07.07.2021

Keine Angst vor Delta

Von Julius Felix

Irreführender Panikmache über Vorgänge in Indien zum Trotz: Mit der Delta-Variante entwickelt sich das Coronavirus hin zum Ungefährlicheren. Auch unabhängig vom Impfen wird weniger gestorben.

Vor einigen Wochen habe ich hier auf Basis von Expertenaussagen und wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Evolution von Coronaviren berichten können: Von der Pandemie in die Endemie geht es über Mutationen, die die Erkrankung, die das Virus auslöst, immer mehr zu einem Schnupfen entwickeln. Dadurch wird das Virus ungefährlicher, aber auch ansteckender. Das haben wir bereits bei Sars-CoV-2 beobachten können und können es nun weiterhin – und zwar bei der Delta-Variante.

Der aktuelle, überschaubare Anstieg im Vereinigten Königreich – inzwischen sinkt der R-Wert ja bereits seit Anfang Juni wieder (Stand 24. Juni 2021) – wird wesentlich der Delta-Variante zugeschrieben. Dort hat diese Variante die Alpha-Variante abgelöst. Das war zu erwarten und verläuft völlig normal, denn ansteckendere Varianten werden immer dominant. Das ist völlig unabhängig von Maßnahmen.

Aktuell sieht man aber an Daten aus England, dass die Rate der Sterbefälle bei der Delta-Variante nun deutlich geringer ist. Die Datenbasis ist noch nicht groß, aber sehr stabil. Das passt dazu, dass die Hospitalisierungsrate dort während der neuen Dominanz der Delta-Variante weiter abnimmt. Das alles ist in einer Veröffentlichung von Public Health England nachzulesen, die der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr auf Deutsch lesenswert zusammengefasst hat.

„Das Virus wird ansteckender, aber auch ungefährlicher.“

Man sieht also sehr genau: Das Virus wird ansteckender, aber auch ungefährlicher. Das merkt man auch an den Symptomen der Variante, die bereits auch medial geteilt werden. Dabei handelt es sich um Kopfschmerzen, eine laufende Nase und eine raue Kehle – oder pointiert zusammengefasst: Schnupfen. Das mache die Variante auch angeblich so tückisch, weil man keinen Unterschied mehr merke zwischen einer normalen Erkältung und SARS-CoV-2. Das ist eigentlich eine positive Nachricht, denn, wenn wir es nur noch mit einer außerhalb von Risikogruppen ungefährlichen Erkältungserkrankung zu tun haben, ist das Virus schlicht kein Problem mehr.

Jetzt könnte man argumentieren, dass die Delta-Variante nur scheinbar ungefährlicher wäre, aufgrund der Impfung. Weil ein Großteil der Hauptrisikogruppe ja durchgeimpft wäre, könne es nicht mehr so viele schwere Verläufe geben. Schaut man auf Israel: Laut Gesundheitsministerium sind dort 40-50 Prozent der auf Delta positiv getesteten geimpft. In Israel ist der Anteil der Geimpften an der Bevölkerung unter 60 Prozent (Stand: 28.06.2021). So weit liegen die Anteile also nicht auseinander.

Jetzt ist die Frage, ob Delta für Geimpfte denn auch ungefährlicher ist. Das können wir jetzt noch gar nicht sagen, sagen die einen, während einige argumentieren, man gehe davon aus, dass es so wäre, Aber gibt es eben auch die oben schon erwähnte Analyse der PHE, die besorgniserregende Zahlen für Geimpfte liefert. Schaut man sich die Sterberate der Delta-Variante an, so sieht man im Gesamten eine Fallsterblichkeit von 0,12 % (73 von 60.624) Bei Ungeimpften liegt die Rate bei 0,10 % (34 von 35.521), bei doppelt Geimpften allerdings bei 0,64 % (26 von 4087). Dass es sich bei den Geimpften natürlich überproportional um Alte und Vorerkrankte handelt, deren zu erwartete Lebenszeit sich ohnehin in engen Grenzen hielt, könnte zu dieser hohen Fallsterblichkeit in dem Segment beitragen.

„Es wird mit Delta aktuell zumindest einfach deutlich weniger gestorben.“

Inwiefern die Impfung auch vor Delta schützt, ist weiterhin doch sehr fraglich, weshalb Stöhr (s.o.) diese Variante auch als eine solche sieht, die ein Update der Impfungen notwendig machen könnte. Vor dem Hintergrund also zu argumentieren, dass, aufgrund der hohen Zahl an Impfungen Delta milder verlaufen würde, steht auf sehr wackeligen Füßen. Das liegt auch an der geringen Datenlage zu den Todesfällen – es wird mit Delta aktuell zumindest einfach deutlich weniger gestorben.

Zudem sollte man bei der Impfung auch immer den Unterschied zwischen relativem und absolutem Risiko bedenken. Der Impfstoff von von BioNTech/Pfizer/ hat zwar laut Herstellerstudie das Risiko der Geimpften- gegenüber der Placebo-Gruppe, an Covid-19 zu erkranken, um 95 Prozent gesenkt,  das absolute Risiko bleibt bei einem gesunden Menschen aber so oder so im Promillebereich.

