01.03.2005

Guten Morgen, Herr Lernberater!

Analyse von Sabine Beppler-Spahl

Gedanken darüber, warum es Lehrer heute so schwer haben.

„Einzelkämpfer waren sie, Herren über Stoff und Unterrichtskonzept, und keiner hatte ihnen dabei Ratschläge zu erteilen. Nun haben die Pisa-Prüfer die Tür weit aufgerissen – und den deutschen Lehrkörper bloßgestellt.“[1]

Im Dezember letzten Jahres wurden die wiederum nur mittelmäßigen Ergebnisse der zweiten PISA-Studie veröffentlicht. Die Freie Universität (FU) in Berlin lud nach deren Bekanntgabe Journalisten und andere Interessierte zu einer Expertenrunde ein. „Wir brauchen bessere Lehrer“, so die eindringliche Botschaft der Veranstaltung. Das Image des Lehrerberufs scheint einen vorläufigen Tiefpunkt erreicht zu haben. Doch sind die Lehrer wirklich schuld? Sicher gibt es viele schlechte Lehrer, doch die können nicht das öffentliche Bild eines ganzen Berufsstandes bestimmen. Ausschlaggebend sind vielmehr externe Faktoren, die mit dem eigentlichen Unterricht nur indirekt zu tun haben.
Das Image des Lehrers ist – und war stets – eng mit dem Stellenwert schulischer Bildung und die an sie gestellten Erwartungen in einer Gesellschaft verknüpft. Schule diente niemals nur der Förderung kindlichen Lernens. Sie war immer auch mit weiteren sozialen oder politischen Interessen und Vorgaben verbunden, die der Lehrer zu berücksichtigen hatte und die sein Image prägten. Ein Volksschullehrer sollte zum Beispiel Kinder aus ärmeren Schichten auch vor einer Verrohung bewahren. Die Aufgabe von Lehrern war es, die Leitbilder und Werte einer Gesellschaft auf die heranwachsende Generation zu übertragen. Anerkennung erfuhr der Lehrerberuf vor allem dann, wenn er vorwiegend mit den positiv besetzten Werten „Bildung“, „Wissen“ und „Intelligenz“ assoziiert wurde. In der Kritik stand er dagegen, wenn ein gesellschaftlicher Konsens über die zu vermittelnden Werte fehlte. Diese Situation erleben wir heute. Das schlechte Ansehen des Lehrers und die gegenwärtige Krise im Bildungssystem sind zwar eng miteinander verknüpft, bedingen einander jedoch weniger, als gemeinhin vermutet wird. Vielmehr haben beide Phänomene eine gemeinsame Ursache: die Abkehr von dem Primat der Wissensvermittlung in der schulischen Bildung.

„Dass die vordringlichste Aufgabe eines Lehrers darin besteht, Kindern Wissen und intellektuelle Fähigkeiten zu vermitteln, ist heute längst nicht mehr selbstverständlich.“

Wissensvermittler oder Erzieher?

