01.05.2006

Im Billigflieger nach Utopia?

Essay von Josie Appleton

In jüngster Zeit versuchten Denker, meist solche, die sich der Linken zurechnen, das utopische Denken wieder zu beleben. Kann so eine neue Politik entstehen?

In seinem neuen Buch Picture Imperfect: Utopian Thought for an Anti-Utopian Age fordert der amerikanische Kulturwissenschaftler Russell Jacoby mehr utopisches Denken in Politik und Gesellschaft. Der Literaturwissenschaftler Frederic Jameson untersucht in Archaeologies of the Future die Rolle der Utopie in der Literatur. Keine Frage, im Hier und Jetzt spielen Utopien so gut wie keine Rolle. Der Politik von heute sind Fantasie und Vision fremd. Sie ist ganz Realpolitik, Krisenmanagement; man doktert ein wenig an der Gegenwart herum. Eine Zukunft, die besser ist als das, was wir heute haben, kann sich kaum jemand vorstellen. Die Computer werden noch schneller und Handys noch funktionsreicher. Aber Entwürfe für eine andere, bessere Gesellschaft? Fehlanzeige.

„Utopien entstehen in Zeiten, in denen Veränderungen in der Luft liegen, es aber (noch) keine Möglichkeiten gibt, sie umzusetzen.“

Hie und da gibt es noch Utopien, doch sind sie stets banal. Googelt man „utopia“, so findet sich neben historischen Verweisen vor allem Werbung für allerlei angeblich innovative Produkte – von Fahrrädern über Armaturen bis hin zu Anbietern für schwul-lesbische Reisen.
Warum soll ausgerechnet heute das utopische Denken wieder belebt werden? Utopien entstehen in Zeiten, in denen Veränderungen in der Luft liegen, es aber (noch) keine Möglichkeiten gibt, sie umzusetzen. In Thomas Mores Utopia aus dem Jahre 1516 oder in den Schriften von Charles Fourier (1772–1837) wurde gleichermaßen intuitiv tastend wie kühn entwerfend nach einer Gesellschaft jenseits des Status quo gesucht. Leben wir heute in einer vergleichbaren Zeit des Übergangs? Können die Träumer von einst uns heute etwas lehren?

Von Thomas More zu H.G. Wells

Utopien sind Kinder ihrer Zeit. Entsprechend unterschiedlich sind die Bilder, die sie von der Zukunft entwerfen. Dennoch gibt es gemeinsame Motive. Fast immer geht es um Gesellschaftsentwürfe, in denen die Menschen sich selbst verwirklichen können und kein unterdrücktes, eingeengtes Leben führen müssen. Fantasiert wird darüber, wie sich die Zwangsjacke der Gegenwart abstreifen lässt – ganz gleich, ob es sich um Könige, Gutsbesitzer oder die Marktwirtschaft handelt.