Dazu ein Beispiel: Am 27. Juni 2020 lag der Anteil der täglich Neuinfizierten laut Our World in Data in Deutschland bei 6,46 Personen pro Millionen Menschen, dieses Jahr am gleichen Tag bei 7,44 – mit Impfung, aber ohne Delta-Dominanz. Liegt das an mehr Tests? Nein, denn auch die Test-Positiv-Rate ist trotz Impfung höher als vergangenen Juni. Vor dem Hintergrund ist wichtig zu sehen: Welche Auswirkungen die Impfung auf die Zahlen hat, die wir ermitteln, weiß keiner. Messbar ist sie bisher nicht – auch nicht bei den Todesfällen mit oder durch das Coronavirus, denn die lagen in Deutschland am 27. Juni 2020 bei 0,05 und am gleichen Tag dieses Jahres bei 0,63.

Was die Daten von PHE zeigen, die eben sehr genau eine bestimmte Gruppe analysieren und so nicht so unpräzise ist wie die Daten, die sonst meist öffentlich erhoben werden, ist, dass die Delta-Variante ansteckender, aber eben nicht insgesamt gefährlicher ist. Solche Erkenntnisse kann man sehr schlecht aus großen Analysen ziehen, aber eben aus solchen überschaubaren Studien.

„Die Delta-Variante ist, nach aktuellen Daten, ein guter Schritt in die richtige Richtung hin zur Endemie und somit zum Ende der Pandemie.“

Die Angstmache rund um die neue Variante ist damit Makulatur: Die Delta-Variante ist, nach aktuellen Daten, vielmehr ein guter Schritt in die richtige Richtung hin zur Endemie und somit zum Ende der Pandemie. Das wird häufig nicht richtig eingeordnet, weil viele Medien einen Fehler gemacht haben, den sie sich nicht eingestehen können: eine völlig falsche Einordnung der Vorgänge in Indien.

Man hatte den Anstieg der Fallzahlen in Indien der Delta-Variante zugeschrieben, die man damals noch als „indische Variante“ bezeichnete. Das führte schon deshalb in die Irre, weil sie in Indien längst nicht in allen Regionen dominant war, als es den bemerkenswerten Anstieg gab. Somit sind andere Gründe wahrscheinlicher.

Indien ging und geht nun wieder einen Sonderweg im Umgang mit Ivermectin. Es war und ist für kleines Geld zu kaufen und Teil eines Art Covid-Packs, das auch zu Prävention eingesetzt wurde: Gab es Symptome, sollte der Patient erstmal Ivermectin nehmen und das bereits vor dem Ergebnis des Tests. Anfang 2021 begann man dann seitens der Politik, dieses Medikament madig zu machen, weshalb immer weniger Menschen dazu griffen. Daher musste dann erheblich öfter die HFNC(high flow nasal cannula)-Sauerstoff-Therapie angewendet werden, was wiederum dazu führte, dass Betten und Sauerstoff knapp wurden.

Als sich das abzeichnete, empfahl das All India Institute of Medical Sciences (AIIMS) in Neu-Delhi dann das Medikament doch wieder. Dieser politische U-Turn fand sich auch in den Zahlen wieder. Sie sinken steil seit Anfang Mai, worüber man aktuell leider kaum berichtet. Stattdessen bleibt das Schreckgespenst der Delta-Variante in den Narrativen erhalten – ähnlich wie man nicht darüber berichtet, dass es in Großbritannien populationsbereinigt – trotz Delta-Varianten-Dominanz – weniger als ein Drittel so viele Todesfälle wie in Deutschland gibt (Stand 24. Juni 2021) und obwohl nur etwas mehr als 10 Prozent mehr Menschen in Großbritannien vollständig geimpft sind als in Deutschland.

„Man kann sich die Frage stellen, wie viel man denn ohne Tests noch von der Pandemie merken würde.“

In Indien versucht nun die Indian Bar Association gegen die falschen Empfehlungen, die zum Anstieg der Fallzahlen führten, gerichtlich vorzugehen. Die Tatsache, dass Ivermectin nun zur Prävention und Behandlung wieder eingesetzt wird, scheint ihren Niederschlag in den Zahlen zu finden, denn an der Impfung liegt es nicht – nicht mal jeder Fünfte ist dort vollständig geimpft (Stand: 28. Juni 2021).

Wir werden also in Zukunft weitere Varianten wie die Delta-Variante sehen: ansteckender und weniger gefährlich. Wie damit umgegangen wird, wird die Politik bestimmen, die sich bald die Frage stellen muss: Wie viel Panik und Einschränkungen sind bei einem Schnupfen noch angemessen? Dazu gibt es nicht nur die Impfung, sondern eben auch Akutmedikamente, weshalb die Gefährlichkeit sowie die Häufigkeit von schweren Verläufen eben auch abnehmen.

Man kann sich die Frage stellen, wie viel man denn ohne Tests – die inzwischen aus den Gründen in die Kritik geraten sind, die an dieser Stelle schon früher thematisiert worden sind – noch von der Pandemie merken würde.

Vielmehr ist es sinnvoll, einen Weg der Selbstbestimmung zu wählen und den Bürgern wieder das Zepter in die Hand zu geben. Jeder hat die Chance sich zu schützen und zwar durch die Maßnahmen, an die er glaubt – genau wie bei jeder anderen Krankheit auch. Maßnahmen wie 3G (Privilegien für Geimpfte, Getestete und Genesene) sind völlig sinnbefreit, zumal jeder aus der Risikogruppe bereits ein Impfangebot erhalten hatte. Es ist Zeit für Eigenverantwortung – nichts anderes zeigt die Delta-Variante.