13.08.2018

„Die Welt braucht eine realitätsbezogene Frauenbewegung“

Interview mit Christina Hoff Sommers

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Foto: KylaBorg via Flickr / CC BY 2.0

Früher war der Feminismus eine Befreiungsbewegung, heute werden in seinem Namen künstliche Paniken erzeugt, nach Unsinnigem wie Safe Spaces und Trigger-Warnungen geschrien.

Warum, denken Sie, hat der Feminismus jüngst die Nachrichten so beherrscht?

Christina Hoff Sommers: Nun, ich denke, dass die Wahl Donald Trumps eine Menge damit zu tun hatte. Er ist eine schwierige Persönlichkeit, egal welche politischen Ansichten man über ihn vertritt. Seine Wahl hat ein ziemliches Chaos unter den Feministen verursacht, bei Gemäßigten wie auch bei Hardlinern. Schon bevor er Präsident wurde, hielten viele die Vereinigten Staaten für ein repressives Patriarchat. Doch seit seiner Wahl glauben viele sogar, dass sie in der Welt von Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ leben. Das alles hat dafür gesorgt, dass sie sich voll und ganz im Widerstandsmodus befinden.

Für viele Menschen, mich eingeschlossen, war Trumps Wahl demütigend. Ihm fehlen der moralische Kompass und das nötige Wissen, um eine Weltmacht zu regieren. Für feministische Hardliner ist Trump sogar ihr personifizierter schlimmster Alptraum. Alles, was sie in ihrem Gender-Studies-Lehrbuch über toxische Männlichkeit und das unterdrückende Patriarchat gelesen haben, ist Wirklichkeit geworden. Das ist jedoch ein verzerrter Blickwinkel. Trump ist ein Problem, aber aus anderen Gründen, als die Feministen das finden.

Repräsentiert der Feminismus bei der Panik um Trump nun eine bestimmte Gruppe von Frauen, also nur die Journalistinnen und Medienprominenten?

Ja, sehr sogar. Die Umfragen zeigen, dass der Feminismus immer darum kämpfen musste, die Mehrheit der Menschen von seiner Sache zu überzeugen. Die meisten Frauen sehen sich nicht als Feministinnen. Es gilt mittlerweile als schick, aber ich bin mir noch nicht so ganz sicher, welche Konsequenzen daraus folgen. Ich denke, dass der Feminismus genauso viele abschreckt wie er anzieht. Außerdem meine ich, dass er sicherlich viele Männer verscheucht, da er in seiner aktuellen Form äußerst männerfeindlich daherkommt.

„Gender-Studenten sind in eine Art Verschwörungstheorie eingetaucht.“

Vielleicht hat das etwas mit dem Fokus auf den weiblichen Körper zu tun. Letztes Jahr haben Feministinnen mit pinkfarbenen Wollmützen („pussy hats“), Schildern mit Abbildungen der Gebärmutter, blutbefleckten Jeans, Tampons, Beinbehaarung demonstriert. Was halten Sie von diesem sogenannten „Ekel“-Feminismus?

Igitt. Das ist alles ziemlich absurd. So sind auch die Männer nicht an die Macht gekommen. Diese albernen Methoden bestätigen die schlimmsten Vorurteile über Frauen. Das wird die Bewegung eher ins Abseits drängen und nicht unbedingt attraktiver machen. Oft hört man, dass es Spannungen zwischen den Generationen gibt. Es heißt dann: „Na ja, die Welt verändert sich und so denken die jungen Leute nun mal.“ Aber als jemand, der sich seit vielen Jahren mit den Inhalten der Gender Studies beschäftigt, kann ich Ihnen sagen, dass vielen jungen Leuten genau das beigebracht wurde. Die Unterdrückungstheorien und diese exzentrischen Ideen, die sich auf den Gedanken konzentrieren, dass wir wegen des Frauseins unterdrückt werden und wegen unserer Körper – diese Vorstellungen kommen aus den Gender Studies. Deswegen glaube ich nicht, dass es sich dabei bloß um eine spontane Bewegung von jungen Frauen handelt.

