01.07.2004

Gute Preise, goldene Jahre: Die Zukunft ist bezahlbar!

Essay von Phil Mullan

Kann die Gesellschaft sich so viele alte Menschen leisten? Phil Mullan zeigt am Beispiel Großbritanniens: Sie kann.

Dass wir immer älter werden, ist eine gute Nachricht für jeden von uns. Wir leben länger, sind gesünder und erfreuen uns jedes Jahr an steigendem Wohlstand. Aber während wir noch die Vorzüge eines langen und vitalen Lebens genießen, werden wir immer ängstlicher ob der gesellschaftlichen und ökonomischen Auswirkungen dieser Entwicklung. Demographie war früher nur ein Randthema, inzwischen ist sie zu einer der Hauptsorgen in den westlichen Ländern avanciert. Der allgemeine Tenor der Debatte ist, dass uns die Vision einer alternden Gesellschaft beunruhigen sollte. Ein Leitartikel im britischen Economist brachte das jüngst kurz und knapp auf den Punkt: „Leider haben diese goldenen Jahre einen unbezahlbaren Preis.“[1]

Die Pessimisten tun so, als sei das Altern eine neue soziale Herausforderung. Dabei ignorieren sie die Tatsache, dass dieser Prozess seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in bemerkenswert konstanter Weise in den industrialisierten Ländern fortschreitet und früher nie problematisiert wurde.

„Es ist ein Zeichen der verzerrten Wahrnehmung in unserer angstorientierten Zeit, dass wir heute kaum noch davon ausgehen, dass das Altern der Gesellschaft ein Grund zum Feiern ist.“

Früher waren es vor allem abnehmende Geburtenraten und der Rückgang frühzeitiger Todesfälle, die dazu führten, dass eine kleinere Anzahl von Menschen immer älter wurde. Heute kommen die Auswirkungen der alternden Baby-Boom-Generation, die in den 50er- und frühen 60er-Jahren geboren wurde, sowie das Ansteigen der Lebenserwartung aufgrund der verbesserten Gesundheitsversorgung seit dem Zweiten Weltkrieg hinzu. Der generelle Trend ist jedoch derselbe: Lebenserwartung und Altersdurchschnitt der Bevölkerung steigen kontinuierlich. Dass trotz dieser Entwicklung der Lebensstandard von Jung und Alt enorm zugenommen hat, beweist: Das Altern der Gesellschaft ist keineswegs unbezahlbar.

Dass die Menschen immer älter werden, galt lange Zeit als eine positive Begleiterscheinung des Fortschritts im 20. Jahrhundert. Es galt als selbstverständlich, dass die Generation der Kinder älter würde als die eigene und man erwartete auch, dass es ihnen besser gehen würde. Vor hundert Jahren starb eines von vier Kindern in Großbritannien, bevor es fünf Jahre alt wurde. Heute ist das Verhältnis 1 zu 100. Vor hundert Jahren wurde nur ein Drittel der Bevölkerung 65 Jahre alt, heute dürfen das fünf von sechs Menschen erwarten. Es ist ein Zeichen der verzerrten Wahrnehmung in unserer angstorientierten Zeit, dass wir heute kaum noch davon ausgehen, dass das Altern der Gesellschaft ein Grund zum Feiern ist.

Kein Thema, das im Zusammenhang mit der Alterung der Gesellschaft diskutiert wird (Renten, Gesundheit, Geburtenrate usw.), bringt wirklich die befürchteten unlösbaren Probleme mit sich. Dies mögen für sich betrachtet wichtige Fragen sein, sie sind aber nicht demographischer Natur, und für alle gibt es praktische und finanzierbare Lösungen.

