31.05.2010

Eurovision Song Contest: Europas Sehnsucht nach Unbekümmertheit

Von Matthias Heitmann

2005 waren wir Papst: auserkoren, der katholischen Welt geistige Führung zu geben, endlich anerkannt zu werden als moralische Instanz. Das passte insgesamt zum Ruf, der den Deutschen in Europa nachgesagt wird: ernsthaft, stringent, unemotional, kühl.

Schon 2006 wandelte sich das Bild, von dem die Deutschen sagen, dass sie es im Ausland haben. Fußball-Party war angesagt, die Welt zu Gast bei Freunden. Sommermärchen. Optimismus, junge wilde Helden, die sich unbekümmert in die Weltspitze und „uns“ aus der Depression kickten.


Vier Jahre später sind wir Lena. Ein junges Mädel, zumeist in Schwarz gekleidet, ansonsten aber das Gegenteil von Schwarzseherei: unbekümmert, naiv, positiv, ohne aufgesetzten Glamour, aber auch ohne ausgebildete Stimme. „Unser Star in Oslo“ ist all das, was wir dieser Tage an uns so schmerzlich vermissen. Innerhalb weniger Monate vom Nobody zum Star, nicht unbedingt treffsicher, was Töne anbelangt, eben nicht „zum Star gereift“, sondern über Nacht unreif zum Star geworden.


Eine Erfolgsgeschichte aus 1001 Nacht, ein nächtlicher Frühlingstraum, der das wahrscheinliche Ausbleiben eines weiteren Fußball-Sommermärchens kompensiert. Autocorsos mal anders. Eine Siegerin im wichtigsten unwichtigen Wettbewerb der Welt, und ausgerechnet aus Hannover, der seit dem Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke blutenden Wunde der deutschen Fußballerseele.


Meyer-Landrut und ihrem Entdecker und Produzenten Stefan Raab ist das gelungen, was nach Ansicht der notorisch niedergedrückten deutschen Seele niemandem sonst hätte gelingen können: „Europa mag uns. Womit haben wir das verdient?“, titelt Welt Online. Ein kurzer Ausflug in eine Zeit mit ein bisschen Frieden, in der es vermeintlich noch mit rechten Dingen zuging. Das (Ost)-Block-Voting ausgehebelt, aus allen Himmelsrichtungen hagelte es Stimmen für „uns“! Davon hat Angela Merkel schon vor langer Zeit aufgehört zu träumen. Geradezu neidisch und verzweifelt sieht die Kanzlerin Lena als einen “wunderbarer Ausdruck des jungen Deutschlands” - mithin eines Landsteils, der ansonsten scheinbar eher wenig in Erscheinung tritt..Auch Bundespräsident Horst Köhler ließ sich - ein letztes Mal vor seinem Rücktritt - vom Enthusiasmus anstecken und pries Lenas Auftritt als “unglaublich kraftvoll, frisch und authentisch” - etwas, was hierzulande offensichtlich Mangelware ist, selbst beim Staatsoberhaupt.


Share the moment. And conserve it! Der flüchtige Glücksmoment muss nun krampfhaft festgehalten und konserviert werden, um jeden Preis. Lena soll nicht nur, nein: sie muss ihren Titel 2011 verteidigen! So etwas hat es zwar in der Geschichte des ESC noch nie gegeben. Aber andererseits kann sich Europa angesichts der Wirtschaftskrise gar nichts anderes leisten, als dass Deutschland sich auch 2011 noch von seinen Nachbarn geliebt fühlt.