09.09.2014

Fracking: Der Boom geht weiter

Analyse von Rudolf Kipp

Hierzulande wird die unkonventionelle Gas- und Ölförderung stark kritisiert, aber weltweit geht ihre Erfolgsgeschichte unvermindert weiter. Rudolf Kipp legt dar, wieso der Boom kein Strohfeuer ist. Neue Quellen und technische Fortschritte machen das Fracking immer wirtschaftlicher

Die USA verursachen seit einigen Jahren eine Revolution auf dem Gas- und Ölmarkt. Grund dafür sind neue Fördertechniken, wie die Möglichkeit, tief unter der Erde horizontal zu bohren, oder Gas- und Ölvorkommen in eigentlich zu dichtem Gestein mit Hilfe von Wasser, Sand und hohem Druck durch das Erzeugen von Rissen freizusetzen. Vor allem letztere Methode, das Fracking, ist in den USA und auch ganz besonders auch in Deutschland Gegenstand häufig heftiger Kritik.[1]

Am meisten Sorge bereitet den Kritikern dabei, dass dem Frack-Fluid geringe Mengen Chemikalien beigemischt werden. Da hilft auch der Hinweis auf die USA nicht, wo es trotz vieler Tausend durchgeführter Bohrungen bislang zu keinem ernstzunehmenden Zwischenfall gekommen ist; eben so wenig hilft die Entwarnung von sachkundiger Seite, wie etwa von der University of Texas oder der deutschen Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), die dem Fracking bei sachgemäßer Durchführung ein äußerst geringes Gefährdungspotential zuschreibt:

„Die Risiken von Fracking-Maßnahmen im geologischen Untergrund stellen sich im Vergleich zu möglichen Unfällen bei obertägigen Aktivitäten als gering dar. Durch standortbezogene Voruntersuchungen können Fracking-Maßnahmen so geplant werden, dass ein unkontrolliertes Entweichen der Fracking-Fluide aus dem unterirdischen Riss in angrenzende Formationen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann.”

 

Chancen werden kleingeredet

All das ficht die Kritiker dieser neuen Technologie nicht an. Es überwiegt die Angst vor hypothetischen Gefahren. Und nicht nur das, auch die Chancen, die sich dadurch für die Energieversorgung ergeben, werden von den Kritikern regelmäßig als klein, ja wenn nicht vernachlässigbar, dargestellt. Der zuletzt meistgehörte Kritikpunkt ist dabei, dass es sich beim durch Fracking ausgelösten Öl- und Gas-Bonaza nur um ein Strohfeuer handeln würde. Die durch das Fracking zugänglich gemachten Quellen würden schneller versiegen, als durch weitere Bohrungen neue erschlossen werden könnten. Befürchtungen dieser Art sind nichts Neues. Die Angst davor, dass uns das Öl ausgeht, ist älter als die Geschichte der kommerziellen Ölförderung selbst. Noch bevor im Jahr 1859 die erste Ölbohrung in Pennsylvania vorgenommen wurde, riet die Firma Kier’s Rock Oil, welche Öl förderte, das von alleine an die Erdoberfläche trat, ihren Kunden, schnell zuzugreifen bevor dieses „wunderbare Produkt aus dem Laboratorium der Natur ausgebeutet” sei. Und im Jahr 1874 schätzte ein amerikanischer Geologe, dass die US-Ölvorräte bereits in den nächsten vier Jahren zu Ende gehen würden. [2] Gut 40 Jahre später, im Jahr 1919, erneuerte der Geologe Carl Beal diese Befürchtung. Genau wie die Fracking-Gegner heute glaubte er, ein Rückgang der Förderung wäre unausweichlich, weil nicht ausreichend neue Quellen erschlossen werden könnten.

„Obwohl neue Ölfelder zweifellos entdeckt werden, muss die jährliche Produktionsmenge zwangsläufig zurückgehen. Nicht nur weil uns neue Flächen für neue Bohrungen ausgehen, sondern auch wegen der großen Anzahl neuer Bohrungen, welche erforderlich wären.“


Fast 100 Jahre später können wir konstatieren, dass Beals Einschätzung der Situation falscher nicht hätte sein können. Der Siegeszug von Öl als dem Energierohstoff schlechthin begann damals erst und hält bis heute unvermittelt an. Die Reichweite des Öls wird heute mit etwa 50 Jahren angegeben (vor 40 Jahren waren es 40 Jahre), und der durch das Fracking ausgelöste Förderboom wird diese Zahl noch weiter in die Zukunft verschieben.

