01.03.2006

Hipp-Hipp-Hurra – Ökokunde auf Babykostniveau

Analyse von Gunnar Sohn

Über kindische Sehnsüchte, Nostalgie und Naturverklärungen.

Der Manager Claus Hipp ist eine der wichtigsten Vorzeigefiguren der Biokostbranche, weil er Produkte aus dem Ökolandbau verwendet. „Es gibt zwar keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass Ökokost für den Menschen gesünder ist als konventionelle Ware, das braucht es aber auch nicht, weil der ökologistische Glaube allemal stärker ist als irgendwelche Fakten. Hipp hat darauf eine prima Geschäftsidee aufgebaut, wogegen absolut nichts zu sagen ist. Fragwürdig wird die Haltung des bekennenden Katholiken nur, wenn er mit Greenpeace-Parolen gegen die grüne Gentechnik zu Felde zieht“, kritisierte ihn der Publizist Dirk Maxeiner.

In einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt hatte sich der Muster-Öko Hipp zuvor zu den Problemen mit gentechnisch veränderten Lebensmitteln geäußert: „Die Folgen sind nicht abzuschätzen, konventionelle Pflanzen können beeinflusst werden. Wir brauchen gentechnisch veränderte Produkte nicht, um große Mengen herzustellen… Außerdem ist es historisch gesehen völlig absurd: In den vergangenen 150 Jahren hat der Mensch dramatische Veränderungen im Boden verursacht, die den Pflanzen Probleme bereiten. Doch statt den Boden in den natürlichen Zustand zurückzuversetzen, verändert man nun die Pflanzen, damit sie mit den Veränderungen im Boden zurechtkommen. Das ist doch der völlig falsche Weg.“

Was der gute Mann verschweigt: Alleine in den letzten 50 Jahren kamen rund drei Milliarden Menschen zur Erdbevölkerung hinzu. „Die ‚grüne Revolution’ der 60er-Jahre mit ihren neuen Pflanzensorten, intensiven Anbaumethoden und gewaltigen Ertragssteigerungen verhinderte, dass viele davon verhungerten. Der Vater der ‚grünen Revolution’, der Agrar-Spezialist Normann Borlaug, erhielt dafür den Friedensnobelpreis. Mit den von Herrn Hipp favorisierten landwirtschaftlichen Methoden wären bereits in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts Hunderte Millionen Menschen verhungert“, hält Maxeiner dagegen.

In der Fernsehsendung „Menschen bei Maischberger“ zum Thema „Genmais, Gammelfleisch und Biowahn: Hysterie ums Essen?“ drohte Hipp im Januar mit einem stärkeren Engagement seines Unternehmens im Ausland, sollte das von Horst Seehofer geplante neue Gentechnikgesetz den Bioanbau in Deutschland gefährden. „Mütter wollen keine Gentechnik“, vermutet Hipp. Zwei Anläufe unternahm der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer, ein Gespräch jenseits der eingeübten Rituale zu initiieren: Er gab zu bedenken, dass für die Züchtung der „natürlichen Pflanzensorten“, die von den Biobauern eingesetzt werden, durch Strahlung oder Chemikalien das Erbgut massiv verändert wird – sogar stärker, als es bei präzisen Eingriffen der modernen Gentechnik der Fall ist. Zudem wies er darauf hin, dass das gefürchtete „Bt-Toxin“, mit dem sich gentechnisch veränderter Mais gegen Schädlinge wehrt, im Bio-Landbau direkt auf die Pflanzen aufgebracht werde. „Niemand will wissen, wie vor der Gentechnik gezüchtet wurde. Etwa die Mutationszüchtung: Da wurde ein Sack Getreide ins Atomkraftwerk gefahren und bestrahlt, damit Missbildungen entstanden. Davon waren vielleicht zwei Pflanzen zu gebrauchen. Sie wurden dann in normale Sorten eingezüchtet… Auch normale Kreuzungen können gefährlich sein. Es muss für alle Züchtungsmethoden vergleichbare Maßstäbe geben – nicht nur für die Gentechnik“, so Pollmer.

