01.05.2002

Fußball ist Fußball

Essay von Bernd Herrmann

Wer aus Fußball „mehr“ machen will als Fußball, macht den Fußball kaputt.

Es war aber nicht der Umfang der Zuschauermenge oder die Tatsache, dass Erwachsene das Wort „WICHSER“ so laut sie wollten schreien konnten, ohne die geringste Aufmerksamkeit zu erregen, was mich am stärksten beeindruckte, sondern wie sehr die meisten Männer um mich herum es hassten, wirklich hassten hier zu sein… Der natürliche Grundzustand eines Fußballfans ist bittere Enttäuschung, egal wie es steht.“ (Nick Hornby: Ballfieber. Die Geschichte eines Fans)

Es könnte so einfach sein. Man interessiert sich für Fußball oder auch nicht – Geschmackssache oder Gewohnheit. Man mag einen bestimmten Verein, weil einzelne Spieler, bestimmte Erfolge einmal begeistert haben oder dies heute tun. Oder man ist Fan eines Vereins, weil man in der Region wohnt und die Begeisterung mit anderen teilen möchte. So oder so ähnlich ist es oft.
Wäre das alles, wäre Fußball bloß für den Sportteil, für die Vereine und Fanclubs ein Thema. Doch der Fußball hat die Grenzen dieser Stammreviere seit einiger Zeit überschritten. Man liest über ihn nicht nur im Sportteil, auch im Wirtschafts- und Politikteil, auf den Medienseiten und im Feuilleton wird darüber geschrieben. Immer öfter kommen Politiker zu wichtigen Spielen – nicht nur als Zuschauer, sondern als Co-Kommentatoren. Die wirtschaftliche Krise der Liga wird zur Chefsache gemacht.

Zwar erscheinen Politiker gerne dort, wo viele Menschen sind. Im Vergleich zu Politikerauftritten – beispielsweise auf Kirchentagen – finden ihre Aktivitäten in Sachen Fußball aber deutlich größere Aufmerksamkeit. Auch Hochkultur und Wissenschaft, die lange, mit wenigen Ausnahmen, den Volkssport entweder ignorierten oder höchstens kulturkritisch als Distinktionsmasse brauchen konnten, beschäftigen sich seit einiger Zeit ernsthaft mit dem Sport. Unter den Fußballbüchern – früher leicht als heftig bebilderte Fanartikel auszumachen – findet man immer häufiger Essaybände und Monografien.

„Den Fußball mit Füßen treten“

Der gesellschaftliche und politische Sinneswandel zum Thema Fußball ist die eine Seite der Medaille; die Kehrseite ist, dass sich der Fußball selbst heute verstärkt als gesellschaftspolitischer Akteur begreift und aufgehört hat, „Fußball“ zu sein. Seit Beginn der 90er-Jahre hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seine außersportlichen Aktivitäten ausgedehnt. Zu Lasten seiner eigentlichen Kernkompetenz: Unter dem DFB-Präsidenten Egidius Braun wurde die so genannte „dritte Säule der Verbandsarbeit“ immer wichtiger. Der DFB versteht darunter Nothilfe für arme Länder, Katastrophenhilfe, Kampagnen wie „Keine Macht den Drogen“, Hilfe für die Integration von Ausländern oder gegen Gewalt.
1995 stand der DFB-Bundestag in Düsseldorf unter dem Motto „Fußball in unserer Gesellschaft – mehr als ein 1:0“. Darin, so der DFB, drücke sich „das Wissen um die soziale Verantwortung eines Verbandes aus, der mit seinen über 6,3 Millionen Mitgliedern eine wichtige Kraft in unserer Gesellschaft darstellt“. Weiter hieß es: „Fußball ist als Teil unserer Gesellschaft untrennbar mit ihrer Entwicklung verbunden, damit aber auch mit den jeweiligen Fehlentwicklungen, Gegensätzen und Konflikten konfrontiert.“ Und auch die Profi-Vereinigung „Deutsche Fußball-Liga“ (DFL) erklärte 2002: „Wir müssen gesellschaftspolitisch mehr Anerkennung finden“ – was konkret durch ein verstärktes soziales Engagement der Profivereine geschehen soll.

