16.09.2010

Karneval der Konfusion

Analyse von Frank Furedi

Neun Jahre nach den Geschehnissen vom 11. September 2001 sind Amerika und der Rest der westlichen Welt verwirrter als jemals zuvor.

Ein Jahrestag wie dieser sollte die Möglichkeit bieten, ein tragisches Ereignis verarbeiten zu können, dessen Nachwirkungen bis heute spürbar sind. Er sollte ein Volkstrauertag sein, an dem Gemeinschaften sich an das erinnern können, was verloren ging, sich Geschichten über einzelne Tragödien erzählen und durch ein gemeinsames Ziel vereint werden. Der 11. September ist jedoch zu einem Gedenktag ohne Bedeutung verkommen. Alljährlich raufen sich Verschwörungstheoretiker, Moralapostel und professionelle Opfer-Lobbyisten zu einer unheiligen Allianz zusammen, um dem Jahrestag auch noch den letzten Tropfen moralischen Inhalts zu entziehen.

Heutzutage reicht bereits eine Nullnummer – wie der US-amerikanische Pastor Terry Jones – aus, um eine globale Panik auszulösen. Jones, Autor des zukünftigen Bestsellers „Islam of the Devil“, drohte damit, am 11. September gemeinsam mit seinen Glaubensbrüdern des Dove World Outreach Centres öffentlich den Koran zu verbrennen. In einer selbstbewussten Gesellschaft, die nicht in Orientierungslosigkeit verfallen ist, hätte man diesen Werbegag als das verstanden, was er war: eine unbedeutende Geste eines belanglosen Haufens von Selbstdarstellern. Heutzutage wird dieses infantile Ansinnen eines Pastors und seiner Jünger als Bedrohung der weltweiten Harmonie und des Friedens wahrgenommen.

In zahlreichen Medien wurde vor der „ernsthaften Bedrohung“ der amerikanischen Sicherheit gewarnt, die von einer Koranverbrennung ausgehen könnte. General David Petraeus, der US- und Nato-Befehlshaber in Afghanistan sagte:“Es könnte Soldaten in Gefahr bringen und das bisher erreichte aufs Spiel setzen.“ Auch der ehemalige britische Premierminister Tony Blair ließ es sich nicht nehmen, an den Verstand des Pastors zu appellieren. Des Weiteren verkündete der UN Generalsekretär Ban Ki-Moon, dass er ob der Pläne des Pastors „zutiefst verstört“ sei.

Es war entmutigend, im Vorfeld des Jahrestages Berichte lesen zu müssen, die wie ein Vorspiel für eine neue Kristallnacht wirkten. So wurde in Zeitungen davon berichtet, dass amerikanische Moslems sich genötigt sahen, die Sicherheitsvorkehrungen in Moscheen zu erhöhen. „Wir können davon ausgehen, dass ein paar irre Typen etwas probieren werden, aber wir wollen [unter Moslems] keine Hysterie auslösen“, sagte Victor Beff vom Council of Islamic Organizations of Michigan.

Es ist offensichtlich, dass die Geschichte des 11. September immer weniger von einer externen Bedrohung Amerikas, sondern die inneren Spannungen des Landes handelt sowie seines Unvermögens, dem eigenen Lebensstil die richtige Bedeutung beizumessen. Im September 2001 konnte die amerikanische Öffentlichkeit noch nichts von so etwas wie einem „einheimischen Terroristen“ ahnen. Heute aber ist es der amerikanische Moslem Faisal Shahzad – der sogenannte „Times Square Bomber“ -, der die Gefahr des Terrorismus personifiziert. Shahzad wurde von seinem Nachbarn, einem Schullehrer, als völlig „normal“ beschrieben. Wenn selbst der Junge von nebenan zum Terroristen werden kann, müssen wir uns die Frage stellen: Was wäre, wenn in Wirklichkeit wir selbst die Terroristen sind?

