27.03.2013

Gesundheitwahn: Die Butterkeksaffäre

Von Monika Bittl

Weil ein Vierjähriger gegen die Gebräuche einer Kita zuckerhaltige Butterkekse in der Brotdose hatte, müssen seine Eltern nun einen neuen Kita-Platz für das Kind suchen. Für Monika Bittl wirft dieser absurd anmutende Vorfall ein Schlaglicht auf die Gesundheitsobsessionen unserer Zeit.

Juhu! Endlich haben wir wieder einen neuen Lebensmittelskandal. War ja schon richtig langweilig geworden zwischen Problemen der Zyprioten mit ihren Geldwaschautomaten, einem doppelten Papst und irgendwelchen Kriegen und Folterungen in Ländern, die so weit weg sind wie Syrien oder China, dass sie schon gar nicht mehr ins Herz treffen. Endlich also haben wir wieder eine neue Affäre, die uns alle angeht, weil sie potentiell in jeden EU-Körper eindringen und ihn vergiften kann. Sieh, das Gute liegt so nah – jetzt kann ich wieder gemeinsam mit Freunden und der Familie den Kopf darüber schütteln und mich gehörig darüber empören, was hierzulande alles so passiert.

Ja, wir sind in Deutschland, genauer in Schleswig-Holstein, das ist zwar auch eine Ecke von meinem Standort München aus entfernt, aber als phantasievolles Wesen kann ich meine Lebensverhältnisse sehr gut mit den dortigen vergleichen. Zumal es auch noch um einen Kindergarten geht, und mein Sohn gefühltermaßen neulich erst selbigem entwachsen ist. Ich sehe sie noch vor mir, die Erzieherinnen und die lieben Mitmütter, ich träume heute noch von Elternabenden, bei denen zwei Stunden über die Anschaffung eines Plastikeimers für zwei Euro diskutiert wurde und eine männliche Aushilfe nicht angestellt wurde, weil jeder Mann grundsätzlich verdächtig ist, der sich in einen Kindergarten einschleichen will.

Zwar wurde dieses Mal kein hochtoxisches Pferdefleisch in Bioeiern entdeckt, dafür aber zuckerhaltige Kekse in der Kindergartenbrotzeitbox eines Vierjährigen. Die Erzieherinnen handelten vorbildlich, hielten den Knirps sogleich von dem Gefahrengut fern und kündigten den skrupellosen Drahtziehern hinter dem Geschehen, den Eltern, den Kindergartenplatz. Im Regelwerk der Kita steht als oberstes Gebot gesundes, zuckerfreies Essen und bräche erst einmal der Damm der sündigen Unterwanderung, ja dann ... wir kennen das ja, zuerst ein Täfelchen Schokolade, bald darauf womöglich eine Cola – und ehe man, respektive frau, sich versieht, sind die Kinder schon übergewichtige Prekariatssymbole, und die ganze Familie nicht mehr von einer gemeinen Hartz-IV-Sippschaft zu unterscheiden. Nach dem Motto „Wehret den Anfängen!“, bezog die Kitaleitung dazu folgerichtig Stellung. Der Sinnspruch stammt von Ovid und meinte eigentlich ein Mittel, um sich wieder zu entlieben, aber wer mag schon an solche Feinheiten denken, wenn es um etwas ganz Großes und ganz Ganzes geht, nämlich die Gesundheit unserer Kinder.

„Der neue ‘Glaube an die Gesundheit’ führt einen unerbittlichen Kreuzzug gegen alle Ketzer, die über ihr Leben selbst entscheiden wollen“

Kinder sind zwar normalerweise immer noch das Produkt von Sex zwischen zwei Heterosexuellen (die Homosexuellen, Transgender und In-Vitro-Eltern mögen bitte meine Verkürzung verzeihen, ich komme ein anderes Mal noch darauf zu sprechen)
und als solche obliegt es dem Paar in schlaflosen Nächten für das Überleben der Brut zu sorgen. Eltern sollten auch über geschlechtsneutrales Spielzeug, eine passende Schule und die entsprechende Lektüreauswahl für die Kleinen durchaus noch frei entscheiden können. Sobald es aber um die Gesundheit der Kinder geht, hört der Spaß, der keiner ist, komplett auf, und deshalb sprechen wir in diesem Zusammenhang auch stets von „unseren“, also unser „aller“ Kinder und der „Zukunft unserer Kinder“ und nicht von den Balgen von nebenan, die schon wieder schreien und sich nicht benehmen können.