Arbeit ist ein Kernthema der meisten Utopien. Sie soll der kreativste Teil des Lebens sein, doch tatsächlich arbeiten Menschen meist aus Notwendigkeit; die Resultate der Arbeit gehören nicht ihnen, sondern anderen. In Utopien hingegen arbeiten Menschen, wie und wann sie wollen, und sie tun es mit Stolz und Begeisterung. Fourier schrieb, die Menschen verabscheuten Arbeit, da sie den Geist lähme. Die Lösung sei ein System, in dem sie „beständig und mit Leidenschaft die Arbeit der Untätigkeit vorzögen“. Im Sonnenstaat des Humanisten Tommaso Campanella wollen „alle die Arbeit zum Besten erledigen, der Sitte gemäß, mit weniger Schweiß und zu größerem Segen“.
In vielen Utopien gibt es keine festen Berufe. Einzelne können besonders gute Musiker sein, Ingenieure oder Wissenschaftler, aber alle Menschen zeichnen sich durch ihre Vielseitigkeit aus. Ein typischer Tag in Fouriers Phalansterium besteht aus Jagd, Fischfang, Gartenarbeit, Tier- und Pflanzenzucht. Dazu kommen fünf Mahlzeiten, eine Messe, zwei Gemeinschaftstreffen, ein Konzert und eine gewisse Zeit für Lektüre und Studium. In Campanellas Sonnenstaat erfolgen alle Tätigkeiten reflektiert – und sei es die Wartung des Abwassersystems. Weder Köche noch Klempner arbeiten nach einem festen System, alle beteiligen sich und experimentieren mit neuen Arbeitsmethoden.
Auch die Geistesarbeit soll aus ihrer Isolation befreit werden. In Francis Bacons Neu-Atlantis (1626) gelten Forscher als Helden. Bei Campanella werden die Errungenschaften der Wissenschaft auf die Mauern der Sonnenstadt gemalt. Lernen wird zum Vergnügen, und selbst Kinder kommen ohne dröge Paukerei mit Wissen in Kontakt.
Bacons Utopie ist fast 400 Jahre alt. Umso überraschender, welche Vielzahl von technischen und wissenschaftlichen Neuerungen sich hier findet. Pflanzen sind bedeutend größer als in der Natur, ergiebiger und ihre Früchte größer, süßer und nahrhafter. Es gibt Maschinen, die das Wetter steuern, und Türme, die hunderte von Metern in den Himmel ragen. Bei Campanella werden die Menschen wenigstens 100, nicht selten sogar 170 oder 200 Jahre alt. In A Modern Utopia (1905) entwirft H. G. Wells eine Gesellschaft, in der durch fortgeschrittene Automatisierung die Notwendigkeit zu arbeiten fast ganz verschwunden ist. Es gibt makellose Straßen und Hochgeschwindigkeitszüge – überhaupt ist das Reisen eine alltägliche Angelegenheit geworden.

