21.03.2013

Gestern Irak, heute Syrien? Es gibt keine guten Interventionen!

Kommentar von Karl Sharro

Der zehnte Jahrestag der Irakinvasion ruft uns einmal mehr die verheerenden Konsequenzen humanitärer Interventionen in Erinnerung. In Anbetracht der aktuellen Diskussionen über ein mögliches Eingreifen des Westens in Syrien sollten wir daraus unsere Lehren ziehen.

Das Schicksal wollte es so, dass der zehnte Jahrestag der Invasion des Irak uns vor dem Hintergrund der laufenden Debatte über eine Intervention in Syrien ereilt. Das bietet uns die Gelegenheit, über die Lehren aus jenem katastrophalen Abenteuer nachzudenken. Dabei werden die Befürworter eines Eingreifens in Syrien klar zwischen guten und schlechten Interventionen differenzieren – mit einem offensichtlichen Ziel: die Doktrin der humanitären Intervention zu retten und sie vom bitteren Ende der Irakinvasion reinzuwaschen. Ihr Vorsatz lautet, nichts aus den Lehren des Irakkriegs zu lernen.

Die ehrlichste Stimme ist dabei ausnahmsweise der ehemalige britische Premierminister Tony Blair. Es war nicht ein Hauch von Reue oder Selbstreflexion zu spüren, als Blair jüngst den Einmarsch in den Irak verteidigte und gleichzeitig zu einer Intervention in Syrien aufrief. Im Gegensatz zu den meisten anderen Befürwortern einer Syrien-Intervention, die wenigstens versuchen, auf Unterschiede zwischen dem Irak-Fiasko und anderen Interventionen hinzuweisen, betont Blair ganz ernsthaft die Kontinuität zwischen der Invasion 2003 und einer möglichen Intervention in Syrien.

„Die Doktrin der humanitären Intervention zeugt von einer simplen schwarz-weiß Sicht auf die Welt, in der Differenzierungen und Vielschichtigkeit keinen Platz finden.“

Blairs Ehrlichkeit ändert aber nichts an der Tatsache, dass er falsch liegt, richtig falsch. Die Irakinvasion basierte auf Überheblichkeit, Dummheit und falschen Grundannahmen. Aber so ist es auch bei jeder anderen humanitären Intervention. Die Doktrin selbst zeugt von einer simplen schwarz-weiß Sicht auf die Welt, in der Differenzierungen und Vielschichtigkeit keinen Platz finden. Sie gab westlichen Staatschefs - und es sind immer nur westliche Staatschefs - die Chance, durch den Einsatz ihrer überlegenen militärischen Ressourcen auf der ganzen Welt den Helden zu spielen und sich eine neue moralische Mission zu geben.

Die Doktrin der humanitären Intervention ist kurzsichtig und vergesslich. Allzu oft wurde die lange Geschichte westlicher Verstrickungen im Rest der Welt ignoriert, indem der Westen sich eine neue Rolle als moralisch überlegene Instanz erfand. Die alte Gewohnheit, Diktatoren zu unterstützen und sie mit Waffen zu beliefern, sich gegen Oppositionsbewegungen zu verschwören und Putschversuche gegen gewählte Führer zu organisieren, wurde ausgeblendet. Blairs Umarmung mit Gaddafi? Er musste es tun, aber es bedeutete nichts. Ein One-Night-Stand, der schnell wieder vergessen war.

Im Falle des Iraks wird die Rolle des Westens in den Jahrzehnten vor der Invasion kaum noch diskutiert. Westliche Waffenlieferungen – inklusive Chemiewaffen - für Saddam Hussein während des Irak-Iran-Kriegs passten nicht in Bushs und Blairs Images als moralische Erlöser des irakischen Volkes. Auch wurde bei den Warnungen über Husseins militärisches Potential nicht erwähnt, dass die USA und Großbritannien maßgeblich daran beteiligt waren, ihm dieses Potential zur Verfügung zu stellen.

„Die wahre Lehre aus dem Irak ist, dass es keine guten Interventionen gibt. Interventionismus ist von Natur aus destruktiv.“

Noch ärgerlicher, insbesondere im Fall der linksliberalen Interventionsbefürworter, ist die völlige Verkennung der Bedeutung der verheerenden wirtschaftlichen Sanktionen für die irakischen Gesellschaft. Bill Clinton, der Liebling der Liberalen, hatte dafür gesorgt, dass die Sanktionen auch während seiner Präsidentschaft bestehen blieben, was den Irak erst ins Chaos stürzte und schließlich in die Knie zwang. Bis zur Invasion 2003 hatten die Sanktionen das Land bis zur Unkenntlichkeit verändert. Saddam und seine Kumpanen waren davon kaum betroffen, aber die Bevölkerung musste 13 Jahre demütigende Armut ertragen, die einen bleibenden Effekt auf die Gesellschaft und die Institutionen des Landes hatte.

Die Sanktionen und die Flugverbotszonen über dem Süd- und Nordirak waren Experimente der Interventionisten. Dahinter stand der Gedanke, dass sich die immer mehr verarmende irakische Bevölkerung gegen Saddam auflehnen würde. Es gibt eine klare Verbindung zwischen diesem Gedanken und den Argumenten der Invasionsbefürworter - so heftig Liberale auch gegen den Einfluss der Neocons protestieren mögen.

Liberale Interventionsbefürworter behaupten zwar gerne, dass die Neokonservativen die reine Lehre des Interventionismus ruiniert haben. Tatsächlich schöpfen aber beide Lager aus dem gleichen Fundus aus Hybris und leichtfertiger Missachtung der Folgen ihrer Politik. Sie sind sich einig in der Ablehnung der Idee, die Menschen selbst ihr Schicksal gestalten zu lassen. Sie sehen sie vielmehr als Laborratten, die man anstachelt, denen man Anreize schafft, die man herumschubst, schützt und sie dabei die ganze Zeit über als hilflose Opfer behandelt. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass sich sowohl Neokonservative als auch Liberale als über diesen Menschen stehende moralische Akteure verstehen.

Verfolgen Sie die gegenwärtigen Diskussionen über eine Intervention in Syrien und Sie werden darin das Echo der irakischen Tragödie vernehmen. Die gleiche Zuversicht in das Manipulieren von Ergebnissen, in die Stärkung der einen Seite und die Schwächung der anderen, in das Eingreifen als moralische Verpflichtung, in das Absichern erwarteter Ergebnisse, in die gleiche Überheblichkeit und in Experimente ohne Rücksicht auf langfristige Folgen. Syrien ist nicht der Irak, daran werden wir permanent erinnert, als wäre es eine Ausrede, um nicht aus den Fehlern der Vergangenheit lernen zu müssen.

Die wahre Lehre aus dem Irak ist, dass es keine guten Interventionen gibt. Interventionismus ist von Natur aus destruktiv. Das Motto: „Lass uns unsere großen Waffen für einen guten Zweck nutzen“, ist eine einfältige, eitle, simplifizierende und kriegslüsterne Doktrin.