01.07.2006

Kein Halle-luja!

Analyse von Matthias Heitmann

Matthias Heitmann zieht den spontanen Kick mit wildfremden Menschen auf schlammigen Bolzplätzen dem durchorganisierten Freizeitvergnügen vor.

Sie erinnern sich bestimmt noch an Oliver Bierhoffs Werbekampagne, mit der er versuchte, mittelprächtig preisgünstige Bierkästen dem Konsumenten durch das Versprechen, pro Kasten werde ein Quadratmeter „Bolzplatz“ saniert, ein bitchen schmackhaft zu machen. Die Vorgängerkampagne der trinkbaren Bolzplatzsanierung galt dem tropischen Regenwald; „Saufen für die Umwelt“ wurde durch „Ein Pils für Kinder“ abgelöst. Mittlerweile kann der diese Biermarke bevorzugende durstige Spender selbst auswählen, auf wessen Wohl er trinkt. Wie nachhaltig derlei Kampagnen letztlich den Erhalt von Regenwäldern oder Bolzplätzen oder dergleichen beeinflusst haben, konnte freilich nie einwandfrei nachgewiesen werden und ist eigentlich auch nur von untergeordneter Wichtigkeit. Schließlich liefert die Aufrichtigkeit von Werbebotschaften in den seltensten Fällen Anlass, sich ernsthaft mit ihnen auseinander zu setzen. Ob Oliver Bierhoff tatsächlich seinem Namen alle Ehre gemacht und Hoffnung auf Bier gesetzt hat? Wir werden es wohl nie erfahren. Zudem taugt auch diese Frage nicht für tief schürfende Analysen.


Eher könnte man den Eindruck gewinnen, der Teammanager der deutschen Fußballnationalmannschaft sei seiner Zeit entrückt. Schließlich wird der moderne Freizeitfußball seit einigen Jahren immer weniger durch schlammige Bolzplatzpfützen gekickt, sondern rollt immer häufiger in Fußball-Hallen (Cooldeutsch: „Soccerhallen“) über den Kunstrasen. Will sich Bierhoff tatsächlich diesem Trend entgegenstemmen und den vom Aussterben bedrohten Bolzplatzkickern neue Reservate bauen?
Fakt ist: Aus der kickenden Freizeitgestaltung ist eine professionelle und gut durchorganisierte Dienstleistungsbranche geworden. Soccerhallen schießen wie Pilze aus dem Boden oder besser: sie füllen die mittlerweile verwaisten Tennis- und Squashhallen mit neuem Leben. Für die Hallenbetreiber ist dies ein lukratives Geschäft: Die Hallen werden in 32 x 15 Meter große Spielfelder unterteilt, die, mit einem speziellen Bodenbelag ausgestattet, durch Banden und Netze unterteilt, anschließend für 50 Euro die Stunde an Freizeitmannschaften vermietet werden.


Brauchen wir dann überhaupt noch Bolzplätze? Meine Antwort lautet: ja, und zwar aus mehreren guten Gründen. Es gibt auch viele schlechte Gründe, wie etwa die Vorstellung, dass es der Nation an Straßenfußballern mangele, was sich durch die Bereitstellung neuer Spielplätze beheben ließe. Eine arg technische Sichtweise, war es doch gerade das spontane und nur in den seltensten Fällen erlaubte Treiben auf den Straßen früherer Jahrzehnte, mithin also die unautorisierte Ausbreitung eines Kindervergnügens wider alle (Straßenverkehrs-)Ordnung, dem nun durch die Bereitstellung von Bolzplätzen neues Leben eingehaucht werden soll. Trotz des Mangels an luxussanierten Sportanlagen, wie sie wohl Bierhoff vorschweben, droschen Jugendliche immer und überall nach etwas, das sich auch nur im Entferntesten als „Ball“ verwenden ließ. Wenn sich diese Gewohnheiten verändern, ist das nicht ausschließlich durch den Mangel an „Platz“ zu erklären.


Dass die Soccerhalle für Jugendliche keinen gleichwertigen Ersatz bietet, offenbart sich jedem, der eine solche betritt. Die Tatsache, dass das dortige Vergnügen Geld kostet, grenzt die Nutzergruppen stark ein. Hallensoccer ist ein Angebot für die „mittlere Generation“, die bereit und in der Lage ist, für einen gepflegten Hobbykick Geld in die Hand zu nehmen. Die Nachwuchskicker von heute, die am liebsten tagelang durchspielen würden, bis der Arzt kommt, bleiben in der Regel außen vor. Welcher Jugendliche ist schon in der Lage, täglich 15 Euro oder mehr zu investieren, um sich in einer solchen Halle einzunisten?


Aber noch aus einer anderen Perspektive geht dem durchorganisierten Hallensoccer ein sympathisches Element völlig ab. Denn schließlich ist es ja auch und gerade das spontane und nicht vorab organisierte Sich-Zusammenschließen wildfremder Jungs (und Mädels) aus unterschiedlichen Altersgruppen, Klassen, Schulen, Nationalitäten etc. zu Bolzmannschaften, das den Reiz des Freizeitfußballs ausmacht. Die klassischen Kickerfreundschaften, die ohne gegenseitige Namensnennung oder konkrete Verabredung für den nächsten Tag oder das nächste Wochenende auskommen, aber dennoch verbindlich sind, die auf einem Mindestmaß an Grundvertrauen basieren und soziales Verhalten untereinander wie selbstverständlich vermitteln, haben im boomenden Wirtschaftssektor Indoorsoccer nur wenig Chancen. Der Spielbetrieb ist hier anders organisiert, oder besser: er ist überhaupt organisiert und muss organisiert werden. Auf den Platz kommt, wer ihn vorher gebucht hat. Fertig. Kaum jemand würde auf die Idee kommen, alleine in die Halle zu gehen und darauf zu hoffen, einen Platz in einem wildfremden Team zu ergattern. So bestehen die Mannschaften, die in Fußballhallen anzutreffen sind, zumeist aus geschlossenen Zirkeln, die in Ruhe und unter ihresgleichen gelassen werden wollen.
 

