01.05.2004

Kapitalismus von unten

Essay von Michael Miersch und Dirk Maxeiner

Wo findet man die wahren Kapitalisten? In den Slums von Lima, Johannesburg oder Delhi. Dirk Maxeiner und Michael Miersch erklären, warum Kleinstunternehmer in der Dritten Welt ihre Regierungen oft mehr fürchten als die Globalisierung.

Auf der Market Street im Herzen Johannesburgs ist der Kunde König. Nicht nur Supermärkte, Boutiquen und Kaufhäuser buhlen um ihn, sondern auch Hunderte von Straßenhändlern, die man hier „Hawker“ nennt. Sie bieten auf ihren wackeligen Tischen jede Ware an, für die Nachfrage besteht: Unterwäsche, Blumen, Seife, Bücher, Gemüse, Limonade, Spielzeug, Kunsthandwerk und und und. Selbst Dienstleister wie Frisöre und Telefonvermieter arbeiten an der Bordsteinkante unter freiem Himmel. Ein bunter Karneval der Ich-AGs, der in regierungsamtlichen Konzepten und ökonomischen Studien bestenfalls als Randerscheinung geführt wird.

Wer in Südafrika „Hawker“ wird, hatte meistens keine Chance, einen sicheren Arbeitsplatz zu ergattern. An jeder Betriebsauffahrt, jeder Werkstatttür und jedem Farmtor prangt das gleiche Schild: „No Jobs!“ Die Hawker haben aus der Not eine Tugend gemacht, sich von Verwandten und Freunden ein paar Rand geliehen und Marktlücken ausfindig gemacht. Dion Madlala ist einer von ihnen. Er verkauft (legal lizenzierte) CDs mit afrikanischem HipHop und Jazz – sein bisher erfolgreichstes Geschäftsfeld, nachdem es mit Armbanduhren und Taschenrechnern nicht so gut lief. Als Alleinverdiener eines Dreierhaushalts unterstützt er seine Mutter und finanziert seiner Schwester die Oberschule und einen Computerkurs. Eigentlich ist er ganz zufrieden, denn er verdient mehr als ein südafrikanischer Fabrikarbeiter. Da er beim Einkauf Mehrwertsteuer bezahlt, leistet er sogar einen kleinen Beitrag zum Allgemeinwohl. Doch für die Polizei ist er ein Nichtsnutz, der den Bürgersteig blockiert. Auch im Weltbild des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) haben Menschen wie Madlala keinen Platz. Die Gewerkschaftsbosse in der Regierung von Thabo Mbeki vertreten die Interessen der Arbeiter, Angestellten und Beamten. Wer sich als Straßenhändler über Wasser hält, wird als Staatsbürger nicht wahrgenommen. Doch bei weit über 30 Prozent Arbeitslosigkeit gibt es ziemlich viele, die nicht ins Schema passen: Lumpenproletarier, wie Marx sie nannte; heutige Ökonomen sprechen vom „informellen Sektor“.

„In den afrikanischen und südamerikanischen Megametropolen sind die „informellen“ oder „extralegalen“ Kleinunternehmern längst zu einer wichtigen wirtschaftlichen Säule geworden.“

Und der boomt nicht nur in Südafrika, sondern auf der ganzen Welt. Armutsflüchtlinge vom Land strömen in die Städte. Auch in den südamerikanischen Megametropolen Mexiko City, Saõ Paulo oder Lima wimmelt es von „informellen“ oder „extralegalen“ Kleinunternehmern, die längst zu einer wichtigen wirtschaftlichen Säule geworden sind. Der peruanische Ökonom Hernado de Soto hat sich als einer der ersten mit diesem Phänomen befasst und ist zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. Mitte der 80er-Jahre versorgten beinahe 100.000 Straßenhändler die Acht-Millionen-Stadt Lima, weitere 40.000 hatten sich in rund 300 informellen Markthallen organisiert. Drei Viertel des öffentlichen Personenverkehrs wurden damals von Bus- und Taxibetreibern ohne Lizenz sichergestellt (heute bewältigt der nach der bevorzugten Fahrzeugart benannte „Kombi-Kapitalismus“ sogar 95 Prozent). Beinahe 40 Prozent des peruanischen Bruttosozialproduktes entstammen solchen nicht vom Gesetzgeber kontrollierten Quellen. „Die Straßen und Bürgersteige Südamerikas sind die besten Business-Schools geworden, die wir haben“, sagt der ehemalige Nationalratsabgeordnete Enrique Ghersi. „Das sind einfache, bescheidene und ehrliche Menschen“, fährt er fort, „niemand hat ihnen etwas beigebracht, aber sie haben begriffen, dass man nicht reich sein muss, um Unternehmer zu werden.“ Wagemut und Fleiß zeichne diese Menschen aus und die Einsicht, „dass sie sich organisieren müssen“.

