20.10.2015

Moderne Sklaverei ist eine Einbildung

Von Frank Furedi

Diverse Phänomene werden heute gerne mit dem Etikett der „modernen Sklaverei“ versehen. Die britische Regierung hat jetzt sogar einen Anti-Sklaverei-Beauftragten. Das verharmlost die echte Sklaverei, kritisiert Frank Furedi, und basiert nicht auf Fakten

Sobald jemand etwas mit Sklaverei gleichsetzt, sollte man sich klarmachen, dass nur Sklaverei selbst ‚wie Sklaverei ist‘. Aufgrund seiner aufgeladenen Bedeutung wurde der Begriff Sklaverei von zahlreichen Moralaposteln gekapert, die damit Aufmerksamkeit in eigener Sache erlangen wollen. Wohl zu keinem Zeitpunkt in den letzten 100 Jahren sind so viele Sklaverei-Analogien in der öffentlichen Debatte zu hören gewesen wie heute.

Verwendet werden sie parteiübergreifend. Bei einer Kundgebung von Abtreibungsgegnern in den USA benutzte der republikanische Präsidentschaftskandidat Ben Carson eine solche Analogie, um Abtreibungen zu stigmatisieren. Er setzte das Ende von Abtreibungen moralisch mit der Abschaffung der Sklaverei gleich. Tierrechtler verfolgen eine ähnlich provokante Taktik. Vor kurzem prangerte Musik-Mogul Russel Simmons gemeinsam mit der Lobbygruppe Mercy for Animals die Betreiber von New Yorks Pferdekutschen als „Unterstützer der Sklaverei“ an. Der afroamerikanische Pfarrer E. Dewey Smith erregte Aufsehen, als er seine Klientel beschuldigte, sich wie „Sklavenhalter“ gegenüber Homo-, Bi- und Transsexuellen zu verhalten. „Wir tun ihnen das an, was die Sklavenhalter uns angetan haben“, bekundete Smith. [1] Ein Leitartikel im Lexington Herold-Leader in Kentucky bezeichnet „Klimaleugner“ als geistige Erben von Sklavenbesitzern und vergleicht Verfechter der Kohleindustrie mit Anhängern der Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten früher. [2]

Bemerkenswerterweise neigen sowohl reaktionäre Hardliner als auch radikale Demonstranten zu derartigen Analogien. Kenyon Farrow, Kritiker der von Sklaverei besessenen Rhetorik der Occupy-Wall-Street-Bewegung, erinnert sich: „Eins der ersten Fotos, das ich von den Occupy-Protesten gesehen habe, zeigte eine weißen Person mit einer Flagge in der Hand, auf der die Aufschrift „Verschuldung=Sklaverei“ stand. Farrow merkte zudem an, dass „weiße fortschrittliche Medien häufig Konzerngier oder Ausbeutung mit einer modernen Art der Sklaverei vergleichen“. [3] Es überrascht nicht, dass der Vergleich von Verschuldung und Sklaverei Anklang bei Demonstranten in Griechenland und anderen Teilen Südeuropas gefunden hat.

„Harte Arbeitsbedingungen sind noch keine Sklaverei“

Die inflationäre Verwendung von Sklaverei-Analogien beschränkt sich nicht mehr nur auf die politischen Ränder. Offenbar wollen sich die meisten internationalen Organisationen und westlichen Staaten einen moralischen Anstrich verleihen, indem sie sich scheinbar gegen sogenannte moderne Sklaverei einsetzen. Der britische Premierminister David Cameron nutzt viele seiner Auslandsbesuche, um sich als furchtloser Kämpfer gegen das Übel der modernen Sklaverei zu profilieren. Das britische Parlament hat gerade ein Gesetz gegen moderne Sklaverei (Modern Slavery Act) beschlossen, das den neuen Posten eines Anti-Sklaverei-Beauftragten beinhaltet. Ungefähr 12.000 britische Großunternehmen müssen in Folge des Gesetzes ab Oktober in einem jährlichen Bericht melden, wie sie Sklaverei in ihren Zuliefererketten verhindern.

Wer Politiker und Aktivisten ständig davon reden hört, moderne Sklaverei breite sich aus, kann zu dem Schluss gelangen, dass ein schreckliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Anwachsen begriffen ist. Aktivisten behaupten regelmäßig, dass das Ausmaß moderner Sklaverei jede Vorstellungskraft übersteigt. Der frühere US-Präsident Jimmy Carter bewirbt sein neues Buch, A Call to Action. Women, Religion, Violence and Power mit der grotesken Behauptung, dass Sklaverei nicht nur „ein großes Problem in den USA“ sei, sondern „heute sogar weiter verbreitet als im 18. und 19. Jahrhundert“. [4] Diese Fantasie-Geschichtsschreibung Carters blieb unwidersprochen, was angesichts des breiten Konsenses über die Ausbreitung moderner Sklaverei nicht weiter überrascht.

Die moderne Sklaverei hat sich zu einer Sammelkategorie entwickelt, unter der jede Art von unangenehmen und unterdrückenden Arbeitsbedingungen gefasst werden kann. So wird Niedriglohnarbeit in Entwicklungsländern (insbesondere bei jungen Betroffenen) gerne als Sklaverei eingeordnet. Solche Praktiken sind gewiss zu verurteilen, weil sie Arme und Ohnmächtige ausnutzten. Aber harte Arbeitsbedingungen sind noch keine Sklaverei.