„Die demographische Entwicklung wird oft als „objektive Rechtfertigung“ angeführt, um uns heute schon auf Kürzungen vorzubereiten, sie ist aber in Wirklichkeit nicht der Grund für diese Umstellungen.“

Das Thema „Rente“ wird in den industrialisierten Ländern ohne Zweifel mit großer Sorge diskutiert. Dafür gibt es gute Gründe, die allerdings mit Demographie zumeist nichts zu tun haben. Wir sollen uns darauf einstellen, dass unsere Altersvorsorge – die staatliche wie die private – sowohl der Dauer als auch der Höhe nach nicht dem entsprechen wird, was wir bislang erwartet haben. Die demographische Entwicklung wird oft als „objektive Rechtfertigung“ angeführt, um uns heute schon auf diese Kürzungen vorzubereiten, sie ist aber in Wirklichkeit nicht der Grund für diese Umstellungen.

Die Rentendiskussion wird fast immer in engem Zusammenhang mit der übergeordneten politischen Zielsetzung diskutiert, die öffentlichen Ausgaben zu senken und das Verhältnis zwischen öffentlichem und privatem Sektor zu ändern. Doch gerade die privaten Renten haben unter dem Auf und Ab an der Börse, wo die meisten dieser Mittel investiert werden, gelitten. Dabei spielten in Großbritannien Maßnahmen der Regierung und einiger Unternehmen in den 90er-Jahren eine Rolle, die alle auf der Erwartung fußten, der Aktienmarkt werde ewig weiter boomen. Dazu zählte die 1997 eingeführte Besteuerung der Rentenfonds, aber auch, dass manche Unternehmen vorübergehend die Einzahlungen in ihre Pensionskassen einstellten oder die Mittel gar für die Finanzierung von Sozialplänen und Abfindungen missbrauchten. Heute sehen verunsicherte Verwalter solcher Fonds nur noch einen Ausweg: die Auszahlungen irgendwie zu drosseln, um die Gesamtverbindlichkeit zu reduzieren.

Als weiteres scheinbar unlösbares Problem werden in Zusammenhang mit der Alterung der Gesellschaft die steigenden Gesundheitskosten thematisiert. Auch hier wird die Lage unnötig schwarz gemalt. Obwohl die Gesundheitskosten mit zunehmendem Alter im Durchschnitt steigen, könnte die finanzielle Belastung dadurch ausgeglichen werden, dass alle Menschen – junge und alte – insgesamt immer gesünder werden. Es ist davon auszugehen, dass wir im Laufe der nächsten 50 Jahre viel gesünder sein werden, da wir in besseren Verhältnissen leben und uns besser ernähren.

Zweifellos treten Krankheiten gehäuft in den späteren Lebensjahren auf. Menschen bedürfen insbesondere in den letzten Lebensmonaten verstärkt medizinischer Betreuung. Der Anteil der medizinischen Ressourcen, der in der Periode kurz vor dem Tod gebraucht wird, steigt kontinuierlich, während die Gesundheitsausgaben für jüngere Jahrgänge laufend sinken. Es sind also eher die Kosten des Sterbens als die des Lebens, um welche die Gesundheitskostendebatte kreist. Doch es gibt Anzeichen dafür, dass die Kosten des Sterbens mit zunehmendem Alter ebenfalls abnehmen; und wie alt auch immer wir werden: wir sterben nur einmal. Folglich ist anzunehmen, dass auch dieser Kostenfaktor mit zunehmender Lebenserwartung eher zurückgeht als steigt.

Auch sinkende Geburtenraten sind inzwischen ein angstbesetztes Thema. In den meisten Industrieländern sinken die Geburtenraten stetig und liegen jetzt schon unter der Sterberate. Bleibt das so, nimmt die Bevölkerung ab, während sie gleichzeitig älter wird.[2] Aber die statistische Feststellung, dass die Geburtenraten sinken, sagt nichts darüber aus, ob eine alternde Gesellschaft finanzierbar ist oder nicht. Die aktuelle Panik über niedrige Geburtenraten behindert eine konstruktive Diskussion darüber, was sie eigentlich bedeuten. Was sagt uns beispielsweise die Tatsache, dass Italien bei niedriger Frauenerwerbsquote niedrige Geburtenraten aufweist, während viele Schwedinnen arbeiten und viele Kinder bekommen? Offensichtlich wäre es besser, über mangelnde Krippen und Kindergärten zu diskutieren, statt vermeintliche „demographische“ Probleme zu beschwören.