In den „Pueblos jóvenes“ von Peru, den „Favelas“ in Brasilien, den „Ranchos“ in Venezuela, den „Barrios marginales“ in Mexiko, den „Bidonvilles“ in den ehemaligen französischen und den „Shanty Towns“ in den ehemaligen britischen Kolonien ist eine kapitalistische Graswurzel-Revolution im Gange, die Beobachter ob ihrer Dynamik und Kreativität staunen lässt. Die Armen erweisen sich als „risk takers“, gegen die sich mancher arbeitslose Europäer wie ein hilfloses Kleinkind ausnimmt. Sie haben beschlossen, die Umverteilung des Reichtums in die eigenen Hände zu nehmen und die Bastionen der Reichen als Kleinstunternehmer zu unterlaufen. „Dieses Meer von Extralegalen, das gegen die Glasglocken der rechtlichen Privilegien brandet, könnte sehr wohl zu einem gewichtigen Faktor werden, der die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft zwingt, die industrielle und wirtschaftliche Revolution zu akzeptieren, die über sie hereingebrochen ist“, sagt Hernando de Soto und fügt hinzu: „Die staatlichen Stellen der meisten Länder sind gar nicht in der Lage, mit der extralegalen Wirtschaft zu konkurrieren.“

„So zweimal im Jahr“, erzählt Straßenhändler Dion Madlala, „kommt die Polizei. Dann heißt es schnell sein.“ Denn wenn er Pech hat, sacken korrupte Beamte seine ganze Ware ein und lachen, wenn er nach einer Quittung fragt. Seine politische Forderung klingt nicht sonderlich revolutionär, würde aber das Dasein von Tausenden Johannesburger Straßenhändlern deutlich verbessern: Madlala möchte eine Lizenz. Er möchte, dass er und seine Kollegen anerkannt und registriert werden. Er möchte, dass sein Eigentum von der Polizei respektiert wird. In der Sprache der Ökonomie: Er wünscht sich faire ordnungspolitische Rahmenbedingungen für die Market Street. Ansonsten will er gern reich werden und glaubt, dass freier Handel der beste Weg dahin ist. Deshalb wurde er misstrauisch, als beim Welt-Nachhaltigkeits-Gipfel 2002 westliche Globalisierungsgegner scharenweise nach Johannesburg einflogen, um gegen „Turbokapitalismus“ und „Neoliberalismus“ zu protestieren. „Ich bin gegen diese Nachhaltigkeit“, sagt er, „denn ich möchte nicht nachhaltig arm bleiben.“

Mit dieser Meinung steht der Straßenhändler nicht allein. Als die Weltbank im Sommer 2003 eine Meinungsumfrage unter 38.000 Menschen aus 44 Nationen durchführte, stimmten in den reichen europäischen und nordamerikanischen Staaten 27 Prozent dem Satz zu: „Die Globalisierung ist schlecht für mein Land.“ Doch nur zehn Prozent der Afrikaner teilten diese Ansicht. 56 Prozent der Menschen zwischen Sahara und Kap der guten Hoffnung finden: „Wachsender globaler Handel und globale Geschäftsverbindungen sind sehr gut für mein Land.“ Fazit der Weltbank-Demoskopen: „Das verblüffende Ergebnis dieser Erhebung war, dass die Ansichten über Globalisierung in armen Ländern deutlich positiver waren als in reichen. Die Leute machen nicht die Globalisierung für den mangelnden Fortschritt verantwortlich, sondern die Regierungen ihrer Länder.“

