01.09.2005

Instrumentalisierte Bildung

Analyse von Sabine Beppler-Spahl

Über bildungszersetzende Reformdebatten.

An der Wichtigkeit von Bildung kann kein Zweifel bestehen – oder vielleicht doch? Wer die noch schnell vor der Bundestagswahl zusammengeschusterten Wahlprogramme liest, könnte zu dem Schluss gelangen, wir lebten in einer sehr bildungsbeflissenen Zeit. Umso erstaunlicher ist es, dass sich kein Programm ernsthaft mit der Frage auseinandersetzt, wie das Streben nach der höchsten Qualität in der Bildung tatsächlich aussehen könnte. Statt dessen wird Bildung zu einem Hilfsmittel degradiert, mit dem andere, vermeintlich höhere gesellschaftliche Ziele durchgesetzt werden sollen.
Mit dem Zauberwort Bildung wird uns allen eine bessere Zukunft verhießen: ein stärkeres Wirtschaftswachstum, eine kohärentere Gesellschaft, mehr soziale Gerechtigkeit sowie die Fähigkeit, mit unseren persönlichen Problemen fertig zu werden. Die Auflistung dieser oder ähnlicher Wunschvorstellungen, die mit dem Ruf nach mehr Bildung einhergehen, sind schier unendlich. Natürlich wirkt sich Bildung positiv auf den Einzelnen und die Gemeinschaft als Ganzes aus. Es ist jedoch falsch, Bildung in einer solch eingeschränkten Weise zu betrachten. Wer mithilfe von Bildung soziale Probleme lösen und die Wirtschaft sanieren möchte, bedient sich ihrer aus taktischen Gründen. Die Konsequenz ist die Abkehr von einer inhaltlichen Auseinandersetzung. So wird Bildung zu einer leeren Worthülse. Nicht das Streben nach Erkenntnis, sondern vermeintlich gute Absichten kennzeichnen ein solches Bildungsverständnis.

Bildung als Ware

Es ist nicht verwunderlich, dass in Zeiten, in denen die Politik vergebens versucht, einen positiven Bezug zur Bevölkerung herzustellen, Inhalte durch das Streben nach Popularität ersetzt werden. „Wohlstand für alle setzt Bildung für alle voraus“, ist im CDU-Regierungsprogramm 2005-2009 zu lesen. Mehr noch als derlei leere Versprechungen von Parteiprogrammen stört die Darstellung von Bildung als Mittel zum Zweck. Im Zuge einer inhaltslos werdenden Debatte wird uns Wissen und Lernen wie ein Marktgut angepriesen. Eine Schul- oder Ausbildung, so heißt es, sei nur dann gut, wenn sie bessere Berufschancen oder mehr Lebenstüchtigkeit garantieren könne: „Unsere Kinder und Jugendlichen haben einen Anspruch auf Schulen, die ihnen das Rüstzeug für eine berufliche und soziale Existenz vermitteln“ (Hannelore Brüning, CDU, Wahlprogramm 2005, Münsterland).
Soziale Existenz (im Sinne der Sicherung eines ausreichenden Lebensunterhalts) ist eine notwendige Vorraussetzung für das Überleben. Bildung dient jedoch einem höheren Ziel und basiert auf der Vorstellung vom Menschen als einem sozialen Wesen, das sich durch seine Fähigkeit auszeichnet, an einer politischen Öffentlichkeit teilzuhaben. Die Konzentration auf den praktischen Wert von Bildung erlebt ihren Höhepunkt in der so genannten Modernisierung des schulischen Bildungswesens, in dem ebenfalls die Relevanzkriterien des Tages mehr Gewicht haben als die Frage, was Bildung eigentlich ist. Sie findet ihren Ausdruck in der abstrakten Forderung nach „mehr Qualität“, einer besseren Evaluierung des Unterrichts und der Messbarkeit des „Outputs“ bzw. der Lernergebnisse sowie eines stärkeren Wettbewerbs und einer größeren Autonomie der Schulen. Dies mag gut und richtig sein, jedoch nur dann, wenn sich diese Autonomie als Freiheit vom Zweckhaften und Absichtsvollen ausdrückt.

