01.07.1999

Invasion der Opfermacher

Analyse von Thilo Spahl

Sie sind so um die 30 Jahre alt und haben allerlei Probleme in Ihrem Leben? Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, daß Sie als Kind mißbraucht worden sein könnten, sich aber nicht mehr daran erinnern? Über das Syndrom Falscher Erinnerungen.

Sie finden die Frage, Sie als Kind mißbraucht worden sein könnten, seltsam? Das ist normal. Da geht es Ihnen nicht anders als Zigtausenden, die sich im letzten Jahrzehnt tatsächlich schon mit dieser Frage beschäftigt haben. Viele davon haben sich am Ende dazu entschlossen, daß es so gewesen sein muß, und sie haben sich erinnert – nicht vage, sondern detailliert: an Morde, Vergewaltigungen und sonstige Mißhandlungen, meist durch Väter, oft auch durch Mütter, Onkel, Geschwister oder Bekannte.
Kritiker dieses Massenphänomens sogenannter wiedergefundener Erinnerungen nennen es “false memory syndrom” (FMS, deutsch: Syndrom Falscher Erinnerungen), und manche bezeichnen den “Wahn von Tausenden inkompetenter Therapeuten, Familienberater und Sozialarbeiter, die falsche Erinnerungen an den Mißbrauch in der Kindheit aufdecken”, als den “größten Skandal der amerikanischen Psychiatrie in diesem Jahrhundert”.1
Ein Skandal ist es in der Tat, eine in den USA seit Ende der 80er Jahre grassierende Epidemie, die bis heute nicht abgeklungen ist, obwohl es mittlerweile eine starke Gegenbewegung gibt, die sowohl Öffentlichkeitsarbeit betreibt als auch Betroffenen, etwa beschuldigten Vätern, juristische Unterstützung anbietet. Das ist erforderlich, denn in Konsequenz der “wiedergefundenen” Erinnerungen kommt es nicht nur zu massiven Familienzerwürfnissen, sondern oft auch zu Kriminalprozessen und Verurteilungen, die sich zum Teil ausschließlich auf die Jahrzehnte vermeintlich unterdrückte Erinnerung stützen.

Jahrzehnt des Kindesmißbrauchs

Am Ende eines Jahrzehnts ist man geneigt, eine rückblickende Charakterisierung vorzunehmen. Vielleicht sollte man die Neunziger zum “Jahrzehnt des Kindesmißbrauchs” ernennen. Oder sagen wir – für all diejenigen, denen das zu zynisch klingt – etwas abstrakter “Jahrzehnt der inflationären Mißbrauchsvermutung”.
Dabei war die typisch europäische Realisationsform die gesellschaftliche und mediale Überinszenierung einzelner tatsächlicher Verbrechen. Sie ist in höchster Ausprägung erfolgt im belgischen Fall Marc Dutroux, den die Nachwelt nicht als Akte eines Verbrechens zu lesen bekommt, sondern als Dokument einer Staatskrise.
Den herausragenden amerikanischen Beitrag zum “Jahrzehnt der inflationären Mißbrauchsvermutung” lieferten zweifellos all jene Therapeuten, die sich selbst “Traumatisten” nennen, einen vermeintlich vergessenen sexuellen Mißbrauch in der Kindheit zum Ausgangspunkt ihrer therapeutischen Bemühungen machen und von ihren Klienten mehr oder weniger direkt verlangen, sich zu erinnern. Sie benutzen hierzu Methoden der Suggestion und Hypnose und erreichen, daß es am Ende zu einem tatsächlichen Erinnern kommt. Es gibt jedoch gute Gründe, anzunehmen, daß in sehr vielen Fällen dieses erarbeiteten Erinnerns die Inhalte desselben reine Imagination sind.