Sauvik Chakraverti, liberaler indischer Intellektueller vom Centre for Civil Society in Delhi, nimmt kein Blatt vor den Mund: „Unsere Regierung und unser Staat sind Feinde der armen Bevölkerung; beide versuchen, die Menschen dumm und gefügig zu halten. Indien ist eine Kleptokratie.“ Der streitbare Inder signalisiert schon rein äußerlich einen neuen und ungewohnten Typus von Kapitalismus-Verfechter: Mit Nickelbrille, schulterlangen Haaren, Jeans, Trecking-Schuhen und T-Shirt passt er überhaupt nicht in das erwartete Nadelstreifen-Schema. Diese neuen Guerilla-Kapitalisten sind habituell links und alles andere als reaktionäre Verteidiger des Bestehenden. Einst, als die Dritte-Welt-Intellektuellen noch alles Glück vom Staat erhofften, hieß das leuchtende Vorbild Che Guevara. Morgen vielleicht Otto Guevara: So heißt der Kopf der Movimiento Libertario in Costa Rica. Die junge radikalliberale Bewegung stellt bereits sechs Abgeordnete im 57-sitzigen Kongress des kleinen mittelamerikanischen Landes. „Die Revolutionäre der 60er- und 70er-Jahre waren alle Sozialisten“, sagt der andere Guevara; „heute wendet sich der natürliche Impuls der Jugend zu Rebellion gegen das sozialistische Establishment.“ In aufgeklärter linker Tradition glaubt er an die positive Veränderbarkeit der Welt. Ganz so wie Chakraverti, der gerne den liberalen Vordenker Ludwig von Mises zitiert: „Die für freies Unternehmertum, Wettbewerb und freien Wettbewerb kämpfen, verteidigen nicht die Interessen derer, die heute reich sind. Sie wollen Freiheit für die unbekannten Menschen, die die Unternehmer von morgen sein werden.“ Wenn er auf Globalisierungsgegner angesprochen wird, schaut Chakraverti drein, als wolle er gleich die Gurkas losschicken: „Die Armen brauchen keine intellektuelle Moralelite, die ihnen Vorschriften macht und Ressourcen zuweist. Sie brauchen persönliche Freiheit und einen freien Markt, auf dem frei gehandelt werden kann.“

„Kapitalisten werden immer dann zum Problem, wenn sie nicht kapitalistisch handeln, sondern sich mit dem Staat verbünden.“

Allein in Delhi werden den Straßenhändlern und Rikscha-Chauffeuren, den Ärmsten der Armen also, pro Monat knapp zehn Millionen Euro von städtischen Behörden und der Polizei abgeknöpft. Mit einem Handstreich führten die Behörden eine Lizenzpflicht für Rikscha-Fahrer ein und limitierten deren Zahl auf 50.000. Drei Viertel der 200.000 Mini-Unternehmer wurden damit in die Illegalität verbannt und sind Schikanen hilflos ausgesetzt. Es ist auch nicht erlaubt, mehr als eine Rikscha zu besitzen. Eigentümer und Fahrer müssen die gleiche Person sein. Erfolg und Wachstum sind im indischen Rikscha-Business somit staatlich verboten. Automobil-Taxis unterliegen keiner solchen Restriktion. Will jedoch ein Emporkömmling einen billigen Gebrauchtwagen importieren, um ins Geschäft zu kommen, ist das wiederum unmöglich, denn die Einfuhr gebrauchter Automobile ist in Indien untersagt. Nur teure Neuwagen dürfen legal importiert werden. Wer sich die nicht leisten kann, muss Modelle aus indischer Produktion erwerben, die den Vergleich mit DDR-Automobilen nicht scheuen müssen. „Indien ist zwar zu arm, um Gebrauchtwagen ins Land zu lassen“, bemerkt Chakraverti sarkastisch, „aber nicht zu arm, um jeden zum Kauf eines neuen Mercedes zu zwingen.“ Mit Freihandel und Kapitalismus habe das nichts zu tun: „Kapitalisten werden immer dann zum Problem, wenn sie nicht kapitalistisch handeln, sondern sich mit dem Staat verbünden.“