Gender Studies werden von verschiedenen Richtungen der kritischen Theorie dominiert. Begriffe wie Safe Space und Mikroagressions-Überwachung etwa stammen aus der kritischen Theorie, einer paranoiden Weltanschauung, die sich nur darum dreht, wie unterdrückt wir alle sind. Die intersektionale Theorie beispielsweise betrachtet die heutige amerikanische oder britische Gesellschaft als eine Matrix der Unterdrückung – als ineinandergreifende, sich gegenseitig verstärkende Unterdrückungskategorien. Die Studenten sind also in eine Art Verschwörungstheorie eingetaucht. Sie hören keinen Widerspruch mehr, denn Widerspruch gilt per Definition als Gegenschlag.

Ich halte das also schlicht nicht für einen begründeten Aufstand. Manche denken sich, „na gut, wenn man gegen die Intersektionalität ist, dann ist das so, als wäre man gegen die Rechte von Homosexuellen, gegen Bürger- oder gegen Frauenrechte“. Nein, das alles waren echte Befreiungsbewegungen. Intersektionalität hingegen nicht. Diese Bewegungen fußten in der Wirklichkeit – sie hatten greifbare Ziele, die klassischen liberalen Prinzipien entsprechen.

Also gibt es diese verinnerlichte Unterdrückung schon länger – es sind nicht nur verrückte junge Frauen, wie es einige Antifeministen gerne behaupten?

Das gibt es schon sehr lange. Ich lese solche Dinge schon seit den frühen 1980er-Jahren. Sie halten aber zunehmend Einzug in den Mainstream. Eine gewisse Zahl von Gender-Studies-Absolventen ging in den Journalismus oder engagiert sich aktivistisch. Das ist eben genau die Art von Feminismus, die diese Leute vorantreiben.

„Denn jede Frau hat jetzt die Macht, einen Mann mit einer Anschuldigung zu vernichten, sogar mit einer falschen.“

Kommen wir mal auf realitätsbezogene Politik zu sprechen: Was sagen Sie zu der Welle der sexuellen Belästigung, die sich im Phänomen der #MeToo-Bewegung manifestiert hat? Schweben Frauen tatsächlich in ständiger Gefahr, am Arbeitsplatz belästigt zu werden?

Dafür gibt es keine Belege. Fälle wie Harvey Weinstein oder Charlie Rose betreffen einige sehr prominente Männer in einem nicht alltäglichen Umfeld, wo sie niemandem Rechenschaft schuldig waren. Das sind also untypische Fälle. Wenn man in einem Büro oder an einem typischen Arbeitsplatz arbeitet, mit einem Personalchef oder einem Vorgesetzten, der gewisse Umgangsformen in Sachen Höflichkeit und Respekt beherrscht, sind nennenswerte Probleme viel weniger zu erwarten.

Es ist schwierig, gute Studien zu sexueller Belästigung zu finden, denn eine genaue Begriffsdefinition gestaltet sich kompliziert und die zugehörigen Daten schwirren überall herum. Die renommierteste Studie, die ich gefunden habe, wurde vom General Social Survey an der University of Chicago durchgeführt. (Das ist wahrscheinlich die vertrauenswürdigste Datenquelle innerhalb der Sozialwissenschaften.) 2014 wurde eine Stichprobe amerikanischer Frauen befragt: „Wurden Sie in den letzten zwölf Monaten von irgendjemandem am Arbeitsplatz sexuell belästigt?“ 3,6 Prozent der Befragten bejahte dies. Das war ein Rückgang gegenüber 6 Prozent im Jahre 2002. Diese Zahlen legen nahe, dass es sich zwar um ein Problem handelt, aber nicht um einen massiven Angriff auf Frauen am Arbeitsplatz. Soviel wissen wir also.

Wenn das der Fall ist, warum wird dann üblicherweise angenommen, die sexuelle Belästigung habe erschreckende Ausmaße angenommen?

