aufgaben überhäuft wird und aufhört, einfach nur Fußball zu sein. Fußballer müssen heute Aushängeschilder und Botschafter sein. Geradezu erfrischend wirkt da die Erinnerung an 1974, als man sich mit Paul Breitner einen ehemaligen Maoisten im Nationaltrikot leistete. Eine derartige Ansammlung genialer Freaks, wie sie die Weltmeisterelf von ’74 darstellte, wäre heutzutage im staatstragenden Fußball undenkbar. Dabei ist es nicht so, dass sich Fußballfunktionäre gegen diese ungesunde Aufwertung zu Wehr setzen würden, im Gegenteil, sie sonnen sich in der Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird. Franz Beckenbauer muss sich auf seinen zahlreichen Auslandsreisen in den letzten Monaten zumindest wie der eigentliche deutsche Außenminister, wenn nicht gar der frisch gekrönte tatsächliche „Kaiser“ gefühlt haben. Für all diejenigen, denen sowohl gesellschaftlicher Fortschritt als auch der Fußball am Herzen liegt, ist die Lage vertrackt: Denn damit die Gesellschaft wirklich vorankommt, muss sie aufhören, in unterhaltsamen Nebensächlichkeiten wie Fußball – man möge mir verzeihen – ein Substitut für wirkliche Veränderungen und Visionen zu sehen. Mein Vorschlag für eine Losung lautet: „Köpft König Fußball!“
 

Die Minister-WM Die Bundesministerien und ihre Beteiligungen an Kampagnen und Projekten im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft:
Arbeit und Soziales:

  • Beschäftigungsoffensive für die WM 2006, Infos unter: www.arbeitsagentur.de

Außen:

  • „Tor für Deutschland“: Ausstellungen, Konferenzen, Filmabende etc. weltweit: www.socceringermany.info

Bildung:

  • Wissenschafts- und Forschungsstandort Deutschland, Infos unter: www.fifawm2006.deutschland.de

Familie, Senioren, Frauen und Jugend:

  • „WM in den Schulen / Play for Fair Life“: www.wmschulen.de
  • Jugendfotowettbewerb „Fußball-Fieber“: www.fussballfieber.jugendfotos.de
  • Forschungsprojekt „Mädchenfußball unter der Lupe“: www.bmfsfj.de/politikbereiche/gleichstellung,did=23960.html
  • „Sozial- und gewaltpräventive Fan- und Besucherbetreuung“
  • „Streetfootballworld“ (in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Entwicklungszusammenarbeit): www.streetfootballworld.org

Gesundheit:

  • „Wolkenloser Spaß bei der WM 2006“ (Anti-Raucher-Kampagne), Infos unter: www. wm2006.deutschland.de
  • „WM in den Vereinen / Kinder stark machen“: www.kinderstarkmachen.de

Inneres:

  • „TrainingsLAGER – Ein Lernspiel für Toleranz und Fairness“ (in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung), Infos unter: www.wm2006.deutschland.de

Umwelt:

  • „Green Goal“: http://greengoal.fifaworldcup.yahoo.net

Verbraucherschutz:

  • „Ernährung und Bewegung: Kinderleicht“

Verteidigung

  • Benefizspiel der Bundeswehr

Wirtschaft:

  • Multimedia-Entwicklungsprojekte im Umfeld der WM 2006, Infos unter: www.wm2006.deutschland.de
  • „Land der Ideen“: www.land-der-ideen.de
  • „Invest in Germany“: www.invest-in-germany.de
  • „Für alle eine runde Sache“ (fußballbezogene Bewerbung des Reiselandes Deutschland), Broschüre unter: www.deutschland-tourismus.de/fifa_wm_2006
  • „Nationale Service- und Freundschaftlichkeitskampagne“, Infos unter: www.wm2006.deutschland.de