Irrwitzige staatliche Regulierungen sind stets ein Programm zur Förderung der Korruption. Dies zeigt eine Untersuchung aus dem indischen Hyderabad. Dort besuchen über 60 Prozent der Kinder aus den Slums etwa 1000 private Kleinschulen, die keinerlei öffentliche Zuwendungen erhalten. Auf 29 Schüler kommt im Schnitt ein Lehrer, die Schulgebühr liegt bei drei bis vier Euro im Monat. Die Gewinnmarge der Schulunternehmer liegt bei ewa 25 Prozent. Der dickste Posten auf der Ausgabenseite: die Schmiergelder, die an bestechliche Beamte bezahlt werden müssen, um all die prohibitiven Vorschriften der indischen Schulgesetzgebung vollständig ignorieren zu können.

Sharad Joshi, Vorsitzender einer großen indischen Bauerngewerkschaft, erhebt ähnliche Vorwürfe. Die Armut auf dem Lande, sagt er, komme von den Eingriffen der Regierung, die es den Bauern verbiete, die Preise zu fordern, die sie auf einem offenen Markt erzielen könnten. Die ökonomischen Reformen der letzten zehn Jahre sind am System der indischen Landwirtschaft ziemlich spurlos vorübergegangen. So muss beinahe die Hälfte der Zuckerernte zu vorgeschriebenen Niedrigpreisen an den indischen Staat abgegeben werden. Für die Baumwollverarbeitung bedarf es genauso staatlicher Lizenzen wie für Alkoholproduktion oder Milchverarbeitung. Kontrollen, Quoten und Exportverbote bildeten, so klagt Joshi, nach wie vor ein „tyrannisches System“, das den Feudalismus mit anderen Mitteln fortsetze.

Auch der Südafrikaner Tabang Mokotong findet, dass seine Regierung versagt habe, und er wünscht sich mehr, nicht weniger Globalisierung. „Wir wollen, dass investiert wird. Wir wollen Jobs!“, sagt er, und fährt fort: „Diese Globalisierungsgegner vertreten nicht die Armen.“ Mokotong gehört zu den arbeitslosen Akademikern, von denen es inzwischen viele in Afrika gibt. Er hat seinen Job verloren, als die Regierung Mindestgehälter für Lehrer einführte. Die kleine Privatschule, an der er unterrichtete, konnte dieses Mindestgehalt nicht bezahlen und entließ ihn. Vergeblich suchte er eine neue Stelle und lernte dabei immer mehr über die Kehrseite des südafrikanischen Arbeitsrechts, das 1996 nach deutschem Vorbild formuliert wurde. „Viele Kleinunternehmer trauen sich nicht, jemanden anzustellen“, sagt er, „weil sie Angst haben, dass sie ihn nie wieder loswerden.“ Damit die Arbeitslosen endlich auch eine Stimme im politischen Geschehen erhalten, gründete er die Initiative Malamulela, eine Art Arbeitslosengewerkschaft. Malamulela fordert, dass Arbeitslose von den strikten Arbeitsgesetzen ausgenommen werden, um sie als Jobkandidaten attraktiver zu machen. Dieses „Job Seekers Exemption Certificate“ soll für jeden auf zwei Jahre begrenzt werden. „Die Regierung behauptet, wir verkaufen die Arbeitslosen an die Kapitalisten“, schimpft Mokotong. „Die wollen die Armen vor den Reichen schützen. Das ist ja ehrenwert. Aber in Südafrika sind die Arbeitnehmer nicht wirklich arm, sondern wir, die Arbeitslosen.“ In seinen Versammlungen schütten die Menschen ihr Herz aus: „Viele glauben, dass sie durch bösen Zauber verhext wurden und deshalb keinen Job finden. Manche stehlen, weil sie einen guten Anzug für die Kirche und für Beerdigungen brauchen. Wer keinen hat, traut sich nicht hin und wird schnell zum Außenseiter.“

