01.11.2004

Ethic Klinsing oder Gute Mienen zum schlechten Spiel

Kommentar von Matthias Heitmann

Jürgen Klinsmann will der Fußball-Nationalmannschaft Lockerheit und Spaß einimpfen. An sich keine schlechte Idee – nur: Weltmeister werden so nicht geformt.

Klinsi, Jogi und Olli – ein neues Dreigestirn hat die Herrschaft über Fußball-Deutschland übernommen. Nach dem enttäuschenden Abschneiden der Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Portugal und dem Abgang von Teamchef Rudi Völler wollen nun Jürgen Klinsmann, Joachim Löw und Oliver Bierhoff bis zur Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land eine schlagkräftige Mannschaft zusammenstellen. Für Klinsmann ist das Ziel, in zwei Jahren Weltmeister werden zu wollen, „absolut realistisch“.


Nur allzu gerne mag man daran glauben. Zu dröge und ambitionslos waren die letzten Monate der Ära Völler, zu mutlos seine taktische Marschroute in Portugal und zu konservativ seine Personalpolitik, als er, anstatt im Hinblick auf die WM 2006 der jungen Riege Turniererfahrung zu verschaffen, vorrangig auf Spieler über 30 setzte, die in zwei Jahren zum „alten Eisen“ gehören. Völlers Credo, es gäbe keine „kleinen“ Nationalteams mehr, gegen die man Siege fest einplanen könne, wirkte wie ein Versuch, die Erwartungen an die deutschen Elitekicker zu dämpfen. Dass seine Erben nun vollmundig verkünden, Weltmeister werden zu wollen, wirkt da erfrischend optimistisch und ambitioniert. In der ersten Mannschaftssitzung habe man, so Klinsmann, den Spielern ein „emotionales Video“ mit vergangenen deutschen WM-Erfolgen und mit einem Ausblick auf 2006 vorgeführt, um ihnen „gleich zu zeigen, wer wir sind“ und wohin die Reise geht.


Der Anfang scheint gemacht: Das Unentschieden gegen Weltmeister Brasilien Anfang September wurde gefeiert wie ein Sieg. Im Gefühl des Erfolgs beklagte der Bundestrainer anschließend die negative Grundstimmung der deutschen Gesellschaft, „in der es ... seit Jahren stagniert“. Für die Spieler sei es „sehr schwer, sich dieser grundsätzlichen Kritikstimmung im Land zu entziehen“, erklärte der selbst seit zwei Jahren in den USA lebende Schwabe auf einer Pressekonferenz.


Nun ist das Predigen von Optimismus eine Sache, das Schaffen von Zuständen, die Anlass zu derlei Gefühlen bieten, eine andere. Die Schröder-Regierung ging mit einem ähnlichen Elan an den Start. Was daraus wurde, ist bekannt. Die Erfahrung zeigt, dass das Postulieren von Optimismus den Verdruss sogar verstärkt, wenn Verbesserungen ausbleiben. Die Gretchenfrage lautet: Welche Veränderungen wollen Klinsmann & Co. durchsetzen, um Deutschland fit für die Weltmeisterschaft zu machen?


Als erste Veränderung konstatierte die erstaunte Öffentlichkeit die Verpflichtung des US-amerikanischen Fitnesstrainers Mark Verstegen, der den körperlichen Zustand der Nationalkicker bewerten und auf Vordermann bringen sollte. Einige Bundesligatrainer brachten ihre Verwunderung darüber zum Ausdruck und sahen in dieser Maßnahme eine indirekte Kritik an ihren Trainingsmethoden. Dies habe er so nicht gemeint, versuchte Klinsmann sogleich zu beruhigen, er habe „einfach mal etwas Neues ausprobieren“ wollen. Der eingeflogene Fitnessguru hatte dann auch wenig an der physischen Verfassung der Elitekicker auszusetzen. Verstegen zeigte sich beeindruckt ob der Schnelligkeit und der Sprungkraft der Spieler, bemerkte jedoch, ihre Armkraft sowie ihre Oberkörpermuskulatur sei noch zu verbessern.
 