Das Schicksal des politisierten Fußballs passt zu einem allgemeinen gesellschaftlichen Trend: Alles soll heute „mehr“ sein, soll sinnstiftend wirken und moralischen Zusatznutzen – Werte und Orientierungen – verbreiten, verliert aber dadurch seine eigene Qualität und wird letztlich „weniger“, weil weniger wichtig. Abzulesen ist dies in Kunst, Kultur, Musik und Bildung: Unter der Last des vermeintlich notwendigen Zusatznutzens bleiben sie auf der Strecke. Dem Fußball geht es ähnlich: Er richtet sich selbst zugrunde, weil er sich als Politik missversteht und „mehr als Fußball“ sein will. Wie sich heute schmerzlich zeigt, gehen die sich hieraus speisenden staatstragenden Allüren des DFB in die falsche Richtung. Anstatt schon vor Jahren die dringend notwendige Modernisierung und Professionalisierung der Nachwuchsförderung zu betreiben, blieben die Funktionäre in ihren alten bürokratischen Schlingen gefangen und widmeten sich lieber der Politisierung und Moralisierung der Kickerei.

Zwar weist der DFB darauf hin, dass sein soziales Engagement schon Jahrzehnte zurück reicht. Schaut man aber genauer, worin es früher bestand, stellt man fest, dass es vormals um Nothilfe für Mitglieder oder Sportinvaliden ging. Woher also der Antrieb, sich „gesellschaftspolitisch“ zu positionieren?

In dem Maße, in dem sich Politik und Gesellschaft von den gängigen Arenen verabschiedet haben (und sich einigen zudem die Frage stellt: Was ist überhaupt „Gesellschaft“?), suchen die leitenden Angestellten Deutschlands sowie die für Sinngebung zuständigen Kreise die realen Arenen auf, die Orte, an denen sich viele aufhalten. Wo ist das offensichtlicher der Fall als in den Fußballstadien?
Wenn wenig gewiss ist, muss sich da, wo viele sind, zumindest etwas klären lassen, so die instinktive Vermutung. Ein vormals von der geistigen und politischen Elite wenig ernst genommenes, als unkultiviert, primitiv und grob verachtetes Freizeitinteresse wird so zu einem Feld, auf dem auch die Eliten versuchen zu bestimmen, was Gesellschaft heute ist, beziehungsweise sein sollte.

Die Folge sind Kampagnen wie die inzwischen eingestellte „Keine Macht den Drogen“ oder Benefizspiele für einen guten Zweck. Fragt sich, was das mit Fußball zu tun hat. Und wer, außer Schülern, die dafür schulfrei bekommen, will sich Benefizspiele ansehen? Der Länder-Kick 1998 gegen Luxemburg stand unter dem Motto „Kinder stark machen“ – welches Kind wird dadurch stark gemacht? Würde nicht verstärkte Nachwuchsarbeit der Fußballvereine wesentlich mehr dazu beitragen, Kinder zu stärken, indem man ihnen Möglichkeiten eröffnet, sportlich zu zeigen, was sie leisten können? Im Zweifelsfall spendet man lieber für einen guten Zweck und spart sich das wohltätige Gekicke. Guter Fußball und guter Zweck gehen nicht zusammen.

Die „Bierhoffisierung des Fußballs“: Konformität ist Trumpf

Auch anderweitig wird versucht, durch Fußball gesellschaftlich zu wirken. Fußballer sollen heute Vorbilder sein, nicht nur was ihre fußballerische Leistung angeht, sie sollen vorbildliche Staatsbürger, moralische Leuchten sein. Der einstige Maoist Paul Breitner, Weltmeister von 1974, würde heute wahrscheinlich nicht als Nationalspieler in Frage kommen. Verstöße gegen die Norm werden heute hart bestraft, sei es Stefan Effenbergs einstmals gen Himmel gereckter oder kürzlich verbal gegen Arbeitslose gerichteter Stinkefinger, sei es Baslers Zigarette, Mehmet Scholls Rempelei im Skiurlaub, Jankers vermeintliches Skinhead-Image oder auch Jens Lehmanns „Ausraster“ gegen Ende der abgelaufenen Saison. Lehmanns (Fehl-)Tritt hatte der Schiedsrichter übersehen. Umso größer war die Diskussion, wie dieses Fehlverhalten abseits des Platzes abzustrafen sei. Lehmann musste in zahlreichen Fernsehsendungen Reue üben, um so zu zeigen, dass für ihr „Gewalt“ keine Lösung sei. Auch Effenberg wurde gedrängt, von seiner persönlichen Meinung öffentlich Abstand zu nehmen und bezahlte seine Weigerung mit einem Platz auf der Ersatzbank.

Was soll man hieraus lernen? Ein Tritt, einer ohne ernste Folgen für den Getretenen, ein Tritt zudem, der ohne böse Absicht spontan im Gerangel erfolgte – was lernen wir, wenn uns vorgespielt wird, dass solche Handlungen nicht zulässig sind? Warum soll ein erwachsener Mann, der als Sportler zu Recht gutes Geld verdient, plötzlich sozialpolitische Maßstäbe für die Gesellschaft setzen müssen? Höchstens lässt sich daraus die Verhaltensmaßregel ableiten, dass man sich besser erst gar nicht in schwierige Situationen begebe, da es dabei zu unguten Handlungen bzw. Äußerungen kommen könne. Stillhalten kann, wer nichts tut. Für einen Spitzensportler, für jemanden, der etwas auf sich hält, der etwas erreichen will, Höchstleistungen gar, ist das nicht möglich, und auch nicht wünschenswert.

