01.09.1999

”Ich wollt’ ich wär’ ein Huhn”

Analyse von Edgar Gärtner

Bei der Diskussion um Nachhaltigkeit geht es um ungelegte Eier. Denn über wieviel ”natürliche” Ressourcen der Mensch verfügen kann, entscheidet der jeweilige Stand der Technik. Auch absolute Wachstumsgrenzen gibt es nicht.

Die Idee der nachhaltigen Waldnutzung findet sich erstmals 1713 in der Sylvicultura Oeconomica des sächsischen Oberberghauptmanns von Carlowitz. Durchgesetzt hat sich das Konzept zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Form der Fortbetriebswirtschaftslehre von Georg Ludwig Hartig und Heinrich Cotta. Hintergrund war die großflächige Übernutzung deutscher Wälder durch Schiffsholzexporte nach Holland, die Brennholzgewinnung und nicht zuletzt die Waldweide und der Streuaustrag durch die Bauern. Während die Wälder vielerorts nur noch minderwertiges Knüppelholz liefern konnten, entstand mit der aufkommenden industriellen Revolution eine wachsende Nachfrage nach gutem Bauholz. Um solches liefern zu können, mußten die Wälder ganz anders, eben nachhaltig, bewirtschaftet werden. Hartig verstand unter der nachhaltigen Nutzung eines Waldes ein mechanistisches betriebswirtschaftliches Modell (”Massenfachwerk”), das wie das Modell Cottas (”Flächenfachwerk”) auf zwei Grundsätzen beruhte: die Bäume auswachsen zu lassen und jedes Jahr nicht mehr Holz zu schlagen als die Menge, die nachwächst. In einem 1.000 Hektar großen Fichtenwald mit einer angenommenen Umtriebszeit von hundert Jahren durften also im Schnitt jedes Jahr nur zehn Hektar abgeerntet werden. Dieses Modell hat mit Ökologie noch wenig zu tun, denn es läßt sich am besten durch Kahlschlagwirtschaft im gleichförmigen Altersklassenwald umsetzen. Immerhin hatte die Forstbetriebslehre Hartigs und Cottas entscheidenden Anteil an der Rettung des deutschen Waldes und machte deshalb nach und nach in der ganzen Welt Schule.

1980 wurde die Idee der nachhaltigen Waldnutzung in der von der Internationalen Naturschutz Union (IUCN) erarbeiteten ”Weltstrategie zur Erhaltung der Natur” zum Prinzip des ”sustainable development” (SD) erweitert. Damit trat neben den ursprünglich rein betriebswirtschaftlichen Nachhaltigkeitsbegriff der eher nebelhafte Begriff ”sustainability”. Politische Bedeutung erhielt dieser Terminus erstmals 1987 im Bericht ”Our Common Future” der sogenannten Brundtland-Kommission (benannt nach der Vorsitzenden der UN-Kommission für Umwelt und Entwicklung, Gro Harlem Brundtland). Hier findet sich die inzwischen zur klassischen gewordene Definition von SD als ”dauerhafte Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.” Diese Begriffsdefinition, die nicht nur die ökologische, sondern auch die soziale und ökonomische Dimension von Entwicklung anspricht, liegt auch der auf der UNCED 1992 in Rio de Janeiro beschlossenen ”Agenda 21” zugrunde.

Bedenklich ist an der Rio-Konferenz zweierlei: Zum einen beschäftigte sie sich mit ungelegten Eiern, den Bedürfnissen und Wertschätzungen künftiger Generationen, über die wir nichts wissen können. Zum anderen legte sie in dem neben der Rio-Deklaration über Umwelt und Entwicklung und der Konvention über die Biologische Vielfalt verabschiedeten Rahmenübereinkommen über Klimaänderungen in Form des Vorsorgeprinzips (Artikel 3.3) einen risikoscheuen, rückwärtsgewandten Umgang mit dem Nichtwissen nahe, wie er von der Öko-Bewegung in die Diskussion gebracht worden war. Die Vermutung drohender Umweltschäden soll danach bereits als Begründung für den Verzicht auf die Nutzung von Ressourcen und Techniken ausreichen.