„Es fehlt nicht an Armkraft und Fitness, wenn die Füße nicht gehorchen und die Augen nicht sehen.“



Also viel Wirbel um nichts? Auf den ersten Blick schon. Dass die deutschen Fußballer gut austrainiert sind, begründet nicht von ungefähr seit Jahrzehnten ihren guten Ruf. Die deutsche Leistungsdiagnostik zählt seit Jahren zu den besten der Welt. Das zeigte sich gerade bei der WM 2002, als es dem deutschen Trainer- und Medizinerstab gelang, die Mannschaft trotz einer extrem kurzen Regenerationspause nach einer Saison, in der viele Spieler durch Spiele in der Champions League zusätzlich strapaziert worden waren, für das Turnier topfit zu machen. Andere Mannschaften mit ähnlicher Spielerbelastung, wie zum Beispiel die französische, wirkten ausgelaugt und ausgebrannt. Es war gerade die hervorragende Fitness, die das deutsche Team bis ins Finale brachte. Das holländische Bonmot, demnach ein Sieg gegen „Duitsland“ erst dann wirklich eingefahren sei, wenn man unter der Dusche stehe und immer noch führe, zeugt vom großen Respekt vor den sprichwörtlichen „deutschen Tugenden“ wie Kampfkraft und Kondition.


Zudem ist die Fähigkeit zu schnellem und flüssigem Kombinationsspiel nicht in erster Linie eine Frage von körperlicher Fitness, sondern von technischer Qualität und Spielintelligenz. Dass hier manche Länderauswahl der deutschen überlegen ist, wird man nicht durch ausgeklügelte Fitnesstrainings beheben können. Es fehlt nicht an Armkraft, wenn die Füße nicht gehorchen und die Augen nicht sehen.


Im Zuge dieser Fitnessdebatte wurde auch die Trainingsgestaltung des Gespanns Klinsmann/Löw öffentliches Gesprächsthema. Die Bildzeitung zerriss sich das Maul über Klinsmanns „Gummi-Twist-Training“ und schlug Sondertrainingseinheiten in „Topfschlagen“, „Tauziehen“ und „Blinde Kuh“ vor. Auch der Bundesligatrainer Peter Neururer äußerte sich zu den Gymnastikübungen mit dem Gummiband zurückhaltend: „Das sind Dinge, die wir schon vor 15 Jahren gemacht haben.“ Prof. Dr. Joachim Mester, Leiter des Instituts für Trainings- und Bewegungslehre an der Deutschen Sporthochschule in Köln, bestätigte, dass Flexibilitätstraining seit Jahren zum „Standardprogramm jeder Leistungsmannschaft“ gehöre und unterstrich, dass es bei diesen Veränderungen wohl eher um den „psychologischen Effekt einer Aufbruchstimmung“ gehe, der durch die abwechslungsreichere Gestaltung von Trainingseinheiten erzeugt werden sollte.
 

„Klinsmanns Methoden knüpfen nahtlos an den fragwürdigen Trend der Therapeutisierung an, der dazu führt, dass erwachsene Menschen und gerade auch Fußballer wie Kinder und Schwächlinge behandelt werden.“



Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass die Klinsmann’schen Veränderungen überbewertet werden. Zwar ist vorübergehend gute Laune eingekehrt, doch die angeblich „neue“ Fußballphilosophie des Triumvirats unterscheidet sich nur oberflächlich von der seines Vorgängers. Während Völler vor der EM die Öffentlichkeit beschwor, die Spieler nicht mit einer zu hohen Erwartungshaltung zu belasten, setzt Klinsmann nun alles daran, den Spaßfaktor für die Spieler zu erhöhen: ihm sei wichtig, dass die Spieler locker an die Sache herangingen und sich nicht zu sehr unter Druck setzten. In der Quintessenz sagen also beide dasselbe, wenngleich auf unterschiedliche Art und Weise: Hohe öffentliche Erwartungen erzeugen einen Druck, der die Gesichter ernst und die Beine schwer macht. Völler formulierte das direkt, Klinsmann setzt den hohen Erwartungen die Spaßoffensive entgegen, um die scheinbar allzu druckempfindlichen Spieler abzulenken.


Ablenkung und Zerstreuung waren wohl auch das Ziel, als Klinsmann zwei Tage vor dem Brasilienspiel kurzerhand das gemeinsam Mittagessen strich und die Spieler in die Berliner City schickte, damit jeder sich selbst ein Restaurant suchte. Ob er damit die Überlebenstauglichkeit der Sport-Millionäre testen wollte, blieb offen; jedenfalls war der Teamchef tags darauf stolz, dass „keiner verhungert“ sei. Auch Teammanager Bierhoff erklärte: „Wir müssen einfach Dinge tun, damit die Leute wieder dieses Wir-Gefühl bekommen.“ Der Ausspruch Klinsmanns, man werde versuchen, in zwei Jahren „wie Griechenland“ das Turnier in Deutschland zu gewinnen, lässt ebenfalls darauf schließen, dass Leistungsdruck Leistungssportlern scheinbar nicht gut tut – von der „Favoritenrolle“, die in der Regel aus dem Heimvorteil abgeleitet wird, ganz zu schweigen. Dazu passt auch seine Ansicht, die deutsche Mannschaft solle besser nicht das Eröffnungsspiel bestreiten, sondern den Brasilianern den Vortritt lassen; es scheint, als wolle man das eigene Land durch die Hintertür betreten.


