08.08.2014

Gesundheitsprävention auf Abwegen

Analyse von Romano Grieshaber

Die Weltgesundheitsorganisation will Alkohol, Fastfood oder Süßwaren nun ähnlich zu Leibe rücken wie dem Tabak.Dies ist ein freiheitsfeindlichen Irrweg. Ein Plädoyer für rationale Gesundheitsförderung.

Die WHO hat das Kriegsbeil nun auch gegen die Nahrungs- und Genussmittelindustrie ausgegraben. So sagte Margaret Chan, Generaldirektorin der WHO, bei der Eröffnung der 8. Weltkonferenz für Gesundheitsförderung in Helsinki im Juni 2013: „Menschen zu einem gesunden Lebensstil und zu gesundheitsbewusstem Verhalten zu bewegen, stößt heute auf den Widerstand gegnerischer Kräfte, die diesem Vorhaben in keiner Weise freundlich gesonnen sind. Die Bemühungen, nichtübertragbare Krankheiten zu verhindern, laufen den Geschäftsinteressen mächtiger Wirtschaftsunternehmen zuwider.“ [1]

Man beachte die wertende Wortwahl, die den Inhalt des Gesagten noch um ein Vielfaches verstärkt. Sie stilisiert ihre Mission alleine schon damit zu einem Kampf Gut gegen Böse, als wären ihre Feinde einem Roman von Tolkien entstiegen. Und wer sind diese Feinde?

„Es geht nicht mehr nur um die Tabakindustrie. Gesundheitspolitik muss sich auch mit ‚Big Food‘, ‚Big Soda‘ und ‚Big Alcohol‘ auseinandersetzen.“ Die, so Frau Chan, bezahlten Lobbyisten gäben Versprechen zur Selbstregulierung ab und drohten bei Anschuldigungen mit rechtlichen Schritten. Außerdem schaffe die von der Industrie finanzierte Forschung Verwirrung, indem sie Produkte beispielsweise gesünder darstelle als sie in Wirklichkeit seien. „Zu [dieser Taktik] gehört es außerdem, die Verantwortung für Gesundheitsschäden dem Individuum anzulasten und staatliche Eingriffe als Einmischung in die Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit darzustellen.“ [2]

„Der einzelne Konsument soll sich von Alkohol, Fastfood oder Süßwaren bedroht fühlen.“

Spätestens an dieser Stelle sollte sich der einzelne Konsument von Alkohol, Fastfood oder Süßwaren ebenfalls bedroht fühlen. Staatliche Eingriffe sind nämlich in der Tat ein Eingriff in seine Entscheidungsfreiheit. Wenn der Staat beispielsweise Alkoholverkaufs- und -konsumverbote zu bestimmten Zeiten und/oder an bestimmten Orten verhängt, dann ist er nicht mehr frei, dann und dort Alkohol zu kaufen bzw. zu konsumieren. An der Verteilung der Rollen in diesem Theaterstück lässt die WHO keinen Zweifel. Aber, siehe oben, ob das Opfer wirklich befreit oder im Gegenteil seiner Freiheit beraubt wird, ist nicht die einzige kritische Frage, die dazu gestellt werden kann.

Hochrechnungen und Prioritäten

Nicht jedes Gesundheitsproblem ist automatisch auch eine Aufgabe für die WHO. In ihrer Verfassung wurde die Bekämpfung der Infektionskrankheiten nicht von ungefähr ausdrücklich hervorgehoben, denn an diesen Krankheiten sterben die Menschen als Kinder oder in jüngeren Jahren, wo Prävention und Behandlungsmöglichkeiten unzureichend sind. Die Bekämpfung von Alterskrankheiten, wie den „nichtübertragbaren Krankheiten“, macht das nicht überflüssig, sie sollte aber mindestens in den Industrieländern den einzelnen Mitgliedsstaaten überlassen bleiben.