Verhaltensvorschriften für Sportler und Trainer führen dazu, dass immer öfter ihre Leistung als „role model“ im Vordergrund steht. Christoph Daums Erfolge als Trainer sind fast schon vergessen. Im Vordergrund steht der Kokainskandal. Welche Rückschlüsse über berufliche Qualitäten lassen sich aus dem privaten Freizeitvergnügen eines Trainers ableiten? Offensichtlich keine. Aber das zählte nicht. Einem der besten Fußballer des 20. Jahrhunderts erging es ähnlich: Maradonas Dribblings, Pässe, Tore überschattet der Vorwurf, er sei drogensüchtig und gewalttätig. Für den Nachwuchs ist Maradona heute weniger Fußballgott, eher muss er öffentlich als abschreckendes Beispiel herhalten. In der Vergangenheit haben sich viele namhafte Fußballer nach Karriereende aus Mangel an beruflicher Perspektive in den Tod gesoffen. Maradona kickt heute wieder, mit 41.

“Maßhalten fördert weder die spielerische Brillanz noch das gesellschaftliche Fortkommen.”

Durch die Forderung, Fußballer müssten Muster des Wohlverhaltens sein, wird ihre sportliche Leistung relativiert. Anstatt sportliche Höchstleistungen als Ausdruck einer zivilisatorischen und kulturellen Leistung anzuerkennen und zu feiern, gilt nun im Zweifelsfall: Lieber ein bisschen weniger genial auf dem Platz, wenn dafür der Wahnsinn abseits des Sports unterbleibt. Das entspricht der aktuellen gesellschaftlichen Gemütsverfassung: Das Streben nach „Höher, schneller, weiter“ als Ausdruck des Strebens nach Fortschritt gilt nicht mehr als Wert an sich und reicht nicht aus, um Vorbildcharakter zu entfalten. Dabei liegen die Folgen dieser moralischen Überfrachtung auf der Hand: Maßhalten fördert weder die spielerische Brillanz noch das gesellschaftliche Fortkommen. Dieser Zurückhaltungs-Duktus prägt die aktuelle wie die heranwachsende Sportlergeneration: Nicht zufällig vermissen Fans wie Reporter immer häufiger „Persönlichkeiten“, Spieler mit „Charakter“ und „gesundem Eigensinn“ und klagen über die zahlreichen braven und gesichtslosen „Bierhoffs“ des deutschen Fußballs. Besonders fällt auf, wie eng dabei die Definition von Exzessen ist. Ein Spieler, der wirklich über die Stränge schlüge, könnte entweder aus körperlichen Gründen oder aber, weil Fußball ein Mannschaftssport ist, dies nur sehr kurze Zeit tun, ohne dass er die Folgen schmerzlich auf dem Platz zu spüren bekäme. Um wirkliche Exzesse geht es auch gar nicht: Was heute eingefordert wird, ist engstirnige Konformität.

Erziehungsanstalt Stadion

Auch die Fans im Stadion bekommen die Vorbildfunktion, die Fußball heute haben soll, zu spüren. Auch die Fans stehen im Rampenlicht, als Vorbilder für die Fernsehzuschauer. Die Folgen sind, wie man an den Kommentaren der Fußballreporter ablesen kann, widersinnig. Begeisterung der Fans wird gelobt, La-Ola-Wellen, Fahnenschwenken, Gesänge, Jubel und auch Trauer. Alles, was zu fanatisch erscheint, seien es aggressive Schlachtrufe, zum Spott gegen türkische Fans erhobene Alditüten (in München, 1997, beim Spiel Bayern München gegen Besiktas Istanbul), überhaupt jedes aggressive Verhalten – sei es Gesang oder Randale – wird als unverantwortliches Handeln verurteilt, als unentschuldbare Entgleisung asozialer Elemente.

Fanbeauftragte der Vereine sollen als Sozialarbeiter Begeisterung in gesunde Begeisterung verwandeln, Exzesse hingegen zur Anzeige bringen. Je nach Art des Verstoßes werden therapeutische Maßnahmen oder Strafen verhängt. Die nächsten Schritte, Benimmregeln für Fans, die geschlossene Videoüberwachung der Stadien und die Abstrafung jedes Missverhaltens, deuten sich an, sind in britischen Stadien schon weitgehend umgesetzt.