Gesellschaft aus dem Bastelkeller

Die meisten Utopien wollen zeigen, was an der Gesellschaft, so wie sie ist, schlecht, ja geradezu grotesk ist (weshalb viele von ihnen satirischer Natur sind). Sie zeigen dem Leser, dass alles auch ganz anders vorstellbar und die Gegenwart nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Dieses Vorgehen schärft das Denken und hilft dem Möglichkeitssinn auf die Sprünge.
Häufig wird in Utopien das Leben der Menschen sehr detailliert beschrieben. Diese Beschreibungen sind in der Regel weniger politische Programme als Ausblicke auf die schönen Möglichkeiten einer andersartigen Welt. „Das Leben könnte sehr anders sein“, ist die Botschaft von William Morris’ Roman Kunde von Nirgendwo (1890), mit dem er bei seinen Lesern ein Verlangen nach einer Art sozialistischer Gesellschaft schaffen wollte.
Die Visionen bleiben jedoch unscharf. Utopien sind Versuche Einzelner, tastend auszuloten, was möglich sein könnte. Sie bieten keine Anleitungen zum Handeln, proklamieren kein politisches Programm und auch keinen Königsweg. Das typische Erzählmodell von Utopien lässt Reisende, häufig Seefahrer oder Schiffbrüchige, zufällig auf eine andere Gesellschaft stoßen. Der wohlmeinende Gesetzgeber, der Mores Utopia schuf, trennte seinen Staat durch einen Wasserlauf von den korrupten Gesellschaften des Festlandes.
Bezeichnenderweise haben die Verfasser von Utopien selbst meist wenig ereignisreiche Leben geführt und waren oft Gescheiterte. Ihre Köpfe ragten in die Wolken, während ihre Füße im Sumpf der Gegenwart, die sie nicht ändern konnten, feststeckten. Campanella beteiligte sich an einer Revolte, wurde verhaftet, gefoltert und verbrachte annähernd 27 Jahre im Kerker. Fourier führte während der Französischen Revolution und unter Napoleon ein unsicheres Leben; nie gelang es ihm, praktisch in die Politik einzugreifen. Seine Gesellschaftsentwürfe, die er an die führenden Männer seiner Zeit schickte, stießen auf keine Gegenliebe.
Utopisten, die versuchten, ihre Visionen in die Praxis umzusetzen, hatten ebenfalls wenig Erfolg. Der britische Industrielle Robert Owen setzte sein gesamtes Vermögen ein, um in Indiana eine utopische Gemeinschaft aufzubauen; das Experiment scheiterte rasch. 1890 veröffentlichte der Wiener Ökonom Theodor Hertzka unter dem Titel Freiland. Ein sociales Zukunftsbild eine Utopie, in der Arbeiterräte alle Tätigkeit organisieren. Hertzka rief dazu auf, diese Utopie Realität werden zu lassen, und in kurzer Zeit entstanden zahlreiche Freiland-Gesellschaften, die eben dies versuchen wollten. Es wurde eine Expedition nach Afrika entsandt, um die Möglichkeit, sich dort anzusiedeln, zu erkunden. Doch die praktischen Bemühungen stießen rasch auf Widerstände und scheiterten allesamt.