Nichtübertragbare Krankheiten sind „eine Gruppe von Erkrankungen, zu der Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, chronische Atemwegserkrankungen und psychische Störungen gehören“ [3]. Weltweit sollen „nach Angaben der WHO im Jahr 2008 schätzungsweise 36 Millionen der weltweit 57 Millionen Sterbefälle auf nichtübertragbare Krankheiten zurückzuführen [gewesen sein]“, davon „9 Millionen Menschen vor Erreichen des 60. Lebensjahrs“ und fast „80 Prozent dieser Sterbefälle auf Entwicklungsländer“ [entfallen]“. [4]

Diese Zahlen versetzen ein wenig in Erstaunen. In Afrika mit etwa 12,5 Millionen Todesfällen jährlich lauten die zehn häufigsten Todesursachen beispielsweise:

  1. Aids
  2. Malaria
  3. Erkrankungen der Atemwege
  4. Durchfallerkrankungen
  5. Kindstod
  6. Herz-Kreislaufkrankheiten
  7. Tuberkulose
  8. Herzmuskelerkrankungen
  9. Masern
  10. Verkehrsunfälle


Die nichtübertragbaren Krankheiten scheinen in den Entwicklungsländern (mindestens in Afrika) bei den Todesfällen also nur eine Nebenrolle zu spielen. Es handelt sich um ausgesprochene Alterskrankheiten; sie sind sozusagen der im späteren Lebensalter zu bezahlende Preis des besseren Lebens in einer Gesellschaft, deren Bevölkerung nicht an den Todesursachen armer Länder in jüngeren Jahren zugrunde geht: Hunger, Kälte, verschmutztem Wasser und mangelhafter medizinischer Versorgung. Es ist nicht zu begreifen, warum die Prävention dieser Art von Krankheiten nicht den nationalen Gesundheitsbehörden der einzelnen Länder überlassen werden kann.

Übertragbare und nichtübertragbare Krankheiten

Präventive Prinzipien, die bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten (der ursprünglich vordringlichsten Aufgabe der WHO) wirksam sind, können nicht auf die nichtübertragbaren Erkrankungen (NCDs) angewandt werden: Bei Infektionskrankheiten ist die Erkrankungsursache bekannt, bei NCDs nicht. Ein Durchbruch bei der Bekämpfung von NCDs wird erst geschehen, wenn ihre Ursachen erforscht sind.

Bei einer Infektionserkrankung gibt es einen Erreger. Gegen diesen einen Erreger muss eine Impfung oder ein Antibiotikum oder eine Hygienemaßnahme wirksam sein. Wird das Mittel eingesetzt, bricht die Krankheit nicht aus bzw. wird geheilt. Ursache und Wirkung können eindeutig einander zugeordnet werden. Bei den nichtübertragbaren Krankheiten ist das nicht der Fall. Sie sind multifaktoriell, können also verschiedene Ursachen haben. In der Regel muss dabei von mehreren zusammenspielenden Risikofaktoren ausgegangen werden.

Die Frage nach den Ursachen der NCDs wird von der WHO von vornherein gar nicht gestellt, sondern sie versucht, durch die epidemiologische Ermittlung bloßer Risikofaktoren die Krankheitsursachen dingfest zu machen. Bei den Infektionskrankheiten hat die Medizin viele Jahrhunderte lang auf ähnliche Weise Rätsel geraten und mal mehr, mal weniger sinnvolle Empfehlungen gegeben, wie sich eine Ansteckung verhindern ließe – die Pestärzte des 16. Jahrhunderts schworen beispielsweise auf die Schutzwirkung der Tabakspfeife –, ohne dass sich durch sie aber die Sterblichkeit an diesen Krankheiten jemals hätte senken lassen. Erst nach Entdeckung der Ursachen der Infektion waren Prävention (Impfung) und Heilung mit solcher Wirksamkeit möglich, dass es einen deutlich messbaren Einfluss auf die Lebenserwartung hatte.

„Kampagnen gegen Nahrungs- und Genussmittel werden keine bessere Wirkung haben als die Tabakspfeifen der Pestärzte“

Wenn ein Durchbruch bei Prävention und Behandlung der NCDs erreicht werden soll, müssen deren Ursachen gefunden werden. Kampagnen gegen Nahrungs- und Genussmittel werden keine bessere Wirkung haben als die Tabakspfeifen der Pestärzte – diejenigen, bei denen es geklappt hat mit dem hohen Alter bei guter Gesundheit, werden darauf schwören, und die anderen, bei denen das nicht so war, haben keine Gelegenheit mehr, ihre Meinung zu äußern.

