01.09.2001

“Gefährdung für Allergiker ausgeschlossen”

Analyse von Thomas Deichmann und Thilo Spahl

Hoffnung bei Lebensmittelallergien: Allergene in transgenen Pflanzen sind durch Gentechnik bestens regulierbar, sagen Thilo Spahl und Thomas Deichmann.

Bei den Risiken, die transgene Pflanzen mit sich bringen könnten, zählen neue Lebensmittelallergien zu den meistdiskutierten. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass Allergien generell immer häufiger werden, wofür schon alle möglichen Errungenschaften der modernen Welt – von Amalgam bis Elektrosmog – verantwortlich gemacht wurden.

Das Auftreten von Lebensmittelallergien ist allerdings annähernd konstant. In Industrieländern kommen sie bei etwa zwei Prozent aller Erwachsenen vor und etwa fünf Prozent der Kinder. Sie werden durch Eiweißstoffe in Lebensmitteln ausgelöst. Das menschliche Immunsystem kann solche Proteine unter Umständen als Feindstoffe deuten und Antikörper in die Blutbahn ausschütten. Gleichzeitig werden bei diesem Stoffwechselprozess Substanzen gebildet, die die typischen allergischen Symptome auslösen. Jährlich sterben in den USA 135 Menschen an den Folgen irgendwelcher allergischer Reaktionen: Man spricht dabei von anaphylaktischen Schocks, die einen Kreislaufkollaps herbeiführen. An diesen Zahlen zeigt sich deutlich, dass das Risiko, durch eine Lebensmittelallergie zu sterben, sehr gering ist.

Wie sieht es bei neuen gentechnisch erzeugten Pflanzen aus? Es zeigt sich, dass Allergierisiken über Gebühr betont werden. Pilzsporen aus den Biomülltonnen bergen ein wesentlich größeres Allergierisiko als gentechnisch veränderte Nahrungspflanzen. Es gibt keinen wissenschaftlich begründeten Beweis, dass sich das allergene Potenzial durch die Gentechnik per se erhöhen würde.

Grundsätzlich besteht natürlich die Möglichkeit, dass auch gentechnisch veränderte Pflanzen Allergien auslösen, denn transgene Pflanzen erhalten ihre gewünschten Eigenschaften durch den Einbau artfremder Gene, die zur Synthese von neuen oder veränderten Proteinen führen. Diese Eiweiße können (wie andere Eiweiße auch) allergieauslösend wirken. Da es bislang noch keine Methoden gibt, neue Allergene im Vorfeld zu identifizieren (also vorherzusagen, ob sich ein bislang für die Nahrungskette unbekanntes Protein als Allergen herausstellen wird), ergibt sich durch die gentechnische Modifikation des Erbmaterials von Nutzpflanzen ein gewisses Risiko.

"Die Kiwi wäre für die menschliche Ernährung in der EU niemals freigegeben worden, hätte man die Kriterien der Novel-Food-Verordnung angewendet."

In diese Risiko-Klasse fallen die meisten der bisher genutzten transgenen Nutzpflanzen (z.B. Mais, Raps oder Soja). Bei ihnen stammt das Transgen aus einer Quelle, über deren Allergenität zuvor nichts bekannt ist. Doch Pflanzenzüchter und Lebensmittelexperten begegnen der Möglichkeit einer neu auftretenden Allergie mit aufwändigen Sicherheitsprüfungen. Im Laufe der Jahre wurden sehr effiziente Kriterien entwickelt, mit denen die Allergenität transgener Pflanzen abgeschätzt werden kann. Sie liefern zwar keine 100-prozentige Sicherheit, sie haben sich allerdings vielfältig bewährt. Dabei hilft die Erkenntnis, dass nur ein Bruchteil der in der Nahrung steckenden Proteine überhaupt die Fähigkeit besitzt, Lebensmittelallergien auszulösen.