Alle Befürchtungen, die Renten- und Gesundheitssysteme stießen künftig auf unüberwindbare Finanzierungsschranken, beziehen sich letztlich auf eine statistische Größe: die Beitragszahlerquote. Die Beitragszahlerquote ist das Zahlenverhältnis zwischen den in die Rentenkasse einzahlenden Arbeitnehmern (gewöhnlich alle Menschen zwischen 16 Jahren und dem Rentenalter) und den aus ihr finanzierten Rentnern. Für Großbritannien wird erwartet, dass diese Quote von derzeit 3,4 (3,4 Beitragszahler finanzieren einen Rentenempfänger) in den nächsten 40 Jahren auf das Rekordtief von 2,4 fallen wird. Diese statistische Veränderung wird immer wieder herangezogen, um einen drohenden alterungsbedingten Bankrott der Sozialsysteme vorherzusagen.

Auf den ersten Blick scheint diese Kalkulation logisch: Wenn immer weniger Jüngere immer mehr Ältere unterstützen müssen, muss der Lebensstandard einer der beiden Gruppen oder sogar beider zugleich sinken. Nehmen wir an, X ist eine Anzahl von Einheiten, die eine andere Anzahl von Einheiten Y unterstützt. Wenn Y verhältnismäßig größer wird, werden entweder einige Einheiten (Menschen) von Y zu X wechseln (Erhöhung des Renteneintrittsalters), oder jede Einheit (Mensch) der Gruppe Y erhält weniger Unterstützung (arme Alte), oder X muss kollektiv mehr zur Unterstützung beitragen (höhere Beiträge und Abgaben).

„Hochrechnungen auf Grundlage der Beitragszahlerquote lassen außer Acht, dass zurzeit eine große Anzahl von Menschen im „Arbeitsalter“ überhaupt nicht arbeitet.“

Das ist formal korrekt, führt aber sowohl hinsichtlich der Tatsachen als auch der Implikationen in die Irre, wenn eine Reihe anderer Faktoren unberücksichtigt bleiben. Wenn nicht jede Einheit von X heute einen Beitrag zahlt und sich zudem die Anzahl dieser Einheiten in Zukunft ändert, ist es schlecht möglich, klare Schlussfolgerungen zu ziehen – weder über die Höhe der aktuell erforderlichen Beiträge noch über die Notwendigkeit, Y durch Übergang von Einheiten (Menschen) nach X zurückzufahren. Und wenn die aktiven Beitragszahler der Gruppe X schon jetzt eine größere Gruppe Y unterstützen, müssten wir außerdem wissen, wie sich diese Gruppe weiter entwickelt, bevor wir voreilige Schlüsse ziehen. Wenn jedes Mitglied von X in Zukunft mehr Ressourcen zur Verfügung hat, nehmen wir an, doppelt so viel wie heute, dann ist es kein Problem, die Unterstützung für Y absolut anzuheben, damit jedes Mitglied der Gruppe Y mehr Unterstützung erhalten kann, denn jedem aktiven Mitglied von X werden immer noch mehr Ressourcen zur Verfügung stehen als heute.

Das statistische Verhältnis sagt wenig darüber aus, was auf der Welt wirklich vor sich geht. Hochrechnungen auf Grundlage der Beitragszahlerquote lassen außer Acht, dass zurzeit eine große Anzahl von Menschen im „Arbeitsalter“ überhaupt nicht arbeitet. In Großbritannien sind dies ungefähr neun Millionen Menschen (in Ausbildung und Hochschule, Arbeitslose und andere, die wirtschaftlich nicht aktiv sind). In den meisten entwickelten Ländern stellt diese Gruppe ein Viertel bis ein Drittel der Menschen im „arbeitsfähigen“ Alter dar. Mithin entspricht die angenommene Beitragszahlerquote nicht der tatsächlichen.