„Der Panikmache über moderne Sklaverei liegen fehlende Fakten zugrunde“

Gängige Formen ausbeuterischerer Arbeitsbedingungen als Sklaverei zu bezeichnen, ist eine Möglichkeit, die Statistiken über moderne Sklaverei zu manipulieren. Eine weitere Möglichkeit, sie zu konstruieren, besteht in reiner Spekulation. Der Einstieg eines Artikels von Jeff Nesbit, Ex-Kommunikationschef im Weißen Haus, lautet vielsagend: „Niemand kennt die Zahlen. Das ist das Erschreckende.“ [5] Hier liegt also das Fehlen von Fakten der Panikmache über moderne Sklaverei zugrunde.

Mangelnde Fakten erlauben den Anhänger der These von der modernen Sklaverei, nach völligem Belieben zu spekulieren. Nesbit erläutert: „Es könnten mehr sein als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Es könnten weniger sein (was allerdings zweifelhaft ist). Wahr ist jedenfalls, dass Millionen in der Falle sitzen, ohne Ausweg.“ [6] Fast unmerklich verwandelt sich die Aussage „Es könnten mehr sein“ in eine unantastbare Wahrheit, dass „dass Millionen in der Falle sitzen“. Typischerweise wird behauptet: „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“. Solche Argumente basieren auf der Überzeugung, dass nur das zählt, was nicht gesehen oder erfasst werden kann, und nicht etwa die sichtbaren Tatsachen. Wiederum Nesbit: „Wir kennen keine weltweiten Opferzahlen. Strafverfolgung findet praktisch nicht statt. Die Dunkelziffer kann so groß sein, dass wir nur die Spitze des Eisbergs kennen“. [7] Man könnte auch in religiösem Ton ausrufen: „Glaubet!“.

Die Tendenz, immer vom Schlimmsten auszugehen, wird gelegentlich durch interessengeleitete Forschung untermauert. Letztes Jahr führte die britische Regierung ihre „Modern Slavery Strategy“ mit der Behauptung ein, sie stütze sich auf „die erste wissenschaftliche Schätzung“ [8] der Sklaverei in Großbritannien. Angaben der Regierung zufolge gab es im vergangenen Jahr zwischen 10.000 und 13.000 Sklaven im Land. Der Urheber dieser Zahlen jedoch, Professor Bernard Silverman, bestand weniger kategorisch auf der Objektivität seiner „statistischen Analyse“: „Moderne Sklaverei geschieht häufig tief im Verborgenen; daher ist es eine große Herausforderung, ihren Umfang festzustellen.“ [9] Ein Problem „im Verborgenen“, unsichtbar und im Umfang kaum festzustellen, aber dennoch durch eine „erste wissenschaftliche Schätzung“ erfasst! Hier wird Wissenschaft als Metapher verwendet, um einem Kreuzzug Bedeutung zu verleihen und Aktivisten mit einer vagen Schätzung zu versorgen, gewissermaßen über den Daumen gepeilt.

„Die Kampagne gegen moderne Sklaverei verharmlost nicht nur die richtige Sklaverei, sie lenkt auch von den wahren Übeln der heutigen Welt ab“

Diese Regierungsdaten basieren auf quantifizierter Intuition, Pi mal Daumen und Vermutungen. Silverman hat immerhin gemahnt, dass seine „Datensammlung notwendigerweise unvollständig und aufgrund ihrer Sensibilität mit Vorsicht zu genießen ist“. [10] Und doch dient dieser unvollständige Datensatz jetzt als Ausgangspunkt für eine Regierungspolitik, die sich angeblich auf erwiesene Tatsachen stützt. Die Einsichten eines erfahrenen Astrologen, Wahrsagers oder Kaffeesatzlesers können ähnliche wissenschaftliche Geltung beanspruchen wie diese amtliche Berechnung.

Bedauerlicherweise fühlen sich so viele Politiker magisch angezogen von einem Problem, das sie selbst erfunden haben. Manche benutzen das Thema moderne Sklaverei, um moralische Glaubwürdigkeit zu erlangen. Andere betrachten Ungerechtigkeiten durch das Prisma der Sklaverei-Analogie. Zweifellos treibt die Aktivisten echte Besorgnis über das von ihnen wahrgenommene Übel an. Es handelt sich dabei aber um ein eingebildetes Übel, und entsprechender Aktivismus ist den armen und machtlosen Menschen in anderen Teilen der Welt kaum eine Hilfe. Die Kampagne gegen moderne Sklaverei verharmlost nicht nur die richtige Sklaverei, sie lenkt auch von den wahren Übeln der heutigen Welt ab.

Moderne Sklaverei ist ein Wohlfühlverbrechen, das Raum für moralische Selbstdarstellung bietet. Wenn Sie das nächste Mal einen Ausspruch nach dem Motto „Das ist wie Sklaverei“ hören, antworten Sie, dass man lieber Argumente bringen sollte, anstatt sich hinter irreführenden, ausgelutschten Analogien zu verstecken.