„Die heutige Bildungsdebatte bietet erstaunliche Parallelen zum Zeitalter der Ständeordnung, als jeder nur das lernen musste, was er fürs Leben brauchte.“

In Zeiten unklarer Bildungsziele, in denen Kompetenzerwerb mehr zählt als die Aneignung von Wissen, kann ein „Ranking“ der Spitzenschulen lediglich einen sehr oberflächlichen Hinweis auf die wirkliche Qualität der akademischen Ausbildung geben. Auch die universitäre Bildung wird zunehmend anhand ihrer marktwirtschaftlichen Relevanz beurteilt. Bei der Frage, ob die Umstellung der Magister- und Diplomstudiengänge mit einem Qualitätsverlust einhergehen, wird daher besonderes Augenmerk auf die Reaktion der Unternehmen gelegt: „Um die Akzeptanz in der Wirtschaft müssen sich zukünftige Uni-Abgänger keine Sorge machen: Drei Viertel der 672 befragten Unternehmen kündigten in einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft an, in Zukunft Bachelor- und Master-Absolventen einstellen zu wollen“, versucht Die Zeit Kritiker der Umstellung zu beschwichtigen (3/2005).
Es mag paradox klingen, aber was uns heute als moderne Schulreform verkauft wird, ist in Wirklichkeit ein Schritt zurück in eine längst überwunden geglaubte Zeit. Es war die Aufklärung, die den Grundstein für eine wirkliche bildungspolitische Revolution legte und damit vor rund zwei Jahrhunderten das Zeitalter der Modernisierung einleitete. Bildung, so der Grundsatz dieser Zeit, hat einen Wert an sich und begründet sich nicht durch ihre Nützlichkeit (z.B. durch die Herstellung staatlicher Loyalitäten oder einer standesmäßigen Qualifizierung). Die heutige Bildungsdebatte bedient sich einer reformerischen Rhetorik, bietet aber erstaunliche Parallelen zum Zeitalter der Ständeordnung, als jeder nur das lernen musste, was er fürs Leben brauchte.

Ideologie statt Bildung

Bildung basiert auf der Aneignung von Wissen, Lernen, Leistung und dem Streben nach einem höheren Verständnis der Welt. Sie geht einher mit der Entwicklung eines eigenen Geistes bzw. der Fähigkeit, selbstständig zu denken und gibt größeren Zusammenhängen eine Bedeutung, die weit über das persönlich Erlebte (oder Empfundene) hinausgeht. Dagegen steht die Instrumentalisierung von Bildung für politische oder ideologische Zwecke. Das vielleicht beste Beispiel hierfür liefern die Grünen, die einer beispiellosen Beliebigkeit in Sachen Bildung Vorschub leisten. Da ist zum einen Verbraucherschutzministerin Renate Künast: sie plädiert dafür, Ernährungs- und Verbraucherbildung in den Schullehrplan aufzunehmen. Zum anderen erfährt man in den „Eckpunkten grüner Bildungspolitik“, dass junge Menschen „für ihre Lebensbewältigung andere und auch neue Kompetenzen brauchen als bisher. Sie werden …)mit Unsicherheit umgehen müssen“. Wissen sei die „entscheidende Ressource für die Befähigung jedes Einzelnen zu kompetentem, also auch nachhaltigem Handeln“, wird konstatiert.
Die Aufregung über die vermeintlich riesigen Veränderungen, mit denen unsere und zukünftige Generationen fertig werden müssen, bietet schon Grund genug für Zweifel an der Seriosität des Programms. Auch die Generationen vor uns mussten mit Herausforderungen umgehen lernen. Schon immer war es ein Ziel der modernen Bildung, die junge Generation auf eine nicht vorhersehbare Zukunft vorzubereiten. Aber auch der vage Appell, „die Bildungsziele des Schulgesetzes“ in einer „globalisierten Welt … neu mit Inhalten zu füllen“, läßt vermuten, wie sehr man sich von einem unvoreingenommenen und allein der Wahrheitsfindung dienenden Bildungsideal entfernt hat. „Kinder brauchen … eine interkulturelle Bildung, die demokratische Gemeinsamkeiten ebenso betont, wie sie kulturelle Vielfalt als Bereicherung begreift und erfahrbar macht“, ist der einzige konkrete Hinweis darauf, wie sich die Grünen die Bildung der Zukunft vorstellen. Das Werben für die eigenen Wert- und Lebensvorstellung wird kurzerhand in Bildung umdefiniert.
Bildung kann jedoch kein vorgefasstes Ergebnis liefern, selbst wenn es sich dabei um einen noch so guten Zweck handelt. Der Unterschied zwischen dem traditionellen Fach „Politik“ und der wenig konkreten bzw. seichten Erziehung zur „interkulturellen Kompetenz“ ist, dass das Fach Politik eine klare wissensvermittelnde und theoretische Grundlage hat (z.B. im Erlernen der Chronologie von Ereignissen oder in der Aneignung von Wissen über demokratische und politische Prozesse). Bildung bedarf keiner politisch korrekten, richtungsweisenden Lenkung, sondern kann sich im Gegenteil nur in einem Klima, das kritisches Hinterfragen und die Freiheit des Denkens zulässt, wirklich entfalten.