Zwei kleine, aber wachsende liberale Parteien unterstützen die Ziele von Malamulela und auch die Forderungen der Straßenhändler. In Südafrika ist der Liberalismus jedoch weit davon entfernt, eine Massenbewegung zu werden. Aber immerhin wurde die liberale Demokratische Allianz (DA) bei den Parlamentswahlen mit 18,8 Prozent der vorläufigen Stimmenauszählung zur größten Oppositionsgruppe, Tendenz steigend. Allerdings leidet die DA unter dem Stigma, von Weißen, Asiaten und Farbigen (so werden in Südafrika die Mischlinge genannt) dominiert zu sein. Wer in Südafrika arm und schwarz ist, wählt ANC (64,7 Prozent), das ist Ehrensache. Apartheid und Befreiungskampf sind noch frisch in Erinnerung, und Nicht-ANC-Wählen kommt vielen wie Vaterlandsverrat vor. Jetzt hat der prominente schwarze Akademiker Themba Sono gemeinsam mit der hoch angesehenen Anti-Korruptionskämpferin Patricia DeLille eine neue liberale Partei gegründet, die Independent Democrats. Die Regierung hat es bislang recht erfolgreich geschafft, das Wörtchen „liberal“ mit „reaktionär“ oder gar „rassistisch“ zu koppeln. „Neoliberalismus“ gilt als Teufelswerk. Darin steckt eine gewisse Ironie der Geschichte, denn zu den Zeiten des Apartheid-Regimes wurden die Liberalen mit Kommunisten gleichgesetzt. „Die Linken mögen es nicht gern hören“, sagt Eustace Davie von der Free Market Foundation in Johannesburg, „aber ökonomisch betrachtet war das Apartheid-Regime durch und durch sozialistisch.“

Tatsächlich hinterließen die weißen Rassisten schwerfällige staatliche Monopole, eine wuchernde Bürokratie, hohe Staatsverschuldung, Inflation, wirtschaftliche Stagnation und Gefängnisse voller unschuldiger Insassen. „Da ist vieles besser geworden“, sagt Davie. Zufrieden registriert er, dass die Regierung in der Finanzpolitik durchaus einen liberalen Kurs eingeschlagen hat: Sie versucht, den Haushalt zu sanieren und Schulden abzubauen. „Aber nicht aus Überzeugung, sondern aus Not“, wie er betont. Immerhin: Die Inflation hält sich nun in Grenzen. Doch die großen Probleme Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Aids sind geblieben. Trotz des in Südafrika verheerenden Ausmaßes der Seuche ist die Regierung nicht sonderlich aktiv. Private Selbsthilfeinitiativen wie Love Life finanzieren sich durch Spenden aus der Bevölkerung und von Wirtschaftsunternehmen.

Auch in Indien glaubte man lange an Planwirtschaft, Abschottung und Protektionismus. Nach der Unabhängigkeit fiel Indiens Anteil am Welthandel von 2,5 auf 0,4 Prozent im Jahre 1985. Indische Sozialisten jubelten darüber und verbuchten es ausdrücklich als Erfolg auf dem Weg zur angestrebten „Selbstversorgung“ und „Nationalisierung“. Doch während sich öffnende Länder wie Singapur und Taiwan rasch zu Wohlstand kamen, erwies sich der indische Weg als Anleitung zum Unglücklichsein. Indien blieb arm und stand Ende der 80er-Jahre vor dem Staatsbankrott. Erst seitdem das Land sich – wenn auch widerwillig – den internationalen Märkten öffnet und Teile der staatlichen Monopolbetriebe aus schierer Geldnot privatisiert, geht es wirtschaftlich bergauf. Dennoch bleibt Indien weit hinter seinen Möglichkeiten zurück, weil die politische Elite, die Bürokratie, staatliche Konzerne und die damit verwobenen Gewerkschaften den Status quo verbissen verteidigen. Und der ist, so formuliert es Sauvik Chakraverti in zwei Worten: „anti-poor“.

