18.02.2026

Geld! Es gibt Geld. Warum wollt Ihr das Geld nicht!?

Von Thilo Spahl

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Foto: nikolayhg via Pixabay / CC0

Die Wissenschaft hat festgestellt, dass die Bevölkerung erhebliche Defizite beim Beantragen von Staatsknete aufweist.

Bei der Vorstellung der Pläne für eine Sozialstaatsreform hat Arbeitsministerin Bärbel Bas Ende Januar klargestellt, worum es dabei geht, und worum nicht: „Dass es nicht um Leistungskürzungen geht, war von Anfang an klar. […] Menschen, denen Leistungen zustehen, sollen diese auch endlich bekommen.“

Endlich!

Aber wer zählt alles zu diesen Menschen? Offenbar fast alle.

Max-Planck Forscher haben nun auch bei unserer zukünftigen Elite, den Studenten, festgestellt, dass sie zu ahnungslos, unfähig oder unwillig sind, ihnen „zustehendes“ Geld zu beantragen.

Die bittere Realität ist: Immer weniger junge Menschen beziehen Bafög. Die Zahl der Geförderten ist auf dem niedrigsten Stand seit dem Jahr 2000. Und das, obwohl eigentlich das Gegenteil angestrebt wird. In den vergangenen Jahren wurden die Einkommens- und Vermögensfreigrenzen sowie andere Freibeträge mehrfach angehoben und damit der Kreis der Anspruchsberechtigten erweitert.

Die Forscher wollten wissen, warum das so ist. Sie kamen zu folgenden Erkenntnissen:

  • „Bis zu 70 Prozent der Studierenden mit Bafög-Anspruch stellen keinen Antrag. Die größte Hürde besteht darin, dass die Studierenden nicht wissen, Bafög-berechtigt zu sein.
  • Mehr als 80 Prozent der von uns als anspruchsberechtigt identifizierten Studierenden gehen aufgrund ihrer persönlichen und familiären Situation fälschlicherweise davon aus, dass sie kein Bafög erhalten würden, wenn sie einen Antrag stellen. Tatsächlich könnten sie im Durchschnitt allerdings rund 500 Euro pro Monat erhalten.“

Das Problem ist, dass die Studenten offenbar einer veralteten Vorstellung des Sozialstaats anhängen. Sie glauben, man müsste arm sein. Sie glauben, staatliche Hilfen seien für Bedürftige. Für Arme. Für Menschen, die ohne sie nicht zurechtkommen würden. Dr. Riedmiller vom Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik konstatiert: „[D]ie meisten Studierenden unterschätzen die Einkommensgrenzen der Eltern für einen Bafög-Bezug massiv.“ Besonders häufig sei die Vorstellung, Bafög sei ausschließlich für sehr einkommensschwache Familien gedacht. Dieses Bild sei historisch gewachsen, entspreche aber längst nicht mehr der aktuellen Rechtslage.

Ich muss gestehen, auch ich habe als Vater zweier studierender Kinder nicht gewusst, dass der Bafög-Anspruch erst bei einem elterlichen Einkommen von 120.000 Euro (brutto) endet.

Schlimmer noch. Selbst von denen, die wissen, dass sie anspruchsberechtigt sind, verzichtet immerhin jeder Achte darauf, einen Antrag zu stellen. Aber auch hier sei, so die Forscher, Unwissen eine häufige Ursache. Die jungen Leute wollen keine Schulden aufnehmen. Sie stellen sich Bafög als eine Art Kredit vor, den sie später plus Zinsen zurückzahlen müssen. Sie wissen nicht, dass stets nur die Hälfte und insgesamt niemals mehr als 10.010 Euro zurückbezahlt werden müssen.

Per Chatbot zur Staatsknete

Es wird heute oft schlecht über die Jugend gesprochen. Die hier dargelegten Forschungsergebnisse sollten uns Mut machen. Die meisten scheinen der Vorstellung anzuhängen, man könne seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten. Sie scheinen nicht den Ehrgeiz zu haben, aus dem Sozialstaat herauszuholen, was herauszuholen ist. Vielleicht denken sie auch, es genügt, wenn die Gemeinschaft der Steuerzahler für die Kosten der Hochschulen in Höhe von 38 Milliarden Euro pro Jahr aufkommt, was je nach Fach rund 5000 bis 15.000 Euro pro Student und Jahr entspricht. Und dass ihr Eltern bis weit  ins Erwachsenenalter noch „Kindergeld“ erhalten, ihr Studium also in der Regel auch ohne Bafög schon locker mit 50.000 Euro und mehr subventioniert wird.

