18.06.2013

Hochwasser: Menschschutz vor Gewässerschutz

Von Georg Keckl

Georg Keckl kritisiert die in der aktuellen Flutdebatte gänige Argumentation von Naturschützern, dass die Flüsse mehr Raum brauchen. Dämme werden deswegen oft nicht ausgebaut. Sie gelten als umweltschädlich – zum Schaden der an den Flüssen lebenden Menschen.

Wenn in Hitzacker an der Elbe der Pegel von 3m auf 7,5m steigt [1], dann erhöht diese Wassermenge später im Hamburger Hafen den Pegel nur um ca. 40cm und in Freiburg (Elbe) hat noch nie ein Flusshochwasser aus dem Binnenland den Elbpegel tangiert. Denn: je breiter der Fluss wird, umso niedriger steigt das Hochwasser. An der Niederelbe (bei Freiburg/Elbe etc.) stehen zwar die höchsten Elbdeiche, aber nicht wegen eines Hochwassers, das die Elbe herunter kommt, sondern wegen der Nordsee, die bis hinter Hamburg eine Flut in das Land drücken kann. Schon vor Hamburg wird die Elbe so breit, dass es im Hafen keine Elbhochwasserschäden geben kann. Aber nicht jeder Fluss hat so viel Platz wie die Elbe in Hamburg. Leider wurden viele Flüsse stark eingezwängt. Lässt sich aber korrigieren. Verdoppele ich den Abstand der Deiche links und rechts, sinkt das Hochwasser um die Hälfte, hat doppelt so viel Wasser Platz. Verdoppele ich den Abstand der Deiche und verdoppele ich die Deichhöhen, kann die vierfache Wassermenge zwischen den Deichen durchfließen. Das ist einfach zu verstehen, aber man kann daraus auch eine Ideologie machen: „Gebt den Flüssen ihre Überschwemmungsgebiete von damals zurück“. Und schon sollen die Menschen nicht mehr vor dem Hochwasser geschützt werden, sondern das Hochwasser vor den Menschen. Der Naturschutzbund Deutschland fordert aktuell mindestens 500.000 Hektar landwirtschaftlicher Fläche wieder in Auwaldzonen zu verwandeln. [2] Zum Vergleich: Der Bodensee hat 53.600 Hektar. Es geht also darum Landwirtschaftsflächen mindestens in der 10-fachen Größe des Bodensees zu renaturalisieren.


Deichen, graben, mauern

Mitten durch Landshut fließt die Isar, aber die Stadt kann seit 1955 schreiben: „Das Stadtgebiet Landshut ist durch die Flutmulde grundsätzlich vor Isarhochwasser geschützt“ [3], weil die Landshuter das Hochwasser in ein Ausweich-Flussbett leiten. Auch so wird die Hochwassergefahr für die Menschen hinter dem Deich gebannt. Die Landshuter Flutmulde ist zu normalen Zeiten eine beliebte Parkanlage: „Die insgesamt sieben Kilometer lange Schneise wurde im Jahr 1955 fertiggestellt und bewahrt das Stadtzentrum vor Überflutung bzw. zu hohen Pegelständen, weil bei Hochwassergefahr überschüssiges Wasser der Isar einfach in die Flutmulde geleitet wird, die bis zu 400 Kubikmeter Wasser pro Sekunde aufnehmen kann. Zu normalen Zeiten führen neben einem von Bäumen flankierten Bachlauf Wanderwege durch die das ganze nördliche Stadtgebiet durchziehende Schneise“ [4]. Das Prinzip Flutmulde gibt es seit Jahrhunderten, fast jede Wassermühle hat sie. Das Mühlrad kann nur eine bestimmte Menge an Wasser tragen. Das überschüssige Wasser muss um die Mühle herumgeleitet werden.



Wie in der Grafik ersichtlich, war das letzte Hochwasser ein Rekordhochwasser, aber in normalen Zeiten ist die Landshuter Flutmulde ein schöner Park mit einem kleinen Bach aus Isarwasser darin.

Hochwasser und Baumbesetzer

Nun hat Landshut Glück gehabt, die Flutmulde wurde zu einer Zeit fertig, als es noch keine, wie man auf bayrisch sagt, „spinnerten“ Umweltaktivisten gab. Hannover wurde auch regelmäßig von der Leine überschwemmt. Nach dem Hochwasser von 1946 entschied man sich in Hannover ebenfalls für einen Flutgraben, der das Wasser der launischen Leine um die Altstadt leitet. Die Gelegenheit war günstig. Im Krieg waren viele Bereiche zerbombt, so dass man eine breite, tiefe Schneise um die Altstadt graben konnte. Seither blieb die Innenstadt vor Überschwemmungen verschont.