„Leistung und Klausuren sind nicht elitär. Kindern und Jugendlichen soziale und wirtschaftliche Chancen vorzuenthalten aber schon.“

Soziale Kohärenz

Konformität und Kleinmut charakterisieren die heutige Debatte über Bildung. Der Glaube an die Kraft der menschlichen Vernunft scheint der Politik verloren gegangen zu sein. Schüler, die nicht durch interkulturelles Training „sensibilisiert“ werden, so die offensichtliche Logik grüner Volkserzieher, laufen Gefahr, sich zu Fremdenhassern zu entwickeln. Diese Sichtweise ist Ausdruck politischen Defätismus. Aufgaben, die die Politik aus eigener Kraft nicht zu lösen vermag, überträgt sie der Bildung. Statt einen offenen, demokratischen Diskurs über Einwanderung zu führen und für eine tolerante Gesellschaft zu werben, soll dies die Bildung erledigen. „Das Bildungssystem hat eine entscheidende Funktion für die soziale Integration unserer Gesellschaft zu leisten“, erfährt man dazu im SPD-Programm.
Auch soziale Integration ist ein politisches und kein Bildungsziel. Wenn Schulen unter politischen Druck geraten und gesellschaftliche Kohärenz fördern sollen, geschieht dies auf Kosten von Bildungstandards. Statt Leistung zu verlangen, gilt es, das individuelle Selbstvertrauen zu stärken, um jedem eine Chance zu geben und keinen auszuschließen. Das Schwierige und Kritische wird ausgeblendet. Das Hauptaugenmerk einer nach mehr Kohärenz strebenden Schulbildung richtet sich folglich ganz auf die „individuellen Bedürfnissen“ eines jeden Schülers und nicht auf inhaltliche Ziele. Intellektuelle Ansprüche werden verwässert, Anforderungen zurückgeschraubt, damit keiner zurückbleibt, und das Erlernen von Sozialkompetenz einer Fachdisziplinierung (z.B. in der Form von Prüfungen) vorgezogen. Natürlich ist die Ausgrenzung großer Teile der jungen Bevölkerung ein Problem. Hierfür bedarf es jedoch einer politischen Lösung. Leistung und Klausuren sind nicht elitär. Kindern und Jugendlichen soziale und wirtschaftliche Chancen vorzuenthalten aber schon. Dies geschieht, wenn die Mehrheit der Kinder auf Schulen geht, die keinen Wert mehr auf die Unterrichtung klassischer Fächer und die Förderung von Wissen legen. Intelligente und strebsame Schüler aus sozial schwächeren Familien erhalten zudem kaum noch die Chance, durch wirkliche Leistung gesellschaftlich aufzusteigen. Bildung ist nicht die Bereitstellung eines Gutes, das auf seinen wirtschaftlichen Erfolg hin zu beurteilen ist; sie kann aber auch kein Mechanismus zur Förderung eines künstlichen Zugehörigkeitsgefühls sein. Bildung fördert die gesellschaftlicheTransformation und befähigt zur Kritik. Sie stellt herkömmliche und vorgeschriebene Werte in Frage. Die Politik mag dies als Bedrohung empfinden. Für alle Demokraten sollte die Verteidigung von Bildung jedoch ein zentrales Anliegen sein.