30.12.2009

Hurra, wir schrumpfen zusammen

Von Tobias Prüwer

Auch die Wirtschaft hat ihre Tage. Irgendwann musste der Aufschwung mal klemmen und der Konjunkturfahrstuhl steil abwärts rasen. Bahn frei, Kartoffelbrei!

Auch die Wirtschaft hat ihre Tage. Im Zyklus geht’s manchmal ein paar Leuten mehr gut, meistens vielen schlecht. Der Kapitalismus ist eine Berg- und Talbahn – das haben wir schon in „Mohr und die Raben aus London“ lernen dürfen. Irgendwann musste der Aufschwung mal klemmen und der Konjunkturfahrstuhl steil abwärts rasen. Bahn frei, Kartoffelbrei!

Doch Schwarz-Gelb lässt sich die gute Laune zum bösen Spiel nicht versauern. Jetzt wird halt der Wirtschaftsmotor angeschmissen. Wunder gibt es immer wieder, und die soll ein Dekret sichern, das jetzt schon als heißer Favorit fürs neue Unwort gilt: das Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Demnach stellt der Schattenhaushalt – gut, er heißt jetzt Nebenhaushalt – nicht die einzige Maßnahme dar. Ein ganzes Schattenjahr soll her!

Es wird also ein ganz besonderes Schalt- und Waltjahr werden: Negatives Wachstum? Dann werden eben die Tage kürzer. Schlau wie Bausparfüchse streichen die Regierenden einfach alle Feiertage und Wochenenden bis auf den langen Samstag aus dem Kalender. Die Woche wird Kurzarbeit und Konsum angepasst. Immerhin ist Zeit ist Geld, weshalb nur die kostbaren Stunden zählen. Rund 100 Tage müssten sich so einsparen lassen. Wenn kein Sekündchen mehr steht zwischen Arbeit und Shopping, dann klappt’s auch wieder mit dem Aufschwung.

Die Gletscher schmelzen, die Landmasse nimmt ab – wir sind in guter Gesellschaft. Das Jammer-Jahr 2010 – ein wirklich-wahres Annus miserabilis – wird gesund geschrumpft, von den erbärmlichen Zivilisationskrankheiten Freizeit, Muse, Müßiggang entschlackt. Rast ist für Verlierer, nur Luschen machen Pause. All den Ballast vergangener Dekaden wie Sozialversicherung und Kündigungsschutz können wir endlich abspecken. Tja, die fetten Jahre sind endgültig vorbei. Wir parken die unproduktiven Tage einfach auf einer Bad Bank, schnallen den Gürtel noch enger und rücken in der Not dicht zusammen. Das spart auch Heizkosten. Ums Kuscheln wird auch die Kanzleramtsbesatzung nicht umhinkommen, seit die Staatsfinanzen zu Schwundgeld geworden sind. Vorstellen will man es sich allerdings nicht, wie Grüßaugust Pofalla zum Ringelpietz am Spreebogen ruft.

Wie weise, dass die EU-Kommission gerade 2010 zum „Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung“ bestimmte. Und während man in Berlin noch wie im Fieberwahn vom Aufschwung fantasiert, hat die katholische Kirche prophetische Gabe bewiesen und noch vor der Krise das Gnadenjahr 2010 ausgerufen. Ratzi wird schon wissen, welcher Katastrophe wir gottergeben harren. Dabei hätten es alles ahnen können: Schließlich steht der Zieleinlauf der Agenda 2010 an, wird das demolierte Sozialsystem komplett dem Schrotthaufen der Geschichte überantwortet. „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen“ – mit lutherischer Verve wird Pfarrerstochter Merkel vollenden, was der rot-grüne Klassenfeind begann. Bereits in ihrer Regierungserklärung 2005 drohte die eiserne Kanzlerin unverblümt: „Ich möchte Kanzler Schröder ganz persönlich danken, dass er mit der Agenda 2010 mutig und entschlossen eine Tür aufgestoßen hat, unsere Sozialsysteme an die neue Zeit anzupassen.“ So schrumpft zusammen, was zusammenschrumpfen muss.