04.02.2009

Ethik? Nein Danke!

Von Sabine Beppler-Spahl

Berlin steht Kopf, seitdem die Kampagne „Pro Reli“ 307.000 Unterstützerunterschriften für ein Volksbegehren sammeln konnte. Wie kann es sein, dass in der „atheistischsten“ aller deutschen Großstädte darüber abgestimmt werden muss, ob der Religionsunterricht dem Ethikunterricht gleichzustellen ist?

Eine Entscheidung für Religion auf Kosten des Fachs Ethik sei „fatal“, so die Berliner Zeitung in einem Kommentar vom 30.1.2009. Schließlich gehe es beim Ethikunterricht um moralische Werte wie „Toleranz und Respekt“. „Esmain und Hüssein werden lernen, … dass man den anderen … achten soll“, so der Kommentar. Berlins Innensenator Erhard Körting ärgert sich ebenfalls öffentlich über die Pro-Reli Initiative – weil sie an U-Bahnstationen Unterschriften sammelte (Warum eigentlich nicht? Gehört nicht auch das zu Demokratie und Toleranz?)

Im Ethikunterricht sollen unsere Kinder also die richtigen Antworten auf Fragen wie z.B.: „Darf man eine rassistische Meinung vertreten?“ erlernen. In Rollenspielen wird Toleranz eingeübt, und die Kinder erfahren, dass jede Meinung zu respektieren sei (nun ja, natürlich nicht jede, da man selbstverständlich keine Fundamentalisten unterstützen möchte). In diesem „post-religiösen Religionsunterricht“ wird die neue Staatsreligion der „intoleranten Toleranz“ gepredigt. Alle sollen zu Wort kommen, aber die Suche nach Wahrheit und das offene, unvoreingenommene Streiten um Standpunkte ist out.

Der Religionsunterricht an meiner Schule war nie spannend. Doch wenigstens hat sich die Schule bemüht, uns Kindern eine gute, liberale Bildung zukommen zu lassen. Am Ende hat mir dies geholfen, selber zu entscheiden, was ich glauben wollte und was nicht. Heute scheinen wir dagegen mehr damit beschäftigt zu sein, unseren Kindern die ethisch- korrekten Werte der Zeit einzutrichtern.

Hier geht es nicht um Religion oder Atheismus (der Ethikunterricht ist nicht atheistisch). Ethikunterricht in Schulen ist der Versuch, den fehlenden moralischen Konsens in der Gesellschaft zu überspielen. Was die Politik im öffentlichen Diskurs nicht mehr zu schaffen glaubt, soll die Schule und die Bildung (wenigsten für die zukünftige Generation) richten. Das seichte Fach ist aber kein Ersatz für politische Auseinandersetzungen. Stattdessen wird aus einem Schulfach eine Farce – wie immer, wenn nicht die Bildung, sondern die „Volkserziehung“ Ziel des Unterrichts ist. Es spricht für die Berliner, dass sie den Vorgaben des Senats erst einmal einen Dämpfer erteilt haben.