01.07.2006

Invasion der Mozart-Missionare

Analyse von Sabine Beppler-Spahl

Sabine Beppler-Spahl über die befremdlichen Theorien des Kindheitsdeterminismus.

In der traditionellen Kultur der Türkei, erklärte mir eine türkische Freundin, wurde nach der Geburt eines Kindes mit dem ersten Milchgeben so lange gewartet, bis drei Gebetsrufe gelesen worden waren. Man glaubte, dass dadurch das Kind in seinem späteren Leben geduldig würde. Beispiele für Riten und Verhaltensvorschriften, die das zukünftige Leben eines kleinen Kindes prägen sollten, gibt es in allen traditionellen Gesellschaften. Heute schmunzelt man über solchen Aberglauben. Doch die aktuellen Vorstellungen zahlreicher Politiker bzw. Bildungsexperten lassen die alte Zauberei fast harmlos erscheinen. Sie möchten uns weismachen, dass die Erfahrungen der frühen Kindheit unser Leben unwiderruflich bestimmen und wir daher bei jedem Zweifel ihren pädagogischen Rat benötigen, um unsere Kinder optimal zu fördern oder gar vor potenziellen Schäden zu schützen.
 

„Haben Waldspaziergänge suchtpräventiven Charakter?“



Der Mozart-Effekt
Der Kindergarten meiner Kinder bietet hierfür ein gutes Beispiel. Vor wenigen Monaten wurde ein neuer Erzieher eingestellt, der gerade seine Ausbildung absolviert hatte. Mit viel Ernst und großem Eifer machte sich der junge Mann an die Arbeit, unsere Kinder geistig zu fördern. Nur wenige Wochen später stand nicht mehr das Toben, Spielen oder Basteln im Mittelpunkt des Programms, sondern die intensive Beschäftigung mit Mozart. Wir Eltern erfuhren, dass es von nun an jeden Nachmittag eine Entspannungsrunde mit Musik gebe. Die Kleinen sitzen im Kreis und hören sich Symphonien und Opern an (vorzugsweise von Mozart, aber auch Tschaikowskij oder Vivaldi). Die Fastnachtsfeier im Februar stand unter dem Motto „Die Zauberflöte“. Verkleiden konnten sich die Kinder nur als Operngestalten. (Kein Problem für meine Tochter, die gerne Prinzessin spielt und Pamina hieß. Mein Sohn dagegen beugte sich nur sehr unwillig dem Diktat, die Königin der Nacht darzustellen.)
Mit Beginn des Frühlings begannen einige Eltern zu murren, weil sich die Kinder kaum noch an der frischen Luft austoben durften. Von den Erziehern wurde daraufhin beschlossen, bis Juli fünf Waldtage zu organisieren. Doch wer glaubte, es ginge hierbei um Spaß und Spiel, irrte. Auch diese Ausflüge dienten selbstverständlich einem „höheren“ erzieherischen Ziel. Wieder ging ein Schreiben an die Eltern, in dem u. a. erklärt wurde: „Der Wald bietet [Kindern, Anm.d.R.] … die Gelegenheit, auf scheinbar beiläufige Weise ihren inneren Reichtum zu entfalten … Sie erfahren, dass sie mit wenigen Dingen auskommen können, um sich in interessante Spiele zu vertiefen. Die Bewusstheit, solch ein Fantasiepotenzial zu besitzen und von anderen Unterhaltungen unabhängig zu sein, macht selbstsicher und hat somit auch einen suchtpräventiven Charakter.“
Folgt hieraus vielleicht, dass Suchtkranken einfach nur der Aufenthalt im Wald während der Kindheit fehlte? Vor allem aber stellt sich die Frage, was den negativen Grundton bei einem Ausflug, der Abwechslung und Freude in den Kindergartenalltag bringen soll, rechtfertigt. Die implizite Botschaft des Schreibens an die Eltern lautet, dass spezielle Programme nötig seien, um unsere Kinder vor späterer Abhängigkeit und sonstigem Verderben zu schützen. Da müsse er dringend einmal suchen, so mein Mann spöttisch, ob unser Fünfjähriger in seinen unzähligen „Geheimverstecken“ schon irgendwo Marihuana horte.
In der Tat könnte man über die Textbuchweisheiten eines jungen wohlmeinenden Erziehers hinwegschauen, doch das Problem ist, dass er den Trend der Zeit verkörpert. Nicht nur der Alltag in unserem Kindergarten, sondern auch die Politik wird von der Vorstellung geleitet, die frühkindlichen Erfahrungen bestimmten unser späteres Leben. Diese deterministische Sichtweise geht davon aus, dass die frühen Erfahrungen nicht nur wichtig sind, sondern (und hier liegt das Problem) unser Leben unwiderruflich formen. „Die ersten Lebensjahre sind für die Entwicklung von Kindern prägend: Das belegt auch die neurowissenschaftliche Forschung“, schreibt Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, und weiter: „Kinder, die in dieser wichtigen Zeit nicht gefördert werden, gewinnen nie das nötige Selbstbewusstsein, um erfolgreich aus ihren Familien in die Gesellschaft aufzubrechen. Deshalb brauchen wir eine frühe Förderung für alle Kinder und soziale Frühwarnsysteme.“ [1]
Die Botschaft ist unmissverständlich: Sollten Eltern in der Erziehung und Frühförderung etwas versäumen, gibt es keine zweite Chance, und ihr Nachwuchs steht quasi mit einem Fuß in der Sozialhilfe und hängt mit dem anderen Arm an der Nadel. Deshalb benötigen wir immer mehr den Alltag überwachende Frühwarnsysteme und professionelle Hilfe aus den Reihen der stetig wachsenden Erziehungsindustrie. Aus diesem Grund beschränkt sich auch unser junger Erzieher nicht auf die Förderung der Kinder, sondern sieht sich genötigt, die Wände der Kita mit pädagogischen Ratschlägen (z. B. über partnerschaftliche Erziehung) zu bekleben, damit auch wir Eltern von seinem vermeintlichen Fachwissen profitieren können.
 

