18.01.2014

Politikverdrossenheit: Dieudonné - der Dagegen-Clown

Von Kenan Malik

Dem antisemitischen Komiker Dieudonné M’Bala M’Bala droht in Frankreich ein Auftrittsverbot. Aber dies widerspricht nicht nur der Idee der freien Meinungsäußerung, meint der Soziologe Kenan Malik, es wäre auch keine Lösung für die von Dieudonné verkörperten problematischen Trends

Eins ist klar: Der französische Komödiant Dieudonné M’Bala M’Bala, zurzeit im Mittelpunkt der aktuellen Antisemitismus-Diskussion [1], ist ein Fanatiker. Aber das heißt nicht, dass seine Anhänger auch Fanatiker sind oder dass seine Auftritte verboten werden sollten. Die Debatte über Dieudonné zeigt das Maß an Blindheit und Verwirrung, das in der heutigen Politik herrscht.

Die neueste Kontroverse über den Comedian begann, nachdem der Fußballer Nicolas Anelka ein Tor mit dem „Quenelle“-Gruß zelebrierte [2], einer von Dieudonné erfundenen Geste, die einen „umgekehrten“ Nazigruß mit dem beleidigenden französischen Handzeichen Bras d’Honneur verband, das so viel wie „leck mich“ bedeutet. Für manche ist der „Quenelle“ ein Ausdruck von Hass auf das System, für andere ist er antisemitisch konnotiert. Tatsächlich ist er jedoch beides und Dieudonnés Erfolg beruht auf der Vermischung dieser beiden Bedeutungen.

Dieudonné startete seine Karriere als satirischer, irgendwie surrealer, oft kampflustiger, aber doch massenkompatibler Beobachter der französischen Gesellschaft - vor allem hinsichtlich des Umgangs der verschiedenen Ethnien untereinander. Ursprünglich trat er im Duo mit dem jüdischen Komödianten Elie Semoun auf. In den vergangenen zehn Jahren wurde Dieudonnés Show allerdings zunehmend düsterer und er fixierte sich zunehmend auf Juden. In Dieudonnés neuem Weltbild sind die Juden nicht nur weitgehend für das Leiden der Schwarzen verantwortlich, sondern mit ihrer erfolgreich als Trumpf ausgespielten Opferkarte haben sie die Aufmerksamkeit auch erfolgreich von der Benachteiligung der Schwarzen abgelenkt.

In seiner vielleicht berüchtigtsten Nummer, lädt Dieudonné den revisionistischen Historiker und Holocaustleugner Robert Faurisson auf die Bühne ein, um ihn mit einem fiktiven Preis für „soziale Unzumutbarkeit und Unverschämtheit“ auszuzeichnen, überreicht von einem Schauspieler mit einem gelben Stern, verkleidet als Gefangener eines Konzentrationslagers. Als der Schauspieler sagt, er trage das Kostüm nur für die Show, antwortet Dieudonné: „Nein du Idiot! Du trägst es, weil du in Belsen warst. Da war das Pflicht!“ Für Dieudonné sind die Opfer des Holocaust lediglich vorgetäuscht und die gesellschaftliche Betroffenheit über den Holocaust ist inszeniert.

Der Sketch stimmt sehr mit dem Tenor seiner aktuellen Arbeit überein. In einer anderen Nummer macht er sich über den jüdisch-französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy lustig, indem er ihn beim Feilschen mit einem Straßenverkäufer sagen lässt: „Wie kannst Du es wagen, mir einen so hohen Preis abzuverlangen, wo doch sechs Millionen von uns durch den Holocaust gestorben sind?“ Für Dieudonné ist der Holocaust „Mahnmal-Pornografie“ für Juden. Er macht Juden für den Sklavenhandel und folglich auch die Unterdrückung der Schwarzen verantwortlich. Entsprechend erklärte er in einem Radiointerview: „Aus den Schulbüchern meiner Kinder reiße ich die Seiten über den Holocaust heraus. Und das werde ich solange tun, bis das uns widerfahrene Unrecht erkannt wird.“

„Dieudonné verdankt seine Popularität seiner Fähigkeit, mit den auf die heutige Politik – nicht nur in Frankreich – so zersetzend wirkenden Themen zu spielen und sie zu überspitzen.“

Dieudonné verdankt seine Popularität seiner Fähigkeit, mit auf die heutige Politik – nicht nur in Frankreich – so zersetzend wirkenden Themen zu spielen und sie zu überspitzen: Verachtung für Politiker und die etablierte Politik im Allgemeinen, das Gefühl kein Mitspracherecht zu haben und alleingelassen zu sein – speziell in den Banlieues Frankreichs –, die Vorstellung einer aus den Fugen geratenen Welt in den Händen böser Mächte, die Opferrolle als Träger gesellschaftlicher Identität, die Bereitschaft zum Glauben an Verschwörungstheorien und das Aufkeimen neuer Formen von Antisemitismus, vor allem innerhalb der Linken und bei Jugendlichen mit nordafrikanischen Wurzeln. Der „Quenelle“-Gruß ist heute deswegen so beliebt, weil er all diese aktuellen Themen in einer einzigen Geste verkörpert. Viele sehen in ihm heute einen Ausdruck für den Hass auf das System. „Die Bedeutung der ‚Quenelle‘ ist ‚gegen das System‘“, behauptet Anelka nach der Furore um seinen Torjubel. „Ich weiß nicht, was Religion damit zu tun haben soll.“