Für die Übersetzung des Begriffs ”sustainable” bot sich im deutschen Sprachraum das alte Wort ”nachhaltig” an. Dieses begünstigt allerdings die Konfusion mit dem überholten forstbetriebswirtschaftlichen Konzept Hartigs und Cottas. Besser wäre wohl die wörtliche Übersetzung ”durchhaltbar”. Es geht um eine sowohl ökonomisch und sozial als auch ökologisch durchhaltbare Richtung der menschlichen Entwicklung auf lokaler, regionaler und globaler Ebene. So gesehen, verstoßen etwa wachsende Staatsschulden, die wir unseren Kindern und Enkeln hinterlassen, mindestens ebenso gegen das Nachhaltigkeits-Postulat wie die Übernutzung von Naturpotentialen. Doch käme die gleichzeitige Beachtung aller Dimensionen des SD der Quadratur des Kreises gleich. Deshalb versteht der im Juli 1998 vorgelegte Abschlußbericht der Enquête-Kommission ”Schutz des Menschen und der Umwelt” des 13. Deutschen Bundestags SD nicht mehr als stoffliches Realmodell, sondern als ”regulative Idee” im Sinne des Philosophen Kant, d.h. als erkenntnistheoretisches Konstrukt, das dem menschlichen Verstand bei Such- und Lernprozessen eine Richtung weist. Dabei komme dem Markt als Testfeld für diskursiv erarbeitete Lösungsansätze gesellschaftlicher Probleme zentrale Bedeutung zu.

Wie alle Ideale kann auch die regulative Idee der Nachhaltigkeit nicht als solche unmittelbar verwirklicht werden. Es gibt keinen direkten Weg vom Ideal der Nachhaltigkeit zu operativen Konzepten einer durchhaltbaren Entwicklung. Das gilt sowohl auf politischer als auch auf der volks- und betriebswirtschaftlicher Ebene. Im Klartext: Niemand weiß, wie man zu einer nachhaltigen Wirtschaft gelangen könnte. Gruppen oder Einzelpersonen, die vorgeben zu wissen, wo es langgeht, stehen zu Recht unter Ideologieverdacht. Sicher ist nur, daß die gegenwärtigen material- und energieintensiven Strukturen und Prozesse nicht lange durchhaltbar sind. Praktische Versuche, daran etwas zu ändern, dem Ideal der Nachhaltigkeit näherzukommen, bergen das Risiko von Fehlschlägen. Gescheiterte Versuche sprechen aber nicht gegen das Ideal.

Davon abgesehen erlaubt jedoch die Konkretisierung des SD-Leitbildes auf Betriebs- oder Konzernebene eher das Umgehen ideologischer Streitigkeiten durch pragmatische Festlegungen als die Umsetzung des Leitbildes in der Politik. Sinnvoll und nützlich ist es beispielsweise, dem Zeitgeist zum Trotz, bei der Definition der ”Öko-Effizienz” nicht von absoluten Wachstumsgrenzen beziehungsweise von einem festen ”Umweltraum” auszugehen, sondern von einer angenommenen ökologischen Tragekapazität der Erde (der Fähigkeit der Biosphäre, einer bestimmten Zahl von Menschen Ernährung und menschenwürdige Lebensqualität zu sichern). Während die Annahme fester Grenzen – zumindest implizit – die hoheitliche Rationierung knapper natürlicher Ressourcen nahelegt, läßt der Begriff der Tragekapazität Raum für unternehmerische Initiative. Denn die Tragekapazität der Biosphäre ist abhängig vom Entwicklungsstand des Wissens, der Technik und des Humankapitals. Der Stand der Technik entscheidet darüber, was überhaupt als Ressource anzusehen ist. Das bedeutet, daß die Ressourcenbasis durch menschliche Anstrengungen, nachhaltigkeitsorientierte Innovationen, vergrößert werden kann. Tatsächlich hat sich die Tragekapazität der Erde seit der Erfindung des Ackerbaus (neolithische Revolution) etwa vertausendfacht und könnte – nach allem, was wir heute wissen – durchaus noch weiter gesteigert werden.

