28.05.2010

Für die Rechte der Erwachsenen

Von Sabine Beppler-Spahl

Es ist gut, dass wir unsere Kinder schützen wollen. Trotzdem brauchen wir eine rationalere Debatte zum Thema Kinderschutz, die mit einigen Vorurteilen unserer Zeit aufräumt.

Gewalt gegen Kinder scheint ganz außergewöhnliche Gewalt zu sein. Ein Kind zu missbrauchen und zu ermorden, gilt als das ultimative Verbrechen. Andere Morde an unschuldigen Opfern (z.B. der alten Dame im Park) lösen weit weniger erregte Debatten aus. Berichte über Kindesmissbrauch seien mehr als nur Meldungen zur Kriminalität, schreibt schon die Politologin Barbara J. Nelson in ihrem Buch „Making an Issue of Child Abuse“ von 1984: „Wenn jemand eine Bank überfällt, dann ist dies eine Straftat. Wenn jemand ein Kind schlägt, ist dies viel mehr“, so Nelson.

Warum das so ist, vermögen uns die Psychologen und Soziologen vielleicht zu erklären: Kinder sind ihren Mördern deutlich unterlegen und gelten als besonders unschuldige Wesen. Doch auch andere Opfer sind unschuldig und ihren Mördern unterlegen. Es wird schwer fallen, Logik zur Erklärung des Phänomens heranzuziehen. Sicher ist jedoch, dass unser Verständnis des Erwachsenseins und des Kindseins etwas damit zu tun hat.

 

Es ist gut, dass wir unsere Kinder schützen wollen. Trotzdem brauchen wir eine rationalere Debatte zum Thema Kinderschutz, die mit einigen Vorurteilen unserer Zeit aufräumt. Eines der schädlichsten Vorurteile dieser Art ist, dass jeder Erwachsene ein potenzieller Kinderschänder sei. Kinderschutzorganisationen, Hotlines sowie das Gesetz gegen Gewalt in der Erziehung begründen ihre Daseinsberechtigung auf diesem Vorurteil. Ein weiteres Vorurteil ist, dass Kinder (ganz anders als Erwachsene) immer unschuldig seien und bei Fragen des Missbrauchs stets die Wahrheit sagten.

 

Nicht nur die Angst vor Missbrauch hat sich verbreitet, sondern auch die Angst der Erwachsenen, des Missbrauchs beschuldigt zu werden. Lehrer haben längst bestimmte Praktiken internalisiert, um sich vor dem Vorwurf des Missbrauchs zu schützen, denn allein die Arbeit mit Kindern und Teenagern macht sie anfällig für Verdächtigungen. Eine willkürlich hervorgebrachte Beschuldigung einer Jugendlichen, wie z.B. „er hat mich betatscht“ kann einen Lehrer in größte Bedrängnis bringen und das Ende seiner Karriere bedeuten.

 

Es ist ein großes Problem, dass unser geschärftes Bewusstsein für das Problem Missbrauch schnell in eine Art Missbrauchserwartung umschwenken kann. Gefördert durch die Kampagnen zahlreicher Kinderschutzorganisationen, werden Kinder unterschwellig regelrecht aufgefordert, alles anzuzeigen, was sie als Missbrauch empfinden oder glauben, als Missbrauch empfinden zu müssen. Dabei können wir nicht grundsätzlich davon ausgehen, dass Kinder oder Jugendlichen die Tragweite einer solchen Beschuldigung abschätzen können.

 

Es gibt Kinder, die misshandelt werden. In diesem Fall müssen sie die Gelegenheit haben, gehört zu werden, und die Schuldigen sollten bestraft werden. Wir müssen jedoch anerkennen, dass ein Großteil der Diskussion um Missbrauchsfälle nicht davon handelt, was wirklich passiert ist. Bei Fällen, die z.B. einen einzelnen Lehrer und einen einzelnen Schüler betreffen, wird dies auch nie jemand genau wissen. Glaubt man dem Lehrer, könnte es sein, dass ein Schuldiger davon kommt. Doch dieses Dilemma umgehen zu wollen, indem man stets dem Kind glaubt, wäre genauso verkehrt, weil unzufriedene Schüler mit einem Handstrich das Leben eines Lehrers ruinieren könnten.

 

Die Missbrauchsdebatte vermittelt eine klare Botschaft darüber, wem zu vertrauen sei: nicht den Erwachsenen, sondern dem Kind. Dies wird Lehrer und andere Erwachsene weiter in die Defensive zwingen und letztlich unseren Kindern keinen Gefallen tun. Es ist an der Zeit, die Balance wiederherzustellen.