Aber was bedeutet es, wenn man sagt, man hasst „das System“? In einer Zeit, in der die progressiv eingestellten sozialen Bewegungen zerfallen sind und in der weitverbreitete Skepsis bezüglich der Möglichkeit herrscht, kollektiv gesellschaftlichen Wandel durchzusetzen, artikulieren die Menschen ihre Wut nicht mehr in Form gezielter Opposition gegen politische Strategien, die Regierung, oder gar den Kapitalismus, sondern durch einen allgemeinen Hass auf alles und jeden an der Macht.

„Ungerichtete Wut beinhaltet nicht nur keinen kohärenten politischen Standpunkt, sondern ist auch potentiell reaktionär.“

Eine solch ungerichtete Wut beinhaltet nicht nur keinen kohärenten politischen Standpunkt, sondern ist auch potentiell reaktionär. Und die wahllosen Angriffe gegen das System können sehr leicht umschlagen in die Verfolgung des „Anderen“ überhaupt. Die Politikverdrossenheit legt den Grundstein für das Verschmelzen von „Radikalismus“ und Borniertheit. Die Verachtung gegenüber der Mainstream-Politik und der Eindruck, die politische Elite interessiere sich nicht für die Meinung der einfachen Leute, ist eine Ursache für die aktuelle Feindseligkeit gegenüber Muslimen und Immigration überhaupt. Antisemitische Verschwörungstheorien sind natürlich anders gestrickt. Sie haben eine längere Geschichte und sind tiefer in der kollektiven Vorstellungswelt verankert. Der gegenwärtige Antisemitismus stützt sich auf diese besondere Geschichte und das damit verbundene Bewusstsein. Aber er reinszeniert keineswegs nur traditionelle Themen, sondern er stützt sich auch auf dieselben antipolitischen Themenkomplexe, die auch die anderen Verschwörungstheorien unserer Tage befeuern.

Letztlich fand Dieudonné einen neuen Duo-Partner – nicht auf der Bühne sondern in der Politik. Alain Soral war ein Mitglied der Kommunistischen Partei, trat anschließend der rechten Front National bei und wurde Mitglied in dessen Zentralkomitee, bevor er 2009 mit Dieudonné die Parti antisioniste (Anti-Zionisten-Partei) gründete. Dieudonné – der Mann der an eine große, rassistische Verschwörung gegen Schwarze glaubt – hat also selbst mit der Front National geliebäugelt; Jean-Marie Le Pen war sogar Taufpate eines seiner Kinder. Sorals Weg von der stalinistischen Linken zur faschistischen Rechten und die Nähe des „Antirassisten“ Dieudonné zu Le Pen zeigt nicht nur die bei vielen oppositionellen Politikern offenbar vorherrschende Verwirrung. Deutlich wird auch, dass die Opposition weniger vom Streben nach klaren politischen Standpunkten als von einer Sehnsucht nach antipolitischem Aufruhr angetrieben ist. Wir sollten den politischen Einfluss einer Figur wie Dieudonné nicht überschätzen. Als er sich 2009 in den Europawahlen als Kandidat der Parti antisioniste aufstellen ließ, bekam er nur 1,3 Prozent der Stimmen. [3] Tatsächlich besorgniserregend sind demgegenüber die von ihm verkörperten Trends, von denen in Frankreich vor allem der Front National profitiert hat.

Die Verschmelzung von antisemitischer und systemfeindlicher Gesinnung wirft ein Licht auf diesen bestimmten Aspekt der heutigen Politik, die Debatte darüber, ob Dieudonné zensiert werden sollte, beleuchtet einen anderen. Während der letzten zehn Jahre war Dieudonnè regelmäßig vor Gericht aufgrund verschiedener Anklagen wegen Aufstachelung zum Rassenhass und übler Nachrede gegen jüdische Personen und Organisationen. Ihm wurde neunmal eine Geldbuße auferlegt, auch für den Faurisson-Sketch [4], für den er wegen „öffentlicher Beleidigung von Personen mit jüdischem Glauben oder jüdischer Herkunft“ verurteilt wurde, weil er die Juden als Sklavenhändler bezeichnete und sich über den Holocaust lustig machte.

