21.02.2011

Aus vielen Eines

Von Tobias Prüwer

Verfolgte Unschuld? – Karl-Theodor zu Guttenberg will von Plagiatsvorwürfen nichts wissen, gesteht aber „Fehler“ in seiner Dissertation ein. Eine unglaubliche Verharmlosung, die eines zeigt: wissenschaftliche Ehrbarkeit und politisches Kalkül vertragen sich nicht, meint Tobias Prüwer

E pluribus unum: Exakter als mit dem ersten Satz seiner Dissertation – der zugegebenermaßen auch nicht von ihm stammt – hätte Karl-Theodor zu Guttenberg seine Vorgehensweise nicht zusammenfassen können. Aus vielen Texten und Argumenten, Gedanken und Konzepten hat er eine Arbeit gemacht. Absatzweise reihen sich die Zitate aneinander, immer mehr verdichten sich die Hinweise, dass Guttenberg lediglich als Brückenbauer fungierte und Übergänge zwischen fremden Textbausteinen schuf. Über das ganze Ausmaß soll hier nicht spekuliert werden. Ab Montag lassen sich erste Einschätzungen im Blog Guttenplag nachschlagen, das bisher 475 – noch ungeprüfte – Plagiatsverdachte in der Arbeit auflistet. Sollte sich auch nur ein Bruchteil als tatsächliche Plagiate erweisen, muss der Titel aberkannt werden.

Das kann ja mal passieren? Außerdem gibt es Wichtigeres? – „Der Bundesverteidigungsminister wird ertappt, dass er bei 10 von 1000 Fußnoten bei seiner Dissertation geschludert hat. Das ist ja auch wirklich wichtiger als seine Bundeswehrreform“ (1). Der Kommentar in der „Wirtschaftswoche“ bringt in idealtypischer Weise zum Ausdruck, was das Gros der Bevölkerung über die causa Guttenberg zu denken scheint. Der wissenschaftliche Status seiner Promotion sei doch egal, solange er gute Arbeit als Minister leiste, hört man. Alle Kritik an seiner Dissertation käme von politischen Gegnern, entbehre der Grundlage und überhaupt, warum redet man nicht lieber über Afghanistan, ACDC oder Adelsetikette?

Man muss sie klar auseinander halten, die Rolle Guttenbergs als Politiker und Wissenschaftler. Auch wenn er nie eine Hochschulkarriere anstrebte, so bewegte er sich mit der Dissertation in wissenschaftlichen Gefilden, oder hätte zumindest besser daran getan. Wenn der Doktortitel so nichtig ist, warum hat Guttenberg dann überhaupt promoviert? Wer nun Wissenschaft und Politik vermengt, weist sich als nicht kritikfähig aus, kann oder will nicht differenzieren. Um den eigentlichen, den wissenschaftlichen Skandal zu kaschieren, sollen politische Ränkespiele konstruiert werden, ganz so, als ob es für den Plagiatsvorwurf keine ernstzunehmenden Anzeichen gebe. Aber selbst wenn die ersten Plagiate von einem linken Juristen aufgedeckt und öffentlich gemacht wurden, ändert das doch nichts an den Fakten. Oder hätte sie ein konservativer Autor, so lässt sich das Scheinargument umdrehen, verschweigen müssen? Wahrheitsverzicht im Wahljahr – das kann keine ernst gemeinte Forderung sein. Wer das Ausgeben von fremden Gedanken als eigene in einer Dissertation als Lappalie verharmlost, leistet einem Dammbruch Vorschub: Wie will man Studierenden die Notwendigkeit wissenschaftlicher Redlichkeit in Haus- und Abschlussarbeiten noch begründen? Nicht zuletzt konterkarieren solche politischen Winkelzüge die Sonntagsreden vom Wissensstandort Deutschland – egal, was man nun von diesem Diktum halten mag.

„Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU’‘, die juristische Doktorarbeit des Verteidigungsministers besteht zu großen oder gar überwiegenden Teilen aus der Feder anderer Autorinnen und Autoren. Das erscheint als Fakt, an dem schon jetzt nicht mehr zu rütteln ist. Die einzige offene Frage ist, wie die Universität sich entscheidet. Was Guttenberg hier ablieferte, sind keine „Fehler“ und es stellt eine schallende Ohrfeige an alle ehrbaren Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen dar, zu behaupten, jede Doktorarbeit enthalte solche „Ungenauigkeiten“. Das ist kein faux pas Guttenbergs, hier liegt nicht weniger als wissentliches Plagiieren vor. Es gehört schon einiges an Zufall dazu, wenn man in vielen Fällen Anführungszeichen und Fußnoten vergisst zu setzten oder diese auf unerklärliche Weise verschwinden. Auch den eigenen Duktus von anderen nicht mehr unterscheiden zu können, ist bei Fülle des wahrscheinlich kopierten Materials nicht plausibel. Dann tauchen viele Originalquellen nicht einmal im Literaturverzeichnis auf? Wie von selbst ändern sich die Initialen eingeschobener Anmerkungen in Guttenbergs Kürzel? Und von Geisterhand schiebt sich ein für Guttenberg von den Wissenschaftlichen Diensten des Bundestages verfasstes Referat ohne Kennzeichnung in die Dissertation? Man muss die Dinge beim Namen nennen: Solcher Diebstahl geistigen Eigentums ist nichts anderes als ein Plagiat. – A rose is a rose is a rose.

Guttenbergs gedankenlose Arbeit ist von vorn bis hinten kopiert, selbst die Einleitung zusammengeschustert, daran gibt es kein Rütteln. Daher zeigt sich das von Guttenberg und seinen Verteidigern ausgeübte Abwiegeln als der eigentliche Skandal. Will man uns denn mit dem Leugnen des Offensichtlichen für dumm verkaufen? Guttenberg scheint das selbst zu glauben – zumindest agiert er so. Aussitzen will er es. Und nur deshalb machte er den reichlich absurden – nicht abstrusen – Vorschlag, den Titel zwischenzeitlich ruhen zu lassen. Allein, dass er auf der peinlichen Mini-Pressekonferenz am letzten Freitag betont, ihn nach dem Verfahren der Universität Bayreuth wieder aufzunehmen, zeigt, was er von einem solchen unabhängigen Gremium hält. Dieses Thema kann man aber nicht so mir nichts Dir nichts aussitzen, so siegesgewiss sich Guttenberg auch inszeniert. Bei der Frage nach Wahrheit oder Lüge einer wissenschaftlichen Arbeit scheitert das politische Vexierspiel.

Das Werk eines professionellen Ghostwriters war die Arbeit sicherlich nicht. Dieser würde sich ja die Lebensgrundlage mit solcher Stümperhaftigkeit selbst entziehen. Ob solches nun für Guttenberg gilt, bleibt abzuwarten. Was die Plagiatsdiskussion für die politische Ebene bedeutet, darüber kann man sicherlich streiten. Aufrichtigkeit und Ehrbarkeit sind hier ja nicht immer die Leitideen – allerdings hat gerade Guttenberg diese öffentlich immer hochgehalten und – um Max Weber zu paraphrasieren – eine Politik aus Berufung, nicht als Beruf verkörpert. Dass es damit doch nicht so weit her ist, drängt sich als Verdacht angesichts der anhaltenden Abwiegelungstaktik immer stärker auf. Man kann nur hoffen, dass Nietzsche nicht ins Schwarze traf, als er über die Parteimenschen schrieb: Das „Nicht-sehen-Wollen, was man sieht, dies Nicht-so-sehen-wollen, wie man es sieht“, sei „beinahe die erste Bedingung für alle, die Partei sind in irgendwelchem Sinne: Der Parteimensch wird mit Notwendigkeit Lügner.“ (2)