01.07.1999

Jauchzen, Jünther Jauch und jede Menge Jeld

Von Matthias Heitmann

Schon seit Monaten steht Sabine Töpperwien auf meiner Liste. Sie ist seit Jahren die einzige Frau in der Runde der Radio-Fußballkommentatoren. Für so manchen Fußballfan schlägt es ”tm3”, wenn sie allsamstaglich in der Konferenzschaltung den Kampf aufnimmt.

Interessant an ihr ist nicht etwa weiblicher Charme oder ihre angenehme Stimme, sie ist auch nicht die Quotenfrau und Nachfolgerin von Doris Papperitz, die sich vor einigen Jahren mir ihrem legendären ”Schalke 05” gleichzeitig verewigte und disqualifizierte. Töpperwien ist das Gegenteil: Sie sorgt für weibliche Präsenz beim Fußball. Ihr ist es zu verdanken, daß mittlerweile auch die Damentoiletten im Stadion überfüllt sind. Frauen fluten die Bundesligastadien, aus diesem Blickwinkel nichts Positives, und vor allen Dingen, man hört es: Die Stimmlage eines Stadions verändert sich sprunghaft. Unter das beständig durch das weite Rund wogende, mürrische Grollen, das zuweilen sich heiser aufbaut, um dann röchelnd und stöhnend abzuebben, mischt sich bei Gefahr im Verzug schrilles Quietschen und Jauchzen.
Auf den gesammelten Sachverstand vor Ort hat die weibliche Beteiligung freilich keinen Einfluß, wohl aber auf Sprachgebrauch und Stimmungslage. In seinem Klassiker Fever Pitch schrieb Nick Hornby über seinen ersten Stadionbesuch: ”Es war aber nicht der Umfang der Zuschauermenge oder die Tatsache, daß Erwachsene das Wort ‘WICHSER’ so laut sie wollen schreien konnten, ohne die geringste Aufmerksamkeit zu erringen, was mich am stärksten beeindruckte, sondern wie sehr die meisten Männer um mich herum es haßten, wirklich haßten, hier zu sein… Der natürliche Grundzustand des Fußballfans ist bittere Enttäuschung, egal wie es steht.”
Er hatte recht. Früher war das so, wenn die Männer ins Stadion gingen, haßten sie es, dort zu sein, und genau diese Gefühle wurden ausgelebt. Frauen hingegen lieben es, dort zu sein. Das einzige, was sie hassen, sind Grätschen und Verbalattacken, sprich, das, was an diesem Sport als ”männlich” und ”häßlich” gilt, was ihn also ausmacht.
Eine Geschlechtsumwandlung droht. Anders ist auch der entsetzte Aufschrei ”Hilfe, die Champions League kommt im Frauensender!” kaum nachzuvollziehen. Das Horrorszenario femininen Fachsimpelns über Fußballerwaden, knackige Hinterteile und die letzte Verleihung des ”Mehmet des Monats” besticht durch seine weitverbreitete Präsenz in den Köpfen. Auch Günther Jauch war bei seinem letzten Champions-League-Auftritt die Fassungslosigkeit und Niedergeschlagenheit ins Gesicht geschrieben.
Aber mit Sabine Töpperwien kann alles gut werden: Denn eigentlich läuft Fußball schon seit Jahren im Frauensender! Das eigentlich Imponierende an Sabine Töpperwien ist, daß sie – mehr als alle ihrer männlichen Kollegen – Vertreterin der alten Schule ist. Niemand kommentiert besessener und mit rauherem Organ, niemand versucht emphatischer als sie, einem Einwurf an der Mittellinie mit bedeutungsschwangerer und belegter Stimme eine besondere und spielentscheidende Brisanz einzureden, und niemand hangelt sich unbeirrter durch das staatlich geprüfte Fastbendersche Floskelgeflecht als sie. Kurzum, Sabine Töpperwien ist ”echter” als alle Marcel Reifs, Erich Laasers und HaJo Rauschenbachs dieser Welt zusammen, auch wenn’s manchmal im Ohr weh tut. Aber manchmal Schmerzen im Ohr sind immer noch besser als chronisches Brennen in den Augen, samstags zwischen 18 und 20 Uhr im Kuschelsender. Oder sind Ihnen kuschelig lange Löckchen tragende ”Ich-bin-ein-langweiliger-Softie-und-kommentiere-trotzdem-ran-Kommentatoren, Johannes Blondine Kerner, Super-Beck-Man oder RTLs Lieblingsschwiegersohn Stern-TV-Was-steckt-dahinter?-Ich-finds-heraus!-Journalist Günther Jauch etwa lieber? Meine Losung lautet: Sabine in die Champions League! Schon jetzt warte ich auf das neue Dream-Team Rupert M und Sabine T, denn da weiß ich: Bei der Grundgebühr ist auch was drin!