„Heute haben heute zwei Utopietypen Konjunktur: eskapistische und mystische.“

Kopfgeburt oder Vision

Die Verwirklichung von Utopien scheiterte nicht allein daran, dass die Zeit für solche Pläne noch nicht reif war. Die Pläne selbst waren häufig recht eigenartig. In ihnen verbanden sich großartige Einblicke und Visionen mit absonderlichen Macken. Utopische Gesellschaften waren und sind Kopfgeburten. Nicht selten drücken sie persönliche Neigungen aus. So schrieb Campanella, dass seine Utopier „schwarz verabscheuen“. Entsprechend verachten sie die Japaner, die die Farbe Schwarz mögen. Da Campanella Aristoteles nicht mochte, können auch seine Bürger dem griechischen Philosophen nichts abgewinnen. Fouriers Überlegungen zur Sexualität sind, gelinde gesagt, recht eigenartig. In seiner Gesellschaft wollte er jedem ein Mindestmaß an sexueller Befriedigung zusichern. Manche Autoren versuchen, ihrem Utopieentwurf durch eine Masse an Details Substanz zu verleihen. So erfahren wir, dass die Außenmauern von Campanellas Palästen acht und die Innenwände drei Spannen dick sind. Fourier entwarf für seine Phalansterien Uniformen und ein Farbkonzept für die zu dort zu gründenden Kindergärten.
Neben Visionen ungeahnter Freiheiten und Möglichkeiten enthalten viele Utopien auch äußerst konservatives Gedankengut. In Mores Utopia gibt es Sklaverei, Bacons Gesellschaft glänzt in den Wissenschaften, ist aber in ihrer sozialen Ordnung ausgesprochen rigide, und bei Wells herrscht eine Elite, die die Schwachen eugenisch beseitigt.
Trotz dieser Schwächen haben Utopien nicht selten die Zukunft vorweggenommen und Entwicklungen den Weg geebnet. Friedrich Engels hielt viele von Fouriers Plänen für Unfug, lobte aber ihre visionäre Kühnheit: „Wir können es literarischen Kleinkrämern überlassen, an diesen, heute nur noch erheiternden Phantastereien feierlich herumzuklauben und die Überlegenheit ihrer eignen nüchternen Denkungsart geltend zu machen gegenüber solchem ‚Wahnwitz‘. Wir freuen uns lieber der genialen Gedankenkeime und Gedanken, die unter der phantastischen Hülle überall hervorbrechen und für die jene Philister blind sind.“
In einigen Fällen wurden die Träume einer Generation für nachfolgende zur Wirklichkeit. Bacon stellte sich Wolkenkratzer vor und Flugzeuge; More, Campanella und Fourier entwarfen eine Arbeitswelt, die später die Arbeiterbewegung zu ihrem Programm machte. In Staat und Revolution schreibt Lenin von einer Zukunft, in der die Menschen frei der Arbeit nachgehen und sich frei ihrer Produkte bedienen können. Eine Fantasie war zum Programm einer Partei geworden, die kurz vor der Machtübernahme stand. Andere Utopien hatten ganz unmittelbare Wirkungen. Edward Bellamys Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf das Jahr 1887 (1888) stärkte den US-amerikanischen Nationalismus und beschleunigte Sozialreformen. Bacons Neu-Atlantis (1627) regte die Gründung der britischen Royal Society an.
Je näher wir der Gegenwart kommen, desto konkreter werden die Utopien. Sie existieren nicht mehr auf fernen Inseln, sondern in der Zukunft, und sie beschränkten sich in der Regel nicht auf eine kleine Gemeinschaft, sondern entwerfen ein neues Bild der ganzen Welt. Während Mores und Bacons utopische Gesellschaften ihre Existenz Gott oder einem einzelnen Wohltäter verdankten, wurden spätere Gedankenwelten häufig von dem sie bewohnenden Personal selbst geschaffen. 1922 schrieb der US-Kritiker Lewis Mumford in seiner Story of Utopias: „Im Moment ist es unsere oberste Aufgabe, Luftschlösser zu bauen. Wenn unsere Utopien ihren Ursprung in der uns umgebenden Wirklichkeit haben, wird es einfach genug sein, sie auf ein solides Fundament zu stellen.“
Möglicherweise gibt es Zeiten, in denen Utopien die Gesellschaft voranbringen, und solche, in denen sie nur eine Ablenkung von den praktischen Aufgaben darstellen, die es zu meistern gilt. In Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft schrieb Engels: „Die Lösung der gesellschaftlichen Aufgaben, die in den unentwickelten ökonomischen Verhältnissen noch verborgen lag, sollte aus dem Kopfe erzeugt werden. Die Gesellschaft bot nur Mißstände; diese zu beseitigen war Aufgabe der denkenden Vernunft. Es handelte sich darum, ein neues, vollkommneres System der gesellschaftlichen Ordnung zu erfinden und dies der Gesellschaft von außen her, durch Propaganda, womöglich durch das Beispiel von Musterexperimenten aufzuoktroyieren. Diese neuen sozialen Systeme waren von vornherein zur Utopie verdammt; je weiter sie in ihren Einzelheiten ausgearbeitet wurden, desto mehr mußten sie in reine Phantasterei verlaufen.“
 