Tabakprohibition als Präventionsvorbild

Verbot, Verteuerung und Erschwerung des Zugangs zu bestimmten, mutmaßlich Krankheitsrisiken erhöhenden Nahrungs- und Genussmitteln sind wie frühere Prohibitionen zum Scheitern verurteilt: Der Mensch strebt nach Genuss und wird Ausweichstrategien suchen und finden, um sich verbotene Genüsse trotzdem zu verschaffen.

Das warnende Beispiel der gescheiterten US-Alkoholprohibition der zwanziger Jahre vor Augen, experimentieren die Prohibitionisten von heute mit einer Art Salamitaktik. Beim Tabak ist am einfachsten zu erkennen, wohin die Reise gehen soll. Inzwischen läutet die WHO die „Endrunde“ im Kampf gegen den Tabak ein. [5] Es liegt somit nahe, zu vermuten, dass eine äquivalente Vorgehensweise der WHO auch bei den von ihr nunmehr auf die Agenda gesetzten Produkten (Alkohol, Zucker, Salz …) zu erwarten ist. Es handelt sich um die alten Prohibitionsideen im neuen Gewand.

„Es handelt sich um die alten Prohibitionsideen im neuen Gewand.“

Beim „war on tobacco“, dem Pilotprojekt der WHO – bis vor kurzem galt noch als Verschwörungstheoretiker, wer vermutet hat, dass der Tabak nur der Anfang sei – hat man die verfolgte Strategie u. a. mit einem Anstieg von psychischen Erkrankungen und enormer Zunahme von Medikamenten- und Drogenmissbrauch bereits teuer bezahlt. Die Anstiege sind mit statistischen Daten, zum Beispiel denen der Krankenkassen, beleg- und bezifferbar [6], auch wenn ein Zusammenhang mit dem Kampf gegen das Rauchen selbstverständlich nicht beweisbar ist. Unter anderem deshalb nicht, weil niemand diese Frage wissenschaftlich untersucht.

Die angeblichen Einsparungen, die durch den Kampf gegen das Rauchen erzielt werden können, sind reine Luftbuchungen, Hochrechnungen à la: „Wenn ein Raucher im Durchschnitt den Betrag x an Mehrkosten für Krankheiten kostet, dann spart die Gesellschaft Betrag y, wenn z Raucher mit dem Rauchen aufhören.“ Egal, wie eindrucksvoll die Zahl ist, die bei einer solchen Einspar-Rechnung herauskommt … sie schlägt sich außerdem nicht in tatsächlichen Ersparnissen bei den Gesundheitsausgaben nieder, die im Gegenteil unvermindert weiter steigen. [7]

Tabakbekämpfung als Blaupause

Die WHO-Strategie zur Bekämpfung der nichtübertragbaren Krankheiten greift Methoden auf, die schon bei der Bekämpfung des Tabaks verwerflich waren. Dazu gehört nicht zuletzt die Dämonisierung eines ganzen Ernährungszweigs, der Nahrungs- und Genussmittelbranche, mit dem Ziel, sie wie die Tabakindustrie zu einem Paria, vor allem in Wissenschaft und Politik, zu machen.

Im Dezember 2013 bot das Deutsche Krebsforschungszentrum (bzw. das dort angesiedelte WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle) bei der letzten Ausgabe seiner Konferenzen für Tabakkontrolle mit einem „Satellitensymposium Adipositasprävention“ – so lautete tatsächlich die offizielle Bezeichnung – mit dem vielsagenden Titel „10 Jahre Tabakrahmenkonvention, 5 Jahre Adipositasprävention – Was ist übertragbar?“ eine Plattform, entsprechende Vorstellungen deutlich zu machen. [8]

„Heroin wird in New York inzwischen ab fünf Dollar pro „Schuss“ verkauft. Der Mindestpreis für eine (legal erworbene) Schachtel Zigaretten liegt bei 10,50 Dollar.“

   
Auch die Medienkampagnen werden schon angedacht: Einen „‘Fukushima-Effekt‘“ wollte einer der Vortragenden durch die Verbreitung eines Katastrophengefühls erzeugen. [9] Ein anderer trat für eine „Lenkungssteuer“ auf „ungesunde“ Lebensmittel ein. [10] Zu den „ungesunden“ Lebensmitteln zählt bei ihm neben Alkohol, Zucker, Süßwaren, Fleisch und Öl fast alles, was man in einem Lebensmittelmarkt kaufen kann. Zwölf Milliarden Euro zusätzliche Steuereinnahmen sind der Köder, mit dem man die Politik für solche Pläne gewinnen möchte. Das läge recht nahe an den Tabaksteuereinnahmen.

