11.11.2009

Fokussieren durch Bezahlen

Von Ralf Westphal

Wir zahlen zu wenig für das, was wir lesen.

Wir zahlen zuwenig. Dieser Gedanke ist mir neulich gekommen. Ich hatte mit Google Reader meine RSS-Feeds durchstöbert, dann bei InfoQ geblättert und schließlich eine neue Zeitschrift zur Hand genommen, von der ich ein Probeexemplar bestellt hatte: NOVO argumente. Ganz normal hatte ich also im Überfluss an Lesestoff ein Bad genommen. Ganz normal hatte ich dabei cherry picking betrieben: nur, was mir auf Anhieb interessant erschien, las ich.

Hört sich doch eigentlich auch gut an, oder? Ist es nicht toll, wenn uns soviele Daten “at our fingertips” zur Verfügung stehen? Selbstverständlich. Das möchte ich auch nicht missen. Eine zivilisatorische Errungenschaft ersten Grades. Und dennoch… Das Bad im Überfluss wollte mich nicht so recht erfrischen. Der Grund: Ich habe mich nicht fokussiert. Ich bin nicht tief gegangen. Ich habe mich nicht verstören lassen.

Meine Tochter hingegen hat nur eine sehr überschaubare Zahl an CDs und Kassetten mit Kindergeschichten wie Bibi & Tina oder Elea Eluander. Die hört sie wieder und wieder. Darin taucht sie tief ein, bis sie jede Einzelheit kennt und mit mir sogar arambolisch spricht. (Arambolisch ist die Sprache einer “Parallelwelt” bei Elea Eluander) Der Unterschied zwischen meiner Tochter und mir: Sie lebt im Mangel, ich im Überfluss. Sie taucht tief, ich schwimme an der Oberfläche.

Das ist natürlich eine verkürzte Darstellung. Der überzeichnete Kontrast hilft mir aber, meinen gestrigen Gedanken zu begründen: Ist der Überflüss an Daten vielleicht kontraproduktiv? Haben wir den falschen Wunsch, wenn wir uns noch mehr wünschen? Ist die “Umsonst-Kultur” des Internets nicht nur für Produzenten eine wirtschaftlich schwierige Sache, sondern auch für die Konsumenten?

Mich durchzuckte neulich jedenfalls beim Griff nach der Zeitschrift der Wunsch, es möge mehr kostenpflichtige Angebote geben. Die Zeitschriftenartikel kann ich im Internet kostenlos lesen – wie auch z.B. die der brand eins –, aber ich gebe für sie Geld aus. Hatte ich zunächst gedacht, das täte ich nur, um in einem Heft bequemer als am Bildschirm lesen können, so sehe ich jetzt einen zweiten positiven Effekt: ich fokussiere mich mehr. Lesestoff, für den ich bezahle, schenke ich mehr Aufmerksamkeit.

Der Volksmund weiß zwar schon lange, “Was nix kostet, ist auch nix wert”, doch gestern habe ich das echt gespürt, weil ich die Konsequenz gesehen habe. Meine Augen flogen über die kostenlosen Inhalte hinweg. War das Geschriebene zu holprig, bin ich gesprungen oder habe den nächsten RSS-Feedeintrag geöffnet. War ein Video zu langweilig, bin ich gesprungen oder habe das nächste gestartet.

Ohne spürbare Kosten gibt es keinen Anreiz, bei einem Inhalt zu verweilen. Ist das schlimm? Ich würde sagen, ja, das ist aus mehreren Gründen “schlimm”:

Wir verbrauchen die undiskutierbar endliche Ressource Zeit ineffektiv und ineffizient. Wohlgemerkt beziehe ich mich jetzt auf Zeit, in der wir etwas lernen wollen/sollen. Der Entspannung mag “Zappen” ja (gelegentlich) zuträglich sein. Wir geben Neuem/Unbekanntem weniger Chancen, weil wir schon genug damit zu tun haben, das Bekannte und Beliebte anzuklicken. Wenn wir hingegen gezahlt haben, tendieren wir dazu, auch mal das nicht unmittelbar Erfreuliche, Bekannte, Flauschige zu ertragen – und schließlich gar zu mögen und zu vertreten. Wir haben schließlich gezahlt, also nutzen wir auch die bezahlten Inhalte.