Berechnungen auf Grundlage der tatsächlichen Beitragszahlerquote sähen daher ganz anders aus. Sie würden auf dem Verhältnis zwischen arbeitenden und nicht-arbeitenden Menschen beruhen, welches eindeutig bestimmbar ist: von den 59 Millionen in Großbritannien lebenden Menschen arbeiten 27 Millionen Menschen, d.h. das Verhältnis Beitragszahler zu Nichtzahlern liegt bei 27:32, die reale Beitragszahlerquote ist somit nicht 3,4, sondern 0,84.

An sich ist die Höhe der realen Beitragszahlerquote relativ unbedeutend. Wichtig ist aber, wie sich diese Zahl künftig entwickeln wird. Die wie immer pessimistischen offiziellen Projektionen gehen davon aus, dass im Jahre 2030 bei einem Bevölkerungsanstieg um 6 auf 65 Millionen die absolute Anzahl der Arbeitenden auf heutigem Niveau geblieben sein wird. Dementsprechend würde das Verhältnis von Arbeitenden zu Nicht-Arbeitenden von 0,84 auf 0,71 absinken, also ein Arbeitender im Vergleich zu heute ein Fünftel mehr Unterstützung leisten müssen. Zum Vergleich: Prognosen auf Grundlage der konventionellen und irreführenden Beitragszahlerquote gehen von einer Verdoppelung der individuellen Beitragszahlerlast aus.

Der Anteil der Beschäftigten an der Gesamtbevölkerung ist sehr viel wichtiger als die Geschwindigkeit des gesellschaftlichen Alterungsprozesses – ein Tatbestand, der hin und wieder von der britischen Regierung anerkannt, aber nie hervorgehoben wird.[3] Dabei ist der Anteil der tatsächlich aktiven Bevölkerung viel eher zu beeinflussen als die Altersstruktur der Gesellschaft.

„Es wäre kein Problem, die zur Erhöhung der Beschäftigungsrate benötigten zusätzlichen Arbeitskräfte zu beschaffen – wenn es denn die entsprechenden Arbeitsplätze gäbe.“

Vor 40 Jahren hatten 95 Prozent der männlichen Erwachsenen im arbeitsfähigen Alter in Großbritannien einen Arbeitsplatz. Inzwischen ist der Anteil auf unter 80 Prozent gesunken. Diesen Trend innerhalb der nächsten 40 Jahre um nur zwei Drittel umzukehren, d.h. die Beschäftigungsquote wieder auf knapp 90 Prozent anzuheben, würde ausreichen, um die Beitragszahlerquote im Jahr 2040 auf heutigem Niveau zu stabilisieren. Die Unbezahlbarkeitsthese wäre damit von der Bildfläche verschwunden. Anders formuliert: Wenn Großbritannien so viele Arbeitsplätze hätte wie derzeit Schweden oder Dänemark, wäre das auch genug. Das tatsächliche durchschnittliche Renteneintrittsalter liegt zurzeit in Großbritannien unter dem offiziellen Renteneintrittsalter von 65 Jahren – für Männer bei 62,5 Jahren. Untersuchungen zeigen, dass ein großer Anteil der drei Millionen Menschen zwischen 50 und 65 Jahren gerne arbeiten würde, wenn er denn dürfte. Es wäre also kein Problem, die zur Erhöhung der Beschäftigungsrate benötigten zusätzlichen Arbeitskräfte zu beschaffen – wenn es denn die entsprechenden Arbeitsplätze gäbe.