„Die Debatte über die Lernfähigkeit von Kleinkindern ist hysterisch.“



Sperrt eure Kinder nicht in den Schrank
Doch stimmt es wirklich, dass in den ersten Jahren die alles entscheidenden Weichen für die spätere Entwicklung gestellt werden? Ist es richtig, dass Kinder, die nicht auf bestimmte Weise gefördert werden, Gefahr laufen, kriminelle oder gestörte Individuen zu werden? Die Ideen des Kindheitsdeterminismus haben in den vergangenen Jahren zunehmend an Einfluss gewonnen – die PISA-Debatte, im Zuge derer der Blick wieder mehr auf die Kindergärten gerichtet wurde, hat sicher hierzu beigetragen. Ihren Ursprung haben sie jedoch in der Psychoanalyse. Insbesondere der britische Kinderpsychologe John Bowlby entwickelte in den 70er-Jahren die so genannte Bindungstheorie, die in der Bindung zwischen Mutter und Kind in den ersten Monaten nach der Geburt die Grundlage für die Weichenstellung für die spätere Entwicklung sieht. Wirklich einflussreich sowie populärwissenschaftlich simplifiziert und verfälscht wurden die Vorstellungen einer entscheidenden frühen Prägung jedoch durch die Politik. Bei einer Konferenz im Weißen Haus im Jahr 1997 erklärte die damalige First Lady Hillary Clinton, Kindheitserfahrungen seien verantwortlich für die Entwicklung von „Fähigkeiten, die den gesamten Rest des Lebens bestimmen“. Erfahrungen in den ersten drei Jahren könnten „entscheiden, ob Kinder sich zu friedfertigen oder gewalttätigen Bürgern, sorgfältigen oder undisziplinierten Arbeitern, aufmerksamen oder distanzierten Eltern entwickeln“.
Breite Zustimmung erhielt diese Darstellung, weil sie an den gesunden Menschenverstand zu appellieren schien. Die Aussage, Kinder seien in den ersten Lebensjahren noch sehr formbar, klingt plausibel. Dennoch basiert sie in dieser starren Form auf einer mehr als fragwürdigen wissenschaftlichen Grundlage. Die Forderung nach intensiver frühkindlicher Förderung wird heute oft damit begründet, dass die meisten Verbindungen im Gehirn (Synapsen) in den ersten Lebensjahren gebildet werden. Doch Neurowissenschaftler warnen vor der Überinterpretation ihrer Ergebnisse. Psychologen und Hirnforscher wehren sich vor allem gegen die These, Eltern könnten durch entsprechende Intervention die Gehirnentwicklung ihrer Kinder positiv beeinflussen.
Der bekannte Neurowissenschaftler John T. Bruer kritisiert das populäre Bild von „Entwicklungsfenstern“ als abgegrenzte Phasen, in denen das Gehirn für bestimmte Lernaktivitäten empfänglich ist, so dass verpasste Gelegenheiten nicht mehr aufzuholen sind. Er rät Eltern, sich keine Sorgen zu machen und gar nicht erst zu versuchen, möglichst viel Musik, Tanz, Sprachförderung oder sonstige stimulierende Aktivitäten in die Hirne ihrer Kleinkinder zu pressen, denn das Zeitfenster sei noch viel länger geöffnet. [2] Selbst Bowlby, der gewissermaßen als Vater der Idee des Kindheitsdeterminismus gilt, musste seinerzeit einräumen, dass in der frühen Kindheit zwar Weichen gestellt würden, die möglicherweise in eine bestimmte Richtung wiesen, neue Erfahrungen zu einer späteren Zeit jedoch die Möglichkeit eröffneten, von dem eingeschlagenen Weg abzubiegen und sich in eine andere Richtung zu bewegen.
Nach wie vor steht nicht fest, welche spezifischen Faktoren (oder vielmehr Kombinationen von Faktoren) die Entwicklung von Gehirn und Persönlichkeit bestimmen. Sicher ist jedoch, dass Kinder auch Spätentwickler sein können und vor allem sehr viel widerstandfähiger sind, als ihnen dies zurzeit zugestanden wird. Kleine Kinder sind darauf programmiert, aus ihrer Umwelt das zu ziehen, was sie für eine gesunde Entwicklung benötigen, und tun dies überall, unabhängig davon, ob sie täglich Mozart-Kassetten hören oder nicht. Auch die deutsche Bildungsforscherin Elsbeth Stern vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung spricht von einer Hysterie in der Debatte um die Lernfähigkeit von Kleinkindern: „Wir wissen aus Tierversuchen, dass extreme Bedingungen – etwa das temporäre Verschließen eines Auges – dazu führen können, dass sich der Sehsinn nicht mehr entwickelt. Aber was lässt sich daraus für den Menschen ableiten? Doch nur, dass man sein Kind nicht im Schrank aufwachsen lassen … soll.“ [3]