Wir begünstigen die Abnahme der Qualität von Inhalten, weil die im Überfluss unter immer größeren Konkurrenzdruck geraten. Der könnte theoretisch zwar auch dazu führen, dass die durchschnittliche Qualität zunimmt – de facto scheint das aber nicht so zu sein. Überlebensfähiger scheint nicht inhaltlich Tiefgehendes zu sein, sondern schnelle Aufmerksamkeitsattraktionen und schnell Befriedigendes. Das bedeutet nicht, dass es keine “guten Inhalte” mehr gibt, aber sie sind schwerer als im Mangel zu finden.

Mein Fazit: Wir müssen mehr zahlen für Inhalte. Wieviel genau mehr und in welcher Form, weiß ich nicht. Dass aber Zahlungen nötig sind, scheint mir unausweichlich. Nur wenn wir zahlen, wenn Konsum insofern spürbar wird, kommen wir zu einem bewussteren Umgang mit unserer Zeit, mit unseren Ressourcen.

Welchen Schaden die Abwesenheit von Kosten anrichten kann, sehen wir jeden Tag an der wachsenden Spam-Flut (auch innerhalb von Unternehmen). Da Emails nicht kosten, gibt es kein Halten. Jeder verbreitet alles an alle, wenn ihm danach ist. Was ihm keine Mühe macht, belastet allerdings die Empfänger. Das ist umso schlimmer, da Email ein Push-Medium ist.

Ähnliches gilt für die Veröffentlichung in anderen Medien. Mit dem Internet ist es jedem jederzeit möglich auf jedem Niveau etwas zu veröffentlichen – sei es in Newsgroups, Blogkommentaren oder gar eigenen Blogs. Das kostet nichts beim Schreiben und nichts beim Lesen. Google bringt es in haltlos wachsender Menge vor meine Augen.

Wenn es aber noch vor dem Internet eine zivilisatorische Errungenschaft gab, dann ist es die Impulskontrolle. Sie ist sogar womöglich im Kern der Definition von Zivilisation. Wir sollten nicht jedem Impuls nachgeben. Warum preisen wir dann das Internet mit seiner Null-Kosten-Kultur so hoch? Ist das nicht merkwürdig. Dort leben wir jeden Impuls zur Äußerung und Konsumption einfach aus. Kost´ ja nix.

Zwar beschert uns das vorher ungekannte Freiheit und Datenfülle. Andererseits scheint es mir sowohl bei der Produktion wie der Rezeption Qualitätsmängeln Vorschub zu leisten. Deshalb mein Gedanken, Produktion und Rezeption mit Geld zu steuern. Denn um nichts anderes geht es: Steuern von Zeitinvestitionen. Eine Latte, über die man springen muss, damit die knappe Ressource Zeit lohnenswert investiert ist.

Das ginge zwar auch irgendwie wohl mit mehr Selbstdisziplin und/oder Medienkompetenz. Vielleicht fehlt die mir ja schlicht als prä-Digital Native? Doch das gute alte Geld scheint mir ein einfacheres Mittel. Ich bin also im Allgemeinen dafür, mehr zu zahlen. Und ich bin auch bereit, selbst ganz konkret mehr zu zahlen und dadurch weniger Inhalte “at my fingertips” zu haben.

Dass das Bezahlen online anders als offline funktionieren muss, ist klar. Im Internet muss es Möglichkeiten zum kostenlosen Stöbern geben wie im Buchladen. Und Inhalte sollten in verschiedenen Granularitäten gekauft werden können. Am Ende tun wir uns aber, so glaube ich, alle einen Gefallen, wenn wir wieder für Inhalte zahlen.

Mehr, deutlich mehr kostenpflichtige Inhalte scheinen mir unausweichlich. Im historischen Rückblick werden deshalb wohl die ersten 15-20 Jahre “öffentliches Internet” mit seiner Null-Kosten-Kultur als Zeit der Verirrung angesehen werden. Schiere Datenflut ist eben nicht genug. Es braucht Hilfe beim Lenken und Fokussieren von Ressourcen. Und da ist Geld immer schon ein sehr probates Mittel gewesen.