Ein weiterer Denkfehler bezüglich der Beitragszahlerquote – der allerdings für die reale Beitragszahlerquote ebenso gilt – ist, dass sie den Anstieg der Produktivität völlig außer Betracht lässt. In 40 Jahren wird ein Arbeiter durchschnittlich doppelt so viel Wohlstand produzieren wie heute. Und bei dieser Rechnung wird nur eine sehr bescheidene Produktivitätsrate von 1,75 Prozent im Jahr angenommen, was knapp unter den Erfahrungen der letzten Jahre und deutlich unter dem historischen Durchschnitt liegt. Dies bedeutet eine Verdoppelung des Bruttoeinkommens und somit auch, dass durchaus 50 Prozent mehr ältere Menschen in einem Land leben können, das um 100 Prozent reicher ist.

„Ständig wachsende Produktivität war der entscheidende Grund, weshalb industrialisierte Länder im letzten Jahrhundert keine Probleme mit der fallenden Beitragszahlerquote hatten – obwohl die Quote viel dramatischer sank als heute.“

Sollte die reale Beitragszahlerquote der Zukunft der heutigen ähneln, könnte jeder Mensch (arbeitend oder nicht arbeitend) im Durchschnitt einen doppelt so hohen Lebensstandard haben. Und selbst wenn aufgrund von Bevölkerungswachstum bei gleichbleibender Beschäftigtenzahl die Belastung der Beitragszahler, wie errechnet, tatsächlich um ein Fünftel stiege, wäre er immer noch um 80 Prozent besser dran als heute. Ist diese Aussicht wirklich so bedrohlich?

Ständig wachsende Produktivität war der entscheidende Grund, weshalb industrialisierte Länder im letzten Jahrhundert keine Probleme mit der fallenden Beitragszahlerquote hatten – und dies, obwohl die Quote viel dramatischer sank als heute. Zum Vergleich: Die Beitragszahlerquote lag 1900 bei 14! Trotz dieser finanziellen Belastung durch demographische Trends konnten es sich die Industrieländer leisten, umfangreiche Unterstützungssysteme für die Alten und Pflegebedürftigen aufzubauen.

In Großbritannien lagen diese Ausgaben (Bildung, Gesundheit und Wohlfahrt) im Jahre 1900 bei weniger als drei Prozent des Bruttosozialprodukts. In den 50er-Jahren waren sie bereits auf zwölf Prozent gestiegen und liegen heute bei 22 Prozent. Trotzdem war ihre Finanzierbarkeit bislang nie ein Thema, weil die zeitgleiche Vervierfachung der Produktivität den Wohlstand insgesamt enorm erhöhte. Die Frage, wie man eine alternde Bevölkerung „bezahlen“ kann, stellte sich nicht. Der wachsende Wohlstand wurde vielmehr dafür genutzt, um die Gesellschaft in fortschrittlicher und zivilisierter Weise so zu organisieren, dass alle etwas davon haben.

Vor diesem Hintergrund lassen sich die offiziellen Projektionen verstehen, die davon ausgehen, dass in den entwickelten Wirtschaften in den nächsten 50 Jahren zusätzliche vier bis acht Prozent des Bruttosozialprodukts für ältere Menschen aufgewendet werden.[4] Lassen wir einmal außer Acht, dass dies eine sehr hohe Schätzung ist, und nehmen wir einfach an, dieser Anstieg komme daher, dass die Gesellschaft ihre älteren Bürger künftig besser versorgen wolle.

Eine Folge des Produktivitätszuwachses und des daraus resultierenden Wohlstandes ist auch, dass wir immer mehr Geld für nicht lebensnotwendige Güter ausgeben. Über Nahrung, Kleidung, Unterkunft und Transportkosten hinaus finanzieren wir heute auch zunehmend Hobbys, Urlaube oder ein Essen in einem schönen Restaurant. Wenn wir reicher werden, beanspruchen die Grundbedürfnisse einen geringeren Anteil unserer Einkommen. Was spricht dagegen, einen kleinen Teil dieses absoluten Wachstums in eine gute Versorgung für die Alten zu investieren? Die Größe des ökonomischen Kuchens ist nicht unveränderlich. Wenn die Gesellschaft als ganze immer reicher wird, können es alle sich leisten, mehr auszugeben (für Notwendiges genauso wie für nicht so Notwendiges), selbst wenn gleichzeitig die Steuern, Beiträge oder Abgaben ein wenig erhöht werden müssen.