„Wenn wir vor 40 Jahren in Peru so gedacht hätten wie in Taiwan, dann hätten wir heute denselben Lebensstandard“, sagt der ehemalige peruanische Präsidentschaftskandidat und Schriftsteller Mario Vargas Llosa; „heute näht niemand mehr in Taiwan Jeans, heute werden Jeans in Peru genäht, und das ist ein wichtiger Schritt fürs Land.“ Von 1993 bis 1998 sank in Peru die Zahl der Unterernährten von 41 auf 13 Prozent. Ähnlich wie Vargas Llosa in Peru hat sich Themba Sono in Südafrika zu einem engagierten Kritiker der Linken entwickelt. „Zu glauben, dass Sozialismus auf Dauer funktionieren könnte“, sagt er, „ist so naiv wie der Glauben, Sklaverei könnte ewig funktionieren.“ Sono weiß, wovon er redet, gehörte er doch selbst zu einer Generation afrikanischer Intellektueller, die stark von marxistischen Ideen geprägt wurde. Ihm kamen theoretische Zweifel jedoch schon lange, bevor in Afrika ein planwirtschaftliches System nach dem anderen Bankrott ging.

Seine heutigen ökonomischen Vorschläge haben rein gar nichts mehr mit sozialistischen Rezepten zu tun, kommen aber dennoch beim armen Teil der Bevölkerung gut an. Etwa der Vorschlag, Slumbewohnern Eigentumstitel auf ihre Hütten zu geben. Zwar bringt die Stadtverwaltung Strom und Wasser in die Elendsviertel, die heute euphemistisch „Informal Settlements“ genannt werden. Auch gibt es überall Programme für kleine Zwei-Zimmer-Eigentumshäuschen, die sich auch Geringverdiener leisten können. Doch die ganz Armen haben nach wie vor keine Eigentumsrechte. Und Woche für Woche lassen sich Hunderte Armutsflüchtlinge aus Nachbarstaaten am Stadtrand von Johannesburg nieder. Sono ist davon überzeugt, dass diese Menschen schneller in geordnete Verhältnisse finden könnten, wenn ihnen ihre selbst gebaute Hütte gehören würde und sie nicht ständig fürchten müssten, doch noch vertrieben zu werden.

Sein peruanischer Kollege Hernando de Soto kann dies mit Zahlen untermauern. Er hat ermittelt, dass in Lima beinahe die Hälfte der Einwohner in informellen Siedlungen leben, die sie im Lauf der Jahre selbst errichtet haben. Deren Wert wird auf über acht Milliarden Dollar geschätzt. Obwohl die Legalisierung seines geringen Besitzes für den Einzelnen oft nur kleine Summen ergeben würde, kommt weltweit ein gigantisches Wohlstandspotenzial heraus. Die informellen Siedlungen von Lima bis Johannesburg und von Kairo bis Manila repräsentieren nach de Sotos Berechnungen einen Wert von 9,3 Billionen Dollar. Zum Vergleich: Das ist in etwa doppelt so viel wie die gesamte im Umlauf befindliche Geldmenge der USA und fast so viel wie der Gesamtwert aller Unternehmen, die an den wichtigsten Börsen der 20 fortschrittlichsten Länder notiert werden. In den extralegalen Strukturen wären also Billionen von mobilisierbarem Kapital vorhanden, die aber nicht freigesetzt werden können, weil vielerorts eine formale Eigentumsordnung verweigert wird. In Lima ist der Prozess der Besitzlegitimierung, wenn auch bürokratisch, widerwillig und schleppend, inzwischen zumindest in Gang gekommen.

„Eine Frau, die eine Schneiderei in Lima eröffnen möchte, müsste 31 Mindestlöhne bezahlen, um ihr Geschäft zu legalisieren.“

Doch bleibt die Möglichkeit, Kapital zu bilden oder sich einen kleinen Kredit zu verschaffen, um ein Geschäft aufzubauen, dem Gros der Armen auf dem Globus immer noch verwehrt. Es fehlt schlicht das zur Schaffung einer eigenen Existenz notwendige Startkapital. Hinzu kommen staatliche Schikanen: Eine Frau, die zum Beispiel eine Schneiderei in Lima eröffnen möchte, müsste nach zahllosen Behördengängen, die sich über ein dreiviertel Jahr hinziehen, 1231 Dollar (31 Mindestlöhne!) bezahlen, um ihr Geschäft zu legalisieren. Wer legal ein kleines Haus bauen möchte, kann sich auf 207 Behördengänge zu 52 Regierungsstellen gefasst machen.