Die strategischen Vorgehensweisen gegen „nichtübertragbaren Erkrankungen“ münden in zwei Kernaussagen: 1. Diese Industrie soll die wissenschaftlichen Beweise für die Produkteignung ihrer Erzeugnisse liefern. 2. Dabei darf die Wissenschaft aber keine finanzielle und sonstige Hilfe für Forschung, Bildung und Programme von genau dieser Industrie und ihren verbundenen und angeschlossenen Unternehmen akzeptieren.
Es scheint mir nicht übertrieben, diese beiden Forderungen so zusammenzufassen: Die Ernährungsindustrie ist politisch und wissenschaftlich auszuschalten.

Globalisierung der Gesundheitspolitik?

Die WHO-Strategie zu den nichtübertragbaren Krankheiten ist für die nationale Gesundheitspolitik Deutschlands (bzw. die gemeinsame Gesundheitspolitik der EU) und in ihrer Wirkung auch auf andere gesellschaftliche Bereiche kontraproduktiv. Ein nationales Präventionsgesetz, basierend auf einer erfolgversprechenderen Herangehensweise, würde die Lücke schließen, in die die WHO vorzudringen versucht.

Welchen Nutzen hatte der Staat denn bislang davon, sich im Falle des Rauchens die WHO-Positionen zu Eigen zu machen?

  • Die Gesundheitsausgaben steigen unverdrossen weiter.
  • Gelegentliche Hurra-Meldungen über einen wundersamen Rückgang bei den Herzinfarkten lassen sich durch die Krankenhausstatistik nicht bestätigen.
  • Der Rückgang beim Tabakkonsum ist gering, die Anstiege beim Konsum von Psychopharmaka sind groß und ein Zusammenhang zwischen beidem ist wahrscheinlich.
  • Eine neue Welle des Konsums harter Drogen wird aus den USA gemeldet und bahnt sich möglicherweise auch hierzulande an. Heroin wird in New York inzwischen ab fünf Dollar pro „Schuss“ verkauft. [11] Zum Vergleich: Der Mindestpreis für eine (legal erworbene) Schachtel Zigaretten liegt in New York City bei 10,50 Dollar. [12]
  • Die Regulierungen des Rauchens belasten die Kommunen durch Kontroll- und Sanktionsbedarf, die Gastronomie durch Einbußen bei Umsatz und Gewinn, ihre Nachbarn durch erhöhten Lärmpegel vor der Tür.
  • Indirekte gesellschaftliche Kosten haben sich aus dem künstlich erzeugten Konflikt zwischen Rauchern und Nichtrauchern ergeben – in der Familie, am Arbeitsplatz, zwischen Nachbarn.
  • Umso genauer sollte nun hingeschaut werden, da die WHO sich anschickt, mit den alten Rezepten neue Feindbilder in die Köpfe zu implantieren.


Ein Trauerspiel ganz besonderer Art ist das bundesdeutsche Präventionsgesetz, das jetzt wohl endgültig gescheitert zu sein scheint. [13] Nicht, dass es um dieses misslungene Gesetz besonders schade wäre! Aber da die WHO auf dem Umweg über die EU angetreten ist, die nationale Lücke durch ihre eigene, global angelegte Lösung zu schließen, müsste ein deutsches Präventionsgesetz tatsächlich her. Dabei wäre ein solches Vorhaben auch eine gute Gelegenheit, die verfehlten alten Ansätze, die auf Druck, Drohung und Strafe basieren, durch konstruktivere Herangehensweisen und neue Ideen zu ersetzen.