„Kernaufgabe des Lehrers ist, dass er lehrt, nämlich unterrichtet; um diese Aufgabe herum baut sich sein professionelles Selbstverständnis auf. Sie ist auch Ausgangspunkt und Grenze seines erzieherischen Wirkens und gibt allen seinen anderen … Tätigkeiten Maß und Sinn“, schreibt der emeritierte Professor für Erziehungswissenschaften, Hermann Giesecke, in seinem exzellenten Buch Was Lehrer leisten.
Dass die vordringlichste Aufgabe eines Lehrers darin besteht, Kindern Wissen und intellektuelle Fähigkeiten zu vermitteln oder, anders ausgedrückt, ihnen Zugang zu den symbolischen Gegenständen unserer Kultur zu verschaffen, ist heute längst nicht mehr selbstverständlich. Fast scheint es, als sei der Lehrer als Wissensvermittler ein anachronistisches Produkt. Bei einer Lehrerkonferenz an einer Berliner Gesamtschule wurde vor kurzem die Frage gestellt, was nun eigentlich die Aufgabe des Lehrers sei. Während der Diskussion zeigte sich, dass „Erziehung“ ebenso im Raum stand wie „Lehren und Unterrichten“. Man konnte sich nicht einigen, welche dieser Funktionen wichtiger sei. Giesecke beklagt, dass der Aufgabenkreis des Lehrers „schleichend und zunächst gar nicht planmäßig“ immer mehr ausgeweitet wurde. Diese Tendenz habe dazu geführt, dass das Berufsbild des Lehrers im Laufe der Zeit diffuser wurde.
Ein gutes Beispiel hierfür liefert das im Oktober 2004 von der ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK) herausgegebene Papier zu Standards in der Lehrerausbildung. Hier definiert die KMK Anforderungen, die von Lehrerinnen und Lehrern zu erfüllen sind: „Lehrerinnen und Lehrer sind sich bewusst, dass die Erziehungsaufgabe in der Schule eng mit dem Unterricht und dem Schulleben verknüpft ist. Dies gelingt umso besser, je enger die Zusammenarbeit mit den Eltern gestaltet wird“, heißt es da. Wenn auch in dem Papier zuvor festgestellt wird, dass Lehrer „Fachleute für das Lernen und Lehren“ seien, so ist dies dennoch ein Beispiel für den großen Stellenwert, den Erziehung im Berufsleitbild des Lehrers heute einnimmt.
Gieseckes Hinweis, dass nur der Unterricht Ausgangspunkt des erzieherischen Wirkens von Lehrern sein kann, ist richtig. Lehrer erziehen, indem sie unterrichten. Schüler lernen im Rahmen des regulären Unterrichts, still zu sitzen, sich zu konzentrieren, mit anderen zu diskutieren und vieles mehr. Schulische Erziehung erfolgt nicht losgelöst vom Lehrinhalt. Bei der Definition der Kultusminister drängt sich der Verdacht auf, dass hier der elterliche mit dem schulischen Erziehungsauftrag verwechselt wird. Tatsächlich sehen sich Lehrer berufen (oder genötigt), in zunehmendem Maße vermeintliche Defizite in der familiären Erziehung zu kompensieren. Dieser Trend wird von den sich unter Druck gesetzt fühlenden Lehrerverbänden noch bestärkt. Sie setzen fälschlicherweise eine Ausweitung des Aufgabenkreises mit einer Aufwertung der Lehrertätigkeit gleich.
Auch die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Eva-Maria Stange fordert ein neues „Leitbild für Lehrerinnen und Lehrer“. Sie begründet dies damit, dass auf die Schule verstärkt neue Aufgaben zukämen, „vom Frühstück für die Schüler über Erziehungsaufgaben bis hin zur Drogenberatung“. Schule habe heute, so Stange, eine andere Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern. Hier werden Lehrer nicht nur zu Erziehern, sondern auch noch zu Sozialarbeitern umfunktionalisiert. Sie sollen verstärkt Tätigkeiten übernehmen, für die sie entweder nicht qualifiziert sind oder die sie im Rahmen des schulischen Unterrichts unmöglich bewältigen können. Auch Stanges Hinweis, Lehrer müssten „individuell auf ganz unterschiedliche Schüler, die ganz unterschiedliche soziale Voraussetzungen, Erfahrungen … und Handicaps mitbringen, eingehen“, gibt zu denken. Lehrer hatten auch zu früheren Zeiten heterogene Klassen, dennoch war das Ziel, allen Schülern den Lehrstoff zu vermitteln. Natürlich muss ein Lehrer im Rahmen seiner Möglichkeiten auch versuchen, Schüler individuell zu fördern, aber er darf dabei nicht vergessen, dass es letztlich auf die Vermittlung der einheitlichen Lehrinhalte ankommt. Das Ideal der Chancengleichheit basierte einst auf der Einsicht, Bildung könne soziale Grenzen überwinden. Gleichbehandlung der Schüler war das Ziel, nicht die Zelebration ihrer Unterschiedlichkeit. Der Zugang zu Wissen im Rahmen eines allgemein bildenden Schulunterrichts gab intelligenten Kindern armer Familien die Möglichkeit, gesellschaftlich aufzusteigen.

„Statt neue Leitbilder zu fordern, sollten wir lieber überlegen, wie wir es schaffen, Lehrern den Rücken zu stärken, damit sie wieder unterrichten und Eltern wieder erziehen können.“

Wenn Erziehung tatsächlich zu einer der zentralen Aufgaben der Schulbildung gehören würde, wäre Lehrern wenig geholfen. Es mangelt nämlich auch hier an anerkannten Leitbildern. Wer Lehrern eine größere Erziehungsaufgabe zusprechen möchte, muss erst einmal definieren, was er darunter versteht – das ist heute alles andere als einfach. Eine Schule, die zu Ordnung und Disziplin erziehen wollte, gälte – vielleicht zu Recht – als überholt.
Erziehung werde vor allem deshalb immer wichtiger, weil es heute mehr verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche in einer Klasse gebe als früher. Doch dies hat in erster Linie mit dem viel beklagten Rückzug der Erwachsenen aus dem Erziehungsgeschehen zu tun und ist ein Problem, welches unabhängig von der schulischen Bildung von der Gesellschaft gelöst werden muss. Statt neue Leitbilder zu fordern, sollten wir lieber überlegen, wie wir es schaffen, Lehrern den Rücken zu stärken, damit sie wieder unterrichten und Eltern wieder erziehen können.

Lehrer, Lernberater oder Moderator?