Welche Kräfte freigesetzt werden, wenn man den Menschen eine Chance gibt, am freien Wettbewerb teilzuhaben, beweist die Erfolgsgeschichte des Ökonomen Muhammad Yunus, der mit seiner Grameen-Bank Kleinkredite an die Ärmsten der Armen in Bangladesh vergibt. Die Grameen Bank (übersetzt Dorf-Bank) vergibt Summen von etwa 50 bis 200 Euro ohne Sicherheit – fast ausschließlich an Frauen (und dies in einem überwiegend muslimischen Land). Die Frauen, so sagt die Erfahrung, zahlen ihre Kredite zuverlässig zurück und sind auch mit ihren Investitionen erfolgreicher. Inzwischen ist die Bank mit Krediten in 36.000 Dörfern vertreten. Sie beförderte eine ländliche Wirtschaft, in der 500 Millionen Dollar umlaufen und die einem Zehntel der Bevölkerung in Bangladesh hilft. Unabhängige Studien zeigen, dass ein Drittel der Kunden innerhalb von zehn Jahren aus der Armut herausfindet und ein weiteres Drittel nur noch knapp unterhalb der Grenze bleibt. Sogar in den Armenvierteln amerikanischer Städte gibt es inzwischen Programme nach Grameen-Art.

„Die neuen „Amerikas“ der Weltgesellschaft könnten in den Armenvierteln der Megastädte liegen: Nur dürfen die Menschen nicht länger durch bürokratische oder mafiose Strukturen von der Kapitalbildung und der Teilnahme am Markt ausgeschlossen werden.“

Die USA werden damit ironischerweise an ihre eigene Geschichte erinnert. Hernado de Soto vergleicht die Menschen in den heutigen Dritte-Welt-Städten mit den Pionieren in der Frühgeschichte der USA. Die Weisheit der Verfassungsväter von Amerika machte aus den rechtlosen Helden des Wilden Westens legale Landbesitzer, von denen viele im weiteren Verlauf der Geschichte erfolgreiche Unternehmer wurden. Die neuen „Amerikas“ der Weltgesellschaft könnten in den Armenvierteln der Megastädte liegen: Nur dürfen diese Menschen nicht länger durch bürokratische oder mafiose Strukturen von der Kapitalbildung und der Teilnahme am Markt ausgeschlossen werden. Sie haben Anspruch auf die Schaffung und Sicherstellung fairer Rahmenbedingungen. Eigentumssicherheit an Grund und Boden, ein effizientes Kreditwesen und Korruptionsbekämpfung sind viel erfolgversprechendere Maßnahmen als die Hoffnung auf Hilfe von außen.

Auf privater Selbsthilfe basiert auch eine beeindruckende Bildungsinitiative in Johannesburg: CIDA (Community and Individual Development Association), die Universität der Armen. Der Campus liegt im Herzen der Millionenstadt, ein Glas- und Marmor-Palast, einst die Zentrale der Invest Bank. Die Bank zog um, und die CIDA-Gründer bearbeiteten den Vorstand so lange, bis er ihnen das Gebäude schenkte. Seit Januar 2000 finden dort Lehrveranstaltungen für 1600 Studenten statt. Der CIDA City Campus ist eine der modernsten Bildungseinrichtungen der Welt. Innovativ von der Vorlesung bis zur Müllentsorgung. Nirgendwo in Afrika stehen so viele Computer auf einem Fleck. Alle technischen und organisatorischen Werkzeuge werden genutzt, um das Lernen möglichst effizient zu machen und dennoch die Kosten zu drücken, damit sich auch Jugendliche aus den ärmsten Schichten des Landes ein Studium leisten können. Jackson Maake ist einer von ihnen. Er wuchs als eines von 15 Kindern eines Landarbeiters in der Limpopo-Provinz auf. Sein täglicher Schulweg zum nächstgrößeren Dorf betrug zehn Kilometer. Heute büffelt er am Computer und ist fest entschlossen, seinen „Bachelor of Business Administration“ zu machen. Einen Job hat er schon so gut wie in der Tasche, denn bei der CIDA wird praxisnah studiert. Unternehmer und Geschäftsleute unterrichten als Gastdozenten. So lernen die Studenten, was im richtigen Wirtschaftsleben gefragt ist, und die Firmenleute können sich schon mal umsehen, wer zu ihnen passen könnte. Diese Universität kommt mit einer minimalen Verwaltung aus. Die Studenten installieren die Software selbst und sind für die Sauberkeit des Gebäudes verantwortlich. Durch solche Sparideen und Sponsorengelder von Firmen und Stiftungen betragen die Studiengebühren nur zirka 200 Euro im Jahr. Das ist zehnmal weniger als in den offiziellen Universitäten Südafrikas. Obendrein gibt es bei CIDA wesentlich weniger Studienabbrecher, und manche Studenten entwickeln in den Semesterferien Businesspläne für ihre Heimatdörfer.