Die Leute lassen sich von Geschichten mitreißen. Außerdem ist es ein Prinzip der intersektionalen Theorie, dass man sich nicht auf Statistiken verlassen kann, um herauszufinden, was wirklich im repressiven, kapitalistischen Patriarchat vor sich geht. „Statistiken sind von männlichen Denkweisen geprägt, hört lieber darauf, was Frauen zu erzählen haben“, heißt es aus der Ecke. Also hört man sich die Geschichten von Frauen an und schenkt ihnen Glauben, denn es gehört außerdem zu deren Prinzipien, dass man Frauen glauben und nicht skeptisch sein sollte. Man muss aber herausfinden, ob diese Geschichten wahr sind und ob sie den Erfahrungen der meisten Frauen entsprechen – oder eben nicht. Den besten vorliegenden Studien zufolge tun sie das wohl nicht.

Der Feminismus muss sich der Bedeutung eines angemessenen Verfahrens bewusst sein. Er darf nicht einfach von der Schuld ausgehend – schuldig, weil angeklagt, ist nicht nur moralisch falsch, sondern auch gesellschaftlich verheerend. Männer und Frauen arbeiten zusammen, wir arbeiten zusammen. Zum größten Teil klappt das auch gut. Ich habe gestern Abend darüber nachgedacht, was bei dieser ganzen #MeToo-Panik wohl am Ende herauskommt. Dabei bin ich zu dem Ergebnis gelangt, dass eine Menge Isolation und Einsamkeit entstehen wird. Viele werden sich vor dem Umgang am Arbeitsplatz fürchten, besonders wenn er nicht unter Zeugen stattfindet. Denn jede Frau hat jetzt die Macht, einen Mann mit einer Anschuldigung zu vernichten, sogar mit einer falschen.

„Das Reden von Traumata und Verletzlichkeit ist nicht befreiend, sondern lähmend.“

Was ist mit der anderen feministischen Besessenheit – dem Pay Gap? Gibt es heute noch eine „gläserne Decke“ für amerikanische Frauen?

Es mag vielleicht Enklaven geben und es ist gut möglich, dass Hollywood zu diesen gehört. Aber insgesamt bin ich mir keines verantwortungsvollen Ökonomen (einschließlich feministischer Ökonomen) bewusst, der behauptet, dass es durch die Bank eine systematische Diskriminierung von Frauen gibt. Die meisten Ökonomen werden Ihnen stattdessen erzählen, dass die Behauptung, dass Frauen nur 77 Cent für jeden Dollar bekommen, den ein Mann verdient, schlicht falsch ist. Zumindest – lassen Sie es mich so sagen – ist sie irreführend. Sie bezieht nämlich nicht die verschiedenen Berufe, Positionen und Wochenarbeitszeiten mit ein. Diese relevanten Faktoren müssen berücksichtigt werden, und wenn dies geschieht, verringert sich auch das Lohngefälle. In manchen Studien verschwindet es sogar ganz. Also müssten die Paygap-Aktivisten geeignete statistische Kontrollen durchführen. Es misslingt ihnen immer, die entscheidenden Variablen zu prüfen.

Gibt es irgendetwas Positives an jungen Frauen, die sich heutzutage feministisch engagieren oder bereitet Ihnen die aktuelle Entwicklung nur Sorgen?

Manchmal finde ich durchaus etwas Bewundernswertes daran, dass diese jungen Frauen sich nicht einfach mit Dingen abfinden wollen, die wir in der Vergangenheit in Kauf genommen haben. Vielleicht gibt es wirklich Fortschritt. Weiterhin denke ich, dass aus der Bewusstwerdung über Belästigung etwas Gutes erwachsen könnte: Vielleicht werden Männer und Frauen zusammenarbeiten und den Umgang am Arbeitsplatz auf das Niveau des 21. Jahrhunderts heben.