All diese „Impulse“ irritieren angesichts der ambitionierten Zielsetzung, Deutschland fußballerisch an die Weltspitze zurückzuführen. Aber mehr noch: Klinsmanns Methoden knüpfen nahtlos an den fragwürdigen Trend der Therapeutisierung an, der dazu führt, dass erwachsene Menschen und gerade auch Fußballer wie Kinder und Schwächlinge behandelt werden (siehe dazu Stefan Chatrath: „Labile Kicker: Ist die Fußball-Bundesliga ein Fall für die Couch?“, Novo69).


Mit viel Psychologie und therapeutischer Ansprache wird versucht, „innere Verkrampfungen und Blockaden“ zu lösen. Dass dieser Schuss nach hinten losgehen kann, offenbart Bierhoffs fehlgeschlagene „psychologische Initialzündung“: Vor dem Brasilienspiel lud er einige Olympioniken zu einem gemeinsamen Essen mit den Kickern ein, damit diese durch Berichte über großartige Leistungen in Sportarten, in denen weitaus weniger Geld fließt, motiviert würden. So mussten sich die Nationalkicker vom Wasserballer Patrick Weissinger anhören, dass sie sich mehr mit dem beschäftigen sollten, was sie tun, und dass die Wasserballer mehr „in ihre Körper hineinhorchen“ als Profifußballer. Offensichtlich ging einigen Nationalspielern diese Vorstellung ein wenig zu weit. Torsten Frings zeigte sich nach dem Abend wenig erbaut und äußerte seinen Unmut, was ihm jedoch sofort einen Rüffel von Klinsmann einbrachte.
Scheinbar geht die neue Lockerheit nicht soweit, dass man als erwachsener Spieler seine Meinung über eine abendliche Plauderrunde kundtun darf, schon gar nicht, wenn diese die Spaßkultur untergräbt.
Noch im November sollen die Nationalspieler die neuen Verhaltensnormen in Form eines Pflichtenheftes („Nationalteam-Knigge“) schriftlich bekommen. „Wer unsere Prinzipien nicht befolgt, der wird es zu spüren bekommen”, erklärte Bierhoff nach der Entlassung des Torwarttrainers Sepp Maier. Da versteht das Trio aus dem „Land des Lächelns“ (Kicker Sportmagazin) keinen Spaß.
 

„Am Ende wird nicht derjenige Weltmeister, der am schnellsten Gummi-Twist tanzt, am lautesten lacht, ansonsten aber die Klappe hält.“



Anstatt von Profisportlern Ehrgeiz, Ernsthaftigkeit, Leistungsbereitschaft, volle Konzentration und ein großes Anspruchsdenken zu verlangen, werden nun Lockerheit, Spaß und eine „intensivere Beschäftigung mit dem eigenen Körper“ verordnet. Wer nicht locker bleibt oder gar Ansprüche stellt, fliegt. Keiner darf das große Ziel WM-Sieg 2006 gefährden. Das mag anfangs tatsächlich Spaß machen und befreiend wirken, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht derjenige am Ende Weltmeister wird, der am schnellsten Gummi-Twist tanzt, am lautesten lacht, ansonsten aber die Klappe hält. Nicht erst seit Felix Magath hat Qualität auch etwas mit quälen zu tun: Höchstleistungen (nicht nur sportliche) kann nur erbringen, wer bereit ist, die eigenen Grenzen zu überwinden und sein Leben danach ausrichtet. Dazu braucht es eine gehörige Menge Selbstdisziplin und mentale Stärke, aber auch eine hohe Selbstachtung und die Bereitschaft, nicht den einfachen und „spaßigen“ Weg zu gehen.


Angesichts der Fortschritte, die in der deutschen Talentförderung zu verzeichnen sind (siehe dazu den Artikel von Stefan Chatrath in diesem Heft), sind Klinsmanns „Modernisierungsansätze“ sogar kontraproduktiv und ärgerlich, da sie die in der Nachwuchsarbeit forcierte Professionalität und Ernsthaftigkeit ad absurdum führen – und dies ausgerechnet in der Elitetruppe. Ob dies auch beim gemeinen Fan, der ja letztlich durch seine Liebe zum Fußball den ganzen Apparat finanziert, den Spaßfaktor erhöht, darf getrost bezweifelt werden. Eines steht jedenfalls fest: Sollte die deutsche Mannschaft in zwei Jahren tatsächlich Weltmeister werden, dann sicherlich nicht, weil die Kicker mehr „in ihren Körper hineingehorcht“ oder alle Berliner Restaurants durchprobiert haben.