Utopien für das 21. Jahrhundert

Etwas mehr utopischen Geist könnten wir heute gut gebrauchen. Die alten politischen Systeme und Orientierungen sind untergegangen, und niemand weiß, was an ihre Stelle treten soll. Die Utopien von heute sind daher zumeist sehr beschränkt. Grob gesagt, haben heute zwei Utopietypen Konjunktur: eskapistische und mystische. In beiden Versionen gibt es ein Happy End; in beiden Versionen bleiben die politischen Probleme der Gegenwart außen vor.
Eskapistische Utopien grenzen sich von der Gegenwart ab. In Nordamerika und Europa ist eine Reihe so genannter „intentional communities“ entstanden. Solche alternativen, häufig ökologisch geprägten Lebensgemeinschaften sind, im Unterschied zu unserer Arbeitswelt, eher erfüllende, selbstbestimmte Lebensformen; statt Konkurrenz ist Kooperation die Regel. Allerdings erreichen die Gemeinschaften dies nur, indem sie sich aus der sie umgebenden Welt verabschieden. Zudem lehnen sie nicht selten eine Vielzahl technischer Errungenschaften ab – Errungenschaften, die ein wesentlicher Teil früherer Utopien waren und unser Leben erheblich verbessert haben. Die Flucht aus der Gegenwart ist keine Lösung. Eine rückwärtsgewandte Idylle ist alles andere als idyllisch. Sie basiert auf unnötiger Schufterei und verschwendet Arbeitskraft, mit der man Sinnvolleres tun könnte. Wells und Bacon schauten nach vorn. Viele Utopien von heute wollen zurück zu den Jägern und Sammlern.
Bei Utopien geht es nicht um den stillen Rückzug in ein umzäuntes Biotop. Lewis Mumford warnte vor solchen Fluchtutopien: „... sie sind eine verzauberte Insel. Lässt man sich auf ihr nieder, verliert man die Fähigkeit, mit der Realität zurechtzukommen. Das Leben in Fluchtutopien ist zu simpel, zu simplifiziert perfekt – es gibt nichts, gegen das man ankämpfen müsste.“ Eskapistische Utopien streben ein ruhiges Leben in einem umfriedeten Paradiesgärtlein an. Wahre Utopien wollen die Welt verändern, die ganze Welt, und die Fesseln sprengen, die Menschen daran hindern, so zu leben, wie sie es wollen und könnten. „Eine moderne Utopie darf nicht statisch, sie muss kinetisch sein. Sie darf kein fixer Zustand, sie muss eine hoffnungsvolle Etappe sein auf dem Weg hin zu vielen weiteren Etappen“, so H. G. Wells.
Mystische Utopien nehmen religiöse Züge an. Russell Jacoby beschäftigt sich ausführlich mit jüdischen Utopien und mit dem Werk von Ernst Bloch. Blochs Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung handelt davon, dass der Wunsch nach Veränderung in allen Dingen wohne, sei es in der Bibel oder in Reklame für Kosmetika. Die Quelle dieser unauslöschbaren Hoffnung sieht er in einem letztlich nicht fassbaren, unauslöschlichen Geist, der alles durchdringt. Für Jacoby sind „ikonoklastische Utopien“ wie die Blochs heute von größerem Wert als solche, die eine zukünftige Gesellschaft detailliert ausmalen. Aber vielleicht macht es sich Jacoby hier auch zu einfach, wenn er über Hoffnungen und Sehnsüchte schreibt: „... eine friedliche, glückliche Zukunft, eine Welt ohne Angst, lässt sich vermutlich nicht beschreiben.“
Es ist gut, an utopische Möglichkeiten zu glauben. Allein blinder Glaube bringt uns jedoch nirgendwohin. Die Frage ist nicht, ob es die Sehnsucht nach einer besseren Welt gibt. Es wird sie geben, solange es Menschen gibt. Die Frage ist eher, ob uns diese Sehnsucht vorwärts bringt oder ob sie uns nur umso sicherer im Gefängnis der Gegenwart gefangen hält. In Kosmetikreklame kann man in der Tat das Versprechen auf eine bessere Welt entdecken, nur bringt uns dieses Versprechen auf dem Weg dorthin keinen Schritt voran. Mystische Utopien können leicht zum Vorwand werden, nichts zu tun. Man sitzt da, sieht zu, deutet die Zeichen und wartet, dass der Geist der Utopie die Arbeit erledigt.

„Nicht nur an Visionen für die Zukunft gebricht es uns. Selbst was zum Greifen nah ist, wird verschmäht.“

Reklame als Utopie

Ein produktiverer Ansatz findet sich möglicherweise in Jacobys Schlussplädoyer: „Utopische Leidenschaft mit praktischer Politik zu verbinden, ist eine Kunst und eine Notwendigkeit.“ Konkret schlägt er vor, neue Schulen zu erfinden, die an die Stelle der maroden Lernanstalten von heute treten könnten. Dass Jacoby glaubt, die „Geschichte halte Möglichkeiten von Freiheit und Wohlergehen vor, die noch nicht annähernd erschlossen sind“, sei ihm hoch angerechnet. Aber was für Möglichkeiten könnten das sein? Kinderbetreuung rund um die Uhr vielleicht? Ein weltweites Netz von Magnetschwebebahnen? Der Sechs-Stunden-Tag?

