01.03.2004

Ist die Fußball-Bundesliga ein Fall für die Couch?

Kommentar von Stefan Chatrath

Über die neue Wehleidigkeit der Fußballbranche.

Die Meldung kam dann doch für viele etwas überraschend: Sebastian Deisler trainiert wieder. Nach mehrmonatiger Pause ist der 24-Jährige auf den Fußballplatz zurückgekehrt. Seit Ende November 2003 hatte er sich wegen Depressionen im Münchener Max-Planck-Institut für Psychiatrie stationär behandeln lassen: „Es war eine lange und schwere Zeit, aber jetzt freue ich mich, zurück zu sein.“

Der Bayernprofi ist in der aktuellen Bundesligasaison nach Jan Simak der zweite Spieler, der sich aufgrund akuter psychischer Probleme eine Auszeit hatte nehmen müssen. Der Tscheche Simak, derzeit noch bei Hannover 96 unter Vertrag, ist seit Ende September aufgrund eines Erschöpfungssyndroms krankgeschrieben. Noch ist nicht klar, ob er in den Bundesligaalltag zurückkehren wird: „Mein Leben besteht nicht nur aus Fußball. Für mich sind auch andere Dinge wie zum Beispiel meine Freundschaften sehr wichtig“, sagt Simak.

Mit ungewöhnlicher Vehemenz sind im Anschluss an die Erkrankungen von Deisler und Simak deren Ursachen öffentlich diskutiert worden. Unter dem Strich war man sich schnell einig: Der Kampf um Punkte und Prämie in der Fußball-Bundesliga strapaziere die Psyche der Spieler heute im Übermaß. „Der Druck auf die Spieler wird immer größer“, registrierte DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder besorgt und forderte vor diesem Hintergrund gleich professionelle Hilfe: „Für einige Spieler wäre der Einsatz eines Psychologen wirklich sinnvoll.“ Bayer Leverkusens Manager Rainer Calmund erkannte in den Fällen Deisler und Simak gar „die Spitze eines Eisbergs“.

Mentale Stärke ist die Regel – aber wie lange noch?

Ist die deutsche Fußball-Bundesliga tatsächlich ein Fall für die Couch? Die Antwort ist: Nein, noch nicht. Entgegen aller geäußerten Bedenken ist die große Mehrheit der Profis sehr wohl in der Lage, mit den hohen Erwartungen an das professionelle Fußballgeschäft konstruktiv umzugehen. „Ich habe in all den Jahren gelernt, den Druck anzunehmen“, sagt Deutschlands Torwart Nummer Eins Oliver Kahn, „denn als Torwart musst du immer jemanden verdrängen. Als Feldspieler kann man auch auf eine andere Position ausweichen. Als Torwart nicht.“ Kahn hat hart gearbeitet, um ganz nach oben zu kommen. Als 16-Jähriger war er aus allen Auswahlmannschaften herausbefördert worden, da er als zu klein und zu schwach galt. „Aus dieser Erniedrigung habe ich meine Motivation gezogen“, so Kahn.
Für Gerald Asamoah war das vergangene Jahr ein eher dunkles Kapitel in seiner sportlichen Karriere: viele Verletzungen, kaum Erfolge. Zudem verlor er seinen Platz in der Nationalmannschaft. In einem Interview mit dem Spiegel erklärt er, wie er diese schwierige Situation gemeistert hat, was ihn im Gegensatz zu Sebastian Deisler und Jan Simak vor dem Absturz bewahrt habe: „Ich habe früher schon viel durchgemacht. Ich habe einen Geburtsfehler, eine verdickte Herzwand. Irgendwann, als ich 19 war, sagte mir ein Arzt, ich könne nie mehr Fußball spielen.“ Asamoahs Karriere stand vor ihrem Ende. „Dass ich da wieder rausgekommen bin, hat mir gezeigt: Man kann vieles meistern im Leben. Das gibt mir eine gewisse Gelassenheit in der Fußballwelt.“ Der Schalker spielt heute „auf eigene Haftung“ – und das überaus erfolgreich.

„Fragilität ist ein Markenzeichen der aktuellen Spielergeneration. Damit wird all das in Frage gestellt, was den Hochleistungssport insgesamt auszeichnet: Das „An-die-(Schmerz-)Grenzen-Gehen“, im Physischen wie auch im Mentalen, gilt heute als Problem.“

Ähnlich schlechte Zeiten hat auch Nationalspieler Torsten Frings hinter sich. Er war einer von vielen Dortmunder Langzeitverletzten. „Jetzt kann mich keiner mehr bremsen“, frohlockte er kürzlich im Interview mit dem Kicker. Wie er mit der wirtschaftlich angespannten Situation seines Arbeitsgebers umgehe? „Alles, was mich ablenken und belasten könnte, versuche ich wegzublocken. Und das gelingt mir ganz gut“, sagt der 27-Jährige, dem im Jahrbuch der Borussia ein „präzise funktionierendes Immunsystem“ gegenüber den Nebengeräuschen des Fußball-Geschäfts bescheinigt wird.