Fehler im Präventionsansatz

Einen einzelnen Faktor – die Ernährung – aus einem ganzen Bündel von Krankheitsursachen herauszulösen und zu verteufeln, wird alleine schon deshalb wirkungslos bleiben, weil er in dynamischer Wechselwirkung zu allen anderen Faktoren steht. Wo auf Verhaltenskonditionierung zurückgegriffen wird, kann dies wiederum erst recht krank machen … sogar dann, wenn sie gelingt.

Die Rolle der anderen Faktoren wird kurzerhand ignoriert. Insbesondere der Bewegungsmangel ist vor allem ein Preis für unsere Art, zu leben und zu arbeiten. Die Entwicklung hin zu diesem Lebensstil ist auch nicht versehentlich erfolgt. Die schwere, körperlich anstrengende Arbeit, mit der frühere Generationen ihren Lebensunterhalt zu bestreiten versuchten, machte sie physisch in einem sehr viel jüngeren Alter alt und krank als die heutige Generation.

Der Mensch strebt spontan nicht nach mehr, sondern nach weniger Anstrengung, wenn er sich zwischen beidem entscheiden kann. Evolutionsbiologisch hat das auch seinen Sinn, denn die ganze Menschheitsgeschichte lang war das Risiko von zu wenig Bewegung denkbar gering. Und auch bei denen, die sich heute der Bewegung verschrieben haben, treffen wir auf zahlreiche irrationale Verhaltensmuster, die gar nichts mit gesundheitsbewusstem Verhalten zu tun haben, wie Doping, Suchtverhalten, selbst- und andere gefährdende Risikobereitschaft (Extremsportarten).

Auch wenn die Minderheit derer, die regelmäßig Sport treiben, durchschnittlich gesünder sein sollte als die Mehrheit, die es sich lieber bequem macht: Innerhalb dieser Minderheit gibt es wieder jene Minderheit mit selbstgefährdendem Verhalten, bei der das vermutlich nicht so ist. Müsste dann nicht, bevor man als Arzt jemandem zu Sport rät, erst herausgefunden werden, ob eine solche (unbewusste) Neigung zur Selbstgefährdung vorhanden ist? Immerhin, auch bei solchen Personen geht es um vermeidbare Krankheiten, Verletzungen und Todesfälle.

WHO-Präventionsstrategie sachlich bewerten

Die fehlerhafte Präventionsstrategie der WHO sollte erstens einer methodischen und analytischen Bewertung unterzogen werden, zweitens einer Evaluation ihrer tatsächlichen Wirkung – die Präventionsstrategie bei Tabak würde sich dafür anbieten – sowie drittens einer Präventionsfolgenabschätzung. Bislang wurde auf solche Überprüfung verzichtet.

Die Herangehensweise der WHO – ich nenne sie „binäre Prävention“ – folgt einem bestimmten Schema. Sie funktioniert nicht, weil dieses Schema fehlerhaft ist: Gesundheit und Krankheit sind in der wissenschaftlichen Forschungsmethodik zwar ganzheitlich systemorientiert und interdisziplinär (sozial-psychologisch-biologisch-medizinisch) definiert, dabei werden aber jeweils Einzelaspekte deterministisch untersucht. Die jene Einzelelemente betreffenden Ergebnisse werden anschließend für die Betrachtung des komplexen Gesamtsystems herangezogen. Hieraus werden dann unzulässigerweise Handlungsleitlinien bis hin zu Gesetzen abgeleitet und postuliert. Anstelle einer Überprüfung, ob die vorhergesagte Wirkung auch tatsächlich eingetreten ist, werden dieselben fiktiven Zahlen wieder und wieder in anderen Kombinationen und Zusammenhängen einer Überprüfung auf dem Papier unterzogen. Natürlich beweisen sie dann das, was sie beweisen sollen.  In der Regel sehen die neu gefundenen Zahlen dann aber noch dramatischer aus als die vorherigen, etwa wenn die Zahl der Passivrauchtoten weltweit hochgerechnet wird (womit die Fehler der Quelle ebenfalls überdimensionale Ausmaße annehmen). Den einschlägigen Interessengruppen dienen diese Zahlen als Kampfmaterial für neue Handlungsleitlinien und Gesetze.