Fracking-Boom wird anhalten

Für einen anhaltenden Boom bei der Öl- und Gasförderung spricht einiges. Zu eben diesem Schluss kommt auch ein aktueller Artikel der Nachrichtenagentur Reuters, wonach die Shale-Revolution mitnichten bald enden wird, sondern wir viel mehr erst am Anfang eines völligen Umbruchs bei der Energiegewinnung stehen. [3] Etwa haben die Öl- und Gasproduzenten gelernt, wesentlich schneller zu bohren und zu fracken, indem sie Methoden aus der Massenproduktion übernommen haben. So können mit der gleichen Anzahl an Bohranlagen und Personal viel mehr Quellen erschlossen werden als vorher. Fracking-Gegner hingegen fokussieren viel zu stark auf rückläufige Zahlen bei Einzelquellen, anstatt die Gesamtmenge an Gas oder Öl zu betrachten, die aus diesen über ihre Lebensdauer gefördert wird. Dieser Wert ist aber wesentlich relevanter für die dauerhafte Profitabilität solcher Quellen. Das Verhältnis zwischen der Anfangsproduktion, der Rückgangsrate und der geschätzten Gesamtförderung ist mit großen Unsicherheiten behaftet. Es variiert sehr stark von Bohrung zu Bohrung, selbst wenn diese in der gleichen Formation stattfinden.

Im Allgemeinen kann man sagen, dass Produzenten Öl- und Gasquellen bevorzugen, die eine hohe Gesamtförderung und eine hohe Anfangsproduktion aufweisen. Denn das bedeutet mehr Gesamtumsatz und auch mehr Umsatz in den ersten Monaten nach der Bohrung, anstatt mehrere Jahre auf den “Return on Invest” warten zu müssen. Das Auffinden von Quellen, das Bohren und das Fracken gehen mit enormem finanziellem Aufwand einher. Aus Betriebswirtschaftlicher Sicht ist es daher eine Bohrung umso erfolgreicher, je schneller sie die Kosten wieder einspielt (=hohe Anfangsproduktion) und je größer die Gesamtproduktion ist. Eine hohe Rückgangsrate stellt demnach kein entscheidendes Problem bei der Investitionsentscheidung dar. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass gerade die Quellen mit der höchsten Anfangsproduktion am ehesten versiegen, aber über ihre Lebensdauer das meiste Gas oder Öl produzieren.

Mehr Produktivität durch technischen Fortschritt

Ein weiteres Argument für einen anhaltenden Fracking-Boom bei Öl und Gas sind steigende Produktionsraten. Die Gesamtförderung pro Quelle ist in den letzten Jahren kontinuierlich gesteigert worden. So zeigen Untersuchungen der amerikanischen Energy Information Administration (EIA) in der Eagle Ford Shale Formation in Texas an 5.000 Bohrlöchern im Zeitraum von Januar 2008 bis Juni 2013, dass die Bohrungen 2012 mit 191.000 Barrel und 2013 mit 169.000 Barrel Gesamtförderung pro Quelle bei weitem produktiver waren, als die Bohrungen zu Beginn der Exploration (2009: 57.000 Barrel und 2010: 117.000 Barrel). Und der Trend steigender Gesamtförderung pro Bohrung ist in den gesamten USA zu beobachten.

Grund hierfür sind Verbesserungen, sowohl beim Auffinden lohnender Öl- und Gas-Formationen, als auch bei der Bohr- und Extraktionstechnik. Durch ersteres lassen sich etwa besonders lohnende Schichten in einer Shale-Formation gezielter ansteuern, wodurch die durchschnittlichen Förderraten gesteigert und Kosten für Bohrungen in weniger lohnende Schichten reduziert werden.



Abbildung 1: Grafik zur Gasgewinnung in der Marcellus Region, IEA, 2007 bis 2014.


Es können heute längere Abschnitte horizontal gebohrt werden, wodurch sich die Gesamtmenge an Öl oder Gas erhöht, das durch eine Bohrung erreicht werden kann. Formationen, in denen unterschiedliche Schichten übereinander angeordnet sind, können durch neue Techniken mit nur einem Bohrloch ausgebeutet werden. Weitere Fortschritte wurden bei der Anordnung der Bohrlöcher zueinander gemacht, wodurch sichergestellt wird, dass die Bohrungen nicht den gleichen Teil einer Formation anzapfen, aber nah genug beieinander liegen um eine optimale Extraktion aus der Formation zu gewährleisten. Die Auswirkungen dieser Verbesserungen sieht man in der oberen Grafik (Abbildung 1). Während die Anzahl der Bohrlöcher sinkt, steigt die durchschnittliche Ausbeute pro Bohrung kontinuierlich an. Die zweite Grafik zeigt den Anstieg der Gasförderung in den USA in den letzten Jahren und den Rückgang beim Import (Abbildung 2).



Abbildung 2: Gasförderung - Import USA


Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Shale-Gas und Öl nicht auch außerhalb der USA wirtschaftlich erfolgreich gefördert werden könnten - vorausgesetzt die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Aussichtsreiche Formationen gibt es bereits heute in allen Regionen der Welt. Dabei hat die Suche danach eigentlich gerade erst begonnen. Und die dramatischen Verbesserungen bei Auffindung und Exploration in den letzten Jahren sind mit Sicherheit nicht das Ende der Fahnenstange. Jede weitere Optimierung bei der Ausbeute oder den Förderkosten macht bislang uninteressante Formationen zu lohnenden Energiequellen. Das Zeitalter der Kohlenwasserstoffe als Energielieferant geht mitnichten zu Ende. Es hat gerade erst begonnen.