„Es gibt keine natürliche Landwirtschaft.“

Leicht stotternd wiederholte Hipp in der Fernsehrunde seine Philosophie vom guten Boden und guten Pflanzen. Es wurde deutlich, dass es bei der ganzen Debatte wohl eher um die gefühlte Gefährlichkeit, die „Angst der Verbraucher“, um Glaubensbekenntnisse und Halbwahrheiten mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum geht. Wie heißt es so schön auf der Homepage von Herrn Hipp: „Wenn es um die Gesundheit unserer Kleinsten geht, sehen wir keinen Platz für Kompromisse. Dafür stehe ich mit meinem Namen.“ Oder, wie es Dirk Maxeiner ausdrückt: „Da hat sich ein ganzer Treck von Sehnsüchten, Nostalgien und Naturverklärungen in Gang gesetzt, der nicht mehr nach Logik oder Fakten fragt. Landwirtschaft war schon immer unnatürlich, auch wenn das manche Verkünder des Biobauerntums gern ausblenden. Von unserer ursprünglichen Lebensweise als Jäger und Sammler haben wir uns vor 10.000 Jahren verabschiedet – und zwar unumkehrbar. Weizen ist kein natürliches Nahrungsmittel des Homo sapiens. Weizenkörner sind durch künstliche Selektion genetisch veränderter Grassamen entstanden. Kuhmilch gehört keineswegs auf unseren natürlichen Speiseplan. Auch Mais oder Blumenkohl kommen in der Natur so nicht vor, sondern wurden vom Menschen entwickelt. Ganz zu schweigen vom Käse, einer frühen Ausgeburt bakterieller Lebensmitteltechnik. Weder waren die früheren Formen der Tierhaltung grundsätzlich humaner, noch waren die produzierten Nahrungsmittel gesünder als heutige. Die Gefahr von Erkrankungen und Vergiftungen durch Nahrungsmittel ist dank moderner Hygiene und Konservierungsstoffe sogar drastisch zurückgegangen. Magenkrebs wird immer seltener, weil moderne Frischhalteverfahren die alten und gesundheitlich bedenklichen (Räuchern, Pökeln) zurückgedrängt haben. Plastikversiegelung, Dose, Tiefkühltruhe und Kühlschrank mögen unsere Nahrungsmittel ‚entfremden’, sie sind aber ein Segen für die Gesundheit“, so Maxeiner.

Die Natur habe blutige Zähne und Klauen und sei keine Veranstaltung zur sanften Erbauung von Stadtbewohnern, sagt der Wissenschaftspublizist weiter: „Durch tödliche Getreidepilze in der Nahrung wurden in den vergangenen Jahrhunderten ganze Landstriche entvölkert. Einige dieser Mykotoxine sind viele tausend Mal giftiger als Pflanzenschutzmittel. Die Pasteurisierung der Milch wurde nicht eingeführt, weil sich profitgeile Konzerne bereichern wollten. Sie war vielmehr gesundheitlich dringend geboten, um eine Übertragung der Tuberkulose zu verhindern. In der Nachkriegszeit wurden aus diesem Grund in einer bis dahin beispiellosen Aktion erkrankte Kühe geschlachtet und tuberkulosefreie Bestände aufgebaut. Wer heute zu ‚unverfremdeter’ Rohmilch greifen möchte, kann dies selbstverständlich tun. Mediziner aber raten ab: Unbehandelte Rohmilch kann mit dem berüchtigten EHEC-Bakterium verunreinigt sein. Allein 1995/96 erkrankten in Bayern 44 Personen an dem Keim aus dem Kuhstall, sieben Kinder starben. Um es mit Karl Kraus zu sagen: Wir sollten nicht aus Schaden dumm werden.“