„Viele Freizeitkicker lehnen die Professionalisierung und Kommerzialisierung des Spitzenfußballs ab. Gleichzeitig aber entwickelt die Freizeitfußballerszene Gewohnheiten, die ihrem ursprünglichen „graswurzeligen“ Charakter zuwiderlaufen.“



Der durchorganisierte Charakter des Hallenfußballs ist aber auch im Freizeitfußball immer häufiger anzutreffen. Im Internet sind in den letzten Jahren unzählige Freizeitkicker-Communities entstanden, in denen sich Thekenmannschaften registrieren und zu Spielen verabreden können. Auffällig hierbei jedoch, dass viele dieser Communities, ob gewollt oder nicht, in letzter Konsequenz exklusive Veranstaltungen sind und zudem großen Wert darauf legen, ihr Engagement mit einer eigenen „Fußball-Philosophie“ zu untermauern. Wer sich in einem der von dort organisierten Turniere daneben benimmt, läuft Gefahr, von künftigen Turnieren ausgeschlossen zu werden. Die angegliederten Diskussionsforen enthalten häufig „Warnhinweise“ über Einzelpersonen und Mannschaften, gegen die man besser nicht antreten sollte. Früher wurden Konflikte dieser Art unmittelbar auf dem Platz geregelt …


Ganz dem Freizeitfußball verschrieben hat sich die Zeitschrift Bolzen, eine Tochterpublikation von 11 Freunde, die sich – zugegebenermaßen ironisch gemeint – als „Zentralorgan des Freizeitfußballs“ bezeichnet. Bolzen informiert über „wilde Ligen“ und über Turniere aller Art und huldigt dem Charme des traditionell spontanen und oftmals auch ein wenig chaotischen Lebens des Freizeitkickers. Doch auch hier hat eine „Professionalisierung“ und organisierte Verfasstheit des einst wilden Treibens Einzug gehalten, die den Freizeitkick für unternehmerische Marketingaktionen öffnet und zugänglich macht. Im Jahr 2005 hat Bolzen gemeinsam mit Wrangler und MTV die Aktion „Rettet die Bolzplätze“ gestartet, in der Freizeitmannschaften die Sanierung „ihres Heimatstadions“ gewinnen können. Das mag eine nett gemeinte Aktion sein; nur stellt sich die Frage, wie ernst die Gewinner dieses Wettbewerbs es mit der Formulierung „ihr Heimatstadion“ nehmen werden, sobald „dahergelaufene“ Jugendliche sich ihres Platzes bemächtigen. Daran anschließend sind Fragestellungen vorstellbar wie etwa: Werden die sanierten Bolzplätze eingezäunt? Müssen „Konsumenten“ künftig Eintritt zahlen? Und: Wer hat den Schlüssel?


Die Entwicklung hat etwas Paradoxes: Viele Freizeitkicker lehnen die Professionalisierung und Kommerzialisierung des Spitzenfußballs ab. Gleichzeitig aber entwickelt die Freizeitfußballerszene Gewohnheiten, die ihrem ursprünglich spontanen, „graswurzeligen“ und auch anarchischen Charakter zuwiderlaufen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich macht es wenig Spaß, wenn der Sonntagskick zu einem Slalom um Hundehaufen, tiefe Löcher und Felsbrocken degradiert wird, und es ist auch nichts dagegen einzuwenden, wenn Spiel- und Bolzplätze der Öffentlichkeit in ansprechendem Zustand zur Verfügung stehen. Aber gerade das Wort „Öffentlichkeit“ ist hier der springende Punkt: Öffentliche Spielplätze sollten auch tatsächlich im Besitz der Öffentlichkeit sein und bleiben und nicht zu Prestigeobjekten und Marketingmaßnahmen von Unternehmen werden.


Für Freizeitkicker mittleren Alters mag es akzeptabel erscheinen, für das abendliche Sportvergnügen ein paar Euro auf den Tisch zu legen. Für die Gesellschaft als Ganzes ist aber die zunehmende Regulierung und Verorganisierung von Freizeitaktivitäten ein Verlust, und für Jugendliche bedeutet dies, dass sie noch weniger Freiräume finden, als dies heute schon der Fall ist. „Freiraum“ ist hier nicht nur im räumlichen Sinne gemeint. Es geht auch darum, in nicht oder wenig reglementierten Räumen soziale Erfahrungen zu machen, Konflikte ohne Schlichtung von außen eigenständig lösen zu lernen, eigene Regeln zu entwickeln und Kontakte zu knüpfen. Dies tut nicht nur Kinder und Jugendlichen, sondern auch Erwachsenen gut. Dass solche Freiräume heute immer häufiger „wegsaniert“ werden, ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Klimas, in dem Freiheit eher als Bedrohung denn als Entfaltungsraum betrachtet wird.


Auch wenn dies zuweilen anders gesehen wird: Das Halleluja auf die Soccer-Halle klingt für mich stark nach dem endgültigen Abgesang auf den spontanen und ungebundenen (und kostenlosen) Freizeitkick. Und den gibt’s halt eben nur auf dem öffentlichen Bolzplatz oder der Wiese um die Ecke. Sollten Oliver Bierhoffs sanierte Bolzplätze in Zukunft Eintritt kosten, könnte es sein, dass ich, wenn ich ihm jemals begegne, absichtlich das Bein stehen lasse.