Therapeutisierung des Fußballs: Fragilität als Markenzeichen

Dass einzelne bekannte Fußballer psychisch erkranken, ist kein neues Phänomen: Jupp Posipal, einer der „Helden von Bern“, hatte sich in den späten Jahren seiner Laufbahn aufgrund von Depressionen in Therapie begeben; und sein Mannschaftskollege Werner Kohlmeyer war mit dem Ruhm, den der Gewinn der Fußball-WM 1954 mit sich brachte, nicht fertig geworden. Die Mannschaft wurde herumgereicht und gefeiert, und Kohlmeyer schien sein Leben nur als ein einziges Fest zu begreifen und kam davon nicht mehr los. Neben dem Alkohol war es vor allem die Spielsucht, die sein Leben zerstörte. Zur damaligen Zeit wäre jedoch niemand auf die Idee gekommen, diese beiden Fälle als Normalität zu begreifen. Posipal und Kohlmeyer galten als bedauernswerte Einzelfälle.

„Fußballern wird seit dem „Fall Simak“ und dem „Fall Deisler“ von allen Seiten suggeriert, die Erwartungen des professionellen Fußballgewerbes seien so hoch, dass man damit kaum konstruktiv umgehen könne.“

Ganz anders heute: Deisler und Simak gelten als erste Opfer eines insgesamt krankhaften Systems. Fragilität ist zum Markenzeichen der aktuellen Spielergeneration erkoren worden. Damit wird – ob bewusst oder unbewusst – all das in Frage gestellt, was den Profifußball und den Hochleistungssport insgesamt auszeichnet: Das „An-die-(Schmerz-)Grenzen-Gehen“, im Physischen wie auch im Mentalen, ist zum Problem umdefiniert worden. Ein Fußballerspieler im professionellen Spielbetrieb wird sich jedoch nur dann immer wieder durchsetzen können, wenn er bereit und fähig ist, über sich hinauszuwachsen und auf die Zähne zu beißen. Dass dies eine tagtäglich erforderliche enorme körperliche und geistige Kraftanstrengung bedeutet und daher schwierig zu bewältigende Drucksituationen mit sich bringt, liegt auf der Hand und wird entsprechend honoriert. Die meisten Bundesligaspieler sind dazu ohne weiteres eigenständig in der Lage.
Ob das so bleiben wird, muss allerdings bezweifelt werden. Schließlich wird den Spielern seit dem „Fall Simak“ und dem „Fall Deisler“ von allen Seiten suggeriert, die Erwartungen des professionellen Fußballgewerbes seien so hoch, dass man damit kaum konstruktiv umgehen könne. Auf diese Weise werden die gegenwärtig existierenden – und zumeist auch gut funktionierenden – Mechanismen der Profis, diesem Druck standzuhalten, explizit in Frage gestellt. Die Spieler werden in der Öffentlichkeit also nicht nur zu Unrecht zu hilflosen, fragilen Opfern ihrer Umstände degradiert. Das allein wäre schon bedenklich genug. Vielmehr untergraben die öffentlichen Diskussionen obendrein ihre eigens entwickelten Strategien zur Stressbewältigung. Gut möglich, dass am Ende dieser Entwicklung eine Generation von Kickern steht, die vor dem alltäglichen Druck zurückschreckt und die sich geradezu ermutigt fühlt, nach mentalen Wehwehchen zu suchen und sich gehen zu lassen, anstatt auf die Zähne zu beißen und die jeweilige Herausforderung anzunehmen.
Welche destruktiven Konsequenzen diese Diskussionen nach sich ziehen, zeigt sich schon heute: Nach einer Umfrage des Kickers sieht bereits fast jeder zweite Bundesligaspieler in dem „wachsenden Druck für die Psyche ein Problem“. Setzt sich eine solche Sichtweise durch, wäre das ohne jede Frage eine mittelschwere bis schwere Katastrophe für den modernen Leistungssport.

„Aus den Helden der Vergangenheit sind Sorgenkinder geworden – ein Trend, der sich überdies nicht nur im Leistungssport manifestiert.“

Auch andere Sportarten sind bereits von diesem Virus befallen: Die Berichterstattung über die letzte Vierschanzentournee erinnerte zuweilen an die öffentliche Verlesung von Gesundheitsbulletins und Therapie-Protokollen der deutschen Skispringer Sven Hannawald und Martin Schmitt. Problematisch auch hier, dass beide das Spielchen mitspielten und sich so dem Druck entzogen, den andere als Ansporn nutzen, um aus Leistungstiefs herauszukommen. Aus den Helden der Vergangenheit sind Sorgenkinder geworden – ein Trend, der sich überdies nicht nur im Leistungssport manifestiert.

Es bleibt zu hoffen, dass sich möglichst wenig Spieler von dem beeindrucken lassen, was in der letzten Zeit auf sie eingeströmt ist. Angesichts der kommenden Weltmeisterschaft im eigenen Lande wird der Druck für die deutschen Nationalspieler mit Sicherheit nicht kleiner werden. Bayern Münchens Trainer Ottmar Hitzfeld empfiehlt daher, die hohen Erwartungen offensiv anzugehen: „Wenn man zaudert oder mit dem Schicksal hadert, dann kann man die Erwartungen nicht mehr erfüllen.“ Die Nationalmannschaft werde „durch ein Stahlbad der Gefühle“ gehen müssen. Aber sie habe es selbst in der Hand, „die veröffentlichte Meinung durch ihre Leistung zu beeinflussen.“ Ob Sebastian Deisler in zwei Jahren mit an Bord sein wird, steht noch in den Sternen. Zu wünschen wäre es ihm in jedem Fall.