Marktwirtschaft muss ganz unten anfangen, davon ist auch Südafrikas liberaler Vordenker Themba Sono überzeugt. Deshalb ist er offensiv pro-kapitalistisch geworden. Er weigert sich, den Menschen eine Gesellschaft zu versprechen, in der alle gleich seien, doch er fordert ein System, das niemanden daran hindert, seine Lage zu verbessern. „Leider fallen so viele Leute immer wieder auf die Versprechungen der Politiker rein“, schimpft er. „Sie möchten an das Märchen vom guten Staat glauben, der für soziale Gerechtigkeit sorgt. Doch die Politiker helfen nur sich selbst. Sehen Sie sich Simbabwe an. So endet populistische Illusionspolitik.“

„Freiheit kann man essen.“

„Was bedeutet Kapitalismus?“, fragt er rhetorisch. „Es bedeutet, dass jeder das Recht hat zu investieren in der Hoffnung, damit Gewinn zu erwirtschaften. Das Leben ist immer eine Form von Investment, egal, was wir tun.“ Er will, dass auch die Armen Eintrittskarten ins kapitalistische System lösen: Eigentumsrechte auf ihren geringen Besitz, das Recht, private Initiativen zu gründen, wo der Staat versagt, das Recht, einen Job anzunehmen, auch wenn er nicht den Normen der Gewerkschaften entspricht. Wer diese Eintrittskarte nicht erhält, wird immer ganz unten bleiben. Den Linken wirft Sono vor, von den wirklichen Sorgen der Armen keine Ahnung zu haben: „Die Celebreties der Globalisierungsgegner jetten zwischen den Hauptstädten Nordamerikas und Europas hin und her und verbringen ihr Leben in Konferenzräumen und in Fünf-Sterne-Hotels.“ Seine Botschaft an den „Njet Set“ lautet: „Lasst uns in Ruhe. Hört auf, Eure verstaubten Ideologien zu exportieren.“

Die „zweite Befreiung“ der Ex-Kolonien ist im Gange. Immer mehr afrikanische, asiatische und südamerikanische Intellektuelle stellen den selbst ernannten Beschützern der Armen in Regierungen und Gewerkschaften kritische Fragen. Entsetzt nahmen die liberalen Revolutionäre zur Kenntnis, wie Globalisierungsgegner das Scheitern der Welthandelskonferenz in Cancún lauthals bejubelten. Auf Seiten der Industrieländer behaupteten protektionistische Agrarlobbyisten den Status quo. Auf Seiten der Entwicklungsländer machten Bürokraten samt der mit ihnen verbundenen Staatskapitalisten die Schotten dicht. Für die Armen aller Länder heißt dies einmal mehr: Ihr müsst leider draußen bleiben. Doch sie werden es sich nicht ewig gefallen lassen.

„Gebt den Menschen Freiheit“, sagt Themba Sono, „und sie werden selbst entscheiden, was gut für sie ist.“ Zivilgesellschaften wachsen von unten heran und bringen Selbstverantwortung, Privatinitiative und Wohlstand hervor. Der alte zynische Einwand „Freiheit kann man nicht essen“ ist gründlich widerlegt worden. So hat der indische Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen nachgewiesen, dass es in einem unabhängigen demokratischen Land mit Pressefreiheit noch nie eine große Hungersnot gab. Zu Hungerkatastrophen kam es immer nur in Diktaturen und unterdrückten Kolonien. Das Motto der kapitalistischen Graswurzel-Revolution in den Schwellen- und Entwicklungsländern könnte daher lauten: „Freiheit kann man essen.“