Zu den Forderungen nach einem neuen Lehrerleitbild gesellen sich die Rufe nach einer Reform der Lehrerausbildung. Zwar ist es nicht verkehrt, über dieses Thema zu diskutieren, doch der Haupttenor der Debatte scheint verfehlt. Er ist der vielleicht deutlichste Ausdruck für die Abkehr vom Primat der Wissensvermittlung in der Schulbildung. Bei der oben erwähnten Expertenrunde gab der Präsident der Freien Universität, der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Dieter Lenzen, zu bedenken, dass die Lehrerausbildung zu stark auf das Fachwissen ausgerichtet sei. Er wünsche sich „weniger gute Fachwissenschaftler und dafür bessere Didaktiker“. Mit dieser Aussage liegt Lenzen im Trend der Zeit. „Die Lehrerbildung geht scheinbar immer noch davon aus, dass Lehrerinnen und Lehrer Fächer unterrichten. Deshalb liegt der Schwerpunkt auf der fachwissenschaftlichen Ausbildung. Hier muss der Perspektivwechsel ansetzen“, schrieb auch der Bundeselternrat in einer Stellungnahme vom 9.11.2004. Die Prioritäten scheinen deutlich: Es kommt weniger auf den Inhalt, mehr auf die Methode im Unterricht an. Auch wenn der Elternrat in einem Nebensatz bekundet, Fachwissen nicht abqualifizieren zu wollen, ist dies die tatsächliche Konsequenz solcher Statements.
In einer Radiosendung über die Defizite der Lehrerausbildung wurde eine Lehramtsstudentin interviewt, die offensichtlich die Meinung des Uni-Präsidenten teilte: „Wir machen Mathe, Mathe, Mathe, Rechnen, Rechnen, Rechnen, Beweisen, Beweisen.“ Sie frage sich, wem das, was sie an der Uni lerne, eigentlich nützen solle. Vor einigen Jahren noch wäre eine solche Bemerkung einer Studentin, deren Berufsziel es sein sollte, Kindern durch einen souveränen Umgang mit der Materie für Wissen und Bildung zu begeistern, als peinlich gerügt worden. Heute stößt sie auf Zustimmung: Zu viele komplexe Sachverhalte würden den Lehramtsstudenten an der Universität vermittelt, so die Moderatorin der Sendung.
Immer weiter scheinen wir uns von der Einsicht zu entfernen, dass Lernen einen Wert an sich darstellt. Wer zu viel Fachwissen als zentrales Problem des Lehramtsstudiums identifiziert, befördert die Abwertung von Bildung und die Demontage des Ansehens des Lehrerberufes. Auch die ständigen Plädoyers, Schulbildung müsse praxisorientierter sein, deuten in diese Richtung. Lernen bedarf scheinbar einer zusätzlichen externen Motivation. Große Werke der Literatur werden auf ihre Relevanz für das Leben der Schüler überprüft und so bagatellisiert.
Durch die Gegenüberstellung von Fachwissen und sozialer Kompetenz wird zudem ein künstliches Spannungsfeld aufgebaut, das es so nicht gibt. Jemandem einen komplexen Sachverhalt zu erklären, ist eine Lernübung. Gleichzeitig kann nur wirklich unterrichten, wer sein Fach beherrscht. Christine Keitel-Kreidt, ebenfalls Professorin an der FU und Spezialistin für den Mathematikunterricht, hat Grundschullehrerinnen über ihr mathematisches Fachwissen befragt. „Die Ergebnisse waren erschreckend“, so Keitel-Kreidt. 83 Prozent der an Grundschulen Lehrenden sind Frauen. Viele der von ihr Befragten gaben an, in Mathematik „immer schlecht“ gewesen zu sein. Lehrer, die sich in ihrem Fach nicht sicher fühlen, können jedoch bestenfalls Textbuchwissen wiedergeben. Sie sind nicht in der Lage, flexibel zu reagieren und weiterführende Fragen der Schüler zu beantworten. In seinem Werk Wilhelm Meisters Wanderjahre schrieb Goethe: „Es ist nichts schrecklicher als ein Lehrer, der nicht mehr weiß, als die Schüler allenfalls wissen sollen. Wer andere lehren will, kann wohl oft das Beste verschweigen, was er weiß, aber er darf nicht halbwissend sein.“
Zu Zeiten, als Volksschullehrer noch „standesgemäß“ unterrichteten, waren die Bildungschancen durch die soziale Herkunft eingegrenzt. Einen Vorteil hatte diese Zeit jedoch gegenüber der heutigen: Lernen, die Aneignung von Wissen und intellektuelles Streben galten als positiv und zentral für die Entwicklung einer Person. Heute werden Lehrer dagegen auf den Webseiten der Bildungsminister unversehens von Wissensvermittlern in „Lernberatern“ oder „Moderatoren“ umbenannt. Statt Wissen sollen sie ihren Schülern Schlüsselqualifikationen wie „Lernfähigkeit“ oder „soziale Kompetenz“ beibringen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass Lehrer ihr Recht auf instruktiven, fachbezogenen Unterricht wieder einfordern. Das würde ihrem Ruf sicher gut tun.