Seitdem nicht nur Nietzsche, sondern auch die Gesellschaft Gott beerdigt hat, sprießen neue Gebote unter dem Deckmäntelchen der „Fürsorge“ wie Pilze aus dem Boden. Naturverbundene Grüne sammeln sie eifrig (haben sie eigentlich Tschernobyl und die Halbwertszeit vergessen?) und mixen daraus einen Zaubertrank mit den wichtigsten Essenzen zu unser aller Wohl, vor allem dem „unserer“ Kinder. Die Rezepte variieren bisweilen, aber die Grundgebote der nachhaltigen Küche lassen sich durchaus mit bestimmten Glaubensregeln vergleichen, die meine katholische Oma noch vertrat. Am Freitag darf man kein Fleisch essen – das will Gott nicht und dann kommen wir noch in die Hölle. Der geplante Veggietag am Donnerstag katapultiert Fleischesser zwar nicht mehr direkt ins Fegefeuer – was auch sinnlos wäre, weil keiner mehr daran glaubt – sondern man rechnet sekundengenau vor, wie viele Lebensjahre uns durch den bösen Konsum verloren gehen. Und falls das schlechte Gewissen auf die eigene Person bezogen nicht zieht, lassen sich die neuen Missionare nicht lumpen und greifen in die alt bewährte Sozialkiste der Schädigung anderer. Mein Schnitzel am Donnerstag zerstört die ursprüngliche Natur. Mit den geschlagenen Weideflächen für die Tiere, die ich dann esse, mache ich unserem Klima den Garaus, zerstöre nicht nur mein Leben, sondern das unseres Planeten, „unserer“ Kinder und womöglich sogar der ganzen Milchstraße, wer weiß! Denn die Zerstörungswut des bösen Menschen kennt keine Grenzen und Hemmungen. Dass der Mensch an sich von Grund auf böse ist, wurde übrigens geschickt plagiiert von den verschiedenen Kirchen der Welt – vergessen wurden beim Abschreiben aber die den traditionellen Religionen inhärenten Fußnoten einer menschlichen Versöhnung mit unseren Schwächen und der Entscheidungsfreiheit des Menschen aufgrund eines freien Willens.

Der neue „Glaube an die Gesundheit“ führt einen unerbittlichen Kreuzzug gegen alle Ketzer, die für sich oder gar noch „unsere“ Kinder in Anspruch nehmen, über ihr Leben selbst entscheiden zu wollen. Denn wir wissen ja gar nicht, was wir tun! Im scheinbar harmlosen zuckerhaltigen Keks in der Brotzeitdose eines Vierjährigen machen eine Art neuer Priesterinnen eine „Pfui-Teufel-Sünde“ aus, erklären Kitas zu Sperrbezirken sinnlicher Genüsse und würden Cola am liebsten ins Rotlichtmilieus prolliger Vorstädte auslagern. Während auf die hierzulande in Agonie liegende katholische Kirche verbal so eingeprügelt wird, dass ich aus Solidarität mit den Gläubigen fast gerne mal wieder eine Messe besuchen würde, muss der Altar der Gesundheit rein bleiben und wehe dem, der dagegen lästert.

Die „Gesundheitsapostel“, wie meine katholische Oma gesagt hätte, mit ihrem fanatischen Anspruch überrumpeln uns jedoch, und nicht nur uns Eltern, die wir fassungslos von zuckerhaltigen Keksen als Kündigungsgrund für einen Kita-Platz erfahren. Viel schlimmer noch: Der neue Fanatismus zersetzt Wissenschaft und ruiniert Wissenschaftler, wenn sie es wagen, eine Wahrheit auszusprechen wie etwa: Die Erde ist nicht nur rund, sondern Zuckerhaltigkeit in Keksen der Brotzeitbox eines Kindergartenkindes hat nichts damit zu tun, dass wir uns alle und die gesamte Natur mit einem menschengemachten Klimawandel umbringen. Die Folterbank von früher ersetzt dabei der Shitstorm der Gläubigen und die Medien beten wie die Schafherde früher mit für ihre Opfer, deren Reputation nachhaltig geschädigt wird und sie in Existenznöte treibt, weil sie keine Forschungsgelder mehr erhalten oder in den Ruf von Verschwörungstheoretikern geraten.

Ich gebe zu: Ich bin auch nicht ganz gefeit vor den Predigten unserer grünen Priester. Ich kaufe bisweilen im Bioladen ein, vermeide unnötige Autofahrten ebenso wie übermäßigen Fleischkonsum und reglementiere den Cola-Konsum meines Sohnes. Ich treibe sozusagen eine Art kleinen profanen Ablasshandel – aber ich bin nicht gläubig, außer im Glauben an die Aufklärung und daran, dass der Mensch an sich nicht böse ist. Selbst Eltern, die ihrem Knirps einen zuckerhaltigen Keks in die Brotzeitbox packen, sind für mich noch gute Menschen. Und so setze ich dem neuen Glaubensbekenntnis entgegen, was an einer tschechischen Glashüttentür zu lesen war: „Es gilt nicht dem Leben Jahre hinzuzufügen, sondern den Jahren Leben.“