„Senior Research Fellow“ Sebastian Riedmiller erkennt hier einen Missstand und denkt offenbar, er schulde es dem Steuerzahler, der auch für sein Gehalt aufkommt, Vorschläge zu unterbreiten, wie man die Studenten doch noch dazu bringen könnte, sich an die Bafög-Fleischtröge heranzumachen. „Im Idealfall“, schreibt er, „würden junge Menschen und ihre Eltern bereits im Schulabschlussjahr informiert, dass bei ihrem Einkommen ein Bafög-Anspruch besteht – einfach über den Steuerbescheid oder die Lohnsteuerbescheinigung.“

Aber was, wenn sie sich trotzdem nicht regen – vielleicht weil es zu viel Mühe macht? Dann könnte man ihnen zumindest die harte Arbeit abnehmen, die Lohnsteuerbescheide der Eltern selbst hochzuladen. Die könnten vom Finanzamt doch direkt ans Bafög-Amt übermittelt werden.

„Wer hätte das gedacht? Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Leute mehr Geld haben, wenn man ihnen Geld gibt.“

Ein weiterer Lichtblick für Riedmiller: Im Bundesetat 2026 sind 500.000 Euro für einen Bafög-Chatbot vorgesehen. „Das Ziel eines solchen Chatbots ist klar: Junge Menschen sollen die Möglichkeit bekommen, sich barrierefrei und niederschwellig über das Bafög zu informieren, ohne selbst Informations-Schnipsel aus verschiedenen Quellen zusammensuchen zu müssen.“ Das ist nämlich gerade für Studenten eine ziemliche Zumutung: sich Informationen selbst aus verschiedenen Quellen zusammenzusuchen. Ziemlich unsozial, solches von ihnen zu erwarten!

Und noch eine gute Nachricht hat der Forscher: „Das Bafög funktioniert. Unsere Studie zeigt, dass Studierende, nachdem sie einen positiven Bafög-Bescheid erhalten, mehr Geld zur Verfügung haben, obwohl ihre Eltern gleichzeitig weniger finanzielle Unterstützung leisten.“ Wer hätte das gedacht? Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Leute mehr Geld haben, wenn man ihnen Geld gibt.

Aber es kommt noch besser: „Wenn der Bezug von Bafög, wie in unserer Studie gezeigt, auch die Eltern entlastet, profitiert der Staat doppelt. Mehr Menschen können sich ein Studium leisten, ohne die Kaufkraft ihrer Eltern maßgeblich zu beeinträchtigen.“

Wie genau profitiert der Staat hier doppelt? Er gibt 1000 Euro, damit die Eltern die 1000 Euro nicht zu geben brauchen, sondern diese in Konsum stecken können, was dem Staat dann 190 Euro an Umsatzsteuer einbringt? Nein, das kann es nicht sein. Denn der Staat kriegt die 190 Euro ja auch, wenn der Student die 1000 Euro von seinen Eltern verkonsumiert. Oder doch? Weil es können ja dann beide, Eltern und Kind, die 1000 Euro ausgeben. Macht dann also 380 Euro an Umsatzsteuer. Kommt das hin? Auch nicht wirklich. Weil der Steuerzahler, von dem der Staat die 1000 hat, die er dem Studenten gibt, der kann die dann ja nicht auch noch auf den Kopf hauen und damit wieder 190 Euro in die Staatskasse spülen. Und was, wenn die Eltern auf die Idee kommen, die 1000 Euro Unterhaltszahlung selbst von der Einkommensteuer abzusetzen? Herr Riedmiller, ich bin überfordert, können Sie bitte das Rätsel auflösen?

„Sollte man sich dann nicht einfach damit abfinden, dass die Studenten bereit sind, ohne Geld von Vater Staat auszukommen?"