Allerdings ist meine Sorge, dass wir jungen Frauen nicht mit auf den Weg geben, dass sie stark und belastbar sind und den Männern gleichgestellt, sondern sie zur Angst vor Männern anleiten. Das Reden von Traumata und Verletzlichkeit ist nicht befreiend, sondern lähmend. Ich bin also zuversichtlich, dass sich diese Welle des Interesses und des Aktivismus mäßigen wird, gerechter, fairer und differenzierter wird. Allerdings habe ich bis jetzt noch keine Anzeichen dafür erkennen können.

Ich war schon immer eine Verfechterin des klassischen Gleichheitsfeminismus. Dieser betrachtet Frauen als Individuen. Gleichheitsfeminismus will für Frauen, was er für alle will: faire Behandlung, Respekt und Würde. Aber in den letzten Jahren wurde er von einem, wie ich es nenne, Ohnmachts-Feminismus in den Schatten gestellt. Ich leihe mir den Begriff von jenen Frauen des 19. Jahrhunderts, die in der Gegenwart männlicher Vulgarität in Ohnmacht fielen oder in eine elegante Liege sanken. (Was wahrscheinlich an ihren engen Korsetts lag, aber das ist eine andere Frage.)

„Über das ganze Getue rundum Triggerwarnungen, ‚Check your privileges‘ oder Wörter wie ‚Mansplaining‘ kann ich mich nur aufregen.“

Die Anhänger des Ohnmachts-Feminismus betrachten Frauen als zerbrechlich und verletzungsanfällig. Sie setzen sich für Triggerwarnungen, Safe Spaces und Mikroaggressions-Überwachung ein. Ihr Fokus liegt also nicht auf der Gleichheit gegenüber Männern, sondern auf dem Schutz vor Männern. Als Gleichheitsfeministin aus den 1970er-Jahren sehe ich darin einen Rückschlag für den Feminismus und die Frauen. Wir sind keine zerbrechlichen Vögelchen.

Warum nennen Sie sich immer noch Feministin, wenn am modernen Feminismus so Vieles im Widerspruch zu dem steht, woran Sie glauben?

Ich bin bereits im letzten Jahrhundert zur Feministin geworden, als ich selbst noch zur High School ging. Aber der Feminismus, mit dem ich aufgewachsen bin, hat nicht so viel mit dem gemeinsam, was heute als Feminismus durchgeht. Es ging früher nicht darum, Männer zu verunglimpfen oder sich auf die Opferrolle zu fixieren. Es ging darum, frei zu sein, ein selbstbestimmtes Wesen zu sein. Also frage ich mich manchmal, ob ich mich nicht einfach als Humanistin oder Gleichheitsanhängerin bezeichnen sollte. Ich bin versucht, das zu tun, aber ich glaube immer noch, dass die Welt eine starke, realitätsbezogene Frauenbewegung braucht.

Die meisten Kämpfe für Chancengleichheit und Aufstiegsmöglichkeiten in den USA und Großbritannien wurden ausgefochten und weitestgehend gewonnen. Trotzdem gibt es überall auf der Welt unerfahrene junge Gruppen, die angesichts der manchmal gewalttätigen Unterdrückung ums Überleben kämpfen. Wenn ich an internationalen Frauenkonferenzen teilnehme, treffe ich dort junge Frauen aus Kambodscha, Saudi-Arabien und der ganzen Welt. Sie kommen und wollen Inspiration von amerikanischen Feministinnen, und ich denke, die sollten wir ihnen bieten.

Ich bin mir darüber bewusst, dass Feminismus in den Köpfen vieler Männer für Schuldzuweisungen an ihre Adresse und für eine paranoide Weltanschauung steht. Über das ganze Getue rundum Triggerwarnungen, „Check your privileges“ oder Wörter wie „Mansplaining“ kann ich mich nur aufregen. Das führt mich zu dem Schluss, dass Extremisten den Feminismus in ihre Gewalt gebracht haben. Ich aber nicht bereit, ihn den Trigger-Warnern und Safe-Spacern zu überlassen.