Kreatives Gedächtnis

Auch die Kritiker der wiederentdeckten Erinnerungen (recovered memory) streiten nicht ab, daß es Kindesmißbrauch gibt. Sie bezweifeln jedoch ganz entschieden die Theorie, daß dieser Mißbrauch häufig über Jahre und Jahrzehnte ganz und gar aus dem Gedächtnis verschwindet – und das auch noch in Millionen von Fällen.
Der vermeintliche Gedächtnisverlust widerspricht eindeutig den bisher durchgeführten Studien zum Thema:

“Eine Vielzahl von Studien bei Kindern (Terr 1983; Malmquist 1986; Pynoos & Nader 1989) und Erwachsenen (Leopold & Dillon 1963) hat gezeigt, daß psychologisch traumatische Ereignisse lebhaft, wenn auch nicht immer akkurat, erinnert werden und regelmäßig von eindrücklichem Wiedererleben in der einen oder anderen Form gefolgt werden. Das Problem bei den meisten Arten von Traumata ist nicht, daß die gewalttätigen Erlebnisse komplett aus dem Bewußtsein getilgt werden, sondern daß die Menschen nicht in der Lage sind, zu vergessen. Amnesien sind selten.” (Dr. Sydney Brandon et al: “Recovered memories of childhood sexual abuse: implications for clinical practice,” British Journal of Psychiatry, April 98, S.300)

“Hunderte von Symptomen diesen als Beweis für unterdrückte Erinnerungen an Mißbrauch: Kopfschmerzen, Scheidenentzündung, Schlafstörungen, Magenbeschwerden, Schwindelgefühl, die Angst, Bananen zu essen, eine Vorliebe für sackartige Kleidung usw.”

Auch ist es längst erwiesen, daß das menschliche Gedächtnis nicht wie ein Videoband arbeitet, das alles exakt aufnimmt und wahrheitsgetreu wieder abspielt (auch wenn man es zwischendurch 20 Jahre verlegt hat). Das Gedächtnis ist vielmehr höchst kreativ und kann “Erinnerungen” produzieren, die, wie Träume, zwar äußerst detailliert und bildhaft sein können, aber nichts mit der Realität zu tun haben brauchen.
Methodisch ist also die Arbeit (memory recovery therapy) der Traumatisten schlicht unwissenschaftlich. Es verwundert nicht, daß das Vorgehen in der “Therapie” weitgehend dem entspricht, das verwendet wird, wenn sich Menschen an Entführung durch Außerirdische, satanistische Rituale und frühere Leben erinnern. Auch solche “Erinnerungen” werden häufig behauptet und entsprechen dennoch nicht der Wirklichkeit.
Weiter ist darauf hinzuweisen, daß die Methoden der Traumatisten sich dazu eignen, Imaginationen hervorzurufen, und daß Suggestion in keiner Weise vermieden wird, was nicht dem Vorgehen in anderen, anerkannten Therapierichtungen entspricht. Der Einsatz von Hypnose verbessert wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge nicht die Fähigkeit, etwas Vergessenes wieder zu erinnern.
Bezeichnend für die “therapeutische” Herangehensweise ist die Aussage von Ellen Bass und Laura Davis, den “Päpstinnen” der Recovered Memory Bewegung. Sie schreiben in ihrem Buch The Courage to Heal: “Man muß daran glauben, daß die Frau sexuell mißbraucht worden ist, selbst wenn sie manchmal selbst daran zweifelt” (The Courage to Heal: A Guide for Women Survivors of Child Sexual Abuse, S.347).
Der Nachweis dafür ist schnell erbracht. Es dienen nämlich Hunderte von Symptomen als Beweis für unterdrückte Erinnerungen an Mißbrauch, darunter so profane wie Kopfschmerzen, Scheidenentzündung, Schlafstörungen, Magenbeschwerden, Schwindelgefühl, Eßstörungen, Angst, Bananen zu essen, Beziehungsprobleme, eine Vorliebe für sackartige Kleidung, Fettleibigkeit, Depression und geringes Selbstbewußtsein. Außerdem wird von immensen Fallzahlen ausgegangen. So glaubt zum Beispiel E. Sue Blume, Autorin des Buchs Secret survivors, “daß mehr als die Hälfte aller Frauen Überlebende eines sexuellen Traumas sind, das ihnen in ihrer Kindheit zugefügt wurde.”