Fußball wird so zur moralischen Anstalt, zur Probebühne für neue Modelle von Gemeinschaft und sozialer Kontrolle. Trotz aller Deutungsversuche, aller Befrachtung mit anderen Aufgaben: Fußball ist ein Spiel, das zwar oft ernst wird, das aber sportlichen Gesetzen folgt. Wenn Fußball Vorbild sein soll, so kann das nur sportlich geschehen.

Einmal ins 21. Jahrhundert, bitte!

Kritik am modernen Fußball ist fast immer entweder Kommerzkritik oder Kritik an der Spaßgesellschaft. Beide Vorwürfe sind sich sehr ähnlich, beide missverstehen den modernen Fußball.
Die Kommerzkritik behauptet, der Fußball sei heute seelenlos, er sei durchkapitalisiert, verlogen, ein artifizielles Spektakel. Kritik an der Spaßkultur sieht im Fußball Brot und Spiele, ein Symptom für die Verdummung der Gesellschaft, der dumpfen Massen. Gleichzeitig wird von den Kritikern gerne eine legendäre Fußball-Vergangenheit beschworen, eine, in der Straßenfußballer, Fußballer aus der Kohlengrube mit Herz und Seele alles gaben, für wenig Geld bei vollem Einsatz.

Diese nostalgische Sicht des Fußballs ist passé, genauso wie die Kohlegrube. Man muss sich nur Aufzeichnungen alter Spiele ansehen, um festzustellen, dass der Fußball der 50er, der 70er-Jahre langsam war, statisch, mit festen Positionen und geringer taktischer und technischer Raffinesse. Dass Fußballer früher stärker in ihrem Verein verwurzelt waren, mag stimmen. Es war dies jedoch weniger gewollte Bodenständigkeit als Folge mangelnder Alternativen. Spieler mussten früher wohl oder übel bei „ihrem“ Verein bleiben. Etwas anderes gab es nicht. Eine solche Zwangsverwurzelung zu echter Hingabe zu stilisieren, ist bestenfalls naiv, schlimmstenfalls zynisch.

” Man soll von Fußballern durchaus verlangen, dass sie Vorbilder sind – aber nicht für Konformität, politisches Wohlverhalten oder als ethische Musterpersönlichkeit.”

Früher sahen die Biografien der meisten Profis so aus, dass auf eine kurze, schlecht bezahlte Karriere ein jahrzehntelanger Lebensabend folgte – als Lottopächter, Kneipenwirt oder „Original“ (sprich: Sozialfall). Selbst heute, bei hohen Gehältern für einige Berufsspieler, ist es nicht so, dass Fußballprofis im Allgemeinen ein leichtes Auskommen hätten. Leicht wird vergessen, dass die wenigsten Profis prominente Großverdiener sind. Auf den Blitzstart einer Karriere folgt auch heute noch oft der jähe Absturz ins Nichts. Die jahrelange harte Arbeit, der Verzicht auf vieles, was sonst Kindheit, Jugend, Beruf ausmacht, mündet nur für sehr wenige in millionenschwere Profi- und Werbeverträge.

Man soll von Fußballern durchaus verlangen, dass sie Vorbilder sind. Was wir nicht brauchen, sind Fußballer als Vorbild für Konformität, für politisches Wohlverhalten oder als ethische Musterpersönlichkeit. Fußballprofis können zeigen, dass sich Engagement auf dem Platz, hartes Training und Teamgeist auszahlen kann – dadurch, dass sie gut und erfolgreich spielen.
Um das zu erreichen, wäre es hilfreich, wenn Fußball wieder vor allem als Sport gesehen würde. Glücklicherweise leben wir nicht in einer Gesellschaft, in der für viele die Verhältnisse so beschränkt sind, dass die einzige kleine Möglichkeit, ihnen zu entfliehen, darin besteht, alles auf eine Karriere im Profisport zu setzen. Die Verklärung solcher Verhältnisse, seien es die vergangener Zeiten, seien es die anderer Länder wie Brasilien oder Nigeria, ist wohlfeil und zynisch.
Fußball funktioniert in den reichen Ländern heute anders. Um weiterhin guten, besseren Fußball zu sehen, muss sichergestellt werden, dass Kinder und Jugendliche die Möglichkeit haben, unter optimalen Bedingungen Fußball zu spielen, Fähigkeiten zu entwickeln – um dann vielleicht eines Tages Fußballprofi zu werden. Ein Fußballer, der diesen Weg wählt – einen Weg, der auch bei bester Förderung hart und riskant ist – ,der sich durchbeißt und zum Star wird, ist ein Vorbild. Was zählt, ist auf dem Platz.