So ist mittlerweile bekannt, dass bestimmte Eiweiße in Nüssen, Erdnüssen, Kuhmilch, Eiern, Weizen, Reis, Sojabohnen, Fisch und Krustentieren 90 Prozent aller Lebensmittelallergien in Europa verursachen. Außerdem weiß man, dass sich allergieauslösende Substanzen in ihren physikalisch-chemischen Eigenschaften sehr ähnlich sind. Deshalb kommt es auch häufig zu Kreuzallergien – wie etwa die gleichzeitige Reaktion gegen Birkenpollen und bestimmte Apfelsorten. Die allergenen Proteine in beiden Pflanzen sind zum Teil identisch.

Auf Basis dieses Wissens werden die von transgenen Nutzpflanzen produzierten Proteine chemisch analysiert, und Wissenschaftler können in einem frühen Stadium der Arbeit eine erste Allergie-Beurteilung vornehmen. Wenn potenzielle Allergene entdeckt werden, können Biotests (beispielsweise Hauttests) folgen, um herauszufinden, ob die Proteine beim Menschen Reaktionen hervorrufen.

All diese Tests gelten als sehr zuverlässig und sicher. Gegner der Gentechnik meinen allerdings, sie würden dann versagen, wenn neu gebildete Proteine bei der Entwicklung transgener Pflanzen unentdeckt bleiben. Diese Gefahr ist im Prinzip gegeben, allerdings ist ein solches Szenario untypisch, denn es widerspricht dem Grundgedanken der Grünen Gentechnik, nur gezielte Proteinsynthesen durch einen Gentransfer zu veranlassen. Darüber hinaus können solche Probleme nur dann eintreten, wenn stringente Sicherheitsvorkehrungen nicht beachtet werden. Das ist angesichts der extrem hohen Standards bei der Lebensmittelsicherheit so gut wie undenkbar. Gentechnisch hergestellte Lebensmittel müssen vor ihrer Vermarktung einer umfangreichen Prüfung hinsichtlich ihres Allergie-Risikos unterzogen werden.

Diese Prüfungen konzentrieren sich weltweit im Wesentlichen auf drei Punkte: Erstens wird die Quelle, aus der das Transgen stammt, analysiert (also zum Beispiel ein Bodenbakterium). Zweitens wird der Wirt des neuen Gens (eine Mais- oder Rapspflanze) und drittens die allergene Qualität des eingeführten Erbmaterials unter die Lupe genommen. Innerhalb der EU sind mittlerweile entsprechende Regelungen in den Novel-Food-Verordnungen festgeschrieben. Als Folge muss für neue transgene Waren vor der Inverkehrbringung die Unbedenklichkeit hinsichtlich des Auslösens von Allergien bescheinigt werden.

Klaus-Dieter Jany vom Wissenschaftlerkreis Grüne Gentechnik (WGG) ist wie viele seiner Kollegen der Ansicht, dass nach derzeitigem Stand der Wissenschaften bei den bislang zugelassenen Erzeugnissen eine zusätzliche Gefährdung für Allergiker ausgeschlossen ist. Auch eine zufällige Übertragung von allergenen Proteinen auf Gentechnik-Produkte hält er für unrealistisch.

Als Folge der ausgefeilten Kontrollmechanismen kann also getrost konstatiert werden, dass das Allergie-Risiko bei transgenen Nutzpflanzen nicht höher, sondern wesentlich niedriger ist als bei konventionell hergestellten Sorten. Klassisch gezüchtete exotische Früchte oder Nahrungspflanzen aus fernen Ländern bergen ein unvergleichlich höheres Allergiepotenzial. Zahlreiche Menschen haben beispielsweise nach dem Verzehr von Kiwi, Zucchini oder Mango Allergien entwickelt. Keine der drei Früchte wurde vor der Marktzulassung auf ihr Allergierisiko hin untersucht. Die Kiwi und andere Früchte wären für die menschliche Ernährung in der EU niemals freigegeben worden, hätte man bei ihrer Zulassung die Kriterien der Novel-Food-Verordnung angewendet. Die Allergie-Bestimmungen innerhalb der EU sind momentan derart streng, dass einige Ernährungswissenschaftler sogar meinen, die Bemühungen in Brüssel schössen weit über das Ziel des Verbraucherschutzes hinaus. So darf beispielsweise die leckere Nanga-Nuss aus dem pazifischen Raum nicht in die EU eingeführt werden.