Na klar kann er. Die Politik müsse das Bafög nicht nur als Ausgabe sehen, sondern auch als Investition in die Zukunft: „Höhere Studienabschlüsse führen in der Regel auch zu höheren Einkommen und damit zu höheren Steuereinnahmen für den Staat.“

Das mag sein. Aber die Studie hat nicht untersucht, ob, und schon gar nicht das Ergebnis gehabt, dass die Inanspruchnahme von Bafög zu höheren Studienabschlüssen führt. Das Witzige an der Studie: Es wurden Studenten befragt. Also Menschen, die die Tatsache, dass sie kein Bafög erhalten, offensichtlich nicht davon abhält, zu studieren. Wenn man also die, die ohnehin studieren, dazu bringt, Geld vom Staat zu bekommen, dann gibt es dadurch nicht mehr Studenten.

Es beantragen also heute weniger Leute Bafög als vor 25 Jahren. Gleichzeitig ist die Zahl der Studenten von etwa 1,8 Millionen im Jahr 2000 auf rund 2,8 Millionen heute angewachsen. Man hat schon einiges unternommen, den Kreis der Anspruchsberechtigten zu erweitern. Sollte man sich dann nicht einfach damit abfinden, dass die Studenten bereit sind, ohne Geld von Vater Staat auszukommen?

Nein. Damit will sich unser Max-Planck Research Fellow nicht abfinden.

„Wollen wir in Deutschland weiterhin ein Hochschulsystem, das allen offensteht, die studieren können – oder nur jenen, die es sich leisten können?“, fragt er mit gehörigem Pathos. Für die Bildungsgerechtigkeit in Deutschland könne es nur eine Antwort geben: „Und die führt nicht an einer Weiterentwicklung des Bafögs und dessen Informationslage vorbei, die auch die vielen Menschen mitnimmt, die trotz Anspruch keinen Antrag stellen.“

Er scheint es einfach nicht verstehen zu wollen, dass zu denen, die „es sich leisten können“, auch jene gehören, die kein Bafög beantragen, obwohl sie es könnten. (Und natürlich freut er sich auch, dass ein Teil der 500.000 Euro für den Chatbot an sein Institut fließen wird. Da fragt er lieber auch nicht nach, ob diese 500.000 gut investiert sind, wenn auch heute schon ChatGPT oder jede andere KI den Studenten haarklein und kostenlos zu erklären bereit ist, wie sie Bafög beantragen könnten, wenn sie es denn wollten.)

Mehr Freiheit, weniger Staatsquote.

Ähnlich wie beim Bafög sieht es heute in vielen Ecken und Enden des Sozialsystems aus. Die Ende Januar vorgelegten Empfehlungen der Kommission zur Sozialstaatsreform beruhen auf folgender Ausgangsdiagnose:

  • Sozialleistungen sind zersplittert
  • Zuständigkeiten sind unübersichtlich
  • Verwaltung ist überlastet
  • Viele Anspruchsberechtigte rufen Leistungen gar nicht ab

„Wenn es, ja nach Definition, allein auf Bundesebene zwischen ca. 300 und deutlich über 1.000 Sozialleistungen gibt, braucht man sich nicht zu wundern, wenn da niemand durchblickt."

Einerseits kommt man zurecht zum Schluss, dass hier mal dringend aufgeräumt werden müsste. Wenn es, ja nach Definition, allein auf Bundesebene zwischen ca. 300 und deutlich über 1.000 Sozialleistungen gibt, braucht man sich nicht zu wundern, wenn da niemand durchblickt. Das System ist ineffizient und teuer und müsste radikal vereinfacht werden. Wenn das dazu führt, dass die Leute auch mehr Leistungen in Anspruch nehmen, ist das in Ordnung. Es kann aber nicht das Ziel sein. Das Ziel muss sein, Verwaltungsaufwand und Verwaltungskosten radikal zu verringern.

Gleichzeitig sollte man einfach mal davon ausgehen, dass es den meisten Leuten lieber wäre, wenn sie nicht erst eine Menge Geld in Form von Steuern, Abgaben, Gebühren und Beiträgen an den Staat und öffentliche Körperschaften überweisen müssten, um anschließend zu versuchen, sich einen Teil davon wieder mühsam zurückzuholen. Wir brauchen einige wenige, unkomplizierte Leistungen mit deutlich niedrigerem Gesamtvolumen für tatsächlich Bedürftige. Und mehr Freiheit, für sich selbst zu sorgen, für den großen Rest.

Mehr Freiheit, weniger Staatsquote.

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