05.06.2013

Fleisch ist ein Stück Wohlstand

Analyse von Hans Georg Wagner

Vegetarier sehen in Indien das Vorzeigeland des Fleischverzichts, dabei ist der wahre Grund die Armut. Jenseits der Wohlstandsinseln ist der Vegetarismus daher auch bedeutungslos. Außerdem verdanken die Nutztiere ihr Leben allein unseren Essgewohnheiten.

Die Zahl rein vegetarisch lebender Menschen auf der Welt nimmt ab. Während hierzulande Vegetaristenorganisationen mit missionarischem Eifer zu völlig fleischloser Kost aufrufen, fallen in anderen Teilen der Welt ganze Kulturen von einer einseitig auf Pflanzennahrung geprägten Ernährung ab und gönnen sich immer öfter auch ein Stück Fleisch.

Indien zum Beispiel wurde und wird von eingefleischten Vegetaristen in den satten, westlichen Industrieländern immer wieder als Musterbeispiel für verbreiteten Vegetarismus angeführt. Doch es entwickelt sich längst entgegengesetzt: „Fleischessen wird in Indien zum Statussymbol“ titelte Zeit Online Mitte April. Der Beitrag ist mit einem eindrucksvollen Video belegt. [1]

Im Text heißt es: „Die kulinarische Globalisierung hat Indien erfasst. Immer öfter wird beim Essen Fleisch geordert – obwohl das Land eine lange vegetarische Tradition hat.“ Die Filmaufnahmen zeigen Szenen aus einem Grillrestaurant in Mumbai, dem ehemaligen Bombay. Üppig bestückte Fleischspieße in der Länge eines Unterarms werden dort von Grillköchen in weißen Kochmützen zelebriert. Auch in den Lebensmittelläden sei der Trend eindeutig. Im Video wird ein Ladenbesitzer der 12-Millionen-Metropole mit den Worten zitiert: „So etwas wie Thanksgiving, das hätte hier niemand früher gefeiert. Heute ist das anders. Die Leute bestellen Truthahn und an Weihnachten auch mal Gans oder Ente. Das hat sich ziemlich gewandelt.“

„Die Gründe für den hohen Fleischverzicht wurden so gut wie nie thematisiert.“

Vor sieben Jahren, im Jahr 2006, hätten dem Beitrag zufolge noch 40 Prozent der Inder angegeben, Vegetarier zu sein. Die Gründe für diesen hohen Fleischverzicht wurden allerdings so gut wie nie thematisiert. Vegetarierorganisationen im Westen klopften den Bewohnern des Subkontinents gönnerhaft auf die Schulter, wegen ihres großen Vegetarieranteils in der Bevölkerung. Nach einer Umfrage des Eurasischen Magazins zu vegetarischen Ernährungsgewohnheiten in der Welt wurde noch im Frühjahr dieses Jahres Indien als weitgehend fleischloses Vorzeigeland gerühmt. [2] Dabei hatte dort längst die Trendwende eingesetzt. Der Vegetarierbund Deutschland gab in dem Beitrag über Vegetarierzahlen in anderen Ländern dennoch zu Protokoll: „In Belgien sollen sich 2 Prozent der Bevölkerung vegetarisch ernähren, in Österreich 3 Prozent, in Großbritannien 6 Prozent und in der Schweiz 9 Prozent… Indien führt mit 20–40 Prozent (also über 200 Millionen) Vegetarier.“ [sic]

Über die Beweggründe von vermeintlich 200 Millionen indischen Vegetariern wurde auch jetzt nicht gesprochen. Dabei können Reisende auf dem Subkontinent seit Jahrzehnten beobachten, dass die überwiegende Mehrzahl der Inder sehr wohl und sehr gerne Fleisch isst, dass aber viele sich ein entsprechendes Gericht einfach nicht leisten konnten. Das Klischee vom mustergültigen Vegetarierland Indien war für die fleischlosen Ideologen einfach zu schön, um wahr zu sein, und wurde daher trotz vieler Einwände hartnäckig als Musterbeispiel hochgehalten. Einen gegenteiligen Bericht brachte zum Beispiel TourismWatch, Informationsdienst Tourismus und Entwicklung schon im Juni 2001. In dem Newsletter des Evangelischen Entwicklungsdienstes „Brot für die Welt“ stellte Ludmilla Tüting knapp und ideologiefrei dar, welchen Stellenwert fleischlose Kost in Indien wirklich hat.

Der Titel des Beitrags im „Brot für die Welt“-Newsletter lautete: „In Indien isst man kein Fleisch“. Die Indien-Kennerin Tüting stellte klar: „Diese Pauschalisierung ist schlichtweg falsch, wie jeder Tourist leicht selbst beobachten kann. Korrekt wäre: Hochkastige Hindus essen überhaupt kein Fleisch, alle gläubigen Hindus kein Rind. Für gläubige Muslime, die zwölf Prozent von einer Milliarde Inder ausmachen, ist Schwein tabu. Die Mehrheit der Inder isst Fleisch, kann es sich jedoch aus finanziellen Gründen oft nicht leisten. Besonders beliebt sind Ziegen- und Hammelfleisch sowie Hähnchen, die nicht unbedingt zum Fleisch gerechnet werden. Wie in vielen anderen Ländern gilt als ‚Fleisch‘ nur rotes Muskelfleisch.“ [3]

„Die Mehrheit der Inder isst Fleisch, kann es sich jedoch aus finanziellen Gründen oft nicht leisten.“