Sogar noch vor dem Anelka-Vorfall gab das französische Innenministerium bekannt, es prüfe „alle legalen Mittel“ um weitere öffentliche Auftritte Dieudonnés zu unterbinden. [5] Der Wirbel um Anelkas Quenelle-Torjubel hat die Kampagne, mit der Dieudonné zum Schweigen gebracht werden soll, stark angefacht. Am 6. Januar sendete der französische Innenminister Mauel Valls an alle Bürgermeister und Polizeipräsidenten ein dreiseitiges Memo mit dem Titel „Der Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus – Demonstration und öffentliche Reaktion – Auftritte von Dieudonné M’Bala M’Bala.“ „Der Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus“, schreibt Valls, „ist ein wesentliches Anliegen der Regierung und erfordert energisches Handeln“, und er rief die Bürgermeister und Polizeipräsidenten dazu auf, Auftritte des Komikers aufgrund „massiver Störung der öffentlichen Ordnung“ zu verbieten. Viele waren damit einverstanden. Nachdem ein Amtsgericht in Nantes, wo Dieudonné auftreten sollte, das Verbot kippte, appellierte Valls an das oberste Verwaltungsgericht, das Conseil d’Etat, welches das Verbot prompt wieder in Kraft setzte. [6]

„Letztlich sind es gerade Figuren wie Dieudonné, die unsere innere Überzeugung von der Richtigkeit der Idee der freien Rede auf die Probe stellen.“

Der Versuch Dieudonné von der Bühne zu vertreiben ist völlig verfehlt, sowohl aus prinzipiellen als auch aus pragmatischen Gründen. „Meinungsfreiheit ist ein heiliges Gut“, behauptet der Philosoph Bernard-Henri Lévy in einem Radiointerview. [7] Aber er sagt auch, Dieudonnés Aussagen seien eine solche „Aggression gegen den Inhalt und die Grundlage der Idee dieser Republik, dass es keine andere Möglichkeit gibt als seine Auftritte zu verbieten.“ Freie Rede ist, in anderen Worten, nur dann heilig, wenn es für liberale Republikaner, wie Lévy akzeptabel ist; aber sie erstreckt sich nicht auf diejenigen, die die Ideale der Republik nicht teilen. Damit wird die Idee der freien Rede zur leeren Phrase. Man redet zwar von freier Meinungsäußerung, aber wenn es ein wenig unbequem wird, wie etwa angesichts von Fanatikern, ist man sofort bereit, das Prinzip aufzuheben. Denn letztlich sind es gerade Figuren wie Dieudonné, die unsere innere Überzeugung von der Richtigkeit der Idee der freien Rede auf die Probe stellen.

In jedem Fall kann man den Fanatismus nicht bekämpfen indem man ihn verbietet. Denn damit leistet man lediglich der Verfestigung dieser Ansichten im Untergrund Vorschub. Frei nach Milton ist der Versuch, unliebsame Lehren durch Verbote zu unterbinden ungefähr so nützlich, wie der Versuch die Krähen fernzuhalten, indem man das Gartentor schließt. Ein Auftrittsverbot für Dieudonné wird nicht die Gründe beseitigen, aus denen heraus viele Menschen ihn unterstützen. Es unterbindet weder das Misstrauen in Politiker und die Mainstream-Politik noch beschwichtigt es das Gefühl, nicht vertreten zu sein und kein Mitspracherecht zu haben, das der Nährboden dieses Misstrauens ist. Auch die Bereitschaft zum Glauben an Verschwörungstheorien und der wachsende Antisemitismus bleiben davon unberührt. Vielmehr würde dadurch der Eindruck weiter verstärkt, die politische Elite sei taub für die Nöte und Sorgen der einfachen Leute. Die Vorstellung, böse Mächte würden die Wahrheit unterdrücken, werden dadurch nur verstärkt. Die Kampagne Valls hat letztlich vor allem dazu geführt, Dieudonné eine neue öffentliche Bühne zu verschaffen und ihn zum Märtyrer zu machen.

Die Zensur hässlicher Ideen lässt diese nicht verschwinden. Mit Verboten stielt man sich eher nur aus der Verantwortung dafür, sich mit diesen Ideen auseinanderzusetzen. Allein indem wir von unserem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen, können wir unsere Ablehnung artikulieren und uns mit den Ideen anderer messen – seien sie nun Fanatiker oder nicht. Das Verbot von Hasspredigten ist lediglich der Weg des geringsten Widerstands. Anstatt fanatische und mit Ressentiments aufgeladene Vorstellungen argumentativ auf die Probe zu stellen oder sich mit den Zweifeln ihrer Anhänger auseinanderzusetzen, wollen viele Politiker und Intellektuelle heute aber lieber einfach alles verbieten, was ihnen inakzeptabel erscheint. So befeuer die antipolitische Haltung, die einer Figur wie Dieudonné einerseits den Zulauf sichert, andererseits zugleich die Kampagne für dessen Auftrittsverbot. Sowohl Dieudonné als auch seine Kritiker wissen offenbar, was sie hassen und verbieten wollen, aber sie können weder positiv formulieren, wofür sie einstehen, noch einen solchen Standpunkt argumentativ rechtfertigen. Gegen das System, gegen die Juden, gegen die Politik – einfach nur dagegen.