In der praktischen Auseinandersetzung spielt es eine große Rolle, ob das Nachhaltigkeits-Postulat von einem anthropozentrischen oder einem ökozentrischen Naturbild abgeleitet wird. In der letztgenannten Sicht, die populären Schlagworten wie ”Die Natur weiß es besser” zugrundeliegt, ist Nachhaltigkeit kein geistiges Konstrukt, sondern ein naturimmanentes Prinzip, dem sich die Menschen unterwerfen müssen, indem sie ihr Wirtschaften nach dem Vorbild natürlicher Stoffkreisläufe organisieren, ihre Bedürfnisse einschränken und der vorgefundenen Lebewelt einen Wert an sich beimessen. Tiere, Pflanzen und sogar Steine sollen die gleichen Rechte haben wie die Menschen. Konsequent zu Ende gedacht, müßte die Menschheit danach von sechs Milliarden auf wenige Millionen Individuen zusammenschrumpfen. Außerdem ist zu bedenken, daß die Natur – losgelöst von menschlichen Wertmaßstäben – Rechtfertigungen für alles mögliche bieten könnte: für Sparsamkeit und Verschwendung, für Vielfalt und Eintönigkeit, für Sensibilität und Brutalität, für evolutionäre und katastrophale Veränderungen, für Stabilität und Fragilität. Jeder könnte sich aussuchen, was ihm in den Kram paßt. Die Devise ”Von der Natur lernen” ist deshalb nicht ganz abwegig, aber sie setzt den Bezug auf humanistische Werte und Ziele voraus. Wert hat aus diesem Blickwinkel nur das, was die Menschen aus technischen, ökonomischen und/oder ästhetischen Gründen wertschätzen.

Aufgeklärte anthropozentrische Positionen betonen daher den Nutzen des Arten- und Ressourcenschutzes für die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Der Versuch, Umweltqualitätsziele aus der Natur an sich oder aus Erkenntnissen der Naturwissenschaften abzuleiten, kann sehr leicht als illusorisch, wenn nicht absurd entlarvt werden. Dem Wasser zum Beispiel kann es egal sein, ob es blau (das heißt oligotroph, nährstoffarm) oder grün (eutroph, nährstoffreich) ist, zumal in eutrophen Gewässern mehr Leben ist als in oligotrophen. Aber den Menschen, die sauberes Trinkwasser benötigen oder baden gehen wollen, kann das nicht egal sein. Außerdem können die Menschen, selbst wenn sie die Natur anbeten, diese nur mit ihren eigenen Augen betrachten: Ein Mensch kann zwar singen ”Ich wollt’, ich wär’ ein Huhn”, die Welt aber niemals mit den Augen eines Huhns sehen, sich nicht einmal theoretisch in dessen Lage versetzen. Es fällt uns schon schwer genug, unsere eigenen Artgenossen halbwegs zu verstehen.

Ordnungspolitisch sauber sind nach Ansicht eines 1996 von Lüder Gerken und Andreas Renner vom ordo-liberalen Walter-Eucken-Institut, Freiburg, vorgelegten Gutachtens für das Bundesministerium für Wirtschaft mit dem Titel ”Der Wettbewerb der Ordnungen als Entdeckungsverfahren für eine nachhaltige Entwicklung” nur Ansätze des SD, die völlig auf staatliche Wissensanmaßung und auf naturwissenschaftlich abgeleitete Ziele und Leitplanken verzichten und vielmehr auf die Selbststeuerungskräfte der Marktwirtschaft mit einheitlichen, ethisch fundierten Spielregeln vertrauen. Nachhaltig ist eine Politik aus dieser Sicht dann, wenn sie den reflektierten Wünschen und Präferenzen der Marktteilnehmer entspricht. Das heißt: Wenn Kunden weniger oder anders konsumieren wollen, um ihren Nachkommen mehr natürliche Reichtümer zu hinterlassen, sollte man sie nicht daran hindern. Man sollte aber auch jenen keine Vorwürfe machen, in deren Wertesystem die Belange künftiger Generationen keine so große Rolle spielen, weil sie (wie etwa viele Amerikaner mit ihrem fortlebenden Pioniergeist) davon ausgehen, daß jede neue Generation – Mut und Tüchtigkeit vorausgesetzt – sich schon irgendwie zu helfen wissen wird.