Stefan Vieths stellte im Spätsommer 2000 auf dem Kongress des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen (ÄDA) fest: „Die Gentechnologie könnte durch die Herstellung von besonders allergen-armen Nahrungsmitteln unter Umständen eine Chance für einen Teil der Lebensmittel-Allergiker bieten.“ Er bedeutete damit die Möglichkeiten, die die „grüne Gentechnik“ hinsichtlich der Eindämmung von Allergien bietet.

Dank neuer gentechnischer Verfahren ist die Allergie-Forschung in den letzten Jahren in der Tat erheblich vorangekommen. Die in Pflanzen und anderen potenziellen Allergen-Quellen vorkommenden Hauptallergene sind mittlerweile sehr gut analysiert, das Risiko von Lebensmittelallergien im Allgemeinen konnte weiter reduziert werden. Zu einer noch weiter verbesserten Prävention beitragen werden auch die vielfältigen internationalen Bemühungen, Informationen über entschlüsselte Allergiestoffe auf Datenbanken öffentlich zugänglich zu machen.

Bereits heute gibt es so genannte hypoallergene Nahrung, die speziell für Lebensmittelallergiker hergestellt wird. Da Kleinkinder häufig an einer Kuhmilch-Allergie leiden, gibt es beispielsweise Milchersatz-Produkte, die abgebautes Casein oder abgebaute Molkeprodukte und dergleichen enthalten. Eine neuere Methode, das allergene Potenzial von Lebensmitteln gentechnisch zu reduzieren, besteht in der Herstellung transgener Nahrungspflanzen. Erfolgreiche Anwendungen gibt es bereits in Südostasien, wo große Teile der Bevölkerung an Reis-Allergien leiden. Wissenschaftler in Japan haben eine transgene Reissorte entwickelt, bei der ein Allergen ausgeschaltet wurde. Die ihr zu Grunde liegende „Antisense-Technologie“ bietet sich auch an, um andere ungewünschte Inhaltsstoffe in Lebensmitteln zu reduzieren. So leiden zahlreiche Menschen an Zöliakie – einer Erkrankung des Dünndarms, die oft mit einer Allergie verwechselt wird und die sich als schwere Unverträglichkeit gegen das Gluten (Prolamin) in Weizen, Roggen, Gerste und Hafer manifestiert. Die Produktion von Gluten kann mit Hilfe eines gentechnischen Eingriffs im Getreide stillgelegt werden.

"Allergene können mit Hilfe der Antisense-Technologie um bis zu 99 Prozent ausgeschaltet werden."

Solche Technologien können für viele Menschen Hilfe bringen, und sie ermöglichen überdies, die Verbreitung von Allergien einzudämmen. Lebensmittelallergien können nämlich nur entstehen und sich ausbreiten, wenn sich relativ hohe Konzentrationen eines allergenen Proteins in der Nahrungskette finden. Das ist der Grund dafür, dass in verschiedenen Kulturkreisen unterschiedliche Lebensmittelallergien verbreitet sind – in den USA beispielsweise gegen Erdnüsse, in Asien gegen Reis. Werden Allergene mit Hilfe der Antisense-Technologie um bis zu 99 Prozent ausgeschaltet, kann einer Verbreitung effektiv Einhalt geboten werden.

Untersuchungen in den USA haben ergeben, dass Landarbeiter auch in anderer Allergie-Hinsicht von der Gentechnik profitieren können. Da bei bestimmten gentechnisch veränderten Nutzpflanzensorten das Aufsprühen von Insektenvernichtungsmittel entfällt, wird auch die mitunter allergieauslösende Inhalation eines solchen Mittels in hoher Konzentration vermieden. Ähnliches gilt für zahlreiche synthetische Pflanzenschutzmittel minderer Qualität, die vor allem in Entwicklungsländern verwendet werden. Durch das Aufbringen solcher Substanzen kann die Gesundheit der Bauern, die mit ihnen in Berührung kommen, beeinträchtigt werden. Der Anbau transgener Sorten kann dieses Gefährdungspotenzial drastisch reduzieren. Von all diesen Vorzügen der Gentechnik hat man aber bislang leider kaum etwas erfahren.