Das Problem der „hausgemachten“ Bedrohung füllt die alte Frage – „Warum hassen sie uns? – mit neuem Leben. Als der damalige US-Präsident George W. Bush 2001 die Frage stellte, war sie nicht rhetorisch gemeint. Auch er konnte damals ein gewisses Maß an Überraschung und Fassungslosigkeit nicht verbergen. Derartige Fragen werden nicht gestellt, wenn der Feind eindeutig definiert ist. Weder mussten Roosevelt und Churchill fragen, weshalb die Nazis uns hassten, noch mussten sich westliche Regierungen diese Frage im Kalten Krieg stellen. Das Gefühl der Angst, das durch diese Frage zum Vorschein kommt, gründet auf der diffusen Erkenntnis, dass „sie“ uns näher stehen, als uns lieb ist. Es kommt sogar noch schlimmer: Die angebliche Entstehung eines „hausgemachten Terrorismus“ befeuert die Sorge, dass „sie“ in Wirklichkeit „wir“ sind.

Als Präsident Bush diese Frage das erste Mal stellte, ging man davon aus, dass der Feind aus einem fernen Land komme und das Problem des Terrorismus sowie dessen Quelle außerhalb der westlichen Gesellschaften zu suchen und zu lösen sei. Somit konzentrierten sich die meisten Theorien, die sich mit der islamischen Wut oder dem Kampf der Kulturen beschäftigen, auf ferne, exotische Orte wie Afghanistan oder den Iran. Ironischerweise wird dieser, auf eine Außenansicht fußende Denkansatz auch von Kritikern der amerikanischen und europäischen Außenpolitik benutzt, um zu argumentieren, dass die Unterdrückung Palästinas und die westliche Dominanz im Nahen Osten der wahre Grund für den Terrorismus seien.

Dabei ist es seit dem 11. September immer schwieriger, den Terrorismus als ein externes Problem abzutun; er ist zu einem internen geworden. Immer wieder zeigen sich die westlichen Gesellschaften davon überrascht, dass beachtliche Teile der moslemischen Jugend in Großbritannien immer mehr Verständnis für eine radikal-islamische Weltanschauung zeigen. In den Medien wird von Fällen berichtet, in denen junge, in England geborene, Teenager sich dem westlichen Lebensstil entsagen und zu erbitterten Feinden ihres Geburtslandes werden.

Diese Konfusion macht es schwierig, 9/11 mit Sinn zu füllen. Sollte der Trauertag des 11. September den American Way of Life zelebrieren? Könnte er eine Möglichkeit darstellen, kulturelle Unterschiede zu überwinden? Dient er als eine Mahnung dafür, dass eine Nation im Falle einer Bedrohung zusammenrücken kann/soll, oder offenbart er eine zutiefst verunsicherte Gesellschaft? Die Art und Weise, in der sich die westliche Welt von den verrückten Ideen eines Terry Jones verunsichern lässt, deutet darauf hin, dass diesen Fragen gar nicht erst gestellt werden.

2001 schien es, als würden die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon die westliche Welt zusammenschweißen und ihr einen neuen Sinn geben können. Doch schon ein paar Monate später zeigte sich, dass der Westen nicht in der Lage war, seine eigenen Werte zu definieren, geschweige denn diese zu verteidigen. Stattdessen sah man sich in Washington gezwungen, das Image von Amerika zu „re-branden“, um es einer feindlichen muslimischen Welt zu verkaufen. Auch heute, neun Jahre später, konzentriert sich die westliche Welt auf ihr „Image“. So warnte General Petraeus davor, dass das Verbrennen des Korans genauso schlimm für das amerikanische Image sein könnte wie die Bilder von Abu Ghraib.

Kriege und andere historische Ereignisse haben ernste materielle, geopolitische und wirtschaftliche Konsequenzen. Sie fordern eine Gesellschaft heraus, das Unerwartete sowie den Glauben an den eigenen Lebensstil richtig einzuschätzen. Im rein materiellen Sinne war der 11. September eine Bagatelle: die wirtschaftliche Betriebsstörung wurde schon bald von einem Wirtschaftsaufschwung abgelöst, und auch im täglichen Leben ging schon bald alles seinen gewohnten Gang. Die beste Art, den 11. September zu begehen, besteht meiner Meinung darin, unsere intellektuellen und politischen Energien dazu einzusetzen, Antworten auf die Fragen zu finden, die unsere Eliten sich nicht zu stellen trauen.