Lange waren Indiens Vegetarier demnach wegen ihrer Armut vorwiegend Pflanzenesser. Jetzt, nachdem das Land zu Wohlstand gelangt, können sich immer mehr Menschen gemischte Kost mit Fleisch leisten. Fleisch ist ein Stück Wohlstand. Auch in anderen Entwicklungs- und Schwellenländern nimmt der Konsum von Fleisch zu, zum Beispiel in China und Brasilien. Eine grafische Übersicht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) belegt, dass der Fleischkonsum pro Kopf der Bevölkerung in den letzten 30 Jahren in den Entwicklungsländern deutlich stärker gestiegen ist als in den Industrieländern. Die wohlhabenden Nationen haben seit langem das höchste Niveau im Fleischverzehr, die zu Wohlstand gelangenden Länder holen jedoch dramatisch auf. [4]

Im „Weltagrarbericht“ der Zukunftsstiftung Landwirtschaft heißt es über die zu erwartende Entwicklung des Fleischverbrauchs: „In den vergangenen 50 Jahren hat sich der weltweite Fleischverbrauch vervierfacht von 70 Millionen Tonnen im Jahr 1961 auf mittlerweile 283 Millionen Tonnen pro Jahr. Der Weltagrarbericht geht davon aus, dass dieser Trend anhält, wenn der hohe Fleischkonsum der Industrieländer gleich bleibt und städtische Mittelschichten in China und anderen Schwellenländern sich diesem Niveau weiter annähern.“ [5]

Dennoch gehen Vegetaristenorganisationen noch immer von einer bevorstehenden mehr oder weniger fleischfreien Welternährung aus. In der bereits zitierten Umfrage des Eurasischen Magazins ist zu lesen, dass in den nächsten Jahrzehnten möglichst alle Menschen dazu bekehren werden sollen, völlig auf das Essen von Fleisch zu verzichten. „Ja, dies ist unser Ziel“, verkündet Renato Pichler, Vize-Präsident der Europäischen Vegetarierunion (EVU) gegenüber dem EM. [6]

„Verzichten kann nur, wer im Überfluss lebt. Wer hungert, verzichtet nicht.“

Die Wahrheit ist jedoch: Verzichten kann nur, wer im Überfluss lebt. Wer hungert, verzichtet nicht. Global gesehen, außerhalb der Wohlstandsinseln, spielt der ideologisch bestimmte Vegetarismus nach westlichem Muster daher auch keine Rolle. Denn wenn keine Tiere mehr gegessen werden, könnte wohl auch ein wesentlicher Teil der 60 Prozent der Welt-Agrarfläche, die aus Viehweiden besteht, nicht mehr wirtschaftlich genutzt werden. Nicht einmal Vegetarier essen schließlich Gras und können davon existieren. In vielen Gegenden dieser Welt leben Menschen von Fisch und Wild.

Gut ein Jahrzehnt nach dem Versuch von „Brot für die Welt“, das falsche Vegetaristenbild von Indien geradezurücken enthüllte die Financial Times Deutschland im Juni 2012 in einem Beitrag von Frank Bremser unter der Überschrift „Heiliger Büffel“ eine echte Sensation: „Ausgerechnet Indien steht davor, zum weltgrößten Exporteur von Rindfleisch zu werden – ein Land, in dem die Kuh sakrosankt ist.“ [7]

Der Artikel berichtet, dass vor allem Wasserbüffelfleisch von Weibchen, die keine Milch mehr geben, und von männlichen Wasserbüffeln in riesigen Mengen exportiert werde. Das sogenannte Carabeef sei sehr mager und werde deshalb gerne für Salami verwendet. Den reißenden Absatz des indischen Wasserbüffelfleisches führe das amerikanische Landwirtschaftsministerium auf eine steigende Nachfrage aus Importnationen in Südostasien, dem mittleren Osten und Afrika zurück.

Hierzulande jedoch wittern Vegetaristen aufgrund aller möglichen „Fleischskandale“ Morgenluft. Medial finden sie große Aufmerksamkeit, wenn sie zum Beispiel fleischlose Tage fordern. Dabei zeigt ein Blick in ein bürgerliches Kochbuch, dass es schon immer Mehlspeisen, Gemüsepfannen, Rohkostplatten und Kaltschalen gab, die ohne Fleisch auskommen. Nur die völlige Beschränktheit vegetaristischer und veganer Speisepläne ist relativ neu. Dabei ignorieren die fleischlosen Vordenker völlig, dass der, der keine Tiere essen will, auch nicht will, dass sie leben. Die rund 26 Milliarden Exemplare an Rindern, Schweinen, Schafen, Ziegen und Geflügel auf der Welt gibt es ja nur, weil der Mensch ihnen Ställe baut und sie füttert. Wie sähe denn in einem vegetaristischen Zeitalter Urlaub auf dem Bauernhof aus? Ohne Kälbchen, ohne Ferkel, ohne Kühe auf der Weide, ohne Gänse, Enten und Hühner. Dafür mit Folienfeldern und Monokulturen aus Salat, Soja und Getreide?

Die FAO hat kürzlich wieder einmal vorgeschlagen, Insekten auf den Teller zu bringen, damit weniger Warmblütlerfleisch und Fisch gegessen wird. [8] Von Insektenfarmen und -zuchtanlagen ist die Rede. Die meisten Vegetaristen sträuben sich aber sogar dagegen, denn Insekten sind eben auch Tiere. Sie stellen sogar die artenreichste Klasse der Tiere überhaupt. Selbst der Vorschlag, Insekten als Futter für Schlachttiere einzusetzen, wird deshalb von einseitig auf Pflanzenkost reduzierten Ernährungsideologen abgelehnt.

Aber FAO hin, Vegetarierbund her – zum Glück entscheidet ja noch immer der Verbraucher darüber, was auf den Teller kommt.