Was die Entschlüsselung der Ursachen der NCDs betrifft, stehen wir noch ganz am Anfang, aber das ließe sich ändern – die damit verbundene Arbeit müsste nur getan werden. Warum nur interessieren sich die sonst so spendablen Geldgeber aus der Pharmaindustrie eigentlich nicht für die Art von Forschung, deren Ergebnisse ihre Produkte überflüssig machen könnten? Vielleicht sollte man ja dann einmal bei der Nahrungs- und Genussmittelindustrie anfragen. Sie hätte – nicht zuletzt angesichts der Drohungen der WHO – das wohl größte Interesse daran. Und auch wenn ihre Gründe natürlich eigennützig wären: Kann das im Ernst ein Grund sein, die 80 Prozent aller Todes- und 77 Prozent aller Krankheitsfälle lieber weiter sterben und krank sein zu lassen?

Zwang und Freiheit

Wenn gut gemeinte Präventionsbemühungen fast immer scheitern, kann daran mit dem Rezept „Mehr vom Gleichen“ nicht viel verbessert werden. Auch hier ist die Ermittlung der Ursachen entscheidend, um neue Strategien entwickeln zu können. Zwangslösungen vermitteln dem Bürger, dass der Staat ihn für nicht entscheidungsfähig hält. Deshalb sind sie zu vermeiden.

Zwangslösungen sind nicht nur wenig wirkungsvoll, sie widersprechen auch dem Freiheitsbegriff, auf dem unsere westlichen Gesellschaften aufbauen. In einer freien Gesellschaft sollte jeder auf die von ihm bevorzugte Weise leben können, ohne dass der Staat dagegen einschreitet, auch wenn er sie für unklug hält – denn mit dieser Aufgabe, so ehrenwert sie scheinen mag, überfordert der Staat sich selbst und löst dabei offene und heimliche Gegenwehr seiner Bürger aus.

„Der Respekt des Staats vor dem freien Willen seiner Bürger muss ebenso gewahrt bleiben wie der Respekt der Bürger untereinander.“

Die Präventionsmaßnahmen müssen also im individuellen Freiheitsbereich angesiedelt sein und von den Bürgern eigenverantwortlich wahrgenommen werden – und dass dies wegen der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen nicht von allen angenommen wird, muss der Staat aushalten. Mehr noch: Er muss darüber hinaus auch dafür Sorge tragen, dass es auch die „belehrungswilligeren“ Bürger ertragen, ohne die „Belehrungsresistenten“ anzufeinden. Der Respekt des Staats vor dem freien Willen seiner Bürger muss ebenso gewahrt bleiben wie der Respekt der Bürger untereinander.

Der psychologische Kardinalfehler der WHO-Herangehensweise ist auch hier ihr binärer Präventionsansatz: Ursache à Wirkung. In einem Computerprogramm lässt sich völlig plausibel darstellen, wie zum Beispiel eine Lenkungssteuer auf ein bestimmtes Lebensmittel Einfluss auf die Hersteller und die Käufer ausübt. Von deren Ausweichstrategien wird die Politik am Ende aber dennoch jedes Mal von neuem überrumpelt – siehe etwa der Siegeszug der Einweg-Plastikflasche nach Einführung des Zwangspfands, den niemand vorhergesehen hat. Das ist auch eine Reaktion auf die unausgesprochene Botschaft, die mit solchen Maßnahmen vermittelt wird: Wir trauen euch Eigenverantwortung nicht zu. Ein Präventionsansatz, der funktionieren soll, müsste die umgekehrte unterschwellige Botschaft enthalten.

Wissenschaftliche Qualität

Nicht die industriefinanzierte Forschung als solche ist das Problem, sondern fehlende Kontrollmechanismen, um manipulierte Ergebnisse zu finden. Denn nicht nur die Industrie verfolgt Interessen. Der Staat sollte von seiner Forschungsförderung Geld für ein solches, möglichst transparentes Kontrollsystem abzweigen, statt auf die Forschung der Nahrungs- und Genussmittelindustrie zu verzichten.