Es ist ein Jammer, dass selbst die konstruktivsten und vernünftigsten Beiträge zu dieser Debatte in der Regel zögern, höhere Beiträge zu fordern.[5] Wenn wir aber ein anständiges Gesundheitssystem für alle, Pflege für die, die sie dringend benötigen, und ein großzügiges staatliches Rentensystem auch in den nächsten 40 bis 50 Jahren haben wollen, muss man auch offen sagen, dass dafür Steuern, Beiträge oder Abgaben zu zahlen sind.

Anzumerken ist außerdem, dass selbst ein nicht arbeitender Rentner nicht nur nimmt, sondern auch gibt. Rentner zahlen Steuern. In Großbritannien hat einer von zehn Menschen über dem staatlichen Renteneintrittsalter eine bezahlte Arbeit und zahlt dementsprechend Steuern. Es ist anzunehmen, dass dieser Anteil ansteigen wird, wenn wir immer länger gesund und fit bleiben. Außerdem zahlen weitere 30 Prozent Einkommenssteuer aus nicht erarbeitetem Einkommen wie zum Beispiel aus Renten und Ersparnissen. Auch dieser Prozentsatz wird voraussichtlich steigen, da die künftigen Rentner höchstwahrscheinlich über höhere Sparguthaben verfügen werden als frühere Generationen. Zudem zahlen Rentner die gleiche Mehrwertsteuer, Benzin- und Kraftfahrzeugsteuer, Tabaksteuer sowie die gleichen Rundfunkgebühren wie der Rest der Bevölkerung.

Hinzu kommt, dass die Beitragszahlungen der Beschäftigten nur zum Teil für die Altersversorgung verwendet werden. Im EU-Durchschnitt werden zwölf Prozent des Bruttosozialprodukts für das öffentliche Gesundheitswesen, für Pflege und Renten ausgegeben. Die öffentlichen Ausgaben sind dagegen mehr als dreimal so hoch und liegen bei zwischen 40 und 45 Prozent des BSP. Statt ständig über die Entwicklung dieser zwölf Prozent zu debattieren, könnte man auch darüber nachdenken, dass sich die anderen 30 Prozent ändern oder gar vermindern.

Es gibt keinen altersbedingten Grund dafür, dass die öffentlichen Ausgaben für Bildung, Gesundheit, Sozialsysteme sowie Verkehrsinfrastruktur, Verwaltung, Polizei, Armee etc. weiter anteilig am Bruttosozialprodukt steigen müssten. Wenn überhaupt, implizieren demographische Überlegungen das Gegenteil: weniger Kinder, die auszubilden sind und weniger Nicht-Arbeitende, die auf Sozialhilfe angewiesen sind. Es ist vor diesem Hintergrund davon auszugehen, dass sich einige Gegentrends entfalten werden, die zu einem Sinken der Staatsausgaben führen werden.

Zieht man also die Folgen der steigenden Produktivität und das wahrscheinliche Entwicklungsszenario der realen Beitragszahlerquote für die nächsten 50 Jahre in Betracht, ist die Annahme, dass das Altern für uns „unbezahlbar“ ist, keineswegs stimmig. Im Gegenteil: Wir sollten uns auf größeren Wohlstand für alle Menschen freuen. Das Problem, dem wir heute wirklich gegenüberstehen, ist nicht finanzieller oder wirtschaftlicher Natur, sondern beruht auf unserer fatalistischen Sicht der Zukunft. Dass das Altern als Problem betrachtet wird, ist selbst das eigentliche Problem. Schon heute haben Maßnahmen, die aus Angst vor der Alterung der Gesellschaft getroffen werden, negative Auswirkungen für viele ältere Menschen. Wenn diese Ängste weiter die Politik prägen, werden wir alle dafür bezahlen.