03.11.2014

Fortschritt: Und die Lahmen gehen

Essay von Brendan O’Neill

In Polen lernt ein ehemals Gelähmter nach einer Nerventransplantation wieder laufen. Für dieses Wunder zeichnet nicht etwa Gott verantwortlich, sondern britische Forscher und polnische Ärzte. Trotzdem gilt der Mensch gemeinhin als Plage, kritisiert Brendan O‘Neill

„Die Blinden sehen und die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein und die Tauben hören“ [1], so beschreibt Jesus laut Matthäusevangelium die von ihm vollbrachten Wunder. Leider ist nichts davon passiert, als sich Jesus seinerzeit auf der Erde herumgetrieben hat. Heute aber werden all diese Wunderwahr, nicht durch Gott oder seinen Sohn, sondern durch das meist verleumdete, verspottete und beleidigte Geschöpf der Moderne – den Menschen.

Im 21. Jahrhundert können Taube hören: Mit einem Hörimplantat kann heute jeder Geräusche und Musik wahrnehmen. Die Blinden, zumindest einige, können sehen: Einfache Vorgänge wie etwa Kataraktoperationen, oder unglaublich komplizierte Augentransplantationen und bionische Augen geben ihnen das Augenlicht zurück. Die Leprakranken sind dank Antibiotika gesund und viele der Krankheiten, die zu Zeiten Jesu ganze Dörfer leerfegten, sind heute kein Problem mehr. Um sich vor den biblischen Plagen zu schützen, reicht der Besuch beim Hausarzt.

Und jetzt, wie am 21.Oktober bekannt wurde, gehen die Lahmen. Schon seit vielen Jahren ermöglichen Prothesen Bewegung und Unabhängigkeit für Menschen mit Verletzungen oder ohne Gliedmaßen – vor 2000 Jahren leider unmöglich. Aber vor kurzem wurde der Welt etwas Neues verkündet: Ein Gelähmter, der seine Beine nicht bewegen konnte, bewegt seine Beine. Er läuft.

„Die Heilung von Gelähmten könnte uns ungeahnte Möglichkeiten eröffnen.“

Nein, es war nicht so dramatisch wie in der Bibel, als Jesus sprach: „Nimm dein Bett und gehe hin!“ [2], aber umso mehr ein Wunder, und zwar ein echtes. Der 40-jährige Pole Darek Fidyka, war gelähmt, nachdem ihm 2010 wiederholt in den Rücken gestochen wurde. Sein Rückenmark wurde schwer beschädigt. Doch dank britischen Wissenschaftlern und Chirurgen aus seiner Heimat kann er nun wieder seine Beine bewegen und mit einer Gehhilfe laufen. Die Chirurgen entfernten Zellen aus seiner Nase, die für den Geruchssinn verantwortlich sind und herausragende Selbsterneuerungsfähigkeiten besitzen. Die Zellen wurden außerhalb seines Körpers gezüchtet und dann ins Rückenmark eingesetzt. Die Wissenschaftler hatten nur einen Tropfen zur Verfügung, der etwa eine halbe Millionen Zellen enthält. Diese Zellen spritzten sie Fidyka über sechs Monate ober- und unterhalb des beschädigten Rückenmarks. Ohne magische Heilkräfte oder einen Messias im Gewand, und dennoch fühlte er das Leben in seine Muskeln zurückkehren.

Wie Fidyka seine Genesung beschreibt ist rührend. Er fühle sich „wie neugeboren“. Da stellt sich mir die Frage, ob wir nicht eines Tages ein weiteres Wunder, das Jesus laut Matthäusevangelium zugeschrieben wird, erleben dürfen: „Die Toten stehen auf.“ [3]

Professor Geoff Raisman, Inhaber des Lehrstuhls für neuronale Regeneration am University College London, trug durch seine Forschung maßgeblich zu Fidykas Behandlung bei. Für ihn ist die Wiederbelebung gelähmter Gliedmaßen „beeindruckender als die erste Mondlandung“ [4]. Das mag manchen zu weit gehen, doch auf Fidykas Schritte scheint „ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt für die Menschheit“ perfekt zu passen. Die Heilung von Gelähmten könnte uns ungeahnte Möglichkeiten eröffnen.

Die Erkenntnisse über den menschlichen Körper und die Entwicklung neuer Technologien, die ein Wunder wie das von Fidyka ermöglicht haben, stehen in krassem Gegensatz zum modernen Menschenbild. Diese macht aus dem Menschen einen Schädling, einen Parasiten, fähig zu nichts als Hass und Zerstörung.

Wir leben in einer Zeit, in der alles von Menschenhand Geschaffene als schlecht gilt. Woche für Woche sind es Berichte über allerhand vom Menschen verursachte Krisen, die die Nachrichten dominieren und das Wunder der modernen Wissenschaft verdrängen. Aktuelle Meldungen lassen uns wissen, dass der Mensch Schuld ist an den Überflutungen in Kaschmir, der Ausbreitung des Ebola-Virus und dem Klimawandel mitsamt Umweltkatastrophen.

„Die große Merkwürdigkeit unserer Zeit ist, dass die Menschen so pessimistisch sind, obwohl wir so gut und lange leben wie nie zuvor.“

Aber der erste Schritt hin zur Heilung Gelähmter ist ebenfalls Menschenwerk. Genauso wie die aufgeklärte, moderne Welt in der wir leben und all das, was es uns ermöglicht so zu leben, wie Menschen es sich früher bloß von Gott gewünscht haben. Die große Merkwürdigkeit unserer Zeit ist, dass viele so pessimistisch der Menschheit gegenüber sind, obwohl wir so gut und so lange leben wie nie zuvor. Oft sind es gerade diejenigen, die von den Errungenschaften der Menschheit am meisten profitieren, gemütlich und sicher in den Demokratien des Westens, die am lautesten gegen die Arroganz des Menschen und seine Verbrechen gegenüber der Natur protestieren.

Die erfolgreiche Behandlung eines Gelähmten weist auf etwas hin, woran sich heute nur noch wenige erinnern: Die Beherrschung der Natur durch den Menschen, seine Unabhängigkeit von ihr, ist nichts Schlechtes, sondern Voraussetzung für den Fortbestand der Menschheit.

Jeder, der meint, ein Mensch wäre nicht mehr als ein größenwahnsinnig gewordenes Bündel DNA-Stränge und Zellen muss nun anerkennen, dass der Mensch nicht nur aus Zellen besteht, sondern diese auch kontrollieren, verändern und lenken kann. Wir können anderen ein neues Leben schenken, wie man es sich früher nur von Gott vorgestellt hat. Das heute zur dominierenden politischen Haltung gewordene Schlechtreden und Beleidigen der Menschheit behindert uns dabei ,noch mehr zu wagen, zu experimentieren und uns fortzuentwickeln. Deshalb müssen wir uns diesem Denken entgegenstellen. Stellen Sie sich einmal vor, was für Wunder wir dann in 50 oder 100 Jahren vollbringen könnten.