Die Lösung für das Problem, einerseits an Forschung interessierte Förderer zu finden, aber andererseits Fälschungen aus interessengeleiteten Motiven zu verhindern, ist eigentlich gar nicht so schwer zu finden: eine unabhängige Überprüfung aller Ergebnisse, egal ob und von wem und aus welchen Motiven gefördert, nach allen Kriterien wissenschaftlicher Prinzipien. Am besten würde sich dafür eine Erweiterung des bisher gebräuchlichen Peer-Review-Verfahrens eigenen, bei dem die gesamte wissenschaftliche Öffentlichkeit sich beteiligen kann. Der Charme dieser Lösung läge darin, dass eine öffentliche Debatte entstünde, bei der alles, vor allem aber die strittigen Details, unter die Lupe genommen würde.

Anstatt missliebige wissenschaftliche Arbeit durch Förderungsentzug, Publikationsbann und andere Mittel zu unterbinden, wodurch viel wissenschaftliche Betätigung dauerhaft im Dunkel bleibt und nicht genutzt werden kann, würde diese Herangehensweise so viele Arbeiten wie möglich ans Tageslicht bringen. Öffentlich geführte kritische Debatten würden ihren Wert einschätzen helfen. Die Interessenlage des Wissenschaftsförderers würde damit in ein für die Gesellschaft transparentes System überführt.

„Was ist daran abwegig, wenn diejenigen, die ein wirtschaftliches Interesse an den Ergebnissen der Forschung haben, diese auch bezahlen?“

Mit dieser These trete ich an gegen die Generaldirektorin der WHO, Chan, und ihren Standpunkt, branchenfinanzierte Forschung sei zu vermeiden. Was ist denn daran abwegig, wenn diejenigen, die ein wirtschaftliches Interesse an den Ergebnissen der Forschung haben, diese auch bezahlen? Würde von den staatlichen Fördermitteln, die nach wie vor in von dieser und jener zweifelhaften Interessengruppe mitfinanzierte Forschungsprojekte gesteckt werden, ein Teil für ein objektives Qualitätskontrollsystem abgezweigt, wäre der durchschnittliche wissenschaftliche Wert der verbleibenden Arbeiten wahrscheinlich um einiges höher als jetzt.

Ausblick

Forschungsverbote sind genau der falsche Weg, um zu einer wirksamen Prävention zu gelangen. Im Gegenteil, gerade interessierte Parteien sollten dazu ermutigt werden, Forschung zu unterstützen und die Ergebnisse der wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Die staatliche Aufgabe dabei: wirksame Kontrollmechanismen zu entwickeln, an denen die Qualität dieser Arbeiten gemessen werden.

Der Forschung würde das nicht nur einen enormen Zuwachs an finanziellen Mitteln verschaffen, sondern auch einen Kreativitätsschub auslösen, da die öffentliche Begutachtung Geldgeber mit eigenen Hintergedanken dem kritischen Blick der Fachöffentlichkeit aussetzt. Gleichzeitig könnte eine Abkehr von den Versuchen, die Leute gegen alles Widerstreben dazu zu bringen, das „Richtige“ zu tun und das „Falsche“ zu lassen, auch gesundheitspolitisch große Vorteile bringen. In Kombination wäre dies eine Chance für die Entwicklung von erfolgversprechenderen Präventionsmodellen als Ersatz für die von der WHO angebotenen Lösungsvorschläge, mit denen eine Lösung in Wirklichkeit nur vorgetäuscht wird.

Deutschland sollte sich ohne Wenn und Aber zu den Werten der Prävention und Gesundheitsförderung bekennen, die an den Vorgaben des Koalitionsvertrages orientiert sind, und eine Anerkennung von WHO-Vorgaben strikt ablehnen, wo dies jenen Werten widerspricht.

Das seit Jahren immer wieder neu beratene Präventionsgesetz in Deutschland, von dem noch nicht zu erkennen ist, ob es jemals in brauchbarer Form verabschiedet werden wird, ist in der letzten Fassung in keiner Weise geeignet, dem Ansturm der WHO standzuhalten. Eine Neufassung dieses Gesetzes, in dem die von mir vorgeschlagenen Faktoren zentral Eingang finden, würde ein starkes, eigenständiges und strikt am gesundheitspolitischen Ergebnis orientiertes Präventionsgesetz ermöglichen – ein Gesetz, mit dem die Bundesregierung wirklich einen Fortschritt erzielen und mit dem sie innerhalb der EU und sogar weltweit eine Vorbildwirkung haben könnte.