16.09.2019

Greta: Wann platzt die bittere Politblase?

Von Kai Rogusch

„Fridays for Future“ um Greta Thunberg reflektiert das zukunftspessimistische und minimalistische Ökodenken der Erwachsenenwelt.

Viele haben es schon längst bemerkt: Vielleicht hat es vor dem Phänomen „Greta" in der Menschheitsgeschichte noch nie eine zeitgeistgemäßere Protestbewegung gegeben. Die von Greta Thunberg ins Leben gerufene „Fridays for Future" verkörpert das Phänomen regierungskonform streikender Schüler, die die bereits vorhandenen Vorstellungen eines visionslosen politischen Establishments medial äußerst resonant reproduzieren. Greta ist nicht zu beneiden: Das Mädchen ahnt wohl auch jetzt noch nicht, dass es als Projektionsfläche einer hoffnungslosen Erwachsenenwelt dient und deren miserablen Zeitgeist potenziert.

Dieser Zeitgeist offenbart sich in einer politischen Klasse, deren geistige Ressourcen nicht etwa zu versiegen drohen, sondern die bereits versiegt sind. Der aufdringlich zutage tretende Ökologismus einer Greta Thunberg ist das jüngste Gewächs aus einem politischen Treibhaus, in dem man die öffentliche Aufmerksamkeit und die primäre politische Agenda auf das nackte Überleben der Menschheit konzentriert – auf die Abwendung des „Klimakollapses", des „Ressourcenkollapses" und Ähnlichem.

Der Greta-Hype kultiviert damit denkbarst niedrige Erwartungen. Es geht der politischen Erwachsenenwelt nämlich schon lange nicht mehr darum, dafür zu sorgen, dass es unseren Kindern einmal besser geht. Nein, der Hype um das 16 Jahre alte Schulmädchen entspringt einer wohl zumeist unbewussten Neigung, ökonomische und demokratische Standards noch weiter abzusenken. Es geht darum, die Messlatte so weit herabzusenken, dass das Ungenügen des politischen Apparates bei der Bewältigung der gegenwärtigen Herausforderungen weniger sichtbar wird.

„‚Die Menschheit‘ erscheint ausschließlich als Stör- und Problemfaktor in der Natur.“

Politische Herausforderungen, die sich immer weiter aufstauen und ein Gefühl der Ohnmacht unter den Verantwortlichen erzeugen, gibt es gewiss zur Genüge. Sie reichen von mittlerweile chronischer Wachstumsschwäche, fragilen Finanzmärkten, ungelösten Fragen des politischen und verfassungsrechtlichen Selbstverständnisses etwa in der EU bis hin zu neuen handels- und geopolitischen Konflikten auf internationaler Ebene. Alles steht auf wackeligen Füßen, so dass ein Crash schneller kommen kann, als mancher denkt. 

Es soll hier nicht von vornherein in Abrede gestellt werden, dass ein durch menschliche industrielle Aktivität verursachter Klimawandel eine weitere, reale Herausforderung darstellen könnte, die sich zu der bereits vorhandenen Gemengelage an Problemen hinzugesellt. Das Problem besteht nur darin, dass der Klimahype unserer Tage einen gefährlichen Fatalismus in sich birgt, der die Problemlösungsfähigkeit der Politik grundlegend anzweifelt und untergräbt. Denn es wird letztlich das kreative Potenzial der in der Klimadebatte hervorgehobenen „Menschheit", mit Umweltveränderungen konstruktiv umzugehen, in Abrede gestellt.

Im Zuge des Klimahypes werden zwar fleißig scheinbar ehrgeizige, mitunter größenwahnsinnig wirkende Zielvorgaben verlautbart. So will etwa auch Greta, dass die Industriegesellschaften einen am Grundgedanken der „Nachhaltigkeit" orientierten Komplettumbau unserer Wirtschaft bewerkstelligen. Der Haken liegt jedoch darin: Alles läuft darauf hinaus, dass wir als „Menschheit" weniger konsumieren, weniger produzieren, weniger mobil werden und auch in Bevölkerungszahlen gemessen weniger werden sollen. „Die Menschheit" erscheint nämlich ausschließlich als Stör- und Problemfaktor in der Natur. 

„Dem visionslosen Antihumanismus unserer Tage wird die Aura kindlicher Unangreifbarkeit verschafft.“

Genau diese minimalistischen Vorstellungen passen den politischen Eliten, die mit ihrem Latein am Ende sind, gut ins Konzept. Angesichts unserer sich aufstauenden, jedoch immer wieder vertagten und zunehmend als unlösbar angesehenen Herausforderungen entpuppt sich der Klimahype unserer Zeit als eine willkommene Projektionsfläche für unschlüssige Erwachsene. Sie bekommen angesichts der Gemengelage anscheinend unentwirrbar verknäuelter Probleme ein klammes Gefühl wachsender Impotenz. Davon sind längst nicht mehr nur Berufspolitiker befallen, denen bereits seit langer Zeit Inkompetenz vorgeworfen wird. Auch die scheinbar technokratischen Manager etwa in den Zentralbanken scheinen ihr Pulver bald verschossen zu haben.

Es ist der alarmistische Ökologismus einer Greta Thunberg, der perspektivlosen politischen Führungskräften vor diesem Hintergrund bis auf Weiteres eine minimalistische Legitimationsgrundlage, einen minimalistischen Gemeinschaftssinn, eine minimalistische Zukunftsorientierung zugunsten „zukünftiger Generationen" und zu guter Letzt die Grundlage für eine autoritäre Verzichtspolitik zu verschaffen vermag. Aus diesen Gründen hofieren die Verantwortungsträger in Politik und Wirtschaft nämlich naive Kinder und Jugendliche und verschaffen ihnen damit ein weit außer Verhältnis stehendes Gehör.

Das Perfide liegt darin, dass auf diese Weise dem visionslosen Antihumanismus unserer Tage die Aura der kindlichen Unangreifbarkeit verschafft wird. Man überhöht Angehörige einer jungen Generation, die altersgemäß nicht unbedingt dazu fähig sind, eine kritische und reflektierende Distanz zu einem Politikmodell zu entwickeln, das die gegenwärtige ideenpolitische Not zur Tugend erklärt. Das jedoch kann nur zu weiterem Defätismus führen. Der Greta-Hype könnte sich schneller, als viele Leute denken, als eine bittere und geplatzte Politblase entpuppen.