Dass heute die „Ihme“ im Stadtgebiet von Hannover eigentlich ein Flutgraben ist, haben die Bürger Hannovers weitgehend vergessen. Bei einem der letzten Hochwasser wurde dieser Flutgraben sehr voll, die Deiche leckten, die Verantwortlichen mussten zum Schutz der Bürger aktiv werden. Der Stadtrat beschloss, den Flutgraben zu vertiefen. Dazu mussten ein paar Bäume, die inzwischen dummerweise in der Flutmulde wuchsen, und eine tadellose Brücke weg. Die Millionen für eine neue Brücke erregten weniger Aufmerksamkeit als die Bäume, die dem Hochwasserschutz im Wege standen. Flutmulden und der Platz zwischen den Deichen sollten prinzipiell frei von Hindernissen sein, damit sich das Wasser an diesen Hindernissen nicht stauen kann. Insbesondere bei Eisgang können Bäume zum Ausgangspunkt von Sperren werden, die dann gesprengt werden müssen, um die Deiche zu schützen. Wegen der Bäume kam es in Hannover zu etwas, was 1955 unvorstellbar war: zu Baumbesetzungen im Bereich der Flutmulde. Die hannoversche Polizei holte die Protestler von den Bäumen. Die Bäume wurden gefällt, was bei vielen echte Tränen der Verzweiflung auslöste.

Hochwasserfolge: Medien werden auf Verhinderer aufmerksam

„Naturnahe“ Flussläufe werden besonders häufig von Hochwasser überrascht. Bei der aktuellen Flut fällt auf, dass Flussabschnitte stark betroffen sind, die sonst als besonders „naturnah“ und „ursprünglich“ beworben werden, also zum Beispiel die Donau zwischen Straubing und Osterhofen. Bis Straubing war nichts, aber hinter Straubing ging die Welt entlang der Donau unter. Umweltaktivisten behindern seit Jahren einen besseren Hochwasserschutz im Raum Deggendorf an diesem angeblich „fast naturbelassenen“ Donauabschnitt. Der Streit ist schier endlos. Man würde die Bürger gerne vor Hochwasser schützen. Geld ist genug da, man traut sich nicht: die Deiche weiter ins Hinterland zu setzen, die Deiche zu erhöhen und Staustufen zu errichten, mit denen man Wassermassen steuern kann. Die Staustufen produzieren Strom und bezahlen damit einen Großteil der Baumaßnahmen selbst ab. Nur, sie sind auch gut für die Schifffahrt. Damit haben die Gegner jeder Flussbaumaßnahme wieder Möglichkeiten, diese Maßnahmen als „gegen die Natur“ gerichtet darzustellen. Dabei sind die Flussbaumaßnahmen schon lange nicht mehr so radikal wie etwa an der unteren Rhone, wo die Strom- und Landgewinnung samt Schifffahrt eindeutig im Vordergrund standen. Man kann und will das heute naturverträglich machen.

In Flachlandgebieten ist Hochwasserschutz machbar. Dort treten auch die großflächigsten Überschwemmungen auf. Es gibt Platz für Flutmulden [6], die Deiche können erhöht und/oder zurückgesetzt werden, Städte können durch mobile Spundwände und Mauern geschützt werden und es können „temporäre Stauseen“, also Flutpolder, geschaffen werden. In Gebirgen hat man wegen der engen Täler diese Möglichkeiten nur eingeschränkt. Dass man mit Maßnahmen des Flussbaus überhaupt Hochwasser verhindern kann, ist in der öffentlichen Diskussion fast vergessen worden. In den zahllosen Talkshows sind Wasserbauer nicht vertreten, sondern es dominieren phrasendreschende Naturschützer. Erfreulich war nun, dass in Zeit Online zu lesen war, dass auch der technische Hochwasserschutz praktikable Lösungen bietet [7]. Die Berichterstattung setzt überwiegend auf bunte Bilder, vom Hochwasser umspülte Reporter und schwimmt auf der Argumentation der Naturschützer, dass „die Flüsse mehr Raum brauchen“. Damit ist nicht mehr Raum zwischen den Deichen gemeint, sondern im Prinzip eine höchstmögliche Rückumwandlung der Flussläufe in möglichst weite, temporär überschwemmte Auwaldzonen, wie in längst vergangenen Jahrhunderten, ganz als ob es heute keine Menschen und ihre Heimstätten am Fluss gäbe. Um diesem Ziel, dieser Traumvorstellung von früheren Flusslandschaften, näher zu kommen, blockieren die Umweltaktivisten einen machbaren Hochwasserschutz mit allen Mitteln, die ihnen die Politik im Laufe der Zeit bereitgestellt hat. Ein Sommerurlaub auf der Ostseehalbinsel Zingst bei ablandigem Wind würde sie von diesen Auwald-Sumpfweisen-Phantasien schnell kurieren: Wegen des Nationalparks „Boddenlandschaft“ verkommen dort die Bio-Weiden zu Mückenbrutstätten. Die Urlauber können sich nicht mehr im Freien aufhalten. Selbst bei größter Schwüle sind die Restaurants nur innen besetzt, verkauft die Kurverwaltung zu Sonderpreisen unökologische Mückenschutzsprays an die Gäste, die sich samt Schnaken damit in den Zimmern vergiften können [8]. Ein Vermieter diktiert seinen Gästen gar: „Im Sommer sind aufgrund der häufig vorkommenden Mücken nur die Fenster und Türen zu öffnen, die mit einem Mückenschutz versehen sind.“ [9]