Missionare des neuen Zeitalters
Wie einflussreich die Ideen des Kindheitsdeterminismus sind, zeigt sich nicht zuletzt an den Umsätzen von Unternehmen, die den verständlichen Wunsch von Eltern, bei der Förderung ihrer Kinder nichts zu versäumen, ausnutzen. Als Reaktion auf den so genannten „Mozart-Effekt“ (ein Begriff für die vermeintliche Steigerung der Gehirnentwicklung bei Kindern unter drei Jahren, wenn diese Musik von Mozart hören) haben Millionen von Eltern speziell für Kinder konzipierte CDs und DVDs gekauft. Die amerikanische Firma „Baby Einstein“ ist in dieser Hinsicht besonders erfolgreich. Ihre Produkte heißen „Baby Mozart“, „Baby Bach“, „Baby Da Vinci“ usw.
Manche ambitionierte Eltern, die davon träumen, kleine Genies heranzuziehen, sperren sich gegen die Kritik am Kindheitsdeterminismus. Doch indem der Einfluss der Erziehung und damit der Eltern auf ihre Kinder vollkommen überschätzt wird, werden Väter und Mütter im Gegenzug auch sehr schnell als überfordert und den wichtigen Aufgaben der Erziehung nicht gewachsen dargestellt. Aus der Sicht vieler Politiker und Bildungsexperten sind Eltern heute das größte Problem für ihre Kinder. Deshalb müssen sie durch staatliche Kampagnen wie „Schau hin, was deine Kinder machen“ (mit der u. a. das Bundesfamilienministerium die Medienkompetenz der Eltern stärken möchte) oder „Lesen in Deutschland“ (mit der Eltern zum Vorlesen animiert werden) unterstützt werden. Selbstverständlich heißt es, man wolle Eltern einfach nur helfen, doch der autoritäre, überhebliche Charakter dieser Hilfe lässt sich kaum verbergen: „Natürlich kann man nicht davon ausgehen, dass alle Eltern hören, begreifen und umsetzen. Es gibt immer einen hohen Prozentsatz von Eltern, die wir gar nicht erreichen können … in diesem Fall würde die Ganztagesbetreuung eine größere Bildungschance für die Kinder bedeuten, die zu Hause überhaupt keine Anregung bekommen“, schreibt die Fernsehmoderatorin Petra Gerster, die die Kampagne „Lesen in Deutschland“ unterstützt und sich, wie viele andere selbst ernannte Bildungsexperten, in der Lage sieht, über normale Eltern zu urteilen. [4]
Der große Einfluss des Kindheitsdeterminismus hat weniger etwas mit Kindern und deren realen Lebenswirklichkeiten zu tun, als mit den zurzeit kulturell bedingten Vorurteilen gegenüber Erwachsenen. In einer durch Pessimismus und Misstrauen gekennzeichneten Zeit gilt es als selbstverständlich, dass Menschen mit ihrem Leben selber kaum zurechtkommen und daher schon gar nicht mit etwas so Wichtigem wie der Erziehung alleine fertig werden. Diese negative Grundeinstellung erklärt auch, weshalb sich manche Erzieher berufen sehen, wenigstens die nächste Generation nach ihren Vorstellungen und Idealen möglichst früh zu formen. Ich kann mir nicht helfen, aber wenn ich diese Missionare des neuen Zeitgeistes höre, fühle ich mich an einen Satz aus George Orwells 1984 erinnert: „Wir haben die Bande zwischen Kind und Eltern, zwischen Mensch und Mensch und zwischen Mann und Frau durchschnitten.“