Rückzug in die Opferrolle

Ist der Therapeut erst einmal überzeugt, daß er es wieder mit einem Fall unterdrückter Erinnerung zu tun hat, gibt es nur einen Weg: die Patientin muß dazu gebracht werden, sich an die Ereignisse zu erinnern und sich mit dem Täter auseinandersetzen. Nur so könne sie von ihren psychischen Problemen – welchen auch immer – geheilt werden.
Das Gegenteil ist der Fall. Obwohl die Rolle des Opfers heute gesellschaftlich hochsubventioniert ist, erweist sich die “Therapie” für die Patientin meist als verhängnisvoller Irrweg: sie entfremdet sich von ihrer Familie, erkennt ihre eigentlichen Probleme nicht, zieht sich in eine passive Opferrolle zurück und gerät nicht selten in eine Abhängigkeit vom Therapeuten. Für diesen Zustand wurde der Begriff “False Memory Syndrome” geprägt, der nicht nur verlangt, daß jemand falsche Erinnerungen hat, sondern daß er von diesen beherrscht wird.
Doch die Gemeinde der Mißbrauchserinnerer ist in ihrem Eifer nur schwer zu bremsen. Sie hat bereits den Gegenbegriff hervorgebracht: das sogenannte FIBS.
FIBS steht für “False Innocence Belief Syndrome” (Syndrom Falscher Unschuldsannahme). An FIBS leiden Hunderttausende, vielleicht Millionen von Mißbrauchstätern, ihre Ehefrauen und ihre Unterstützer. FIBS-Opfer versuchen zu beweisen, daß sie unschuldig sind, und sie versuchen, darauf zu bestehen, daß die, die von ihnen mißbraucht wurden, verrückt sind. Sie behaupten beispielsweise, “ich bin nie eines Verbrechens beschuldigt worden” oder “Theorien der Unterdrückung [von Erinnerungen] sind unbewiesen.” Sie schützen sich sorgsam vor allen Beweisen, die ihre eigene Unschuld, bzw. die ihres Partners, in Frage stellen würden (s. z.B. The Recovered Memory Task Group of Ottawa).

Attraktivität der Opferrolle

Man sieht: Die Mißbrauchsindustrie ist schwer zu stoppen. Es handelt sich bei den Traumatisten zum allergrößten Teil nicht um geschickte Scharlatane, sondern um Überzeugungstäter, die selbst vollkommen an die Omnipräsenz des Mißbrauchs glauben. Wir greifen zu kurz, wenn wir das verbreitete Auftreten des False Memory Syndroms jenen “Therapeuten” anlasten. Sie machen zwar das operative Geschäft, sie sind die Opfermacher. Doch sie kommen nicht aus dem Nichts. Ihr gehäuftes Auftreten ist ein gesellschaftliches Phänomen, eine besonders krasse Realisationsform der Opferkultur, die mittlerweile die unterschiedlichsten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens durchsetzt. Die Mission der Opfermacher kann nur gelingen, wenn es genügend Menschen gibt, die bereit sind, die Rolle des Opfers zu übernehmen. Diese gibt es nur, wenn der Opferstatus gesellschaftliche Wertschätzung erfährt, wenn er also für Menschen, die eine begrenzte Auswahl an Rollen haben, die sie in der Gesellschaft spielen können, eine einigermaßen attraktive Option darstellt. Natürlich handelt es sich hier nicht um eine bewußte Wahl. Sie ist so unbewußt wie die Entscheidung, ein Macho zu sein, eine gute Mutter, ein Workaholic, ein Bohemien oder ein christlicher Fundamentalist.
Patienten von Traumatisten sind in erster Linie auf der Suche nach einer Erklärung für ihre Probleme. Sie mögen zunächst erschreckt sein über das Erklärungsangebot der Therapeuten, aber sie gewinnen allmählich Gefallen an den einfachen Begründungen, sie werden aufgenommen in einen Kreis von Menschen, die vermeintlich ein gleiches Schicksal erlitten haben, sie erhalten eine komplette “hochwertige” Opferidentität mit allem drum und dran – eine Identität, die sie selbst von jeder Verantwortung entbindet, sie weitgehend unangreifbar macht und ihnen Mitgefühl sichert. Mittlerweile gibt es sogar schon eine kleine Kulturindustrie für “survivors” (Überlebende – wie sich Opfer im englischen Sprachgebrauch gerne nennen), es gibt neben Selbsthilfebüchern auch Gedichtbände oder Gemälde und Zeichnungen von und für “survivors”. Es gibt Mißbrauchsopfer in Romanen, Fernsehfilmen, Soap Operas, Talk Shows.
Opfer spielen heute eine prominente Rolle im öffentlichen Leben. Sie werden benötigt von Menschen, die sich kümmern und helfen und damit ihrem eigenen Leben Sinn geben wollen. Sie werden benötigt, um anderen moralische Festigung und Orientierung zu geben. Das Opfer ist hier in erster Linie Objekt seiner Helfer. Das zeigt sich in krasser Ausprägung beim Phänomen FMS.