Es ist löblich, darüber nachzudenken, was alles verändert werden kann. Das Problem jedoch ist, dass solche Gedankenspiele angesichts der politischen Lage, in der wir uns befinden, reine Luftschlösser bleiben müssen. Wir leben in einer Gesellschaft, die nicht mehr daran glaubt, dass sich die Welt verbessern lässt. Für die meisten Menschen ist die Welt so, wie sie ist – Punkt. Schon bei kleinen Dingen, einem verspäteten Zug, einem Gesetz, das uns missfällt, zucken wir mit den Schultern und sagen: „So sieht’s nun mal aus.“ Immer häufiger wird die Welt nicht als veränderbar wahrgenommen, sondern als Totgeburt; es fehlt der Möglichkeitssinn. Entsprechend versuchen wir oft gar nicht erst, die Dinge in unserem Sinne umzugestalten, denn das steht uns als Gästen auf einem verletzlichen und uns nur geborgten Planeten nicht zu. Im besten Fall, so heißt es, können wir die Erde für unsere Kinder bewahren (und selbst daran mag kaum einer glauben). Solange aber diese Sichtweise vorherrscht, sind Spekulationen über eine andere, bessere Welt reines Gedankenschach.
Nicht nur an Visionen für die Zukunft gebricht es uns. Selbst was zum Greifen nah ist, wird verschmäht. Die Möglichkeiten der Biowissenschaften – das, wovon Bacon träumte – liegen vor unserer Nase. Wir könnten Pflanzen herstellen, die ganz anders schmecken, die andere Eigenschaften haben und sich besser anbauen lassen. Doch was geschieht? Neue Technologien gelten als Gefahr. Auch die Gesellschaft wagen wir nicht zu verändern. Alles, was zu neuartig, zu ambitioniert ist, trägt heute ein Stigma. So ist Wirtschaftspolitik heute kaum Gegenstand von Politik. Über sie entscheiden einige wenige Banker und vielleicht noch ein paar EU-Bürokraten. Darüber, wie das Wirtschaftsleben gestaltet und organisiert werden soll, wird weder diskutiert noch abgestimmt.
Viele halten Utopien für gefährlich. Jacoby weist auf die dunklen Seiten des utopischen Denkens hin – so, als ob der Versuch, die Welt zu verbessern, auf geradem Wege nach Auschwitz führe. Das nämlich, so argumentieren viele Zyniker, sei das Resultat aller Versuche, die Welt zu perfektionieren. Jedem Versuch, die Welt anders zu denken, wird so aus dem Weg gegangen. Man verbarrikadiert sich im Hier und Jetzt und versucht, ein wenig am Ist-Zustand herumzubosseln. Wenn Veränderung zwangsläufig in die Katastrophe führt, ist es sinnlos, darüber nachzudenken, wie die Welt sein könnte.
Stattdessen gilt vielen heute Demut als höchste Tugend. Man zeigt, dass man sich den Folgen des eigenen Handelns bewusst ist, und man bemüht sich, diese so wenig invasiv wie möglich zu halten. Wells fantastische Vision vom weltweiten Reisen ist Wirklichkeit geworden. Aber was tun wir? Wir jammern über die verheerenden Folgen der Billigflieger. Aus dieser Haltung heraus können wir auch Jacobys Pläne für neue Schulen als ökologisch bedenkliche Papierverschwendung kritisieren. Möglicherweise werden wir uns bald schon fürs Atmen entschuldigen und zum Ausgleich für das ausgestoßene Kohlendioxid Bäume pflanzen.

Grenzen des Ideenwachstums?

Die Zukunft könnte viel besser sein als die Gegenwart. Schon der französische utopische Denker Henri de Saint-Simon formulierte dies prägnant und präzise: „Das Goldene Zeitalter liegt nicht hinter uns, sondern vor uns, und es wird verwirklicht durch die Vervollkommnung der sozialen Ordnung.“ Was wir heute haben, ist nicht alles, kann nicht alles gewesen sein. Selbst in den reichsten Ländern gibt es noch Menschen, die Fahrkarten verkaufen, Wände streichen und Toiletten putzen. Wie war das noch gleich mit der Automatisierung?
Wenn wir nicht erkennen, dass die Gegenwart außer ihrem Grau-in-Grau auch nahezu unbegrenzte Möglichkeiten enthält, wird sie uns erdrücken. Wenn wir passiv bleiben, ist alles, was uns umgibt, nur eine Ansammlung bedeutungsloser Dinge. Erst, wenn wir die Welt stärker als Produkt unseres eigenen Handelns sehen, können wir sie auch verbessern.