Siedlungsgeschichtlich war es so, dass die Deiche im letzten und vorletzten Jahrhundert zu nahe an die Flüsse gelegt wurden. Man wollte so landwirtschaftliche Flächen und sicheren Siedlungsraum gewinnen. Jedes Fitzelchen Land wurde gebraucht. Aus nassen Weiden wurde Ackerland, das eventuell alle 20 Jahre mal überschwemmt wurde. Immer mehr Flächen wurden und werden bebaut. Das Regenwasser schießt über die Dächer und Wege, zum großen Teil in die Flüsse. Man kann diesen Siedlungsbau nicht rückgängig machen. Wer will schon in Plattenbauhochburgen wohnen, wenn er sich ein Einfamilienhaus mit Zufahrt und Garage leisten kann. Das kostet Fläche, vermehrt die Hochwasserspitzen, auch wenn es in Deutschland immer mehr Wald gibt. Es lassen sich verschiedene Gründe aufführen, weshalb ein moderner Hochwasserschutz so oft blockiert wird. Manchen ist ihre Aussicht wichtiger als der Hochwasserschutz, manche wollen die Preise für Entschädigungen hochtreiben, andere verlieren durch die Maßnahmen tatsächlich ihre bisherige Existenz, wieder andere sind Gewohnheitskrakeeler. Viele Medien berichteten von verhinderten Hochwasserschutzprojekten [10], was der Politik Luft verschaffen könnte, die Privilegien der Hochwasserschutzverhinderer wieder etwas zu beschneiden. Der Focus hat in der letzten Ausgabe 24/2013 gar eine Titelgeschichte gebracht: „Flutbürger gegen Wutbürger [11]“.

Politische Konsequenzen notwendig

Die Deichbrüche sollten politische Konsequenzen haben: Natur-, Umwelt- und Tierschutz betreffen das Allgemeinwohl. Deshalb sollten sich vor allem die Staatsbediensteten darum kümmern und nicht irgendwelche Privatorganisationen. So wenig wie man die Schützenvereine oder die Bandidos zu Hilfssheriffs machen kann, so wenig darf man diese Organisationen zu halbstaatlichen („anerkannten“) Natur-, Umwelt- und Tierschutzwächtern machen. Diese Organisationen blockieren oder drohen mit Blockaden, um Geld oder Posten von Bauwilligen aller Art zu erpressen. Parlamentarier schustern ihnen diese Machtstellung zu. Heute muss vor Gericht nicht mehr bewiesen werden, dass etwas eintritt, sondern, dass es nicht eintritt! Je abstruser die Befürchtungen werden, umso schwieriger wird der Gegenbeweis, dass etwas nicht eintritt. So laufen Umweltprozesse sozusagen am laufenden Band. Beim Hochwasserschutz könnte dieser Missstand auffallen, denn hier steht das Allgemeinwohl gegen die Interessen der grünen NGOs. Es darf nicht sein, dass die Allgemeinheit für Verluste aufkommen soll, die durch Bauverzögerungen wegen Bedrohungsszenarien aus dem NGO-Bauverhinderungskasten entstehen, die bei jedem Projekt durch alle Instanzen immer wieder einzeln neu geprüft werden müssen.